Guido Seeber
Der kinematographische Aufnahmeapparat

Teil I: Frühgeschichte der kinematographischen Apparatur

Frühgeschichte
Der kinematographische Aufnahme-Apparat entsprang, wie die meisten technischen Errungenschaften, nicht der Idee eines Einzelnen, sondern er verkörpert das Ergebnis einer großen Reihe von scharfsinnigen Gehirnen, das Resultat vieler langwieriger Experimente und praktischer Versuche. Eine Geschichte der Kinematographie, auch nur eine Geschichte des kinematographischen Aufnahmeapparates, gibt es noch nicht. [Anm. A] Es soll auch in den folgenden Seiten keineswegs versucht werden, eine allgemeine Historie der kinematographischen Technik zu bieten; vielmehr soll hier die geschichtliche Entwicklung lediglich des kinematographischen Aufnahmeapparates in großen Zügen skizziert werden.
Wir gehen im Folgenden von den Hauptmerkmalen des kinematographischen Aufnahmeapparates aus und wollen in gedrängter Form schildern, von wem und wann die charakteristischsten Teile, die heute in jedem Kameratyp zu finden sind, erstmalig, soweit es heute noch feststellbar und bekannt ist, angegeben und wohl auch benutzt worden sind.
Wir wollen auch absehen vom Filmbande selbst, wie es der heutige Normalfilm darstellt, sondern lediglich die Elemente der Kamera berücksichtigen, die erforderlich sind, um einen Normalfilm in normaler Weise zu belichten. Folgende Einzelteile sind also zu berücksichtigen: das Objektiv, der Mechanismus, der das Filmband zum Zwecke der Belichtung jedes einzelnen Bildes absatz- oder ruckweise fortschaltet; mechanische Vorrichtungen, die das Filmband ruckweise schaltenden Organen zur Verhütung einer Beschädigung gleichförmig zu- und fortführen; Kassetten oder Behälter, die den Film abgeben bzw. aufnehmen; ein Verschluß, der das Licht während der Transportzeit des Filmes abdeckt. Das sind die Hauptteile, die erforderlich sind, um Reihenbilder aufzunehmen.
Wir sehen ab von allen Apparaten, die entweder mit mehreren Objek-

Anm A: Seeber erwähnt hier seine 1927 erschienene Publikation Der praktische Kameramann nicht, in der er auf rund 180 Seiten die Grundtypen und Elemente der Filmkameras einschließlich des Zubehörs (zum Beispiel Stative) beschreibt und die gebräuchlichsten Kameramodelle vorstellt. Diesem Abschnitt vorgeschaltet ist eine 30-seitige Abhandlung zur sogenannten Vor- und Frühgeschichte der Kinematografie. Ebenso verzichtet Seeber hier auf die Nennung von Henry V. Hopwood, den er 1927 als „erste[n] Geschichtsschreiber der Kinematographie“ (Der praktische Kameramann, S. 20) bezeichnet hatte und dessen Buch Living Pictures (London 1899, erweitere Neuausgabe 1915) in seinen Texten mehrfach zitiert wird.

tiven, oder auch mit optischem Ausgleich gedacht waren, und ebenfalls von denen, die eine oder mehrere starre Platten als Bildträger vorgesehen hatten. Wir wollen auch unberücksichtigt lassen, ob Apparate, die als erste einzelne dieser Hauptmerkmale des heutigen Apparates aufwiesen, lediglich zur Analyse oder auch zur Synthese, als[o] zur Wiedergabe der aufgenommenen Bewegungen dienen sollten.
Es dürfte sicherlich der französische Physiologe Étienne-Jules Marey gewesen sein, der als erster erfolgreiche Reihenaufnahmen auf einem absatzweise bewegten Negativbande erzielte. Er berichtete darüber am 15. Oktober 1887 an die Pariser Akademie der Wissenschaften. Marey benutzte ein Negativband von 9 cm Breite ohne Perforation. Sein erster Apparat war schwerfällig, war in eine Dunkelkammer eingebaut und wurde durch ein Uhrwerk betrieben. Ein zweites Uhrwerk diente unter Benutzung eines Elektromagneten zum periodischen Anhalten des Bandes. Später entstand seine transportable chronophotographische Kamera (1890 zuerst bekannt gegeben) mit rein mechanischem Antrieb. Abb. 1.
Die Abb. 2 stellt eine Ansicht dieser Kamera mit teilweise entfernten Wänden dar. Die an der Rückseite befindliche Kurbel setzt das ganze Räderwerk des Apparates sowie auch den aus zwei sich entgegengesetzt drehenden Scheiben bestehenden Verschluß in Bewegung. Die ganzen Bewegungen der Mechanik sind kontinuierlich, nur der Film bleibt im Augenblick jeder Belichtung stehen.
Die Abb. 3 zeigt schematisch eine der Vorrichtungen, mit denen Marey einen sprungweisen Transport des lichtempfindlichen Bandes bewirkte. Von der links befindlichen Vorratsspule M bewegt sich das lichtempfindliche Band (in der Zeichnung gestrichelt) durch den Belichtungskanal am Bildfenster vorbei, legt sich an ein biegsames Metallblech F und geht um eine Walze L, die ihn der Aufwickelspule R zuführt, die sich ebenso wie die Walze L dauernd dreht. Unter dem ständigen Zug der Walze L und der Aufwickelspule R würde sich [der] Film gleichförmig vorwärts bewegen. Aber bei jeder Belichtung, also in dem Augenblick, wo der Verschluß das Objektiv freigibt, hält ein besonderer Teil, der „Kompressor“ C den Film an. Dieser Kom-

Abbildung 1: É.-J. Marey 1830–1904, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 2: Aufnahmeapparat von Marey 1890, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 3: Schematische Darstellung einer Einrichtung Mareys zum sprungweisen Transport des lichtempfindlichen Bandes [aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. 71], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

pressor C besteht aus einer Scheibe, die sechs beliebig einstellbare Zähne trägt, die dann, wenn sie in Stellung gebracht sind, bei ihrer Umdrehung gegen einen gefederten Querstab drücken und so das Bildband anhalten. Nun wirkt aber während dieses Stillstandes der doppelte Zug der Walze L und der Aufwickelspule R weiter, und es war daher nötig, daß der Film, um nicht zu reißen, diesem Zug nachgibt. Das zu ermöglichen ist die Aufgabe der biegsamen Metallfeder F, gegen die er anliegt. Diese Feder gibt nach, indem sie sich biegt und somit während des Stillstandes ein weiteres Aufrollen des Films gestattet. In dem Augenblick, wo der Kompressor losläßt, schnellt die Feder wieder in ihre alte Lage zurück und rollt hierbei plötzlich eine gewisse Menge Film von der Vorratsspule ab; dann wirkt die Vorwärtsbewegung gleichförmig weiter bis zum nächsten Anhalten durch den Kompressor.
Die Abbildung 4 zeigt diese Einrichtung in ihrer mechanischen Ausführung, die kassettenähnlich ausgebildet ist. Wir sehen bei F das Bildfenster, dahinter eine wegklappbare Mattscheibe V zum Einstellen, und die Abb. 2. zeigt uns die zu diesem Zweck bestimmte vergrößernde Lupe.
Das durch die rückseitig angebrachte Kurbel mit einer Übersetzung von 1:5 in Bewegung gesetzte Transportwerk bewirkt demnach bei zwei Umdrehungen je Sekunde 10 Einzelbilder in der Größe 9 x 9 cm. In diesem Falle ist nur ein Zahn des Kompressors in Stellung. Will man die Bildzahl erhöhen, so bringt man z.B. drei Zähne des Kompressors durch Vordrehen zur Wirkung und erhält in gleicher Zeit die dreifache Bildzahl, also 30 Bilder in einer Sekunde. Allerdings wird die Bildbreite bei gleichbleibender Höhe entsprechend kleiner, und deshalb wird dann stets das Bildfenster durch zwei gegenläufige Schieber auf das jeweilige Mass verringert. Die Wirkung dreier Zähne des Kompressors ergibt ein dreimaliges Anhalten des Films in der gleichen Zeit, in der er sonst nur einmal stehen bleibt, und man erhält dann Bilder von 3 cm Breite und 9 cm Höhe.
Benutzte Marey alle sechs Zähne, so erhielt er allerdings 60 Bilder je Sekunde, jedes aber war nur 1½ cm breit. Gleichzeitig war es erforderlich, die Öffnungen der Verschluß-Scheiben zu regulieren und sie in Beziehung zur Anzahl der in der Sekunde erhaltenen Bilder und zu ihrer Größe zu setzen. Später verwendete Marey nur eine einzige Verschluß-Scheibe mit verstellbarem Schlitz.

Abbildung 4: Innere Einrichtung der Kamera-Kassette von Marey, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Da das Band nur etwa 4 Meter lang war, also rund 40 Bilder der Größe 9 x 9 cm aufzunehmen gestattete, dauerte der Ablauf etwa drei bis vier Sekunden. Um nun das Transportwerk und den als Schwungscheibe dienenden Verschluß schon vor der Aufnahme in Bewegung setzen zu können, war eine besondere Einrichtung getroffen, die in Verbildung mit dem zur Aufnahme erforderlichen Anlegen der Druckwalzen stand und das Band erst im gewünschten Augenblick zu transportieren begann.
Anfang und Ende des lichtempfindlichen Bandes waren mit je einem Streifen schwarzen Papieres verlängert, um die Rollen bei Tageslicht einsetzen zu können. Marey ist daher auch als der Erfinder der Tageslicht-Rollfilmspulen anzusehen.
Die Benutzung federnder Teile bei dieser Mechanik ergab gewisse Unregelmäßigkeiten während des Betriebes. So konnte z. B. die Metallfeder F (Abb. 3) niemals ganz gleichmäßig wirken, da die jeweils mit mehr oder weniger Film belastete Vorratsrolle [einen] wechselnden Trägheitswiderstand aufwies. Auch der Kompressor besaß eine eigene Schwingungsdauer, er konnte daher u. U. vom Nocken einen verfrühten Stoß erhalten, der den Film einen Augenblick zu früh anhalten ließ.
Auch wurde der Film sehr stark zerkratzt, eine selbst heute noch nicht restlos beseitigte Erscheinung, und Marey konstruierte deshalb eine andere Kamera, die alle solche Mängel beseitigen sollte. Die veränderte Anordnung und Wirkung der verbesserten Einrichtung zeigt die Abb. 5.
Die Vorratsspule M, die viel größer ist als die frühere, kann eine beträchtliche Länge Film aufnehmen und dreht sich gleichförmig infolge der Tätigkeit eines ersten Walzenpaares L L, das in einer gegebenen Zeit eine konstante Menge Film abwickelt. Auf diese Weise ist also die Trägheit der im früheren Modell ruckweise bewegten Vorratsspule gänzlich ausgeschaltet.
Nach Verlassen des ersten Walzenpaares legt sich der Film zwischen das Stirnblech und den neuen Kompressor G. Dieser besitzt keine Eigenschwingung, er ist ständig der rotierenden Bewegung der Nockenscheibe C unterworfen und drückt den Film vermittels der Bewegung eines Kniehebels [r], der dem in den Münzprägereien benutzten nachgebildet ist, kräftig gegen das Stirnblech.
Hinter dem Kompressor gleitet der Film am Bildfenster vorbei, dann durch ein zweites Walzenpaar L1 L1 und schließlich legt er

Abbildung 5: Kamera von Marey nach dem Patent von Juni 1893, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sich an eine biegsame Feder F und rollt sich auf der Aufwickelspule R auf, die kraftschlüssig, d. h. mit Friktion, dreht. Aber während der Kompressor ihn anhält, häuft sich der Film, den das erste Walzenpaar dauernd zuführt, vor diesem Hindernis an und bildet dort eine lose Schleife. Nach dem Stillstand löst sich diese Schleife, und das Band spannt sich durch die Tätigkeit des zweiten Walzenpaares von neuem.
Da die Masse des Films keine Rolle spielt, kann sich auch keinerlei Trägheitswiderstand bieten. Was das zweite Walzenpaar Ll Ll, das die vordere lose Filmschleife wieder fortziehen soll, anbetrifft, so bewegt sie sich ebenfalls gleichförmig. Aber es faßt den Film mit so geringer Kraft, daß er zwischen beiden Walzen Ll Ll gleitet, wenn er vom Kompressor festgehalten, jedoch schnell mitgenommen wird, sobald er wieder losgelassen wird. Die Vorgänge gehen so vor sich, als ob der Film, von zwei Fingern sanft gepackt, dauernd gezogen würde. Die Finger ziehen ihn weiter, sobald der Kompressor offen ist, gleiten jedoch im Augenblick des Stillstandes an ihm entlang.
Durch diese Verbesserungen hat Marey einen Apparat geschaffen, den man als Grundlage aller späteren Konstruktionen von Kameras zur Aufnahme „lebender Photographien“ bezeichnen kann.
Die ganze Anordnung, die Bildung einer losen Vorwickelschleife, ferner der Sichtkanal mit Mattscheibe zum Einstellen des Bildes, die hierfür angebrachte Lupe, die Möglichkeit, den Film bei Tageslicht wechseln zu können, die Vermeidung von Schwingungen durch gleichmäßige Rotation aller transportierenden Teile und die bequeme Handhabung, das alles sind unbedingt Besonderheiten, die wir heute als unerläßlich ansehen.
Mit diesem Apparat hat Marey jene bewundernswürdigen Serienaufnahmen gemacht, die [es] ihm gestatteten, in sehr vollkommener Weise die Bewegungen von Menschen und Tieren zu analysieren.
Eine andere Einrichtung, ein Band absatzweise zu schalten, bekam der Engländer Adams1 am 19. November 1888 patentiert. [Anm. B] Sie ist insofern interessant, [als] sie in roher Form Elemente aufweist, die wir in einem später zu beschreibenden Apparat wiederfinden. Abb. 6
Wie die Abb. 6 zeigt, wird das von der linken Vorratsrolle nach rechts geführte Band dort von einer unter dauerndem Federdruck stehenden Rolle aufgewickelt, sofern dies nicht durch eine besondere

1 Henry V. Hopwood: Living Pictures, London 1899, S. 64

Anm. B: Die im Deutschen Patentamt nicht nachgewiesene Erfindung war ursprünglich zur Fortbewegung von Laterna-magica-Bildstreifen bestimmt.

Abbildung 6: Einrichtung von „Adams“ zur absatzweisen Bandschaltung [Aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. 64], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Einrichtung verhindert wird. Diese besteht zunächst in einer Walze, über die das Band geführt wird und deren Umfang genau einer Bildlänge entspricht. Diese Walze (schwarz gezeichnet) trägt an einem Ende eine Scheibe mit einer Kerbe. In diese Kerbe greift der Zahn einer Sperrvorrichtung ein, die infolge ihrer Form gleichzeitig mit einer Anzahl Zähne in einen auf den Umfang der filmabgebenden Rolle starr angebrachten Zahlenkranz eingreift. Wird durch irgendeine Vorrichtung, in der Zeichnung durch einen Gummiball, diese Sperrvorrichtung angehoben, so wird das unter Federung stehende Filmband so lange rechts aufgerollt, bis der unter Federdruck auf der Scheibe schleifende Zahn wieder in die Kerbe eingreift, und es wird dadurch genau um eine Bildlänge abgerollt und gleichzeitig wieder gespannt.
Diese Vorrichtung, die sich bei schnellem Lauf zweifellos als unzulänglich erwiesen haben dürfte, ist ein sehr interessantes Beispiel dafür, daß eine bestimmte Konstruktionsidee von neuem auftritt. Wir finden diese Vorrichtung nämlich in ausländischen Fliegerkameras wieder, bei denen lediglich nach Spannen eines Federwerkes durch häufiges Drücken auf einen Ball, so schnell man dies konnte und wollte, nacheinander fünfzig 13 x 18 [cm]-Aufnahmen auf Film ermöglicht wurden.
Das unter Federzug stehende und durch einen Hemmzahn absatzweise geschaltete Bildband bildete auch die Eigentümlichkeit desjenigen Apparates, den sich der englische Photograph William Friese-Greene gemeinsam mit dem Zivilingenieur Mortimer Evans im Jahre 1890 patentieren ließ. Diesen beiden muß man unbedingt das Verdienst zuerkennen, als erste ein praktisch brauchbares Instrument geschaffen zu haben, mit dem man von jedem beliebigen Ereignis eine Aufnahme in wirklich zuverlässiger Weise herstellen konnte. Ihr gemeinsamer Anspruch wurde am 21. Juni 1889 in England und am 25. Februar 1890 in Deutschland zum Patent angemeldet.
Im Februar [1890] wurde der Photographischen Gesellschaft von Bath ein fertiger Apparat vorgeführt.
Diese für die Reihenphotographie damals häufig verwendete Kamera mit einem absatzweise bewegten, etwa 63 mm breiten Bildbande besitzt bereits eine Anzahl wichtiger technischer Merkmale und ähnelt in ihrem Äußeren (Abb. 7) bereits den Apparaten, wie wir sie noch heute benutzen. Da bisher über diesen interessanten

Abbildung 7: Reihenbilder-Aufnahmeapparat von Friese-Greene und Evans 1890, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Apparat nur wenig bekannt geworden ist und auch Abbildungen von ihm kaum in der zugänglichen Literatur zu finden sind, wollen wir ihn kurz beschreiben und abbilden (Abb. 7–9).
Diese Kamera, die zehn Bilder in einer Sekunde aufnimmt (A Machine Camera Taking ten Photographies a Second), bildet äußerlich einen geschlossenen Kasten von den Ausmaßen von etwa 200 x 230 x 235 mm, der das mechanische Transportwerk umgibt.
Das Objektiv ist außen auf dem Kasten angebracht, während der Antrieb durch eine Handkurbel rückseitig erfolgt. Ein oben sichtbares Zifferblatt mit Zeiger dient zum Ablesen der aufgenommenen Bildzahl und ein Griff zum Transport der Kamera.
Abb. 7 zeigt die äußere Ansicht, während Abb. 8 und 9 die innere Einrichtung und die Führung des Bildbandes erkennen lassen. Die handgetriebene Kurbel sitzt an einer Hauptwelle, die durch Zahnräder die übrigen Transport- und Schaltelemente bewegt. Durch Drehung dieser Hauptwelle wird das lichtempfindliche Band abgerollt und in das Bildfenster gebracht, in dem es automatisch belichtet wird. Nach erfolgter Belichtung deckt ein Verschluß das Licht ab, und das Negativband, das im Augenblick der Belichtung ohne Bewegung war, läuft weiter und wird unten wieder aufgerollt. Der Apparat nimmt, solange man die Kurbel dreht und Vorrat an Negativband vorhanden ist, bis zu etwa 300 Bilder nacheinander auf. Der Filmlauf im Apparat entspricht fast genau der noch heute gebräuchlichen Art. Von der Vorratsspule wird das unperforierte Negativband durch Klemmwalzen zunächst gleichförmig abgerollt, gleitet in einen Belichtungskanal, durch den es ruckweise gezogen wird, um hierauf wieder in der üblichen Weise aufgerollt zu werden. Unterhalb des Belichtungskanals befindet sich eine Walze, deren Umfang so groß ist, daß jede ihrer Umdrehungen genau so viel Film mitnimmt, wie für ein Bild benötigt wird. Da der Film ohne Perforation ist, sorgt eine Klemmwalze für die sichere Mitnahme des Bandes, die im einzelnen dadurch gewährleistet wird, daß an der Walze befindliche, mit scharfen Zähnen versehene Zahnkränze, denen eine passend genutete Gegendruckrolle gegenüber liegt, ein Gleiten des zwischenliegenden Filmbandes fast unmöglich machen, aber gleichzeitig, und das ist interessant, die Mitte [des] Filmbandes praktisch unberührt lassen, so daß Verletzungen der bildtragenden Filmmitte durch diesen Transport nicht eintreten können. Um dieser Klemmwalze eine ruckweise Bewegung zu erteilen, ist die

Abbildung 8: Innenansicht der Kamera von Friese-Greene und Evans (von oben), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 9: Innenansicht der Kamera von Friese-Greene und Evans (von unten), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

folgende Einrichtung getroffen.
Im Inneren dieser unterhalb des Bildfensters befindlichen Transporttrommel ist das Ende einer kräftigen Spiralfeder befestigt, während das andere auf der antreibenden Welle festsitzt. Durch diese Spiralfeder wird also die Trommel mitgenommen bzw. gekuppelt. Ein an dieser Trommel befindlicher Sperrzahn, der auf einer von einer Gegenwelle angetriebenen Scheibe ruht, verhindert eine Drehung der Trommel.
Durch die Drehung der Hauptwelle wird die im Inneren der Trommel befindliche Spiralfeder aufgewickelt bzw. gespannt, weil, wie bereits erwähnt, der Sperrhahn eine Drehung der Trommel verhindert. Die auf der zwangsläufig angetriebenen Gegenwelle befestigte Scheibe, auf der der Sperrzahn ruht, hat an ihrem Umfang einen Schlitz, der bewirkt, daß der Sperrzahn nach je einer Umdrehung durch diesen Schlitz schlüpfen kann.
Sobald nun der Sperrhahn durch den Schlitz der Scheibe schlüpft, dreht sich die Trommel einmal um, zieht den Film durch den Belichtungskanal und zieht gleichzeitig auch die Vorratsschleife weg, die sich durch die gleichförmige Drehung der Vorwickelwalzen gebildet hat. Filmvorrats- und Filmaufwickel-Spule sind durch eine auf ihnen gemeinsam liegende Walze wie durch eine Art Reibungskupplung verbunden, die federnd an die Außenwindung jeder Spule angedrückt wird. Dadurch erhalten beide Spulen ganz unabhängig von dem sich jeweils änderndem Durchmesser stets gleichbleibende Umfangsgeschwindigkeiten.
Der Verschluß, der die Belichtungen während des Stillstandes des Bildbandes bewirkt, besteht aus zwei um eine gemeinschaftliche Achse hin- und herschwingende Schieber, die durch ein Federwerk angetrieben werden und durch eine besondere Einrichtung die Belichtungszeit in engen Grenzen zu regulieren gestatten.2
Später lassen sich Friese-Greene [und Evans] andere Schaltweisen des Filmbandes patentieren, u. a. daß von dem Band zwischen zwei Rollen durch eine periodisch vorstoßende dritte eine Schleife gebildet wird. Es dürfte nicht uninteressant sein, die Ansichten von Greene und Evans zu hören, die sich auf den Nutzen beziehen, der aus den mit ihren Apparaten erzielten Reihenbildern ihrer Meinung nach zu gewinnen ist. Es wird zunächst darauf hingewiesen, daß z. B. Muybridge, um die gleichen Resultate zu erhalten, zwei bis drei

2 Näheres vergl. Patentschrift Nr. 56503, ausgegeben am 29. Mai 1891

Dutzend Kameras benötigte, die alle Bilder ergaben, die verschiedene Sehpunkte hatten, während mit diesem Apparat von einem Punkte aus bis zu 300 Photographien als eine ununterbrochene Reihe aufgenommen werden können. Man braucht nur eine Kurbel zu drehen, um von bewegten Gegenständen, Straßenszenen, Menschen, Tieren usw. eine große Reihe aufeinanderfolgender Bilder zu erhalten. Es wird weiter gesagt, daß für die Wissenschaft ein solches Instrument von sehr großem Nutzen sein dürfte. Ein bekannter Naturforscher mache darauf aufmerksam, daß man mittels dieser Kamera die tatsächlichen Bewegungen der Beine eines Tausendfüßlers verfolgen könnte, während dies mit den Augen sehr schwierig sei, da das Tier zu viele Beine habe. Auch für den Meteorologen könne die Kamera, teils schneller und teils langsamer betrieben, nützlich werden, um die Bildung und Zerstreuung von Wolken zu zeigen. Aber auch für militärische Zwecke könne sie eine gute Verwendung finden, um die Hauptbewegungen eines Kampfes zu zeigen usw.
Allzu bedeutende Fortschritte haben wir Heutigen in der Erkenntnis der wissenschaftlichen Anwendungsmöglichkeiten der Kinematographie seit mehr als drei Jahrzehnten wirklich nicht zu verzeichnen.
Die Genauigkeit der einzelnen Bildabstände war durch die damalige Art des Filmstillsetzens mittels bloßer Klemme nicht sehr groß, und dieser Mangel trat dann besonders in Erscheinung, wenn es galt, solche Bilder wieder zu vereinigen, also auf irgendeine Methode nacheinander wieder sichtbar zu machen.
Es kann daher nicht überraschen, wenn man auf die Idee kam, die Bänder mit regelmäßigen Lochungen zu versehen, also zu perforieren. Der erste öffentliche Hinweis auf die Anwendung perforierter Filmbänder scheint sich in einem Patent vom Jahre 1888 zu finden, das [Louis] Le Prince3 auf einen Apparat zur Aufnahme und Wiedergabe lebender Lichtbilder nahm. Am Schluß der einleitenden Ausführungen heißt es in seiner britischen Patentschrift vom 10. Januar diesen Jahres: „Der lichtempfindliche Film für das Negativ kann aus einer endlosen Schicht von Gelatine oder Papier, präpariert mit Bromsilberemulsion, sein, oder irgend ein geeigneter vorhandener, rasch arbeitender Film, wie Eastmans Papierfilme. Der lichtempfindliche Film für die Transparentabzüge oder Positive muß eine transparente, biegsame Unterlage besitzen wie Gelatine, Glimmer, Horn usw.--“

3 Vgl. Dr. A. Rabier (Dr. K. Wolter): Le Prince und sein Rätsel, in: Filmtechnik 1927, 3. Jahrg., S. 160

Endlich fügt Le Prince hinzu, ohne allerdings in der eigentlichen Patentbeschreibung und in den Ansprüchen auf diese Bemerkung zurückzukommen: „Ich kann die Bänder perforieren und dann das Filmband durchlaufen lassen mit Hilfe von Zahntrommeln, deren Zähne in die Löcher eingreifen.--“
Der Apparat von Le Prince, der 16 Objektive besaß und recht umständlich war, ist kaum jemals ausgeführt worden, jedenfalls ist darüber nichts bekannt, und so wird es in diesem Falle auch hinsichtlich der perforierten Bildbänder wahrscheinlich bei dem Gedanken geblieben sein.
Von mancher Seite wird Edison die Erfindung der Kinematographie zugeschrieben. Der gewissenhafte Geschichtsforscher dieser Technik kann an seinen Verdiensten in der Tat nicht vorübergehen, da Edisons Arbeiten fraglos großen Anteil an dem besitzen, was wir heute unter Kinematographie verstehen.
Leider haben gerade über Edison vorwiegend journalistische Erzählungen aus der Frühzeit der Kinematographie Verbreitung gefunden, die in technischer Beziehung eigentlich nur geringe feste Anhaltspunkte bieten.
Aber zu London ist schon im Jahre 1894 ein Buch von den Mitarbeitern Edisons über seine Arbeiten erschienen. Sein Titel lautet: K. L. W. [William Kennedy Laurie] Dickson & Antonia Dickson „The Life and Inventions of Thomas Alva Edison“.
Besonders interessant für uns ist das Kapitel XXII von S. 297–319. Wir finden dort eine ausführliche Schilderung der Arbeiten Edisons auf kino- und phototechnischem Gebiet, und mehrere Abbildungen unterstützen den Text in gerade für den Filmtechniker sehr wertvoller Art. Nach einer allgemeinen Beschreibung der Laboratorien usw. wird ein Ausspruch Edisons zitiert (S. 300), der wie folgt lautet:
„Im Jahre 1887 kam mir der Gedanke, daß es möglich wäre, ein Instrument zu erfinden, das für das Auge denselben Dienst leisten sollte wie der Phonograph für das Ohr, so daß bei einer Kombination der beiden Bewegung und Ton gleichzeitig aufgenommen und reproduziert werden können.“
„Die Idee, deren Keim von dem kleinen Spielzeug, genannt Zootrop oder Lebensrad, und den Arbeiten von Muybridge, Marey und anderen herrührt, ist nun vervollständigt, so daß jede Änderung des Ge-

sichtsausdruckes in Lebensgröße aufgenommen und reproduziert werden kann. Das Kinetoskop ist nur ein kleines Modell, das [den] augenblicklichen Stand des Fortschritts demonstriert, aber in jedem Monat kommen neue Möglichkeiten in Sicht.“
„Ich glaube, daß in den kommenden Jahren durch meine Arbeit und die von Dickson, Muybridge, Marey und anderen, die ohne Zweifel das Feld betreten werden, man im Metropolitan-Opera-House in New York wird eine große Oper geben können, ohne irgendwelche wesentliche Änderung im Original, und zwar mit Künstlern und Musikern, die schon lange Zeit tot sind.“
Die synchrone Verbindung von Photographie und Phonographie wurde also von Edison schon frühzeitig in Erwägung gezogen, um Eindrücke sowohl des Auges als auch des Ohres zu registrieren und wiederzugeben. Den endgültigen Ausdruck für diese Erfindung stellte sein Photo-Kinetograph dar. Dieser bildete die zweifache Aufnahme-Maschine, und die wiedergebende Maschine war das Phono-Kinetoskop; in Parallelen hierzu der Kinetograph und das Kinetoskop, die beide für die Aufnahme bzw. Wiedergabe von beweglichen, aber stummen Bildern dienten.
Die ersten Versuche von Edison wurden in Form sehr kleiner, fast nur stecknadelkopfgroßer Photographien, die auf einer zylinderförmigen Hülse lagen, vorgenommen, die an Größe dem gewöhnlichen Phonographen-Zylinder entspricht. Die beiden Zylinder, der ton- sowie der bildtragende, wurden dann gekuppelt und ermöglichten eine absolut synchrone gleichzeitige Synthese des Bildes und des Tones. Der photographische Teil dieser Versuche wurde durch die Mängel der vorhandenen Materialien ungünstig beeinflußt.
Es genügte die vorhandene Lichtempfindlichkeit zwar für die ersten Vorversuche, sie versagte aber, wenn man höhere Geschwindigkeiten zur Anwendung bringen wollte.
Edison ging zur Benutzung von Bromsilber-Gelatine-Schichten über, besonders der von Georges Eastman gelieferten, dessen praktische Zelluloidfilme die Versuche immerhin als nicht aussichtslos erscheinen ließen. Edison ging nunmehr von diesen kleinen, den sogenannten Stecknadel-Photographien zu größeren Bildern über, arbeitete mit Zelluloidblättern, die über Trommeln gelegt wurden, und landete schließlich bei einem relativ langen Filmstreifen,

der durch eine Bremsvorrichtung zum Zwecke der Belichtung hinter der Optik jedesmal für kurze Zeit mechanisch festgehalten wurde. Edisons Wiedergabeversuche mit Scheiben erinnern an die Arbeiten von Anschütz, denn auch Edison benutzte eine Geißlersche Röhre, um die aufgenommenen Bilder bei gleichmäßiger Drehung der Scheibe sichtbar zu machen.
Ein anderer Versuch ging dahin, das Zelluloidband wiederum über einen Zylinder zu spannen und, ähnlich der Tonlinie beim Phonographen, auch hier bis zu 200 spiralförmige Bilderreihen allerdings von winziger Kleinheit aufzunehmen. Auch hier wurde zur Synthese der Film über eine Glaswalze gespannt und durch das intermittierende Aufleuchten eine Geißlerschen Röhre wiedergegeben.
Aber es zeigte sich auch hier, daß mit den Bildern nicht viel anzufangen war. Zunächst störte, wenn sie vergrößert werden sollten, das außerordentlich grobe Korn bei der Kleinheit der Bilder und außrdem die begrenzte Bildanzahl selbst. Man ging dann dazu über, ein Zelluloidband von der Breite etwa eines halben Zolls mit Bildern zu bedecken, aber auch hier konnten die Resultate nicht zufrieden stellen, da die erzielten Bilder immer noch zu klein waren. Die Einführung des perforierten Filmbandes in die Praxis haben wir jedenfalls Edison zu verdanken. Dieser verwendete für seine erste Filmkamera, die im Sommer 1889 fertiggestellt wurde, ein Band von 3/4 Zoll Breite, auf dem jedem Bild ein Raum von 1/2 Zoll zur Verfügung stand. Die Perforation beschränkte sich auf eine Reihe kleiner Löcher längs einer Kante, und zwar kamen auf jedes Bildchen 6 Löcher. Später ging dann Edison zu der heute üblichen Abmessung der Bänder mit zwei Lochreihen über. Für sein Kinetoskop aber benutzte er ein Filmband, das in seiner Breite, Bildgröße und Perforation vorbildlich wurde.
Nach [Carl] Forch [Anm. C] reichte Edison am 24.8.1891 die beiden Patentanmeldungen ein, die zu den amerikanischen Patenten 493426 vom 14.4.1893 bzw. 589168 vom 31.8.1897 führten. Jenes behandelt den Betrachtungsapparat, dieses, das später zu heftigen Patentstreitigkeiten führte und, um der Vernichtung zu entgehen, in drei Teilpatente zerlegt werden mußte, betrifft den Aufnahmeapparat. Wie Coissac in seinem Buch Histoire du Cinematographie ausführt, soll sich Edison zum absatzweisen Fortschalten des Films eines Malteserkreuzes bedient haben. Dieses wurde bereits von dem Astro-

Anm. C: Seeber bezieht sich hier wahrscheinlich auf das erste deutschsprachige kinotechnische Fachbuch Der Kinematograph und das sich bewegende Bild (1913) von Carl Forch.

nom [Jules] Janssen 10 Jahre früher [1882] zum absatzweisen Schalten einer photographischen Platte bei seinen Reihenbildern, die Aufnahmen von dem Vorübergehen der Venus vor der Sonne zeigten, benutzt.4
Edison hat später für seinen Vorführungsapparat auch das Malteserkreuz benutzt, aber, soweit Berichte vorliegen, hat er es anfangs nicht verwendet. Edison besuchte während der Pariser Weltausstellung 1888 auch J. Marey und lernte dessen Arbeiten und Apparate dort genau kennen. Es scheint, als hätte er sich damals von dort Anregungen mitgenommen, denn der erste von ihm bekannt gewordene Apparat zur Aufnahme kinematographischer Reihenbilder trägt die wesentlichen Merkmale im Aufbau wie der Apparat von Marey. Auch finden wir in dem 1894 in London von seinem Mitarbeiter Dickson erschienenen Buch The Life and Inventions of Thomas Alva Edison keinerlei Angaben, die sich auf den technischen Teil der von ihm verwendeten Kamera beziehen, dagegen aber sehr gute Abbildungen der aufgenommenen Filme. Die am 24.8.1891 von Edison eingereichten Zeichnungen lassen erkennen, daß damals bereits ein sorgfältig durchkonstruierter Apparat vorhanden war, dessen Einrichtung durch die schematische Zeichnung der Patentschrift (Abb. 10) [recte: Abb. 11, Abb. 10 fehlt im Manuskript] wiedergegeben wird. Den ruckweisen Transport des Filmbandes erreichte er durch ein Sperrgetriebe, das auf eine Zahntrommel wirkte, über die der perforierte Film geführt wurde. Auf der von einem Elektromotor ständig gedrehten Welle 26 sitzt das mit 6 Öffnungen versehene Lückenrad 25, gegen das eine mit 6 Zähnen ausgestattete Scheibe 23 anliegt, die mittels des Schnurlaufes B mit dem Antriebswerk auf Reibung gekuppelt ist. Mit der Scheibe 23 ist das Zackenrad 5 fest verbunden. Die Scheibe 23 und mit ihr der Film sind so lange gesperrt wie der Rand des Lückenrades 25 unter der Scheibe vorbeigeht. Sie werden frei, sobald eine Lücke an jene Stelle gelangt. Die Geschwindigkeit der Schaltbewegung ist durch die Stärke der Reibung im Schnurlauf 17:18 bedingt. Die ruckweise Schaltung des Filmbandes erfolgt in einem Verhältnis von ca. 1:9 und ermöglichte, 40-60 Einzelbilder in einer Sekunde aufzunehmen. Der antreibende Elektromotor besaß einen Fliehkraftregler, um seine Umdrehungszahl konstant zu halten. Die Aufwickelkassette hatte Reibungsantrieb, zwischen ihrer Welle und der Schnurscheibe 18 auf der stetig umlaufenden Welle 26

4 Nicolaus v. Konkoly: Anleitung zur Himmelsphotographie, Halle 1887, S. 252–56

Abbildung 11: Aufnahmeapparat von Edison für Kinetoskop-Filme [aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. 77], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sitzt eine Verschlußscheibe 31 mit 6 Verschlußöffnungen, die im Winkelmaß ebenso groß sind wie die Abdeckrippen zwischen ihnen. Eine Zahntrommel 5 greift beiderseits mit je 4 Schaltzähnen auf ein Bild in den Film ein. Das Einstellfernrohr 35 ermöglicht, das aufzunehmende Objekt auf dem Film im Fenster scharf einzustellen. Die Mechanik scheint sich nicht sonderlich bewährt zu haben, denn sie ist niemals zu Verkaufszwecken fabriziert worden und dürfte sich schnell stark abgenutzt haben, wenn man die Beanspruchung bedenkt, der die Schaltteile ausgesetzt waren. Die mechanische Krafteinwirkung auf den Film muß sehr groß gewesen sein, denn man kann heute noch auf den vorhandenen Originalfilmen feststellen, daß fast alle Perforationslöcher auf dem Negativ angebrochen sind. Mit dieser Kamera, die durchaus brauchbare Bilder lieferte, besaß also Edison bereits im Herbst 1891 ein Instrument, bei dem der Film absatzweise geschaltet wurde.
Zu bemerken ist weiter, daß Edison dieses Patent bis zum 31. August 1897 unveröffentlicht ließ. Wenn Edison seine Priorität durch Nichtveröffentlichung dieses Patentes möglichst lange schützen wollte, so begegnen wir in der Zwischenzeit zunächst in Amerika verschiedenen anderen bedeutsamen Erfindungen auf diesem Gebiete, von denen uns das am 24. September 1892 von [Max] Mayer angemeldete amerikanische Patent Nr. 525991 interessiert.5 Es zeigt eine neue Form eines absatzweise arbeitenden Schaltmechanismus. Das Prinzip, nach dem Edison das Band sprungweise befördert, ist, abgesehen von der mechanischen Ausführung an sich, das gleiche wie bei Friese-Greene und Evans. Die vom Deutschen Mayer unter obiger Nummer getätigte Anmeldung ist schematisch in Abb. 11 [recte: Abb. 12] wiedergegeben. Ein Daumen P mit abgeschrägten Flächen wird zwischen zwei Führungsstangen durch eine an einer Kurbel C befestigten Stange hin- und hergezogen. Sobald der Rahmen, der den Daumen trägt, Anfang oder Ende des Weges erreicht hat, streift die schräge Fläche des Daumens gegen die Schrägung eines Zahnes T der Trommel und dreht diese weiter. Nach Beendigung dieser Drehbewegung dringt der Daumen in den gradlinigen Teil zwischen zwei Zähnen und sperrt hierdurch das Rad. Bei seinem Rückweg verläßt der Daumen diesen Zwischenraum in solcher Stellung, daß er genau auf den Gleitrahmen gerichtet ist. Da aber die Anzahl der Zähne des Kreises eine ungerade ist, so steht jetzt natürlich drüben ein Zahn aktionsbereit, der in Wirksamkeit tritt, wenn der Daumen das Ende seines Weges erreicht hat. Nachdem das Rad durch den Daumen arretiert worden ist, wird durch

5 Henry V. Hopwood: Living Pictures, London 1899, S. 80

Abbildung 12: Schaltvorrichtung von Mayer [aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. 80], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Sperrfedern ein leichter Druck hervorgerufen, um eine zufällige Verschiebung zu verhindern.
Nach diesem Seitenblick zurück zu Edison.
Zunächst bot er mit Hilfe seines Kinetoskops, dem er die Form eines Automaten gab, dem einzelnen Beschauer die Möglichkeit, die durch einen kleinen Elektromotor endlos über ein Rollensystem bewegten Filmstreifen zu betrachten. Abb. 12 und 13 [recte: Abb. 13 und 14].
Später wurde auch – wahrscheinlich vom Jahre 1896 ab – den Interessenten ein Projektionsapparat leihweise überlassen; auch hier finden wir noch die Verwendung eines endlos geklebten Filmes (Abb. 14) [recte: Abb. 15], und erst in noch späterer Zeit konnte man bei Edison Projektionsapparate erwerben, die sich von den damals im Handel befindlichen nur wenig unterschieden.
In dem oben erwähnten Buche über Edison [The Live and Inventions of Thomas Alva Edison, 1894] finden sich recht interessante Darstellungen der damaligen Arbeitsweise. Man nahm die Aufnahmen vorzugsweise bei Sonnenlicht vor, und Edison hatte einen privaten, aber drehbaren Aufnahmeraum, der damals seines Überzuges aus Dachpappe [wegen] als „Schwarze Marie“ sehr bekannt war. Abb. 15 [recte: Abb. 16]. Aber auch mit künstlichem Licht, man spricht von 20 großen Bogenlampen, die etwa 50 000 Kerzen leisteten, hat er Aufnahmen vorgenommen. Es würde zu weit führen, hier alle die für den Historiographen der Aufnahmetechnik recht interessanten Geschichtchen wiederzugeben, die damals von Zeitungsschreibern über Edisons Filmtechnik verbreitet wurden. Wir möchten dem gegenüber nur erwähnen, wann, ob im Laboratorium oder öffentlich, die erste gleichzeitige Vorführung von Phonograph und Kinetoskop erfolgt ist.
Wir geben eine in dem zitierten Buche befindliche Abbildung der damaligen inneren Einrichtung der „Schwarzen Marie“ wieder (Abb. 16) [recte: Abb. 16a] und ferner zwei Filmabschnitte, von denen der eine einen Serpentintanz darstellt (Abb. 17), während die andere Abbildung, wohl eine der historisch ersten Großaufnahmen, einen Mann zeigt (Abb. 18), der niesen muß. Wir möchten den Ursprung der „Großaufnahme“ auf diese Weise geschichtlich festlegen, weil sie im Gegensatz hierzu viele Jahre später von einem amerikanischen Regisseur [Edwin S. Porter] erfunden [worden] sein soll. Nach alledem ist man demnach gezwungen, einen Hauptanteil an den Arbeiten auf dem kinematographischem Vorfeld Edison gutzuschreiben. Wenn er auch wegen seines rein kaufmännischen Standpunktes zunächst

 

 

Abbildung 13: Das automatische Kinetoskop von Edison, Seite geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 14: Der Antriebs-Mechanismus des Kinetoskops, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 15: Frühe Edisonsche Projektions-Vorrichtung von Edison mit Ringfilm, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 16: Die „Black Maria“ (schwarze Marie), Edisons drehbares Studio, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 16a: Inneres des ersten Edisonschen Kinematographen-Aufnahmeraumes, der „Schwarzen Marie“ [aus: Dickson & Dickson: The Live and Inventions of Thomas Alva Edison, 1894, S. 304], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

außer der Zurschaustellung seines Kinetoskops, den Ländern Europas kaum einen Einblick in seine Arbeiten gewährte, so ist doch ohne Frage, wie es das bereits 1894 erschienene Buch beweist, zu einer Zeit, wo man in Europa noch keine rechten praktischen Resultate erzielt habe, viel gedeihliche Arbeit in Edisons Laboratorium geleistet worden. Daß er nicht beabsichtigte, durch Anmeldung von Patenten den anderen Ländern näheres über seine Apparaturen mitzuteilen, geht daraus hervor, daß er im August 1893 in Amerika eine Aufnahmekamera zum Patent anmeldete, aber dieses Patent bis zum August 1897 unveröffentlicht ließ. Es ist bei Edison ähnlich wie bei den Lumières. Ihn haben ebenso wie diese andere Arbeiten stärker interessiert, und sie haben es daher anderen überlassen, die glücklich begonnenen Arbeiten zu vervollkommnen, statt sie unter eigener Führung zu einer Industrie heranzubilden. Daß Edison jedoch seine Arbeiten auf dem Phono-Kino-Geschäft nicht sofort eingestellt hat, geht daraus hervor, daß er noch im Jahre 1914 seinen inzwischen sehr vervollkommneten Kinematographen in Verbindung mit seinem ebenso äußerst verbesserten Phonographen vorgeführt hat. Jedenfalls prägte Edison der Kinematographie seine sehr persönliche Note dadurch auf, daß er ein Filmmaß sowie eine Perforationsart schuf, die nicht nur bis heute international benutzt, sondern auch noch lange Zeit hindurch als Norm Geltung behalten werden.
In Frankreich erfolgte am 12. Februar 1892 die Anmeldung eines Patentes unter der Nr. 219350 auf den Namen Léon Guillaume Bouly, das einen Apparat betrifft zur automatischen ununterbrochenen Herstellung einer Reihe analytischer Bilder einer Bewegung usw., genannt „Cinématographe“.
Hier begegnen wir zum allerersten Male dem Wort „Kinematograph“ als Bezeichnung für einen Apparat zur Aufnahme von Reihenbildern. Dieser Apparat von Bouly ist schematisch in Abb. 19 wiedergegeben. Das lichtempfindliche Filmband rollt von einer Vorratsspule E ab und wird auf einer Empfangsspule E’ aufgerollt. Eine leichte Feder drückt gegen die Wange des Spulenträgers und wirkt als Bremse, um dem Band a die gewünschte Spannung zu geben und sein Abrollen zu bremsen. Die ruckweise Fortbewegung des Bandes a erfolgt durch eine sogenannte Lückenwalze, eine Walze e, von der ein Teil des Umkreises, etwa die Hälfte, ausgeschnitten ist. Das Filmband bleibt

Abbildung 17: Von Edison aufgenommene Serpentinentänzerin [aus: Dickson & Dickson: The Live and Inventions of Thomas Alva Edison, 1894, S. 314], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 18: Edisons Aufnahme eines niesenden Mannes [d. i. Fred Ott. Aus: Dickson & Dickson: The Live and Inventions of Thomas Alva Edison, 1894, S. 307], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 19: Der „Cinematographe“ von Bouly, 1892, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

so nach jeder Fortbewegung stehen und wird während der Belichtung durch einen gepolsterten Druckstempel g gegen die Glasscheibe c gedrückt.
Der aktive Teil dieser Walze, deren Ausdehnung mit der jedesmal fortzubewegenden Länge des Bandes übereinstimmt, und der Druckexzenter sind so angebracht, daß sie wechselseitig einwirken. Dadurch löst sich der Druckstempel während der Fortbewegung des Bandes und bringt es nach vollendeter Bewegung wieder in die richtige Lage. Der Verschluß besteht hier schon aus zwei übereinanderliegenden Scheiben H, die gegeneinander verstellbar sind und eine veränderliche Belichtungsdauer ermöglichen.
Am 27. Dezember 1893 erscheint ein neues Patent von Bouly (Nr. 235100) für einen photographischen und optischen Apparat mit zweifacher Verwendungsmöglichkeit, der zugleich zur Analyse und zur Synthese der Bewegung dienen kann, genannt „Cinématographe Léon Bouly“.
Die Erfindung, die Gegenstand der Patentanmeldung ist, bezieht sich, wie die Patentschrift besagt, auf einen photographischen und optischen Apparat mit zweifacher Verwendungsmöglichkeit, mit dem man automatisch und ohne Unterbrechung auf irgendeiner biegsamen Fläche eine Reihe analytischer Bilder der Bewegung oder anderes aufnehmen kann und mittels dessen man dann direkt oder durch Projektion eine Synthese dieser Bewegungen durch transparente oder undurchsichtige Positivabzüge der analytischen Bilder, die man wieder in den Apparat bringt, erzielen kann.
Der Apparat dieses Erfinders scheint nicht zufriedenstellend gewesen zu sein, denn von allen denjenigen, die über die Ursprünge der Kinematographie berichten, ist kein einziger, der ihn persönlich in Funktion gesehen hat.
Immerhin kann man Bouly die Ehre einräumen, das Wort „Kinematograph“ erfunden zu haben, was die Brüder Lumière nicht wußten, als auch ihnen die Idee zur Bildung dieses Wortes kam, das ihnen am geeignetsten zur Kennzeichnung ihrer Erfindung erschien, da es sich aus zwei griechischen Wörtern, nämlich graphein (schreiben, festlegen, darstellen) und kinema (Bewegung) zusammensetzte.
Wir wenden uns nun den Arbeiten von George Demeny zu, dem Pariser Professor für körperliche Erziehung, dem Assistenten und getreuen Mitarbeiter Mareys. (Abb. 20). Er ist unbestritten der Erfinder

Abbildung 20[a]: Georges Demeny, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 20[b]: Georges Demeny [Widmung an Guido Seeber: „Hommage à l’auteur G. Demeny“], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

des später allgemein zur Verwendung gelangten Schlägers [Schlägersystems zur Filmfortschaltung], und es ist nicht uninteressant, auf welchem Wege Demeny dazu gekommen ist. Das französische Patent Nr. 233337 vom Oktober des Jahres 1893 enthält die Beschreibung von Demenys Apparat, der später unter der Bezeichnung „Chronophotographe d’Amateur“ oder „Biographe“ verkauft wurde (Abb. 21 und 22).
Es erscheint uns heute fast unbegreiflich, wie sich sowohl Marey als auch Demeny abmühten, einen sicher funktionierenden und trotzdem möglichst einfachen Mechanismus zu erfinden, um ein lichtempfindliches Band oftmals in de Sekunde anhalten und sprungweise wieder um eine Bildhöhe weiter befördern zu können.
Marey suchte sein Ziel so zu erreihen, daß er, wie bereits geschildert, ein sich gleichförmig abrollendes Band durch einen Elektromagneten zwecks Belichtung zum periodischen Anhalten zwang, während Demeny sich dauernd damit beschäftigte, alle die erforderlichen mechanischen Funktionen von dauernd rotierenden Teilen direkt abzuleiten.
In seinen eigenen Aufzeichnungen6 berichtet Demeny darüber wie folgt: „Es galt, einen neuen vollkommenen Mechanismus zu erfinden, um das Filmband sprungweise fortzuziehen; denn dies war der einzige Teil, der noch zu patentieren war, da alles andere, wie Verschluß, Antrieb usw. durch frühere Veröffentlichungen bereits bekannt und Allgemeingut geworden war.
Ich werde mich stets daran erinnern, wie mir der Gedanke zu einem sehr einfachen und guten Mechanismus kam. Ich war gerade bei Tisch, als mir eine Visitenkarte gebracht wurde. Ich drehte sie zwischen den Fingern herum, immer in Gedanken mit meinem Problem beschäftigt. Plötzlich, ohne nachzudenken wickelte ich um diese Karte ein Endchen Faden, das gerade in meiner Reichweite war, und rief: ‚Ich hab’s, ich habe gefunden, was ich suche!’ Und in der Tat rollte sich der Faden, indem er die Karte in Umdrehung versetzt, gleichmäßig auf, während sein Ende sich ruckweise fortbewegte, von kurzen Stillständen unterbrochen.
Das war gerade die Bewegung, die ich suchte. Am nächsten Tage baute ich Spulen in Form von Paletten, von Oliven und schließlich runde, exzentrische Spulen. Ich verband diese Teile mit einer Verschlußscheibe in der Weise, daß sie am Fenster gerade im Moment des Stillstandes der Films vorüberging.“

6 Georges Demeny: Les Origines du Cinématographe, Paris 1909, S. 25

Abbildung 21: Apparat von Demeny, 1893, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 22: Handhabung des Apparates von Demeny, 1893, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Die Abb. 21 zeigt die Anordnung eines derartigen Demenyschen Apparates und Abb. 22 seine Handhabung.
Ein Holzkasten, der ungefähr die Abmessungen eines gewöhnlichen 18 x 24 [cm]-Apparates hat, trägt ein Objektiv von großer Öffnung, wie z. B. ein Objektiv zur Aufnahme von Porträts, von dem man nur die Mitte benutzt. Hinter diesem Objektiv und möglichst dicht vor der lichtempfindlichen Schicht bewegt sich vermittels einer Kurbel die Verschlußscheibe. Bis hierher nichts Neues; die Hauptverbesserung besteht im Abrollen und Anhalten des lichtempfindlichen Films (Abb. 22). Abb. 21 zeigt das Prinzip des Systems. Zwei Scheiben, R [und] P, sind jede auf eine Achse montiert, die durch ihren Mittelpunkt gehen. Von den Spulen, die den Film tragen, sitzt die eine bei R auf einem Stift, der in der Verlängerung der Rotationsachse der Scheibe angebracht ist, während die andere bei P auf einem exzentrisch zu dieser Achse befestigten Stift befestigt wird. Auf dieser exzentrischen Stellung beruht in der Hauptsache die Erfindung. Nehmen wir an, die beiden Spulen seien an ihrem Platz (Abb. 21); der auf A gerollte Film ist mit seinem einen Ende bei B befestigt, und indem er den Weg C-S zurücklegt, geht er hinter dem Objektiv vorbei. Die Spulen können wegen der Art ihrer Befestigung keine Eigenbewegung haben; sie sind vielmehr abhängig von den Scheiben R [und] P, die sie t ragen. Dreht sich die Scheibe P, so rollt sich der von A kommende Film um B herum auf. Aber infolge der exzentrischen Stellung dieser Spule auf der Scheibe muß die Zugbewegung auf den Film während jenes sehr kurzen Augenblickes aufhören, wo die Spule E sich dem Belichtungsfenster so weit wie möglich genähert hat; trotzdem bleibt, da die aufgerollte Filmmenge dem abgerollten gleich ist, der Film vollkommen gespannt, und in diesem Augenblick gibt die Öffnung H der Verschlußscheibe L das Objektiv frei.
Durch die Kurbel M wird der Apparat in Tätigkeit gesetzt; alle Funktionen verlaufen durch Wirkung von Zahnrädern zwangsläufig, so daß eine genaue Übereinstimmung zwischen dem Stillstande des Films und der Belichtung herrscht.
Die Lösung, die Demeny auf diese Weise gab, ist äußerst einfach und zugleich sicher. Die Vereinfachung der Mechanik ermöglichte es, einen Apparat zu bauen, der so leicht war, daß man mit ihm ohne Stativ arbeiten konnte, indem man ihn einfach im Arm hielt. (Abb. 22)

Um einen vollständigen Begriff des Systems zu geben, sei außerdem erwähnt, daß es eine besondere Anordnung gestattete, ganz nach Wunsch nur eine einzige Aufnahme zu machen oder auch eine Reihe von nur drei oder vier, oder auch eine vollständige Serie von 24 oder mehr Bildern, je nach Länge des verwendeten Films. Jeder Film hatte an seinem Ende einen schwarzen Papierstreifen, der angeklebt war und den Film nach einem völligen Durchlauf und Aufrollen auf die Spule vollkommen abdichtete. Somit konnte Demeny das Auswechseln der Spulen bei hellem Tage vornehmen. In einem leeren Teil des Apparates konnte man 20 solcher Spulen unterbringen und hatte somit einen großen Vorrat bei sich.
Es ist leicht verständlich, daß während der Reihenaufnahme die Menge [des] sich bei B aufwickelnden Films und damit auch der Umfang der Rolle B zunahm; daher wuchs auch die Länge des bei jeder Umdrehung heruntergezogenen Films ständig. Die Ursache lag darin, daß Demeny der Aufwickelspule eine exzentrische Stellung gab. Wäre dieses Konstruktionselement unbeeinflußt geblieben, jedoch die exzentrischen Bewegung einem zwischengeschalteten rollenden Gliede verliehen worden, so würde sich eine gleichmäßige Wirkung ergeben haben.
Diese Tatsache erkannte auch Demeny sehr bald, und er beschrieb in seinen deutschen und englischen Patenten, die er nur 2 Monate später anmeldete (Dezember 1893), diese wichtige Verbesserung. Erst im Juli 1894 fügte er seinem französischen Patent diese verbessernde Ergänzung bei.
Die äußere Ansicht des verbesserten Apparates von Demeny zeigt die Abb. 23, während die neue Anordnung der Mechanik im Inneren des Apparates durch die Abb. 24 und 25 veranschaulicht wird.
Der Apparat wurde nach einigem hin und her [1896] von der Pariser Firma Léon Gaumont gebaut und war von kleinem Umfange. Er gestattete es, eine ununterbrochene Reihe von 80 und mehr Bildern mit einer Geschwindigkeit von 8-20 Bilder je Sekunde aufzunehmen. Man benutzte als Optik einen Anastigmat von Zeiss von 12 cm Brennweite. Der Film war 6 cm breit und die Bilder waren 5 x 4,5 cm groß. An diesem Modell des „Chronophotographen“ von Demeny-Gaumont finden wir bereit s eine ganze Reihe von Verbesserungen, die hier

Abbildung 23: Verbesserter Apparat von Demeny, 1894, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 24: Innere Einrichtung des verbesserten Apparates von Demeny, 1894, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 25: Schematische Darstellung der absatzweisen Filmbewegung von Demeny, 1894, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

einzeln zu beschreiben zu weit führen würde.
I ist die Vorratsspule des Filmbandes. Dieses läuft von ihr fort und am Belichtungsfenster vorbei, legt sich um den exzentrischen Stab L und wird von der Spule wieder aufgewickelt. Zwei elastische Andruckfedern N aus Fischbein verhindern, daß die Filmbänder sich vor und nach der Aufnahme aufrollen. Setzt man den Mechanismus durch die Kurbel M in Bewegung, so wird das Filmband in bekannter Weise auf der Spule K gleichförmig aufgerollt, es erhält jedoch durch den exzentrischen Stift L eine intermittierende Bewegung. Jede Kurbelumdrehung bewirkte die Aufnahme von 4 Bildern; wollte man 10 Bilder je Sekunde aufnehmen, so mußte man innerhalb dieser Zeit 2½ Kurbelumdrehungen ausführen.
Zum genauen Einstellen des Bildes war dem Apparat eine Mattscheibe G beigegeben. Eine weitere Einrichtung gestattete, auch einzelne Bilder aufzunehmen. Ein mit dem exzentrischen Stab L verbundener Bildzähler ließ die Anzahl der aufgenommenen Bilder von außen ablesen, und ein oben aufgesetzter Sucher erleichterte die Aufnahme.
Die Filmbänder wurden an beiden Enden mit schwarzem Papier verlängert, um sie in bekannter Weise bequem bei Tage auswechseln zu können. Zwecks Veränderung der Belichtungszeit war die Öffnung der Verschlußscheibe durch einen an der Vorderseite des Apparates stehenden Knopf beliebig eng oder weit zu stellen.
Wenn nun dieser Apparat auch in der Tat einen besseren Transportmechanismus aufwies, so waren doch die Bildabstände der einzelnen Bilder immer noch zu unregelmäßig, um deren Projektion zu ermöglichen. Der Grund war zunächst darin zu suchen, daß das Filmband keine Perforation besaß. Trotzdem hatte Demeny damals bereits die Synthese der von ihm aufgenommenen Bildreihen versucht, und es gelang ihm wirklich eine primitive Wiedergabe durch einen Apparat, den er „Bioskop“ nannte.7
Dieser bestand aus einer Glasscheibe, an deren Rand die transparenten Bilder angebracht waren und die zwischen einer starken Lichtquelle und einem Objektiv in rasche Umdrehungen versetzt wurde. Eine andere, mit Fenstern versehene Scheibe, ließ die Bilder eine sehr kurze Zeit sehen, so daß Taubstumme, die gewöhnt sind, die Bewegungen von den Lippen abzulesen, die Worte, die

7 Eugène Trutat: La Photographie Animée, Paris 1899, S. 50

der Betreffende, dessen Bild man ihnen zeigte, gesprochen hatte, wiedererkannten. Dieses „Bioskop“ Demenys war vollkommen dem „Zoopraxiskop“ (1879) von Muybridge nachgebildet.
Demeny vervollkommnete seinen Aufnahmeapparat schließlich dadurch, daß er die Filmbänder mit regelmäßigen Lochungen an jeder Seite versah, und gelangte dadurch zu einem Apparatetyp, der lange Zeit als sogenannte „Schläger-Kamera“ überall benutzt wurde.
Die Perforation ermöglichte ein völlig gleichmäßiges Abrollen des Filmbandes, und dadurch gelang es Demeny auch, die Bilder in gleichmäßigen Abständen auf das Filmband zu legen und somit später eine befriedigende Projektion vorzunehmen. Die endgültige Konsuktion war im Prinzip die gleiche wie vorher, jedoch mit dem Unterschiede, daß durch die Perforation das Filmband über eine in ihrem Umfange gleichmäßig bleibende Zahntrommel geführt wurde und der exzentrische Stift, „Schläger“ genannt, infolgedessen immer die genau gleiche Länge Film von der Vorratsrolle herunterzog. Die Abb. 26 zeigt die endgültige Konstruktion der Schläger-Kamera von Demeny schematisch. Von der Vorratsrolle M läuft das Filmband an dem Belichtungsfenster C vorbei, wo es durch Federdruck festgehalten wird, nimmt seinen Weg an dem exzentrischen Stift Ca vorbei und läuft über die Zahntrommel D, um schließlich bei R aufgewickelt zu werden. Alle Teile drehen sich gleichförmig; lediglich der exzentrische Stift sorgt dafür, daß das Band zwischen Bildfenster und Zahntrommel bei jeder Umdrehung des Stiftes einen kurzen Zug oder Schlag erhält, der genau einer Bildhöhe entspricht. Die Verschlußscheibe Di deckt während dieser Zeit das vom Objektiv O einfallende Licht ab und gibt den Strahlen nur in derjenigen Zeit den Weg frei, wo das Filmband im Fenster still steht, d. h. also jedesmal dann, wenn das herabgeschlagene Filmstück langsam von der Zahntrommel forttransportiert bzw. der Film von neuem gespannt wird, um von dem Schläger hierauf den nächsten Schlag zu erhalten.
Das Filmband, das Demeny benutzte, war 6 cm breit, und die Größe der Einzelbilder betrug 35 x 45 mm (Abb. 27). Es wurde damals betont8, daß die Größe der Filmbilder des Demenyschen Apparates ein großer Vorzug sei, dessen enorme Bedeutung im Folgenden liege:

8 Georges Brunel: La Photographie et la Projection du Mouvement, Paris 1897, S. 69

Abbildung 26: Schema des endgültigen Aufnahmeapparates von Demeny mit Schläger, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 27: Originalkopie nach einem Stück Negativfilm, das Demeny aufgenommen hat, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

„Es ist möglich, mit ihnen gute Projektionen ohne Verwendung des elektrischen Lichtes zu erzielen; man kann die Bilder bei der Projektion stark vergrößern und trotzdem ihre Klarheit und Schärfe in allen Einzelheiten bewahren. Auch ist die Kolorierung dieser Bilder leichter auszuführen, da die Details deutlicher sind.“
Über seine Projektionseinrichtung, die Demeny später nach dem Vorbilde der Brüder Lumière konstruierte, berichtet er folgendes:
Ein Behälter T für Sauerstoffgas ist unter dem Tische (Abb. 28) angebracht und mittels eines Kautschukschlauches mit dem Äthergebläse L in einem Laternenkasten verbunden. Vor der Flamme in der Laterne befindet sich eine gewöhnliche Sammellinse als Kondensor, vor diesem eine Kuvette N mit Wasser, die dazu bestimmt ist, die strahlende Wärme der Lichtquelle während der Projektion zu absorbieren, um das leicht entzündliche Zelluloidband vor einer Entzündung zu schützen. Am anderen Ende des Tisches befindet sich der Chronophotograph, der das durchsichtige Zelluloidband, auf einer Spule aufgerollt, trägt. Man reguliert die Stellung der Laterne derart, dass das Lichtbündel des Kondensors genau auf dass Fenster F des Apparates fällt. Man stellt das Bildband ein und hat zur Projektion nur die Kurbel M mit der Hand zu drehen. Bei P und R (Abb. 28) ist je eine Haspel angebracht, um das Bildband nach der Projektion wieder zurückrollen zu können.
Der ganze Mechanismus des Chronophotographen ist, wie die Abb. 29 zeigt, in einen hölzernen Kasten eingeschlossen. Durch eine Zahntrommel C wird das perforierte Filmband gleichmäßig in der Pfeilrichtung transportiert. Es nimmt seinen Weg von der Vorratsspule A über diese Rolle S durch den Führungskanal H wieder über eine Rolle S nach der Zahntrommel C, um schließlich bei B aufgewickelt zu werden. Zwischen der unteren Rolle S des Führungskanals und der Zahntrommel C wirkt der Schläger D, der das Filmband bei je einem Umlauf stets um je eine Bildhöhe herabzieht. Wir sehen unter der Vorratsspule A eine mit Kautschuk überzogene Walze E, welche sich durch eine Spiralfeder stets gegen den aufgewickelten Film andrückt, ganz gleich, ob die Rolle noch voll oder schon teilweise abgelaufen ist. Diese Walze E, die durch eine Zahnradübersetzung bewegt wird, bewirkt eine gleichmäßige Abwicklung des Filmbandes und bereitet die Arbeit des Schlägers D vor. Wir haben hier also bereits eine Art Vor-

Abbildung 28: Demenys Chronophotograph, zur Vorführung mit einem Kalklicht-Lampenhaus verbunden, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 29: Der Chronophotograph von Demeny in der Ausführung durch Gaumont, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

wickler, wenn er auch noch nicht zwangläufig ist, jedoch bezweckt er, daß der plötzliche Zug des Schlägers nicht ungeschwächt auf die Rolle wirkt. Der Belichtungskanal ist mit Samt ausgelegt, und zum Antriebe dient die Kurbel M.
Die Länge der Filme betrug etwa 25 Meter, und Gaumont hatte in Paris die Fabrikation der Aufnahme- und der Wiedergabe-Apparate nach Demeny auf eine bedeutende Höhe gebracht, auch große Serien von Filmen aufgenommen und diese teilweise koloriert dem Handel übergeben.9
Lange Zeit hielt die Firma Gaumont auch nach ihrer Trennung von Demeny an dessen größerem Filmformat [60 mm] fest, da man sich von dem kleineren von 35 mm Breite nicht sehr viel zu versprechen schien. Schließlich aber hat auch Gaumont für das 35 mm-Normalfilmband einen Apparat hergestellt, der allerdings unter der Bezeichnung „Modèle d’amateur a bandes de 35 mm“ in den Handel kam und für die „perforation amèricaine“, also die Edisonsche eingerichtet war. Dieses Kameramodell hat [Eugène] Trutat in seinem Buche „La Photographie Animèe“ [auf] S. 55 ff genau beschrieben (Abb. 30 und 31). Wir finden dort folgende Ausführungen:
„Der Amateur-Chronophotograph besteht aus einem Kasten von 15 cm Breite, 20 cm Höhe und 10 cm Tiefe. Das Vorderteil enthält in einem auf Gleitschienen beweglichen Kasten die Objektive: für die Aufnahmen einen Anastigmat Zeiss von 50 mm Brennweite und für die Projektionen ein doppeltes Darlot-Objektiv. Der hintere Teil des Kastens, der sich in zwei Scharnieren bewegt, kann heruntergeklappt werden und legt den Mechanismus bloß, so daß man die Filmstreifen sehr bequem einlegen kann.“
In der oberen Kassette MS ist eine mit unbelichteten Film geladene Metallspule (Abb. 30) eingeschlossen, die sich in der Kassette frei um ihre Achse dreht, die wiederum auf der einen Seite von einer Metallkapsel gehalten wird, während ihr anderes Ende durch ein Loch hindurch geht, das so eingerichtet ist, daß kein Licht hindurchfallen kann. Die Kassette selbst wird in eine Gleitschiene eingeschoben und kann durch einen Filmhalter für Projektionszwecke ausgewechselt werden. An der unteren Seite, die in die Gleitschiene eingeschoben wird, ist diese Kassette mit einem Schlitz versehen, dessen Klappe von außen betätigt werden kann.

9 La Nature, 1896, sowie im „Organ der militärisch-wissenschaftlichen Vereine“ Wien 1897, 54. Band, 2. Heft, S. 85

Abbildung 30: Amateur-Chronophotograph nach Demeny von L. Gaumont & Co., Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 31: Amateur-Chronophotograph nach Demeny von L. Gaumont & Co., Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Durch diesen Schlitz geht der Film hindurch und wird von hier aus durch einen mit Samt ausgekleideten Gang bis zum Fenster des Apparates geführt. Dieses Fenster wird durch ein mit Federn versehenes Türchen festgehalten, so daß der Filmstreifen zwischen zwei Samtflächen gleitet und nicht geschrammt oder sonst wie durch die Reibung beschädigt werden kann, was von größter Wichtigkeit ist. Unterhalb der Klappe biegt sich der Film in einem gekrümmten Kanal zurück, der ihn nach der mit Zähnen versehenen Trommel führt. In diesem Kanal bewegt sich der Film teils frei, teils durch eine sich im Innern desselben drehende Nocke gespannt, so daß also der Film bald straff gespannt und nach unten gezogen wird, bald frei ist und dann still steht, wodurch die erforderliche intermittierende Fortbewegung erzielt wird. Eine hohle Metalltrommel, die mit zwei Reihen Zähnen besetzt ist, zieht den Film in gleichmäßiger Bewegung herab, und eine mit Federung versehene Führung sorgt für den Kontakt auf der Walze und dafür, daß die Zähne eingreifen.
Diese Vorrichtung hat den großen Vorzug, daß der ganze Transportmechanismus eine gleichförmige Bewegung besitzt und kein toter Punkt zu überwinden ist, so daß eine gleichmäßige Bewegung erreicht wird. Dies ist übrigens die Grundidee des ursprünglichen Apparates von Marey, und nur der Mechanismus ist ein wenig geändert worden.
Unterhalb der Zahntrommel wird der Film frei und gleitet in einem im Boden des Apparates angebrachten Schlitz, aus dem er frei nach unten fällt (bei Projektionen), oder er wird durch einen mit Samt ausgefütterten Schlitz wieder nach vorn geführt in eine zweite Kassette [bei der Aufnahme], die ähnlich der oben erwähnten Kassette MS ist und die ebenfalls mittels einer Gleitschiene an dem Apparat angebracht ist.
Die Achse dieser Aufnahme-Spule ist an dem einen Ende gespalten, und dieses geht durch die Außenwand des Kastens hindurch, während das andere Ende der Achse in einem in der Kassette MI enthaltenden Zapfen eingreift.
Ein Metallkasten, der mittels Gleitschiene neben der Kassette MI angebracht und durch eine Klinke festgehalten wird (Abb. 31), enthält ein Zahnrad, das ein kleines Zahnrad in Bewegung setzt, das etwas heraussteht und in die geschlitzte Achse der Aufnahmespule eingreift. Das Zahnrad wird durch ein Getriebe in Drehung versetzt, das auf der Kurbelwelle M sitzt.

Dasselbe Rad treibt gleichzeitig den Aufrollmechanismus der unteren Spule, die Zahntrommel sowie den Schläger an, ferner mittels einer zweiten Welle, die ein Winkelzahnrad trägt, den Verschluß, der hinter dem Objektiv und vor dem Belichtungsfenster liegt. Ein Sucher ermöglicht es schließlich, das aufzunehmende Objekt leicht zu verfolgen.
Alle diese Teile sind tadellos abgepaßt, so daß die Bewegungen vollkommen sanft und regelmäßig erfolgen. Ein weiterer Vorteil ist der, daß der Apparat fast geräuschlos arbeitet, was bei den meisten Kinoapparaten nicht der Fall zu sein pflegt.
Vom 13. Februar 1895 datiert ein französisches Patent Nr. 245032 der Brüder August und Louis Lumière in Lyon (Abb. 32), das einen Apparat zum Gegenstand hat, der ebenfalls dem Problem gewidmet war, mittels eines einzigen Objektivs von einer bewegten Szene eine sehr große Anzahl von Einzelbildern auf einem lichtempfindlichen Zelluloidband aufzunehmen, von dem so erhaltenen Negativ wiederum Positivstreifen zu kopieren und schließlich diese auf einem Schirm derart vergrößert zu projizieren, daß diese Bilder gleichzeitig von einem zahlreichen Publikum betrachtet werden können. [Anm. D]
Dieser Apparat wurde von [den] Lumières mit „Cinématographe“ bezeichnet, einem Wort, das erstmalig, wie bereits erwähnt, in der französischen Patentschrift [von] Léon Guillaume Bouly vom 12. Februar 1892 erschienen war.
In ihrer ersten Patentschrift vom 13. Februar 1895 beschreiben die Brüder Lumière ihren „Kinematographen“ unter dem Titel „Apparat zur Aufnahme und Vorführung chronophotographischer Bilder“ ungefähr wie folgt: [Anm. E]
„Es ist bekannt, daß die chronophotographischen Aufnahmen durch die vor den Augen des Beschauers vorgenommene rasche Aufeinanderfolge einer Anzahl von Photographien, die in kurzen Zwischenräumen von in Bewegung befindlichen Gegenständen oder Personen aufgenommen wurden, die Illusion der Bewegung hervorrufen.
Die Erfindung besteht in einem neuen Apparat zur Aufnahme und Vorführung derartiger Bilder.
Das Hauptmerkmal dieses Apparates besteht darin zu sehen, daß der Mechanismus mit kurzen Unterbrechungen auf ein regelmäßig perforiertes Filmband einwirkt, und zwar derart, daß es dieses in eine regelmäßige Bewegung versetzt, die durch kurze Ruhepausen

Anm. D: Den Textabschnitt zu den Brüdern Lumière einschließlich der Abbildungen veröffentlichte Seeber bereits 1925 in einer fünfteiligen Artikelserie unter dem Titel „Der Kinematograph ‚Lumière’“ in der Fachzeitschrift Kinotechnik (Nr. 3, S. 54–60; Nr. 5, S. 106–110; Nr. 6, S. 137–141; Nr. 8, S. 187–195). Die Passagen zum Projektionssystem (in Kinotechnik 1925, Nr. 8) wurden für die Buchvariante allerdings stark eingekürzt bzw. ausgeklammert.

Anm. E: Im Folgenden zitiert Seeber ausführlich die erste französische Patentschrift von Auguste Lumière, Nr. 245032, in freier Übersetzung. Ein entsprechendes Typoskript der Übersetzung und eine Fotokopie des französischen

Abbildung 32: Auguste und Louis Lumière, die Erfinder des Cinématographe, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

unterbrochen wird, die zur Aufnahme oder zur Vorführung der Bilder dienen.
Jede dieser Bewegungen wird mit wechselnder Geschwindigkeit ausgeführt und zwar derart, daß diese bei Beginn und Beendigung der Bewegung gleich Null ist und ihren Höhepunkt auf halbem Wege erreicht, damit das Filmband durch zu plötzliches Anziehen oder Loslassen nicht beschädigt wird.
Diese Bedingungen werden praktisch durch den in der Zeichnung Bild 33 und 34 veranschaulichten Apparat erreicht.
Der in dem Kasten C eingebaute Mechanismus wird durch eine einzige Welle A angetrieben, die außerhalb des Kastens von irgendeinem Motor in Bewegung gesetzt wird. Auf der Welle A ist ein Exzenter B montiert, der einen vertikalen Schieber D, der oben und unten in je einer Führung E gleitet, in eine Auf- und Abbewegung versetzt. Auf diesem Schieber ist eine Horizontalklinge F befestigt, deren eines Ende f als Scharnier oder als Feder dient und an dessen anderem Ende sich zwei Stifte a befinden, die in zwei länglichen Öffnungen b durch die Wand G hindurchgehen.
Hinter der Wand befindet sich eine Führung, durch die das perforierte Filmband R gleitet, nachdem es vorher aufgerollt und im oberen Teil der Kassette H frei aufgehängt wurde. Die Stifte a können in die an beiden Seiten des Filmbandes in gleichmäßigen Abständen vorhandenen Perforationen eingreifen. Bei der Abwärtsbewegung dieser Stifte wird das Band mit herabgezogen, bei der Aufwärtsbewegung dagegen, bei der sich die Stifte heben, von diesen nicht berührt, so daß es also stillsteht. Der Ein- und Ausgriff dieser Stifte in die bzw. aus den Perforationslöchern wird durch eine an der Klinke f befindliche kleine Klaue hervorgebracht, die sich in einer im Umkreis des Exzenters B geschlossenen, wellenförmigen Auskehlung bewegt.
Aus dieser Anordnung ergibt sich:
1. daß das Filmband während der Abwärtsbewegung der Stifte nach unten gezogen wird und während ihrer Aufwärtsbewegung stillsteht;
2. daß die Stifte in die Perforationen des Filmes eingreifen und, wenn der Exzenter auf dem toten Punkt angelangt und ihre Geschwindigkeit gleich Null ist, den Film loslassen, wie schnell auch die Bewegungen sein mögen;
3. daß die Stifte das Filmband ohne jeden Ruck ergreifen und loslassen, so daß die Perforationen nicht beschädigt werden.

Originals befindet sich im Nachlass Seeber (4.3–198507-6, Lumière, Auguste). Das deutsche Pendant, das bereits Verbesserungen des Greifertransports berücksichtigt, erschien am 11. April 1895 unter der Patent-Nummer 84722 des Kaiserlichen Deutschen Patentamtes (Veröffentlichungs-Nummer DE000000084722A, Klasse 57 – Photographie). Es ist ebenfalls im Nachlass Seeber erhalten.

Abbildung 33: Querschnitt durch den ersten Cinématographe Lumière nach dem französischen Patent Nr. 245032, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 34: Längsschnitt durch den ersten Cinématographe von Lumière nach dem französischen Patent Nr. 245032, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

„Das Band rollt im übrigen ganz leicht aus der Kassette H, wo es einfach auf einer festen Achse gehalten wird, ab.
In die Wand G ist ein Fenster J eingeschnitten, das die gleiche Größe hat wie die der aufeinanderfolgenden Bildchen. Dieses Fenster wird abwechselnd verdeckt oder freigegeben durch einen Verschluß, der in einer einfach ausgeschnittenen kreisrunden Scheibe J, deren Umkreis auf dem Bild 33 punktiert angegeben ist, besteht.
Der Ausschnitt dieser Scheibe entspricht einem Sektor mit einem Winkel, den man je nach der Belichtungsdauer ändern und der bis zu 170 Grad betragen kann.
Dieser Mechanismus kann wie folgt verwendet werden:
1. Zur Herstellung von Negativfilmen durch direkte Aufnahme der wiederzugebenden Szenen;
2. zum Kopieren von Positivfilmen;
3. zur Vorführung oder Projektion der aufgenommenen Szenen auf eine Wand.
Wenn der Apparat bzw. der Kasten C geschlossen und dem Fenster J gegenüber mit einem Objektiv versehen ist, werden die aufeinanderfolgenden Phasen der vor dem Objektiv sich abspielenden bewegten Szenen während des Stillstandes des Bandes, wobei es durch den Verschluß freigegeben wird, aufgenommen, während die Abwärtsbewegung des Bandes dann stattfindet, wenn der genannte Verschluß das Fenster verdeckt.
Man kann auf diese Weise sehr scharfe Bilder erzielen, die rasch aufeinanderfolgen, z. B. 20 je Sekunde mit einer Belichtungszeit von etwa 1/50 Sekunde bei vollständigem Stillstand der Bilder.
Das belichtete Band gleitet zwanglos in einen lichtdichten Behälter, der sich unterhalb des Apparates befindet.
Aus dem Behälter wird das Band in der Dunkelkammer entnommen, um entwickelt zu werden.
Das Kopieren der Positive findet ebenfalls auf einem lichtempfindlichen Film statt, der genau die gleiche Perforation aufweist wie das Negativ. Die beiden gegeneinander gelegten Filme, Negativ und Positiv, laufen wie beschrieben durch den Apparat hindurch, wobei die Geschwindigkeit je nach dem Grad der Empfindlichkeit oder der Beleuchtung geändert werden kann.
Und schließlich kann man diese so erhaltenen Positive mit dem

gleichen Mechanismus auf eine Wand projizieren.
Die Bilder folgen in absolut gleichartiger Weise aufeinander, sie nehmen genau dieselbe Stelle ein, wie bei der Aufnahme. Sie sind einzeln im Ruhestand und während einer Zeitdauer, die fast genau der Unterbrechung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Bildern entspricht, sichtbar, was außerordentlich günstig ist für die Schärfe und den Zusammenhang der Bilder.“
Soweit die damalige Beschreibung des Apparates aus der Feder der Gebr. Lumière selbst [nach der französischen Patentschrift Nr. 245032 vom 13. Februar 1895]. Die Erfinder behielten sich weiter vor, je nach Bedarf die einzelnen Anordnungen dieses Mechanismus zu verändern, wie z. B. den Exzenter durch eine Handkurbel anzutreiben, den Exzenter selbst durch irgendeinen Nocken oder ein anderes Organ zu ersetzen, durch das die Stifte eine Hin- und Herbewegung mit totem Punkt erhalten und die Loslösung der Stifte während ihrer Aufwärtsbewegung durch irgendein anderes dazu geeignetes, auf der Welle A befestigtes Organ zu bewerkstelligen.
Dieser erste von den Brüdern Lumière benutzte Apparat lieferte bereits sehr bemerkenswerte Resultate. Den benötigten Film stellten sie selbst her in ihren Werken in Lyon, indem sie das Zelluloid auf einen langen, genau nivellierten und mit Glasplatten bedeckten Tisch ausgossen und die Gießeinrichtung auf zwei seitlich befestigten Schienen bewegten. Da die Glasplatten eine begrenzte Länge hatten, mußten ihre Unterbrechungen gut ausgefüllt werden. Betrachtet man genau die Rückseite dieser Filme, so kann man an schwachen querlaufenden Unebenheiten sehr deutlich die Stellen erkennen, an denen die Glasplatten aneinander stießen. Auf dieses auf den Glasplatten getrocknete Zelluloid wurden mit der gleichen auf Schienen bewegten Gießvorrichtung die Bromsilbergelatine-Emulsion aufgegossen, die die Lumières damals in sehr hochempfindlicher Qualität für Trockenplatten herstellten.
Nachdem auch dieser Aufguss getrocknet war, wurde das Band abgelöst, in 34,8 mm breite Streifen geschnitten und an beiden Seiten perforiert. Diese Lumiéresche Perforation bestand in je einem runden Loch von 2,8 mm Durchmesser je Bild. Das Bildfenster hatte genau 19 mm Höhe bei 26 mm Breite.
Es ist dadurch, daß stets nur immer das gleiche Perforationsloch bei Aufnahme, beim Kopieren und dann bei der Vorführung zur Benutzung kann, von vornherein die denkbar beste Gewähr dafür gegeben, daß die Bilder selbst sehr stetig sind, oder, wie man das heute

bezeichnet, sehr gut „stehen“ müssen.
Wer jemals Gelegenheit gehabt hat, die Bilder der Lumière nebst solchen anderer Herkunft nacheinander vorgeführt zu sehen, der wird immer überrascht sein, welche absolute Ruhe und Schärfe diese Filme aufweisen. Damit war der Beweis erbracht, daß das System der beiden Lumière, rein technisch beurteilt, schon in seinem ersten Stadium eine außerordentlich hohe Qualität der Filme ermöglichte. Vergleicht man mit ihnen andere Bilder, z. B. solche von [Robert William] Paul in London oder von [Georges] Méliès in Paris oder solche auch aus Amerika – ich erinnere an [Siegmund] Lubin und andere dortige Firmen –, so empfand man stets einen beträchtlichen Unterschied. Alle jene verwendeten einen Schaltmechanismus, der in vielen Fällen aus einem Maltesterkreuz bestand oder schon mangels der erforderlichen Präzision keine „stehenden“ Bilder geben konnte, ganz abgesehen von mangelnder Schärfe und anderen unerwünschten Eigenschaften. Aber noch eine andere grundlegende Bedeutung besaß dieser erste Apparat der Brüder Lumière bzw. sein Filmschaltmechanismus. Dieser vereinigte in sich nämlich zwei mechanische Elemente, die auch heute noch die Grundlage der weitaus meisten Schaltvorrichtungen bilden, wie sie auch variiert sein mögen. Es handelt sich um einen Exzenter und die Kurvennut. Diese beiden Elemente bestehen in ihrer filmtechnischen Anwendungsart nunmehr seit über 30 Jahren. Sie sind als „klassisch“ zu bezeichnen, sie sind, wie bereits erwähnt, auch heute noch in der Mehrzahl der kinematographischen Aufnahmeapparate in Benutzung, und selbst der vollendetste Schaltmechanismus, den wir heute kennen, der von Bell & Howell, benutzt als Grundelemente den Exzenter und die Kurvennut. Beide entstammen den Lumièreschen Kinematographen. Die Brüder Lumière erkannten sehr richtig, daß es entgegen anderer Methoden eine Grundbedingung zur Erzielung befriedigender Resultate war, daß zum Zwecke der Belichtung und Vorführung der einzelnen Bilder jedes von diesen eine gewisse Zeit in völliger Ruhe stehen muß, und sie faßten den Plan zu einer Apparatur, bei der eine fortgesetzte gleichmäßige rotierende Bewegung, die alle schweren Teile mitnimmt, sich mit Hilfe eines leichten Elementes in zwei zueinander rechtwinklige gerichtete Bewegungsmomente umwandelt, von denen das eine waagerecht, das andere senkrecht ist, und die, ein jedes für sich, dem Sinusgesetz unterworfen sind. Dieses leichte Element sollte ein Greifer sein, der periodisch in seitlich angebrachte Perforationen

des Bildbandes eingreift und in der schon beschriebenen Weise den absatzweisen Transport bewirkt.
Die erste Ausführungsform des Lumièreschen Apparates dürfte nur sehr wenigen bekannt sein. Die bereits in der ersten Patentschrift als Vorbehalt angedeutete andersartige Ausführungsform wird sehr bald durch ein Zusatzapparat, datiert vom 30. März 1895, bekannt gegeben und nunmehr auch [in] dieser Form in anderen Ländern zum Patent angemeldet. So finden wir diese Ausführungsform in einem deutschen Patent vom 11. April 1895 unter Nr. 84722 und in einem gleichen vom 8. April 1895 unter Nr. 7187 geschützt.
Diese abgeänderte Form (siehe Abb. 35) ist im Prinzip diejenige, die allgemein bekannt wurde, weil sie in die Welt hinausgegangen ist. Dies ist diejenige Form, die heute noch benutzt wird. Lediglich die Kurvennut, die später durch die „Treppenscheibe“ ersetzt wurde, zeigt noch ihre ursprüngliche Form, weswegen man zunächst von einem zwangsläufig gesteuerten Greifer noch nicht sprechen kann; dies aber wurde bald durch die Einführung der erwähnten Treppenscheibe einwandfrei erreicht.
Dieser Zusatz brachte die Beschreibung einiger Vervollkommnungen in den Einzelheiten, die das Funktionieren und die erreichbaren Resultate verbesserten.
Eine solche Verbesserung betrifft zunächst die Stifte, die in die Perforation eingreifen, und deren Bewegung schneller, gleichzeitig aber auch sanfter gestaltet werden sollte. Zu diesem Zweck werden die Stifte durch eine sehr leichte Gabel F ersetzt, die auf einer rückwärtigen Verlängerung des Schiebers D angebracht ist und durch eine kleine Stütze f so ausgeführt wird, daß sie horizontal hin- und hergleitet.
Diese Gabel besitzt auf ihrer Mittelstange eine Taste d, die bald nach der einen, bald nach der anderen Seite hin- und herbewegt wird. Diese Bewegung erfolgt durch zwei Arme g g, die auf der Welle A befestigt sind und an ihren beiden Enden entgegengesetzt angebrachte Abschrägungen haben.
Diese Arme sind so angebracht, daß sie bei ihrem Umlauf mit ihren Enden einen an dem Mittelstück der Greifergabel angebrachten keilförmigen Teil d zurück stoßen, ehe der Schieber D seine Abwärtsbewegung beginnt, und sie nach rückwärts zurückziehen, ehe die Aufwärtsbewegung einsetzt.

Abbildung 35[a]: Apparat von den Gebr. Lumière nach dem Zusatzpatent vom 11.4.1895, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 35[b]: Apparat von den Gebr. Lumière nach dem Zusatzpatent vom 11.4.1895, Detail der Greiferschaltung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Im übrigen vollziehen sich die Funktionen genau wie bei der ersten Ausführung.
Eine zweite Änderung aber bezweckte, die Ruhezeit des Filmbandes im Bedarfsfalle zu verlängern, indem der Exzenter, der den Schieber leitet, durch einen Exzenter in der Form eines Bogendreiecks mit abgerundeten Ecken ersetzt wurde. Diese Ausführungsform ermöglichte, daß das Filmband während zwei Dritteln der Gesamtzeit stillsteht, was besonders vorteilhaft für die Vorführung ist, ebenso aber auch die Aufnahme von Negativen mit langer Belichtungszeit.
Hier also wurde erstmalig das klassische Bogendreieck genannt, das unsere Technik nicht ganz zutreffend als „Herz-Exzenter“ (excentrique triangulaire) bezeichnet und auch heute noch vielfach als Bewegungsorgan für den absatzweisen Transport von Filmen benutzt.
Die Verbesserungen betreffen des weiteren die speziellen Aufnahmezwecke des Apparates. Das belichtete Filmband fiel früher beim Austritt aus dem Apparat in einen lichtdichten Behälter. Diese Anordnung erwies sich als sehr umständlich, und es erschien zweckmäßig, das belichtete Band wieder zu einer Rolle im Innern einer Kassette aufzuwickeln, die man jederzeit auswickeln kann.
Zu diesem Zwecke trafen die Gebrüder Lumière zunächst folgende Anordnung:
Die Filmspule Abb. 36 ist in einer Kassette E eingeschlossen, die sich hinter dem Apparat A befindet. Die Spule empfängt ihre Bewegung von außen durch eine Friktionsscheibe C, gegen die ein Laufrädchen drückt, das am Ende der Hauptwelle des Apparates, die, wie bekannt, sich in kontinuierlicher Drehung befindet, angebracht ist. Das Filmband B biegt sich beim Austritt hinter der Wandung G in die Kassette ein, an deren oberem Teil es entlang läuft, und wird in fast horizontaler Richtung der Spule zugeführt.
Die Aufwickelvorrichtung besteht aus einer Achse H, die an ihrem äußeren Ende die Friktionsscheibe C trägt, die sie in kontinuierliche Bewegung versetzt. Auf diese Achse wird eine hohle Walze R vom größerem Durchmesser aufgesteckt. Auf dieser Walze wird das Filmband, dessen Ende durch zwei kleine Federklingen festgeklemmt wird, aufgerollt.
Die Reibung der Achse gegen die hohle Walze ist hinreichend, um

Abbildung 36[a]: Aufwickel-Kassette von Lumière, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 36[b]: Aufwickel-Kassette von Lumière, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

das Filmband, wenn es ihr durch den Zug der Greiferstifte zugeführt wird, aufzurollen, genügt dagegen nicht in der Ruhestellung. Dadurch aber, daß die Filmspule einen größeren Durchmesser besitzt als die Achse, und daß das Filmband von oben ankommt, kann die während ihrer Bewegung von der Spule aufgespeicherte Kraft im Augenblick des Stillstandes nur zu einer Schwingung um die Achse führen, so daß die Filmspule etwa die Lage erreicht, wie sie auf Abb. 36 durch die punktierte Lage angegeben ist, ohne in der Aufwicklung fortzufahren.
Der in der Kassette aufgerollte Film kann in dieser, vor Licht geschützt, transportiert werden, man kann ihn aber auch samt der Walze R, die dazu dient, die Filmrolle auch auf andere Apparate aufzustecken, aus der Kassette herausnehmen.
Von jeher hat das Wiederaufrollen von Filmbändern, besonders in Aufnahmeapparaten, allerlei Schwierigkeiten verursacht, und man darf wohl annehmen, daß auch diese Vorrichtung Lumières nicht immer zur vollen Zufriedenheit gearbeitet hat. Bei einer Betrachtung über die Handhabung der Apparate kommen wir nochmals darauf zurück. Jedenfalls finden wir gemäß einem weiteren Zusatzpatent vom 10. November 1896, von also fast zwei Jahren später, die Auf- und Abwickelvorrichtung des Apparates weiterhin vervollkommnet, indem die beiden Vorgänge der ruckweisen Bewegung des Films angepaßt werden und der Film in einer regelmäßigen Spannung gehalten wird. (Abb. 37 und 38)
Betrachten wir zunächst die verbesserte Einrichtung der Abwicklung. Wie schon früher geübt, wird der aufgerollte Film auf eine Achse B gehängt, deren Durchmesser kleiner ist als das Loch in der Rolle, so daß diese frei schwingen kann. Die Achse B ist im Inneren der Kassette C angebracht, die sich oben auf dem Apparate F befindet. Ein Spannungsregler, bestehend aus einem Hebel D, der sich um die Feste Achse B dreht, trägt an einem Ende eine zweite Achse E, um die der Film herumläuft, ehe er in den Belichtungskanal eintritt. Durch eine leichte Feder G, die sich am anderen Ende des Hebels befindet, wird der Film gespannt.
Aus dieser Anordnung ergibt sich, daß trotz der ruckweisen Fortbewegung des Filmbandes die Rolle eine ziemlich regelmäßige rotierende Bewegung beibehält; denn das zuviel abgerollte Filmband wird während der Ruhestellung vom Regler zurückgehalten, der während des Zuges die richtige Länge wieder herstellt.
Die Einrichtung der Wiederaufrollung der belichteten Filme wurde

Abbildung 37: Abwickel-Vorrichtung von Lumière nach dem Zusatzpatent vom 18.11.1896, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 38: Die gleiche Abwickel- und Aufwickel-Vorrichtung von Lumière nach dem Zusatz-Patent vom 18.11.1896, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

ebenfalls verbessert und die Aufwickelkassette nicht außerhalb, wie vorher, sondern jetzt im Innern des Apparates befestigt. Nachdem der Film bei der Aufnahme den Belichtungskanal F passiert hat, tritt er, eine Schleife P bildend, in die abnehmbare Aufwickelkassette I ein (Abb. 39) und rollt sich auf den Zylinder S auf, der auf der Achse J fest angebracht ist, die ihrerseits durch die Welle X des Apparates mit Hilfe von Friktionsrädern K K in Bewegung gesetzt wird. Dieser Einrichtung ist noch eine automatische Bremse hinzugefügt, die durch die Spannung des Films betätigt wird, und die dessen Aufwicklung nur in dem Maße zulässt, wie seine Spannung abnimmt. (Abb. 40)
Diese Bremse kann auf verschiedene Weise wirken: Wie aus den Abb. 39 und 40 ersichtlich, wirkt sie auf die Wangen H einer Spule, auf der der Film R aufgerollt wird. Letzterer gelangt zur Spule, indem er durch einen Führungskanal hindurchgeht, hinter dem er über eine Stütze M läuft, die an ihren Enden zwei kleine Bremshebel N und N trägt, die auf die Wangen der Spule H drücken können, für gewöhnlich aber durch leichte Federn hochgehalten werden.
Wenn das Filmband während der Ruhe durch die Abwickelvorrichtung gespannt ist, drückt es auf die Stütze M, überwindet den Federdruck und drückt die Bremse N auf die Spule, die sofort stillsteht; in Anbetracht des verhältnismäßig großen Durchmessers der Wangen genügt hierfür ein leichter Druck. Sobald sich der Film in Bewegung setzt, läßt die Spannung nach, die Bremsen lösen sich wieder von der Spule, und diese setzt ihren Gang fort.
Verschiedentlich wurde in Kinematographen die zur Aufwicklung benutzte Friktion durch zwei Kegelräder p p [recte: q p] ersetzt, um einem sicheren Transport der inneren, mit Gummi überzogenen Achse zu gewährleisten (Abb. 41, recte Abb. 42). Diese einfachen und geistvollen Einrichtungen bilden einen Ersatz für die Vor- und Nachwickeltrommel, die später in besonderer Ausführung, aber nur für die Vorführung in Benutzung genommen worden sind. Der Lumièresche Kinematograph war wohl der einzige Normalfilm-Apparat der Welt, der bei der Aufnahme lediglich einen Greifer als Transportorgan benutzte, und der es trotzdem erlaubte, 18 bis 20 Meter Film einwandfrei aufzunehmen.10
Der Antrieb des Lumièreschen Kinematographen erfolgte zunächst durch einen Motor, wurde aber sehr bald durch einen Zahnradantrieb mit Handkurbel ersetzt. Dieser Antrieb hatte anfangs eine Über-

10 Etwas sehr ähnliches findet sich in neuester Zeit bei einigen Amateur-Kinokameras für 9½ mm breiten Film.

Abbildungen 39: Aufwickel-Kassette von Lumière, Vorderansicht, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 40: Aufwickel-Kassette von Lumière, Seitenansicht Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 42: Die noch offene Treppenscheibe der Greifereinrichtung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

setzung von 1:6, später von 1:8 und blieb hinfort so. Die Zähne der antreibenden Räder waren anfangs gerade, wurden erst später schräg.
Eine langsame, beinahe vorsichtig tastende Verbesserung kann man beobachten beim Mechanismus zur Bewegung, zur Steuerung der Greifergabel.
Zur Steuerung der Greifergabel verwendeten die Lumières ausschließlich einen Exzenter in der Form eines Bogendreieckes mit abgerundeten Ecken, der eine gewisse freie Zeitspanne auszunutzen erlaubte, in der die Spitzen des Greifers ein- und austreten konnten. Die sogenannten Schlagarme wurde durch zwei kurze Treppen r r, wie sie diese Einrichtung selbst bezeichnen, ersetzt. (Abb. 41) [recte: Abb. 42]
Aber auch in dieser Form ist der Greifer noch immer nicht zwangsläufig gesteuert, denn es kann die Greifergabel während ihrer Funktion unter Umständen beliebig nach vor oder nach rückwärts ausweichen. Nach und nach gelangten die Konstrukteure zu einer Form, die man als „noch offene“ Treppenscheibe bezeichnen kann. Diese Bauart hat z. B. der Lumière-Apparat im Deutschen Museum in München (Fabrikationsnummer 66), Abb. 42 [recte: Abb. 41].
Der Ansatz an der Greifergabel wird von der offenen Treppe erst heraus und dann wieder hinein gedrängt, so daß bereits dadurch eine zwangsläufige Steuerung erzielt wird, wie aus der Abb. 42 gut zu ersehen ist. Später brachte man eine zweite Zinke am Mittelstück der Greifergabel an, welche ihrerseits um den Rand der Treppen- oder Kurven-Scheibe herumgriff. Dadurch kam unter Mitwirkung des Pariser Ingenieurs Carpentier die Form zustande, welche als „Lumière-Carpentier-Greifer“ allgemein bekannt wurde und durch die Abbildung 43 veranschaulicht wird. Auf der Achse B sitzt der Exzenter C, ein Bogendreieck mit abgerundeten Ecken, und gleichzeitig die Kurven- oder Treppenscheibe G. Zwei Schienen D, die auf dem Schieber E angebracht sind, berühren oben und unten den Exzenter und bewirken, daß beim Drehen der Achse B der Schieber E eine auf- und abgehende Bewegung ausführt. Der gabelförmige Greifer H, der in zwei Buchsen I gleitet, umfaßt mittels einer senkrecht zu den Greiferspitzen angeordneten Einkerbung die Kurvenscheibe G. Die Greiferstifte vollführen auf diese Weise außer der auf- und abgehenden Bewegung des Schiebers auch eine hin- und hergehende Bewegung, vermöge derer sie beim Niedergang in die Perforation des

Abbildung 41: Querschnitt (Aufsicht) durch den Apparat von A. & L. Lumière [im Deutschen Museum München], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 43: Der Lumière-Carpentier-Greifer, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Films eingreifen und beim Aufwärtsgehen zurückgezogen werden. Die Achse B trägt gleichzeitig die verstellbare Verschlußscheibe. Da nun immerhin ein gewisses Spiel notwendig war, um trotz des Eingriffes der Treppenscheibe während der Auf- und Abwärtsbewegung jedes Ecken oder Klemmen zu vermeiden, hat man wahrscheinlich langwierige Versuche anstellen müssen, ehe man eine praktisch befriedigende Ausführungsform fand.
Dieser kleinen technischen Schwäche hat Gillon (siehe dort) in sehr geschickter Weise abgeholfen. Die Abb. 44 zeigt die von Gillon in seinen Apparaten ausschließlich benutzte Konstruktion: Die Steuerung der Greifergabel erfolgte bei ihm nicht direkt von der Treppen- oder Kurvenscheibe aus, sondern durch ein Zwischenglied, das die zwangsläufige Steuerung durch eine gerade Führung für die Einkerbung der Greifergabel bewirkt. Dieses Zwischenglied wird von der Treppenscheibe gesteuert, braucht aber während dieser Bewegung seine Lage gegenüber der steuernden Scheibe nicht zu verändern, sondern schwingt um eine feste Achse.
Die Lumières benutzten ihren „Cinématographe“ nicht nur für ihren eigenen Zweck, sondern sie ließen ihn durch den erwähnten Carpentier in Serie anfertigen und brachten ihn später mit sehr interessanten Vorschriften über die zweckmäßigste Art seiner Bedienung in den Handel.
Äußerlich stellt der erste endgültige Typ einen Holzkasten dar, der 19 cm hoch ist und ebenso breit ist, während seine Tiefe 13 cm beträgt. Er ist vorn und hinten mittels Türen aufzuklappen. Die vordere Tür trägt das Objektiv, während die hintere eine lichtdicht schließende Öffnung zum Durchtritt der Achse bzw. zum Aufstecken der Kurbel zwecks Antrieb aufweist. Die Kassette, die den abzuwickelnden Film trägt, wird oben aufgesetzt, während die Aufwickelkassette im Inneren des Apparates befestigt ist. Abb. 45. Der Apparat trägt normalerweise ein namenloses Objektiv von etwa 50 mm Brennweite. Es ist ein symmetrischer Typ, der sogar eine feste Blende besitzt, die etwa 5 mm freie Öffnung aufweist. Die Frontlinse des Objektivs hat einen Durchmesser von 16 mm. In alten Preislisten wird es als Objektiv für Negative bezeichnet; es kostete 50 Franken. Man bot aber auch ein besseres Objektiv zum Preis von 126 Franken an, und zwar ein Fabrikat von Zeiss mit 54 mm Brennweite und einer Öffnung von 1:6,3 mit besonders erwähnter Irisblende.

Abbildung 44: Konstruktion von Gillon, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 45[a]: Äußere Ansicht des Cinématographe Lumière, Vorderseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 45[b]: Äußere Ansicht des Cinématographe Lumière, Rückseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Öffnet man die vordere Tür des „Cinématographe Lumière“, so erblickte man den aus zwei Teilen bestehenden Verschluß, Abb. 46, der für die Aufnahme meist bis zu 180 Grad geöffnet, für die Vorführung dagegen bis zu 120 Grad geschlossen wurde. Nach Lösen einer Schraube mit Linksgewinde konnte man die beiden Segmente beliebig gegeneinander in ihrer Stellung und damit auch in ihrer Öffnung verändern, während ein fester Stift auf der Achse jeweilig die richtige Stellung des Verschlusses zum Greiferzug sicherte. Diese Feststellung ist wichtig, weil es fast 10 Jahre gedauert hat, bis weitere Aufnahmeapparate auf dem Markt erschienen, die einen in seiner jeweiligen Öffnungen verstellbaren Verschluß hatten. Der erste, der diese Verstellung – [ohne] vorheriges Öffnen des Apparates – ermöglichte, war der von Debrie.
Nach Abnahme des Verschlußes, Abb. 47, erblickt man den vom Exzenter auf- und abbewegten Schieber mit dem Greifer und den Treppen oder der Treppenscheibe zur zwangsläufigen Steuerung des Greifers. Gegenüber dem Objektiv befindet sich das Bildfenster, und unter diesem öffnen sich zwei Schlitze, durch die die Greiferspitzen hindurchgreifen, um in die Perforationen des Filmes einfassen zu können.
Öffnet man die Rückseite des Apparates (Abb. 48), so erblickt man rechts den Belichtungskanal h h und links das große Zahnrad R, das mit einer Übersetzung von 1:8 auf die einzige Achse des Apparates, die Exzenter und Verschluss trägt, antreibend wirkt. Durch einen seitlich wirkenden Riegel t wird die nach unten aufzuklappende Andruckplatte V gehalten. Diese trägt oben eine durch zwei seitlich drückende Federn gehaltene blanke Glasscheibe g, die den Film gegen das Bildfenster möglichst plan halten soll und zum Zwecke des Einstellens leicht durch eine solche mit matter Fläche ausgewechselt werden kann. Um den sicheren Eingriff der Greiferspitzen in den Film zu gewährleisten, sind diesen gegenüber in der Tür zwei geschlitzte Federn k angebracht, die, ohne den Film zu beschädigen, nötigenfalls nachgeben, wenn die Greifer aus irgendeinem Grund nicht in die Perforation eingreifen sollten. Der Filmführungskanal h selbst ist mit schwarzem Samt ausgekleidet. Die Abwickelkassette (Abb. 49) besteht aus Nußbaumholz wie der ganze Apparat und wird an ihrer einen Seite durch einen Schiebedeckel verschlossen. Auf der dem Deckel entgegengesetzten Seite ist eine Achse o befestigt, die den Film trägt. Um diese Achse dreht sich ein Winkelhebel a b, der durch eine Zugfeder r gehalten

Abbildung 46: Cinématographe Lumière, Vorderseite geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 47: Vorderseite geöffnet. Die beiden Verschlußscheiben sind abgenommen, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 48: Rückseite geöffnet, die Tür ist heruntergeklappt [gut ist hier die Firmenprägung und die Seriennummer 326 erkennbar, es kann sich also nicht um die Kamera im Bestand des Deutschen Museums handeln], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 49: [Abwickel-Kassette des] Cinématographe Lumière mit eingelegtem Film [aus: Beschreibung des Kinematographen August und Louis Lumière. 1897, S. 12/15], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

wird. In der inneren rechten Ecke befindet sich ein mit Samt abgedichteter Schlitz. Diese Kassette wird auf dem Apparat mit einer Klammer m n, die man in eine Führungsschiene schiebt, befestigt. Die Aufwickelkassette besteht ganz aus Metall und ist auf Abb. 50, in ihre einzelnen Teile zerlegt, gut erkennbar. Sie öffnet sich in zwei Teile, die sich um ein Scharnier bewegen. Nach der einen Seite zu befindet sich eine große halbzylindrische Aushöhlung, die sich innen in einem Kanal fortsetzt, der in die obere Innenseite der Kassette mündet.
Durch diese Kassette geht außerdem von einem Ende zum anderen eine Stahlachse b hindurch, die leicht konisch ist und an deren linkem Ende sich eine große runde Scheibe P befindet, die durch eine Feder m ständig gegen die Friktionsrollen der Welle des Apparates drückt, wenn die Kassette aufgesetzt ist.
Auf diese Achse wird im Innern der Kassette ein Kupferzylinder c d, der außen mit Gummi überzogen ist, fest aufgesteckt, und um diesen Zylinder kann sich ein zweiter B [recte Kupferzylinder e] von bedeutend größerem Durchmesser drehen. Dieser letztere ist an seinen beiden Enden mit zwei Klammern h h’ aus Kupfer versehen, die dazu dienen, den Film festzuhalten. Diese Vorrichtung hat den Zweck, zwischen dem Zylindermantel und dem Zylinder vermittels der durch die Gummiumhüllung erzeugten Adhäsion eine Art von gleitender Bewegung herbeizuführen, und zwar in der Weise, daß der Zylindermantel nur die jeweilig durch die Greifer des Apparates fortbewegte Filmmenge aufrollt. Wenn der Film vollständig aufgerollt ist, so bildet er eine feste Rolle, die den ganzen Innenraum der Kassette einnimmt. Die Aufwickelkassette wird unmittelbar auf der Filmandruckplatte des Apparates (Abb. 48) unterhalb der Glasscheibe angebracht (Abb. 51). Dies geschieht durch zwei Schrauben, die in […] entsprechende, am oberen Teil der Aufwickelkassette befindliche Ausschnitte eingreifen. Von unten her wird die Kassette durch zwei Vorsprünge der Filmtür gehalten.
Für die Bedienung des Apparates zum Zwecke der Aufnahme gibt Lumière Vorschriften, die auch heute noch gelten, und die zeigen, wie schnell und zweckentsprechend man bereits damals gearbeitet hat. Wir können es uns nicht versagen, diese ebenso interessanten wie historisch wertvollen Angaben zur Bedienung des „Cinématographe Lumière“ hier wiederzugeben, zumal selbst heute einer Kamera kaum richtige Vorschriften zur Handhabung mitgegeben werden

Abbildung 50: Aufwickel-Kassette [aus: Beschreibung des Kinematographen August und Louis Lumière. 1897, S. 13], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 51: Abwickel-Kassette [in den Cinématographe Lumière eingesetzt], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

dürften.
Zunächst wird das Stativ erwähnt, von dem größte Stabilität gefordert wird, da es unbedingt die geringste Eigenbewegung des Apparates beim Kurbeln der Aufnahme vermeiden muß. Es wird gesagt, daß sonst die Bilder nicht „stehen“, sondern bei der Vorführung tanzen und wackeln. Die üblichen ineinanderschiebbaren Stative, wie man sie für Photokameras benutzt, genügen für diesen Zweck nicht.
Welchen Wert man damals auf den absolut festen Stand des Apparates legte oder, was dasselbe besagt, darauf, daß man die Bewegung der Kurbel nicht auf den gesamten Apparat übertrug, geht daraus hervor, daß Pathé, der bekanntlich das System Lumière später übernahm, die Kurbel nicht direkt am Aufnahme-Apparat, sondern an einem zweiten Stativ befestigte und durch eine biegsame Welle von dort aus den eigentlichen Antrieb übertrug; man darf sicherlich die vorbildliche Ruhe der Filme von Pathé teilweise dieser Maßnahme zuschreiben.
Die Original-Vorschriften von Lumière lauten wie folgt: [Anm. F]
„Handhabung. Zur Herstellung von Negativen sind folgende Handgriffe notwendig:
A. Einlegen des unbelichteten Films in die Kassette.
B. Einstellen
C. Einlegen des Films in den Apparat und dessen Betätigung
A. Einlegen des Films.
Hierzu muß man zunächst mit der Spulvorrichtung den unbelichteten Film von neuem abwickeln, indem man das freie Ende als inneres Ende nimmt, wobei die empfindliche Schicht nach innen liegt.
Hierauf steckt man die Filmrolle auf die Mittelachse der Kassette, so daß sich der Film im Sinne der Uhrzeiger abwickelt (Abb. 49). Dann bringt man das Ende des Films nach links, so daß es um den Winkelhebel herumgeht, und führt es nach rechts zurück, indem man es in den mit Samt ausgekleideten Schlitz führt.
Man achte darauf, daß man das Ende einige Zentimeter herauszieht. Nun schließt man die Kassette wieder mittels des Schiebers und sichert diesen mittels des auf der Oberseite angebrachten Sicherheitsriegels. Selbstverständlich muß diese Operation in der Dunkelkammer vorgenommen werden.
B. Einstellung.
Die Einstellung ist stets eine sehr heikle Angelegenheit und muß sehr sorgfältig vorgenommen werden. Man stellt im allgemeinen

Anm. F: Die nachfolgenden umfangreichen ins Deutsche übertragenen Zitate stammen offenbar aus einer zeitgenössischen Firmenschrift von Lumière. Diese Quelle wurde von Seeber auch bei Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Kinotechnik (Nr. 6, 1925, S. 137–141) nicht konkret benannt. Die Texte und Abbildungen sind teilweise identisch mit der im Deutschen Museum München überlieferten deutschsprachigen Firmenschrift „Beschreibung des Kinematographen August und Louis Lumière“ von 1897 (Sign. 1904 a 1041). Übereinstimmungen finden sich ebenfalls mit der französischen Veröffentlichung „Le Cinematographe Auguste et Louis Lumière“ in: La Revue du Siècle, Mai/Juni 1897, S. 241–251.

auf Gegenstände, die 5 Meter vom Apparat entfernt sind, ein. Über die Entfernung hinaus sind alle Objekte völlig scharf und davor in hinreichender Weise die noch bis 4 Meter gelegenen. Man prüft die Einstellung auf einem Stück mattierten Zelluloids mit Hilfe einer ziemlich starken Lupe.
„Es ist empfehlenswert, den Auszug des Objektivs genau festzustellen, um jedes Tasten und Suchen zu vermeiden, wenn man sich auf dem Operationsfeld befindet. Nur wenn es sich um eine Szene aus kurzer Entfernung handelt, ist es angebracht, die Einstellung zu ändern, aber das ist ein Ausnahmefall.
Dann regelt man die Blende je nach der Beleuchtung, indem man immer danach trachtet, die Öffnung der Blende so klein wie möglich zu halten, damit die Bilder schärfer sind. Nur in Ausnahmefällen, bei Objekten mit sehr schneller Bewegung, ist die Schärfe eher schädlich; denn sie ergibt auf der Filmwand ruckartige Bewegungen; etwas unscharfe Einstellung mildert den Fehler.
Schließlich ist noch von großer Wichtigkeit, daß man darauf achtet, die wiederzugebende Szene so gut wie möglich einzurahmen.
Anmerkung: Es ist vor allen Dingen sehr wichtig, die Stellung des Verschlusses nachzuprüfen. Dieser besteht aus zwei Scheiben. Die untere soll niemals aus der Stellung gebracht werden, die ihr durch den Justierstift angewiesen ist. Was die andere [Scheibe] betrifft, so muß man sie für die Aufnahme von Negativen so richten, daß sie bei Annäherung an die erste Scheibe mit dieser einen vollkommenen Halbkreis bildet, was man dadurch erreicht, daß man sie in der Richtung der Uhrzeiger dreht, und nicht etwa in entgegengesetzter Richtung. Diese Stellung ist nach den gemachten Erfahrungen die beste für alle Fälle.
C. Einlegen des Films.
Man klappt die Andruckplatte nach unten, indem man den Riegel, der sie in senkrechter Stellung hält, zurückschiebt. Man bringt die Kassette auf dem Apparat an, indem man den unteren Vorsprung in die zu diesem Zweck vorgesehene Schiene des Apparates schiebt. Nachdem die Kassette angebracht ist, muß das Filmende, das heraushängt, gegen die Samtauskleidung stoßen. Nun zieht man den Film etwa 25 cm lang heraus und hakt die Greifer, die man vorher in die höchste Stellung gebracht hat, in die Löcher der Perforation

ein.
Dann führt man das Ende des Films in die Öffnung ein, die in der Andruckplatte unterhalb der Gegenfeder für die Greifer angebracht ist, klappt die Andruckplatte wieder hoch und macht sie mit Hilfe des Riegels fest. Nun muß man den Film in die Aufwickelkassette einführen. Zu diesem Zweck nimmt man die geschlossene Kassette in die linke Hand und führt mit der rechten Hand das freie Ende des Films in die halbzylindrische Öffnung der Kassette, indem man ihn mit dem Zeigefinger der Linken dirigiert, und schiebt den Film leicht nach, bis sein Ende an der oberen Innenseite der Kassette herausschaut.
Hierauf führt man die Kassette in die auf der Außenseite der Andruckplatte angebrachte Vertiefung ein, in der sie durch die beiden oberen Schrauben und die untere Einfügung festgehalten wird. In dieser Lage muß die Kassette die gegen die Greifer drückenden Federn vollkommen bedecken. Nachdem man die kreisrunde Scheibe, die am Ende der Achse sitzt, nach links gebracht hat, prüft man nach, ob sie richtig gegen die Friktionsrolle drückt.
Dann öffnet man die Kassette und schlägt den halbzylindrischen Deckel zurück, zieht darauf das ganze freie Filmende zu sich herüber und befestigt die beiden äußersten Öffnungen in den Klammern des Zylindermantels (Abb. 51), worauf man das ganze freie Filmende fest darauf wickelt. Dann schließt man die Kassette.
Der Apparat ist nun fertig zum Gebrauch. Man schließt dann die rückwärtige Wand des Apparates, steckt die Kurbel in die links nach unten zu angebrachte Vertiefung und dreht nun im gewollten Augenblick die Kurbel mit einer Geschwindigkeit von zwei Umdrehungen in der Sekunde, wobei man den Apparat mit der linken Hand ganz fest hält (Abb. 52) und gegen das Stativ drückt, um Erschütterungen zu vermeiden.
Wenn das Band vollkommen abgewickelt ist (was man an dem Abnehmen des Widerstandes und an dem eigenartigen, durch den Greifer verursachten Geräusch erkennt), nimmt man die Kassette ab.
Vorsichtsmaßregeln.
Um bei der Aufnahme Unfälle zu vermeiden, muß man unbedingt nachstehende Vorschriften befolgen:
1. Man prüfe, ob der Film leicht und ohne Erschütterungen durch die Samtführung gleitet.

Abbildung 52: Die linke Hand hält den Apparat während der Aufnahme fest [aus: Beschreibung des Kinematographen August und Louis Lumière, 1897, S. 21], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

2. Man prüfe die Sauberkeit des Fensters, das sich vor der Glasscheibe befindet. Es kommt manchmal vor, daß der Samt ausfranst, und die Fäden, die sich dabei lösen, könnten sich auf jedem der Bildchen des Negativs unliebsam bemerkbar machen.
3. Die Druckscheibe aus Glas muß mäßig gegen den Film drücken. Man reguliere den Druck mittels der Federn, die die Scheibe halten.
4. Man reinige den Samt des Kanals sorgfältig mit einem Pinsel, um Staubteilchen zu entfernen, die den Film unfehlbar verderben.
5. Man prüfe, ob die lichtempfindliche Seite (die matte Seite) des Films nach dem Objektiv zu liegt und demnach die glänzende Seite nach dem Operateur zu.
6. Man entferne jedesmal, wenn man ein Negativ aufgenommen hat, mit einem Holzspatel die Teilchen der Emulsionsschicht, die oft an der halbzylindrischen Höhlung der Empfangskassette haften bleiben.
7. Man prüfe, ob zwischen der Friktionsrolle und der kreisrunden Scheibe der Aufwickelkassette vollkommende Adhäsion besteht. Man kann diese Adhäsion im Bedarfsfalle dadurch steigern, indem man eine leichte Wachsschicht auf die Friktionsschicht aufträgt.
8. Man höre niemals mitten in der Aufnahme auf, da sich bei deren Weiterführung Schwierigkeiten mit der Aufwicklung ergeben könnten.“
Zum Zwecke des Auf- und Umrollens eines Filmbandes wird eine Aufspulvorrichtung mitgegeben, die wie nachstehend beschrieben bedient werden muß. Originell ist bei ihr ein im Bodenbrett angebrachter Schlitz, der als Führung für den Film verhindern soll, daß sich dieser in bekannter Weise spiralig zusammenrollt oder seitlich ausweist. Die Anleitung lautet:
„Die Aufspulvorrichtung (Abb. 53) erleichtert das Aufwickeln des Films. V ist ein Schwungrad, das mittels einer Handkurbel in Bewegung gesetzt wird. Dieses Schwungrad treibt vermittels eines Lederriemchens eine Achse an, an deren einem Ende sich ein Hohlzylinder befindet, der in seiner ganzen Länge gespalten ist. Die ganze Vorrichtung ist auf einem Brettchen aus Nußbaumholz (c d), das man mit der linken Hand hält, montiert. Unter dem Hohlzylinder befindet sich in dem Brettchen eine mit Samt abgedichtete Öffnung. Das Ende des Films, das man zunächst durch diese Öffnung führt, wird dann in die Spalte der Wickelachse geführt. Nun dreht man mit regelmäßiger Bewegung das Schwungrad mit der linken Hand, bis der ganze Film aufgewickelt ist. Während dieser Arbeit muß man darauf bedacht sein, den Film unterhalb des Brettchens zwischen Zeigefinger und

Abbildung 53: Aufspul-Vorrichtung [aus: Beschreibung des Kinematographen August und Louis Lumière, 1897, S. 14], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Mittelfinger zu dirigieren, wie es die Abb. 53 zeigt, um zu verhüten, daß der Film sich spiralig dreht, wobei es möglich wäre, daß er einreißt.“
Der Cinématographe Lumière selbst kostete, als er einige Jahre nach seinem Bekanntwerden in den freien Handel kam, ohne jedes Zubehör 700 Franken, die Kurbel allein 10 Franken, die Abwickelkassette 15, die Aufwickelkassette 40 Franken. Ein Stativ wurde für 50 Franken angeboten.
Neben der Hauptbedeutung des „Cinématographe Lumière“ als Aufnahmeapparat war er durch entsprechende Zusatzeinrichtungen, wie Spezialkassetten, auch zum Kopieren der aufgenommenen Negative gedacht. Und schließlich fiel ihm noch die wichtige Aufgabe zu, die mit ihm aufgenommenen und kopierten Bilder auch vorzuführen. Für diesen Zweck, auf den wir nur ganz kurz eingehen wollen, wurde der Apparat auf ein besonderes Gestell montiert und anstelle der Abwickelkassette eine Haltegabel gesetzt. Das Gestell trug ein Lampengehäuse, und als Kondensor benutzten die Brüder Lumière eine Vorrichtung namens Glas-Kugel-Kondensor. Der gewöhnliche Kondensor mit Linsen hat den Nachteil, die Hitze auf den Film zu konzentrieren, und es kann vorkommen, daß dieser leicht Feuer fängt. Der Glaskugel-Kondensor besteht aus einer absolut sphärischen Glaskugel, die einen rohrartigen Hals hat und mit Wasser gefüllt ist. Er wird durch eine Metallfassung gegen die Lampe gehalten. Die Lichtstrahlen werden ohne erhebliche Einbußen an Leuchtkraft konzentriert und die Hitzestrahlen durch das Wasser fast vollständig absorbiert. Nach etwa 30-40 Minuten Benutzungsdauer fängt das Wasser in der Kugel an zu kochen. Um die Projektion des kochenden Wassers zu verhüten, genügt es, daß man das kleine Koksstückchen hineintaucht, das am Ende eines Metalldrahtes hängt. Das Wasser kocht dann ganz regelmäßig. Wenn die Glaskugel abgenommen wird oder zerbricht, so daß das Wasser herausläuft oder verdampft, so findet eine Sammlung der Strahlen nicht mehr statt, und es ist keine Erhitzung des Films mehr zu befürchten.
Die allererste Vorführung des Lumièreschen Kinematographen fand am 22. März 1895 in der „Gesellschaft zu Hebung der Industrie“ zu Paris unter dem Vorsitz des Astronomen Mascast [recte: vermutlich der Physiker Eleuthère Mascart], des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften [Präsident der Académie des sciences war 1895 Étienne-Jules Marey], statt. Ein einziger Bildstreifen wurde vorgeführt, der die Arbeiter von Lumière beim Verlassen

ihrer Fabrik in Lyon-Monplaisir darstellte.
Die zweite Vorführung erfolgte [am] 10. Juni 1895 in Lyon auf einer Sitzung der „Photographischen Gesellschaft Frankreichs“ unter dem Vorsitz des berühmten Pariser Astronom [Jules] Janssen. Dabei wurden 8 Bildstreifen vorgeführt, von denen der eine, der den Astronomen Janssen, den Erfinder des „photographischen Revolvers“, darstellte, am Morgen desselben Tages aufgenommen worden war: die allererste Filmreportage der Weltgeschichte. (Abb. 54 und 55)
Die dritte Vorführung erfolgte am 11. Juni 1895 in Paris, und die ersten allgemeinen öffentlichen Vorführungen begannen am 28. Dezember 1895 im Kellergeschoss des „Grand Café“ auf dem Boulevard des Capucines zu Paris. Jede Vorführung war kurz, und die Sujets denkbar einfach: Fabrikschluß der Lumière-Betriebe, ein fahrender Eisenbahnzug, Baby zu Tisch (Abb. 55), Wellengang am Ufer, der begossene Gärtner usw.
Nichtsdestoweniger hatten die öffentlichen Vorstellungen großen Erfolg, denn es war wirkliches Leben, was man auf der Filmwand sah. Aber niemand hätte ahnen können, was für eine Zukunft dieser Erfindung beschieden war. Jeder dachte, daß diese vervollkommnete „Laterna Magica“ nach kurzem Erfolg die Siegesbahn des Weltruhmes schnell wieder verlassen würde, daß der Kinematograph lediglich dokumentarischen Zwecken dienen werde. Selbst seine Erfinder waren weit davon entfernt, seine Weiterentwicklung zu ahnen.11
Auf den Namen Paul Müller, Köln a. Rh., lautet ein deutsches Reichspatent Nr. 92247 vom 25.8.1895, das als Gegenstand eine Vorrichtung zur Aufnahme und Projektion von Reihenbildern hat. Wie aus der Abb. 56 ersichtlich, wird ein perforiertes [Filmband] durch eine Zahntrommel kontinuierlich bewegt und ein absatzweises Schalten durch einen federnden Arm J erreicht, der das Filmband in dem Augenblick um eine gewisse Länge weiter schaltet, wo die Pressplatte H das Filmband im Belichtungsfenster freigibt. Es erscheint sehr fraglich, ob die absatzweise Schaltung sehr genau erfolgen konnte, und es ist nicht bekannt geworden, ob der Apparat jemals hergestellt wurde und zur praktischen Anwendung gelangte. Wir möchten ihn nur deswegen registrieren, weil er in der Patentliteratur ein früheres Datum zeigt, als die Patentschrift von Max Skladanowsky, Berlin, auf dessen Arbeiten wir noch später zurückkommen.

11 Über den „Kinematographen Lumière“ vgl. auch die Aufsatzfolge des Verfassers in: Kinotechnik 1925, 7. Jahrg., S. 54–60, 106–110, 137–141, 187–195.

Abbildung 54: Proben aus den ersten Filmen, die mit Lumières „Cinématographe“ aufgenommen worden sind [Still aus LE DEBARQUEMENT DU CONGRES DE PHOTOGRAPHIE A LYON, 1895], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 55: Proben aus den ersten Filmen, die mit Lumières „Cinématographe“ aufgenommen worden sind [Still aus LE REPAS (DE BEBE), 1895], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 56: Patentschrift von Paul Müller in Köln am Rhein, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Den Anlaß zu der Erfindung scheint die deutsche Patentschrift Nr. 80424 gegeben zu haben, die den Apparat von Demeny betrifft. Es wird nämlich in Müllers Patenschrift gesagt, daß bei Demeny die Festlegung des Filmbandes während der Belichtung lediglich dadurch bewirkt wird, daß der Zug auf dieses aufhört. Während bei der Müllerschen Vorrichtung eine Klemmvorrichtung vorgesehen ist, die zugleich ermöglicht, das Ausweichen des Films durch einen federnden Arm zu bewirken, der den Film dauernd gespannt hält. Dem Erfinder scheint nicht bekannt gewesen zu sein, daß diese Pressplatte bereits in der Patentschrift von Bouly in Frankreich zu finden ist. Als Verschluß benutzt Müller ebenfalls eine runde Scheibe mit Ausschnitt, die auf der Hauptwelle sitzt und von einem Gehäuse umschlossen ist. Weiter erscheint uns an Müllers Erfindung bemerkenswert, daß der Apparat selbst durch eine Scheidewand in der Objektivachsen-Richtung in zwei getrennte Räume geteilt ist, von denen einer die zum Antrieb erforderliche mechanische Einrichtung enthält, während in dem anderen Raum die Filmrolle mit Einrichtung zum sprungweisen Schalten untergebracht ist. Wie aus den Abbildungen in der Patentschrift hervorgeht, dürfte der Antrieb des Apparates durch einen Elektromotor oder vielleicht auch mit Hilfe einer Riemenübertragung von Hand erfolgt sein.
Es ist, wie gesagt, aus der einschlägigen Literatur nicht zu ersehen, ob die Erfindung praktisch ausgewertet wurde.
In der deutschen Patentliteratur finden wir weiter unter Nr. 85599 ein Max Skladanowsky in Pankow bei Berlin am 1.11.1895 erteiltes Patent, das als Gegenstand eine Vorrichtung zum intermittierenden Vorwärtsbewegen des Bildbandes für photographische Serienapparate und Bioskope hat. [Anm. G]
Das genannte Patent betrifft eine Vorrichtung zum absatzweisen Bewegen eines Bildbandes, und es wird in seiner Wirkungsweise durch die Abb. 57 leicht verständlich. Die Achse K ist in ihrem Lager lose, d. h. seitlich verschiebbar gelagert und wird durch ein besonders angeordnetes Spurrad R geführt, das mit dem Leitstift S am Metallaufsatz arbeitet. Die Nut dieses Spurrades, dessen Abwicklung die Figur [Abb.] 58 zeigt, hat zum Teil dieselbe Steigung wie die Schnecke M, und es ist klar, daß während dieser Strecke t das mit der Schnecke im Antrieb stehende Schraubenrad O sich nicht bewegen kann, weil sich erstere infolge der Leitspur gewisser-

Anm. G: Der gesamte Abschnitt zu den Brüdern Skladanowsky ist vom zeitgenössischen Skladanowsky-Streit – vor allem zwischen Oskar Messter und Max Skladanowsky – geprägt. In dieser Auseinandersetzung um die Anteile an der Erfindung des Films hatte sich Guido Seeber zunächst neutral verhalten und Skladanowsky in der filmhistorischen Schau auf der Kino- und Photoausstellung (Kipho) im September 1925 in Berlin gar ein Podium für seine Geräte und Schilderungen gegeben. Im Zuge der Umkopierung der Skladanowsky-Originalfilme auf 35-mm-Film durch Seeber Anfang 1926 machte sich bei ihm aber zunehmend Skepsis breit, was die Behauptungen von Skladanowsky betraf. Seeber schlug

Abbildung 57: Vorrichtung zum absatzweisen Schalten nach dem Deutschen Reichspatent 88599 von Skladanowsky, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 58: Spurrad für die absatzweise Schaltvorrichtung des Deutschen Reichspatents 88599 von Skladanowsky, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

maßen aus dem Schneckenrad heraus dreht. Ist jedoch der Endpunkt der Steigung erreicht – der bei etwa 6/10 des Umfanges liegt, damit der Filmstreifen ein wenig eher zur Ruhe gelangt, ehe die Verschlußscheibe das Objektiv öffnet –, so schiebt der Leitstift S die Achse samt Schnecke zurück, und es muß nunmehr auch das Schneckenrad der Bewegung der Schnecke Folge leisten. Es ergibt sich demnach, daß bei dieser Art eine intermittierende Bewegung des Filmstreifens erzeugt wird, ohne daß die Übertragungsorgane zeitweilig außer Eingriff kommen. Natürlich kann umgekehrt anstelle des Leitstiftes S das Leitrad entsprechend angeordnet sein, oder es kann eine Schrägscheibe auf der Achse angewendet werden.
Die erwähnte Patentschrift selbst beschreibt die Anordnung eines Projektions-Apparates mit der geschilderten absatzweisen Schaltvorrichtung, bei der zwei Filmbänder parallel laufen, um zu erreichen, daß während des absatzweisen, durch die Verschlußscheibe verdeckten Filmband-Transportes das Bild des anderen Streifens zur Projektion gelangt. Wir bemerken hier nebenher, daß diese Idee vorher wiederholt von verschiedenen Erfindern, unter anderen auch von Prestwich, London, versucht worden ist, und dieser gibt selbst zu, daß die Genauigkeit der arbeitenden Teile, wie auch der Lochung der Bänder nicht genügend groß sei, um eine genaue Deckung der beiden nacheinander zur Projektion gelangten Bilder einwandfrei zu erreichen.
Nach vorhandenen Inseraten und Besprechungen sollen die Brüder Skladanowsky am 1.11.1895 in dem bekannten Berliner Variété „Wintergarten“ ihre Filme gezeigt haben. Trotz unserer Bemühungen ist es nicht möglich gewesen, jemand ausfindig zu machen, der in der Lage wäre, über diese Vorführung zu berichten bzw. der Augenzeuge dieser Darbietung gewesen ist. Auf Grund unserer Forschungen können wir folgendes berichten:
Skladanowsky hat sich von jeher mit der Herstellung von Projektions-Diapositiven befasst und nebenher Lichtbildervorträge abgehalten. Wie Skladanowsky selbst berichtet, ist er Ende der achtziger Jahre, angeregt durch das alte Kinderspielzeug des Wunderrades, auf die Idee gekommen, lebende Photographien herzustellen. Er wollte anstelle der starren eine bewegte Projektion schaffen. Skladanowsky behauptet, irgendwelche Apparate anderer Erfinder nicht gesehen und alle seine Arbeiten aus eigener Initiative geschaffen zu haben. Zu diesem Zweck konstruierte er einen Aufnahmeapparat, der angeb-

sich hier nun deutlich auf die Seite von Oskar Messter, der die Leistungen von Skladanowsky und vor allem ihren zeitlichen Rahmen stark anzweifelte. Die negative bis polemische Sicht auf Skladanowsky deckt sich mit Seebers zeitgleichen Presseartikeln, etwa: „Seeber gegen Skladanowsky-Legenden", in: LichtBildBühne, Nr. 184/1932, vom 8.8.1932. Vgl. Joachim Castan: Max Skladanowsky oder der Beginn der deutschen Filmgeschichte. Stuttgart 1995.

lich im Jahre 1892 entstanden sein soll (Abb. 59, 60). Dieser weist bereits alle Hauptmerkmale der nach der Patentschrift Nr. 88599 [von Max Skladanowsky] patentierten Schaltvorrichtungen auf. Er benutzte für die Aufnahmen ein unperforiertes Filmband von etwa 5 cm [4,45 cm] Breite. Die Einrichtung der Kamera bestand im wesentlichen aus einer größeren Holzspule, die durch die vorerwähnte Schaltvorrichtung eine intermittierende Bewegung erhielt. Als Verschluß diente eine runde Scheibe mit Ausschnitt, und bei der Aufnahme wurde nach jedem Vorbeigang der Verschlußöffnung die untere Holzspule mit dem daran befestigten Filmband um ein Stück weitergeschaltet. In ähnlicher Weise wie bei Demeny wird es auch hier verständlich, daß durch das Aufwickeln der Filmbänder auf diese Holzspule, deren Durchmesser etwa 10-12 cm betragen haben dürfte, ihr Umfang größer [wurde] und damit ebenso auch die Länge des Weges, um den das Filmband fortgeschaltet wurde. Außerdem ergaben sich durch die fehlende Perforation und die verhältnismäßig primitive Ausführung der Kamera sehr ungleiche Abstände zwischen den einzelnen Bildern, so daß eine Wiedervereinigung, d. h. eine Vorführung dieser Bänder praktisch unmöglich wurde (Abb. 61). Um nun trotzdem solche Aufnahmen für eine Vorführung geeignet zu machen, schlugen die Brüder Skladanowsky folgenden Weg ein: Sie zerschnitten diese Filmbänder und montierten die einzelnen Bilder der Reihe nach auf eine große Glasplatte. Da sie nun damals mangels geeigneten Materiales keine Positiv-Filme erhalten konnten, kamen sie auf den Ausweg, von der Trockenplattenfabrik Matter in Mannheim sogenannten Planfilm in der Größe 24 x 30 cm, der mit Diapositiv-Emulsion überzogen war, zu benutzen. Sie fertigten also von ihren auf einer Glasplatte folgerichtig montierten Negativbildchen Kontakt-Kopien auf diesen transparenten Zelluloidblättern und zerschnitten diese, um sie Stück für Stück zu einem längeren Filmbande zusammenzukleben. Um nun trotz der sich aus diesem Verfahren ergebenden Ungenauigkeit einen gesicherten Transport im Projektionsapparat zu ermöglichen, brachten sie an der Stelle, an der zwei Bilder zusammenstoßen, je ein Perforationslochpaar an und verstärkten dieses später durch eingeschlagene Metallösen, genau wie solche bei Schnürschuhen zu finden sind (Abb. 62). Wir möchten heute bezweifeln, daß die Vorführung zweier so erhaltener Bildbänder, noch dazu unter Benutzung verhältnismäßig roh ausgeführter Apparate, ein einigermaßen erträglich anzusehendes Bild ergeben hat.

Abbildung 59: Apparat von Skladanowsky zur Aufnahme von Bildreihen, der angeblich im Jahr 1892 entstanden sein soll, Außenansicht [Fotografie von Max Skladanowsky für die oder auf der Kipho, 1925, mit fehlerhafter Datierung], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 60: Innenansicht [der ersten Skladanowsky-Kamera, Kurbelkasten I, Fotografie von Max Skladanowsky für die oder auf der Kipho, 1925, mit fehlerhafter Datierung], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 61: [Kontaktabzug vom] Negativstück, mit der Kamera von Skladanowsky aufgenommen. Man erkennt deutlich den ungleichen Abstand der Einzelbilder [aus KAMARINSKAJA, 1895], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 62: Ein mit Metallösen versehenes Filmband von Skladanowsky [aus KAMARINSKAJA, 1895], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Um ihren Doppelapparat überhaupt wirksam benutzen zu können, mußten sie ihre Bildreihen halbieren, d. h. in geraden und ungeraden Zahlen anordnen, um jeweils mit dem rechten bzw. linken Projektionsapparat das folgerichtige Bild vorführen zu können. Die wenig aussichtsreichen Versuche der Brüder Skladanowsky waren industriell nicht auszuwerten. Es trugen hierzu wohl auch die plötzlich auftauchenden, ihre eigenen Darbietungen gegenüber weit vollkommenere Vorführungen von Lumière und Méliès bei.
Dagegen verwandte Skladanowsky die von ihm herstellten Bildreihen zur Herstellung sogenannter Taschen-Kinematographen12, kleiner Bücher, die beim Blättern der einzelnen Bilder eine Bewegung vortäuschen.
Jedenfalls hat keiner der anderen Erfinder auf einem verhältnismäßig derart umständlichen und primitiven Wege versucht, zu einem Resultat zu gelangen.
Entgegen seinen Behauptungen hat Skladanowsky erst viel später [Herbst/Winter 1896] für seine Vorführungen das Malteserkreuz angewandt und Filme gezeigt, die bei einem Bildformat von 4 x 5 cm an der Seite vier Perforationslöcher trugen und vorzugsweise Vorgänge des öffentlichen Lebens in Berlin und an anderen Orten wiedergeben. Während der erste Apparat von Skladanowsky nur eine geringe Bildanzahl je Sekunde aufzunehmen ermöglichte, sind diese größeren Filme mit etwa 15–16 Sekundenbildern photographiert worden. Von dem dazu benutzten Aufnahmeapparat [heute als Kurbelkasten II bezeichnet, Bildformat 63 mm] sind aber weder Zeichnungen noch Einzelteile vorhanden; auch auf Befragen konnten genauere Angaben nicht ermittelt werden. Als beweiskräftiges Dokument sind nur die noch im Besitze von Herrn Skladanowsky befindlichen Negative bzw. Positivfilme aus jener Zeit in der Größe der vorgenannten Abmessungen vorhanden, die aber merkwürdigerweise mit den Filmgrößen einer in der damaligen Zeit im Handel befindlichen Kamera englischen Ursprungs übereinstimmen.
Bei dem von ihm später benutzten Projektionsapparat wurde angeblich zur Schaltung ein vierteiliges (!) Malteserkreuz verwendet, jedoch keinerlei Vor- oder Nachwicklung. Das Bildband wurde also von der Zahntrommel, auf deren Achse das Malteserkreuz befestigt war, direkt erfaßt und absatzweise geschaltet, und der die Schalt-

12 von Limet [recte: John Barnes Linnett] 1868 erfunden

periode abdeckende Verschluß befand sich zwischen Film und Lichtquelle.
Wir müssen aber zu unserem Bedauern feststellen, daß über die Art der von ihm später benutzten Aufnahmekamera, die nach unserer Meinung sehr genau gearbeitet haben muß, wenn man die Breite des Filmbandes in Betracht zieht, keine näheren Aufschlüsse zu erhalten sind. Skladanowsky zeigt dagegen heute noch die von ihm benutzten Entwicklungseinrichtungen, und zwar eine der bekannten Filmentwicklungstrommeln, sowie die von ihm benutzte Perforier- und Kopier-Einrichtung. Die Perforiereinrichtung bestand im wesentlichen aus einer Art Locher, wie man solche für Brief-Registraturen verwendet. Das Fortschalten des Filmbandes geschah von Hand, indem das zuvor erzeugte Lochpaar auf feststehende Stifte gesetzt wurde, um dadurch die Entfernung bis zum nächsten Lochpaar festzulegen (Abb. 63). In gleicher Weise funktionierte die Kopiereinrichtung, bei der man ebenfalls die beiden Filmbänder Bild für Bild von Hand weiterzog und auf Justierstifte aufsteckte, um sie dann durch eine kopierrahmenähnliche Vorrichtung gegeneinander zu pressen und durch Aufziehen eines Schiebers Bild für Bild zu belichten (Abb. 64).
Diese Tatsache allein könnte beinahe als Beweis dafür gelten, daß Skladanowsky später in der Tat mit einem Apparat fremder Herkunft Aufnahmen gemacht hat und sich in primitivster Weise, wahrscheinlich mangels finanzieller Mittel, die Bearbeitungseinrichtung für die erforderlichen Filme selbst herstellte. Dieser Umstand wäre geeignet, die Arbeiten von Skladanowsky in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, da er heute nur noch diese später hergestellten großen Bilder zeigen kann, während von seiner ersten tatsächlichen Einrichtung lediglich der eingangs beschriebene primitive Apparat zur Aufnahme von Reihenbildern vorhanden ist. Wir können daher lediglich die ersten Arbeiten von Skladanowsky als geschichtlich erwähnenswert bezeichnen, während die nachfolgenden Aufnahmen und seine späteren öffentlichen Vorführungen der noch heute in seinem Besitz befindlichen größeren Filme möglicherweise mit Hilfe einer von anderer Seite hergestellten Aufnahmeapparatur zustande gekommen sein dürften.
Die Führung des Filmbandes in allen Apparaten, in denen es absatzweise geschaltet wird, erscheint uns heute so einfach und

Abbildung 63: Perforier-Vorrichtung von Skladanowsky [Fotografie von Max Skladanowsky für die oder auf der Kipho, 1925], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 64: Kopierapparat von Skladanowsky [Fotografie von Max Skladanowsky für die oder auf der Kipho, 1925], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

selbstverständlich, als wäre sie nie anders gewesen.
Es wird das Filmband, was durch die absatzweise Schaltung bedingt ist, durch eine Vorwickeltrommel dem Schaltmechanismus gleichförmig zugeführt und nach dem ruckweisen Transport ebenso wieder durch dieselbe oder eine zweite Zahntrommel in gleichmäßiger Geschwindigkeit zur Aufwicklung geleitet.
Dieses Prinzip der Filmführung ist sonderbarerweise verhältnismäßig spät entstanden, wenn man überhaupt von „spät“ sprechen darf. Lumière hatte nur ein Bewegungsorgan, den absatzweise schaltenden Greifer. Dieser griff in das eine runde Loch der Lumière-Perforation ein und mußte die ganze Film-Vorratsrolle praktisch während eines Augenblicks bewegen. Außerdem mußte er gleichzeitig noch die starke Filmklemmung des mit Plüsch ausgelegten Führungskanals überwinden. Es war also nicht zu verwundern, wenn der runde Greifer in einem runden Loch bei seiner ganz geringen Auflagefläche sehr bald die Perforation entweder einriß oder aus ihren kreisrunden Löchern solche machte, die in ihrer Form einer Ellipse ähnelten.
Edison kannte ebenfalls nur ein Bewegungsorgan, die Zahntrommel; und betrachtet man die verschiedenen von Lumière bekannten Konstruktionen, so findet man fast stets, daß der absatzweise Filmtransport immer nur auf die ganze Filmrolle wirkte.
Nach den Forschungen von Liesegang scheint es außer Zweifel zu stehen, daß das Prinzip, das wir heute anwenden, nämlich das perforierte Filmband vor und nach dem ruckweisen Transport gleichförmig zu bewegen, zuerst von Birt Acres benutzt wurde. Birt Acres arbeitete sozusagen im Konkurrenzkampf gegen Lumière. Er photographierte das englische Universitäts-Bootsrennen zu Henley am 30. März 1895 in seiner „Kinetic-Camera“, das heißt also nur wenige Tage, nachdem die Brüder Lumière ihr erstes französisches Patent angemeldet hatten, kurz vor der Anmeldung ihres englisches Patentes. Tatsächlich scheint Birt Acres in diesem Wettkampf um die ideelle Priorität nur um wenige Tage geschlagen worden zu sein; sein englisches Patent ist um etwa 5 Wochen später datiert als das der Brüder Lumière, und schon in den ersten Tagen des Jahres 1896 scheint er seine erste öffentliche Vorführung veranstaltet zu haben.13
Diese Punkt ist aber von geringer Bedeutung; denn die Grundideen seines Apparates weichen von denen der Lumièreschen Konstruktion vollkommen ab.

13 Henry V. Hopwood: Living Pictures, London, 1899, S. 97

Über den Apparat „System Birt Acres“ veröffentlicht er selbst im British Journal of Photography vom 5. Juni 1896 folgende Beschreibung.14
„Apparat zur Aufnahme und Wiedergabe kinematographischer Photographien:
Es handelt sich darum, den Apparat so einzurichten, daß man den Film für die zur Aufnahme, Projektion oder direkten Betrachtung erforderliche Zeit jeweils vorübergehend unverrückbar festhalten kann, ohne daß, während die Bewegung des Apparates kontinuierlich weitergeht, eine unzulässige Beanspruchung des Filmbandes ausgeübt wird.
Zu diesem Zweck wird ein fortlaufendes Filmband mittels einer Zahntrommel, die in die Perforation an den Filmkanten eingreift, von der Vorratstrommel abgerollt. Hierauf nimmt es seinen Weg hinter dem Objektiv vorbei, wird dort für die kurze, für die Belichtung benötigte Zeit festgehalten. Dieses Feststellen erfolgt durch einen offenen Rahmen, den ein Nocken bewegt, der von einer von der Verschlusswelle angetriebenen Übersetzung seinen Antrieb erhält. Während der Zeit, wo der Film so festgehalten wird, würden die sich immer weiter drehenden Zahntrommeln das Filmband übermäßig belasten. Ich vermeide das, indem ich mittels einer gefederten Rolle das Filmband zwischen dem Feststellrahmen und den Zahntrommeln von seinem geraden Weg ablenke. Während der Film in Bewegung ist, lenkt ihn diese Feder ab, aber während er stillsteht, gibt die Feder nach, und die Zahntrommeln, die sich weiter drehen, nehmen nunmehr das schlaffe Stück auf. Sobald die Sperrung aufhört, drückt die Feder wieder aktiv gegen die Rolle, und der Film wird wie zuvor abgelenkt. Das Filmband wird dann auf einer zweiten Rolle aufgewunden.
Anstatt die Ablenkungsrolle mit einer Feder zu betätigen, kann man sie auch von einem Nockenhebel, der auf den Nocken des Stellrahmens eingestellt ist, antreiben lassen.
Die beigegebene Zeichnung Abb. 65 ist ein Schnitt durch das Gehäuse meines Aufnahme-Apparates mit einem Werk nach meiner Erfindung um Transport und Feststellen des Filmes. A ist der Objektiv-Tubus, hinter dem die Verschlußscheibe f montiert ist, die von Hand oder auf eine andere Weise angetrieben wird. Durch eine passende Übersetzung treibt sie einen Nocken e und die Zahntrommel c, c1 an.

14 Britisches Patent Nr. 10474 vom 27. Mai 1895

Abbildung 65: Birtac-Kamera von Birt Acres, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Über diese läuft das Filmband a, das von einer Spule b ab- und auf eine andere b1 aufgerollt wird.
Der Film gleitet zwischen einem Rollenpaar r r und der Vorderseite des bei h drehbar befestigten Hebels hindurch. Letzterer wird abwechselnd von dem Nocken e gegen den Film gedrückt und hält diesen fest, so daß er sich weiterbewegen kann, oder gibt ihn frei.
Die miteinander verbundenen Zahntrommeln c und c1 werden bei Beginn so eingestellt, daß zwischen ihnen eine Filmschleife bleibt. Diese wird von der Rolle g, die von der Feder g1 bewegt wird, aufgenommen, und so entsteht eine Biegung des Filmbandes. Da während der Sperrung des Filmes sich die Zahntrommeln weiter drehen, erzeugt c eine Schleife, während die Rolle g nachgibt und die Trommel c1 die von der Biegung herrührende Schleife aufnimmt.
Der Patentanspruch lautet:
In einem Aufnahmeapparat befindet sich in Verbindung mit sich kontinuierlich drehenden Zubringer- und Nachwickeltrommeln zur Fortbewegung des Filmbandes eine Klemmvorrichtung zum zeitweisen Feststellen des letzteren und eine Rolle, die den Film, während er nicht gesperrt ist, ablenkt und andererseits nachgibt, solange er festgehalten wird.“
Wir haben hier also zweifellos die erste öffentlich bekannt gewordene Benutzung von je einer Zahntrommel zum Vor- und Nachwickeln des Filmbandes, und zwar zu einem so frühen Zeitpunkt, daß man es heute kaum verstehen kann, wenn bis fast Ende 1897 die in Deutschland von Messter und anderen hergestellten Aufnahme- und Wiedergabeapparate nur einen einzigen, den Film transportierenden Teil, nämlich ein fünfteiliges Malteserkreuz aufwiesen.
An den von Gaumont fabrizierten Demeneyschen Aufnahme- und Wiedergabeapparaten war zwar eine behelfsmäßige Vorrichtung vorgesehen, um von der Vorratsrolle durch eine angepreßte Gummiwalze einen geringen Vorrat des Filmbandes herabzuziehen. Aber man benutzte keine besondere Zahntrommel, die mit Hilfe der Perforation eine wirkliche Schleife gebildet hätte. Auch Marey mühte sich, durch besondere Organe den direkten Zug beim absatzweisen Schalten seines unperforierten Filmbandes abzuschwächen.
Schließlich sei erwähnt, daß bei dem Aufnahme-Apparat von Friese-Greene und Evans (D.R.P. 56503 vom 25. Februar 1890) das unperforierte Filmband während des Stillstandes eine Wenig-

keit vorgewickelt und nach dem sprungartigen Schalten langsam aufgerollt wurde. Die Filmvorratsspule und die Aufwickelspule waren bei diesem Apparat durch eine aus einer Walze bestehenden Reibungskupplung verbunden, die gleichzeitig an die Außenwindung der beiden Spulen angepreßt wurde.
Wenn Birt Acres sowohl für die Vor- als auch für die Nachwicklung je eine Zahntrommel benutzte, so ist es ebenso interessant nachzuforschen, wer als Erster die heute in sehr vielen Apparaten gebräuchliche eine Zahntrommel gleichzeitig zur Vor- und Nachwicklung benutzt hat.
Dies dürfte ohne Frage Herman Casler in Canastota, Bezirk Madison, Staat New York gewesen sein.
Herman Casler konstruierte den „Biograph“ (USA-Patent vom 10. Dezember 1896), der damals durch seine Leistungen überraschte. Es war der einzige erfolgreiche Projektor für unperforierten Film.
Das Filmband hatte eine Breite von etwa 70 mm [recte: 68 mm] und eine Bildhöhe von 50 mm. Anfangs wurden 40, später nur noch 30 Bilder je Sekunde aufgenommen und vorgeführt. Die periodische Schaltung wurde durch das hier zum ersten Male angewandte Nockensystem (Reibungsscheiben) hervorgebracht. Infolge der fehlenden Perforation erforderte die Kontrolle des Bildschnittes eine außerordentlich sorgfältige Bedienung, und der Vorführer des Caslerschen „Biograph“ mußte sehr gewandt und aufmerksam sein.
Die im Herbst 1897 im Berliner „Wintergarten“ gezeigten Projektionen des „American Biograph“ von Casler erregten berechtigtes Aufsehen. Wenn man kurz nach Besichtigung einer solchen Projektion diejenige eines Normalfilms betrachtete, so gewann man den Eindruck eines Spielzeuges oder einer Amateur-Vorführung. Aber aus verschiedenen Gründen konnte sich der „American Biograph“ nicht halten, und er ist in seiner gewaltigen Wirkung nur noch denen im Gedächtnis, die seine Vorführung damals gesehen haben.
Die Aufnahme-Kamera für diese Filmgröße, der Mutograph (Abb. 66), wurde von Herman Casler bereits am 26. Februar 1896 in Amerika zum Patent angemeldet. Diese diente auch zur Herstellung der allgemein bekannten Mutoskopbilder, die Kontaktdrucke der aufgenommenen Filme waren. Um für diese eine Schaltmarke zu haben, wurde während der Aufnahme eines jeden Einzelbildes an beiden Seiten des Bildbandes gleichzeitig ein Loch perforiert.
Diese Kamera besaß als erste eine einzige, gleichzeitig zum Vor-

Abbildung 66: „Mutogaph“ von Herman Casler, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

und Nachwickeln des unperforierten Filmbandes dienende Trommel (Abb. 66).
In Form einer Zahntrommel war diese wohl zuerst in dem Aufnahmeapparat von Robert Paul in London zu finden; sie war zum Zweck der Bildeinstellung teilweise ausgespart. Auch Prestwich in London benutzte sehr früh (1898) nur eine einzige Zahntrommel zum Schleifenbilden.
Wir sehen also, daß unabhängig voneinander in zwei ganz verschiedenen Weltteilen diese kleinen, unscheinbaren, heute so ganz selbstverständlichen Transportorgane zuerst erdacht und benutzt wurden. Auch sie stehen also schon seit Jahrzehnten im Dienste des Films.
Im Amerika hatte ein Ingenieur Francis Jenkins die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gelenkt. Über seine Arbeiten hat er selbst ein Buch veröffentlicht, das den Titel trägt: Animated Pictures, Washington, 1898. Aus seinen Mitteilungen ist zu entnehmen, daß er die erste kinematographische Kamera mit einer intermittierenden Bewegung des Films etwa 1890–91 hergestellt hat. Er will damit eine große Anzahl Filme hergestellt haben und begann mit Experimenten zu deren Vorführung.
Weiter will er einen Apparat mit kontinuierlich laufendem Film bereits im Jahr 1891/92 konstruiert haben. Die Modelle seiner alten Einrichtungen sollen im U.S. National-Museum ausgestellt sein. [Anm. H]
Mit der Benutzung perforierten Films hat sich Jenkins angeblich bereits im Jahre 1892 beschäftigt. Er gibt auch Aufklärung bezüglich eines Transportmechanismus, wobei es sich um eine Art Epicycloidalbewegung [Planetengetriebe] handelt. Er selbst gibt weiter an, daß die erste öffentliche Vorführung seiner Apparate am 6.6.1894 stattgefunden und daß über diese wundervolle Erfindung das Richmond-Telegramm berichtet habe. Im Winter 1894/95 habe er im Franklin-Institut eine Vorführung gegeben und von letzterem im Jahres 1898 (!) die goldene Elliot-Cresson-Medaille erhalten, und zwar „für die Erfindung der ersten leistungsfähigen Vorführungsmaschine“.
Wir möchten dazu weiter bemerken, daß gemäß einer Durchsicht die Jahrgänge der Zeitschrift des Franklin-Institutes nichts von dieser Vorführung berichten und auch in den Sitzungsberichten keine diesbezüglichen Bemerkungen zu finden sind. Für die ganzen Arbeiten von Jenkins sind offizielle Belege nicht zu finden, auch keine älteren Berichte. Das einzige, das als zuverlässig anzusehen ist, sind die Patentschriften. In seinem Buche spricht er weiter von

Anm. H: Heute Teil des Smithsonian National Museum of American History, Washington

einer Vorführung auf der „Atlanta-Ausstellung“ 1905 [recte: 1895, Cotton States and International Exposition], und diese wird auch bei Hopwood, Living Pictures [S. 108] erwähnt. Es ist zu befürchten, daß Jenkins diese Daten reichlich früh angesetzt hat, jedenfalls hat man den Eindruck, da er erst später, nachdem schon von anderer Seite kinematographische Vorführungen gezeigt wurden, etwas wirklich Brauchbares zuwege gebracht hat. Im andern Falle wäre er wohl auch früher nachweisbar hervorgetreten. Bezeichnend hierfür ist die verhältnismäßig recht späte Verleihung der Elliot-Cresson-Medaille, die erst 1898 erfolgte.
Jenkins Apparat, der durch verschiedene Veröffentlichungen bekannt wurde, war das „Phantaskop“, eine Vorrichtung, die auf dem Prinzip des Demeneyschen Schlägers beruhte und wahrscheinlich für die Aufnahme, gewiß aber für die Vorführung benutzt worden ist. Besonders bemerkenswert erscheint uns die Anordnung seiner Kamera mit kontinuierlich laufendem Filmband, wobei eine Scheibe, die 15 Objektive trug, sich mit gleicher Geschwindigkeit wie der durchlaufende Film bewegte. Jedes Objektiv lief also ein Stück mit dem Film zusammen und führte während eines Bruchteils dieser Zeit die Belichtung aus. Die Verschiebung der optischen Achsen gegen die Bildmitte, die durch die Kreisbewegung hervorgerufen wird, war so gering, daß die Schärfe darunter nicht litt. Es sorgte nämlich eine rotierende Verschlußscheibe dafür, daß die Dauer der Belichtung und somit der seitlichen Bildwanderung auf dem kontinuierlich laufenden Filmband äußerst kurz war. Jenkins behauptet, mit dieser Kamera bis zu 250 Bildern je Sekunde habe aufnehmen zu können. Bei dieser Anordnung sind also alle ruckweisen Bewegungen vermieden und sowohl der Film als auch sämtliche Teile des Mechanismus bewegen sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit. Wie bereits bemerkt, eignete sich diese Konstruktion nicht für Normalfilm, sondern nur für breitere bzw. größere Bildbänder, da man die lichtstarken Objektive sonst nicht nahe genug zusammen anbringen kann. Ein ähnlicher Vorschlag, Aufnahmen mit gleichförmig bewegtem Bildband herzustellen, wurde bereits 1864 von [Louis] Ducos du Hauron angegeben. Über alle Arbeiten von Jenkins ist – wie schon erwähnt – kein vollwertiges Beweismaterial zugänglich, und wir können deshalb vorwiegend nur das aus seinem eigenen Buche stammende kritiklos wiederholen. [Abb. 67]
Robert W. Paul bedeutet für England zweifellos das gleiche, das die Brüder Lumière für Frankreich darstellen. Er trat zuerst im Londoner „Olympia“ an die Öffentlichkeit und zeigte seine Bilder während

Abbildung 67: Jenkins Kamera mit einem rotierenden Kranz von 15 Objektiven und Verschlussscheibe [aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. 86], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

einer Dauer von 4 Wochen in diesem Variété, so daß man dort bereits im Jahre 1896 ein großes, luxuriös eingerichtetes Theater für Filmdarbietungen finden konnte. Über seine Arbeiten auf produktionstechnischem Gebiete ist in der [Zeitschrift] Filmtechnik15 näheres zu finden. Uns interessiert vorzugsweise die von ihm gebaute Aufnahme-Kamera (Abb. 68). Das an sich kleine Apparatgehäuse ist durch eine in Richtung der Objektivachse laufende Wand in zwei Räume geteilt, von denen, rückseitig gesehen, der rechte das Räderwerk, der linke den Film und die transportierenden Organe aufnimmt. Oben ist die Abwickelkassette angebracht und an der Rückseite die zum Aufwickeln bestimmte (auf Abb. 68 abgenommen). Wie schon erwähnt, dient auch hier nur eine einzige Zahntrommel, die zum Zwecke der Bildeinstellung eigentlich nur aus zwei die Zahnkränze tragenden Scheiben besteht, gleichzeitig zum Vor- und Nachwickeln. Der ruckweise Transport wird durch eine unten am Belichtungskanal angebrachte Zahntrommel bewirkt, die durch ein Malteserkreuz geschaltet wird. Eine an der Rückseite angebrachte Öffnung gestattet die Einstellung des Bildes und wird hierauf durch die dort angebrachte Aufwickelkassette verdeckt. Wir finden weiter an der Rückseite eine Vorrichtung, die die durchgelaufenen Meter anzeigt, und rechts oben einen Kastensucher. Ein Spiralriemen besorgt die Aufwicklung des belichteten Films durch einen Mitnehmer an der Aufwickelkassette. Auf alle Fälle gelang es Paul, bereits gegen Ende des Jahres 1894 eigene Filmaufnahmen herzustellen, und zur Vorführung benutzte er einen Apparat, den er mit „Theatrograph“ bezeichnete.
Auch Österreich hat durch geschichtliche Feststellungen des Österreichischen Kinotechnischen Vereins auf Grund von Originalbelegen nachzuweisen versucht, daß der in Wien geborene Reproduktions-Techniker Theodor Reich16 frühzeitig auf kinematographischem Gebiet gearbeitet hat.
Die Arbeiten von Reich sind während seines Aufenthalts in London ausgeführt worden und betrafen zunächst eine Einrichtung ähnlich der photographischen Flinte von Marey, mit der auf einer rotierenden Scheibe eine Anzahl Momentaufnahmen eines fliegenden Vogels hergestellt wurden. Später benutzte Reich Filmbänder, die bei einer Filmbreite von etwa 42 mm und einem Bildausschnitt von 25 x 35 mm an

15 Vgl. A. Rabier (Dr. Konrad Wolter): Robert W. Paul schlägt Edison, in: Die Filmtechnik, 1927, 3. Jahrg., S. 179–182. Ders.: Der erste Filmtechniker Englands, ebendort, S. 260–263

16 Vgl. Photographische Korrespondenz, 63. Band, August 1927, S. 225

Abbildung 68: Aufnahmeapparat von Robert W. Paul in London, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

jeder Seite mit je einem Loch perforiert wurden. Wahrscheinlich hat Reich Gelegenheit gehabt, die Vorführungen von Lumière und schließlich auch die hierzu verwendeten Apparate kennenzulernen, und er hat auf Grund dessen seine weiteren Versuche unternommen. Bei Hopwood ist in der Patentaufstellung der englischen Patente unter Nr. 12128 vom 3.6.1896 ein Patentanspruch von Reich vermerkt, desgl. ein weiterer unter Nr. 7635 vom 24.3.1897 auf den Namen H. J. Duncan / T. Reich. Es soll später in London eine „Reich Improved Cinematograph Ltd.“ gegründet worden sein, die jedoch infolge eines Brandes bei einer Vorführung liquidiert wurde. Ohne Frage sind die Bemühungen von Reich, eine Kinokamera zu konstruieren, gebührend anzuerkennen, denn er hat mit Hilfe einfacher Mittel versucht, an der Lösung des Problems mitzuarbeiten. Im übrigen verweisen wir auf die zitierten Ausführungen in der Photographischen Korrespondenz.
In Deutschland wurde die erste größere Pionierarbeit, der eine wirklich dauernde praktische Auswirkung nachfolgte, von Oskar Messter, Abb. 69, in Berlin
durchgeführt. Er begann sich im Jahre 1896 mit der Herstellung von Vorführungsapparaten zu beschäftigen und hat nachweislich bereits am 3.6.1896 einen kompletten Kinematographen an einen Schausteller in festen Auftrag genommen. Über seine ersten Versuche, Film selbst herzustellen, berichtet Oskar Messter folgendes:
„Für meine eigenen Aufnahmen mußte ich, da Lumière seine Filme nicht verkaufte, desgl. keine Einrichtung für kinematographische Aufnahmen zum Kopieren und Entwickeln weder in der ganzen Welt zu haben war, noch Beschreibungen hierfür bestanden, alles selbst ersinnen und herstellen. Für meine erste Aufnahme benutzte ich einen gewöhnlichen Kodak-Film, den ich zuerst in entsprechend schmale Streifen schneiden, dann zusammenkleben und dann Loch für Loch perforieren mußte. Um schnell feststellen zu können, ob ich mich auf dem richtigen Weg befand, richtete ich ein Zimmer meiner Wohnung zur
photographischen Kamera her, indem ich einen Flügel meines Fensters herausnahm und die Öffnung mit einem Kistendeckel abdeckte, in den ich vorher ein rundes und ein viereckiges Loch geschnitten hatte, in das ich ein photographisches Objektiv einsetzte. Die übrigen Fensterscheiben beklebte ich mit braunem Packpapier. Hinter dem Objektiv baute ich meinen Transportmechanismus, wie ich [ihn] für Projektionszwecke gebaut hatte, so auf, daß ich auf der in die Bild- bzw. Fensteröffnung des Führungskanals eingesetzte

Abbildung 69: Oskar Messter, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Mattscheibe das scharfe Bild des sich vor meiner Wohnung befindlichen Stadtbahn-Viaduktes sah. Beim Schein des durch die rote Scheibe einfallenden Tageslichtes setzte ich meinen lichtempfindlichen Film genau wie zur Projektion ein und drehte, als ich durch das rote Fenster einen Stadtbahnzug ankommen sah, durch. Eine Waschschüssel diente zur Entwicklung und Fixierung, und das erste in Deutschland gefertigte kinematographische Negativ war fertig. Das Kopieren erfolgte anfangs ebenfalls mit primitiven Mitteln, dann verbesserte ich meine Einrichtungen so, daß ich bereits Ende 1896 [1.11.1896] im ‚Apollo-Theater‘ in Berlin mit Bildern, die ca. 4 x 5 mm groß waren, als erste Variété-Attraktion an die Öffentlichkeit treten konnte. Als erste deutsche Aufnahme wurde ein Bild auf der Westeisbahn in Berlin gezeigt.“
Die von Messter hergestellten Apparate-Konstruktionen erhielten rasch nacheinander ganz erhebliche Verbesserungen, und auch die von ihm hergestellten Aufnahme-Apparate wurden nach und nach zu einer großen Vollkommenheit ausgebaut und gleichzeitig das Fassungsvermögen von zunächst 15 auf 30, später auf 60 und mehr Meter erhöht.
Der Verfasser dieses Buches hatte bereits 1897 selbst Gelegenheit, die Messterschen Betriebe kennen zu lernen, und benutzte zu seinen ersten Arbeiten Messtersche Apparate nicht nur zur Vorführung, sondern auch zur Aufnahme.
Das beigefügte Bild, Abb. 70, zeigt einen der ersten von Messter hergestellten Aufnahmeapparate, der aus einem völlig geschlossenen glatten Holzkasten bestand, mit einem Kurbelantrieb, der noch links herum, also im entgegengesetzten Sinne des Uhrzeigers, zu betätigen war. Als Transportwerk dient ein sehr primitiv gearbeiteter Projektions-Mechanismus, aus einem Malteserkreuz mit Verschluß und einer kleinen Drahtspirale zum Aufwickeln des durchgelaufenen Films bestehend, der in der Dunkelkammer geladen werden mußte. Als Objektiv wurde ein Zeiss-Tessar mit der Öffnung 1:4,5 verwendet. Für alle seine Aufnahmeapparate benutzte Messer als absatzweise schaltendes Organ das Malteserkreuz und verbesserte dieses durch eine Spezialausführung in Verbindung mit einer entsprechend wirksam gestalteten Schwungscheibe. Er richtete auch, wohl als allererster, ein kleines Kunstlichtatelier ein und stellte seine ersten Atelieraufnahmen nur mit Hilfe von 6–8 großen Bogenlampen her. Der dazu verwendete Apparat wurde zuweilen von Hand, meist aber mit einem Elektromotor angetrieben (vgl. Abb. 71 u. 72).

Abbildung 70: Einer der ersten Aufnahme-Apparate von Messter (Vater Clemens Seeber neben Sohn Guido beobachtet mit der Stoppuhr die Umdrehungszahlen der Kurbel), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 71: Der „Thaumatograph“. Messters verbesserter Aufnahmeapparat (an der Handkurbel die Schnurscheibe für Motorantrieb), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 72: Aus Messters Betrieben. Aufnahme-Apparat mit Motorantrieb im Atelier [aus: Eduard Messter: Special-Katalog No. 32, 1898, Umschlag], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Ein besonderes Verdienst hat sich Messter dadurch erworben, daß er ebenfalls [als] erster eine Kamera auf den Markt brachte, auf der die beiden Filmrollen nebeneinander angeordnet waren. Dieser unter der besonderen Bezeichnung „Kinemesster“ (Abb. 73) erst für 30, später für 60 m hergestellte Aufnahme-Apparat war in seinem Umfange außerordentlich klein, und das Filmband wurde zum Zweck einer glatten Zuführung über zwei schräg stehende Stifte geleitet, um von der Abwickelkassette, die neben der zum Aufwickeln dienenden lag, gleichzeitig über die Zahntrommel, die zum Vor- und zum Nachrollen benutzt wurde, zur Aufwickelkassette zu gelangen. Eine spätere Apparat-Konstruktion von Messter ist ebenfalls aus den beigefügten Abbildungen 74 und 75 ersichtlich. Hier ordnete Messter, um eine bequeme Einstellung des Filmbildes zu erreichen, die Ab- und Aufwickelspulen nicht nebeneinander, sondern hintereinander in einer sogenannten Einraumkassette an, die im Unterteile der Kamera untergebracht war. Auf diesem ruhte ein kleinerer Aufbau, der das Objektiv trug und lediglich den Filmtransportmechanismus sowie [den] Belichtungskanal umschloß. Die Arbeiten von Messter auf dem Gebiete der Kinematographie waren sehr vielseitig und fruchtbar und wurden durch den Weltkrieg unterbrochen, um nach diesem leider nicht mehr in gleicher Weise fortgesetzt zu werden. Neben diesen Kameras für Normalfilm und Normalfrequenz stellte Messter auch eine Rapid-Kamera her, mit der Aufnahmen von etwa 100 Bildern je Sekunde gelangen.17
Es ist auffällig, daß in früherer Zeit die Veröffentlichungen über Aufnahmeapparate sehr spärlich waren. In der Öffentlichkeit erschienen wohl zuerst der Lumière-Apparat sowie der von L. Gaumont nach Demeneyschen Patenten. Beides aber waren Konstruktionen, bei denen die Kamera mit dem Vorführungsapparat kombiniert war. Es wäre zweifellos interessant nachzuforschen und festzustellen, ob sich im Jahre 1896 überhaupt schon eine spezielle Aufnahmekamera, die nur dem Zweck der Negativgewinnung diente, im Handel befand. Es macht den Eindruck, als ob die bestehenden Aufnahmeapparate von den Herstellern selbst zur Anfertigung ihrer eigenen Filme benutzt wurden und nicht verkäuflich waren, wie das Lumière anfangs handhabte. Herstellung und Verkauf der Filme war in damaliger Zeit offenbar die Hauptsache. Aus diesem Grunde dürfte der Kamerafabrikant ein Interesse daran gehabt haben, seine Kamerakonstruktion zunächst für sich selbst zu behalten, um der Konkurrenz durch Verkauf von Aufnahmeapparaten die Herstellung von Filmen nicht zu erleichtern.

17 [Fußnotentext fehlt]

Abbildung 73: Der „Kinemesster“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 74: Aufnahmeapparat von Messter mit unten liegender Einraum-Kassette, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 75: Aufnahmeapparat von Messter mit unten liegender Einraum-Kassette, geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

In Amerika scheint man anfänglich überhaupt keine Kameras für den Handel hergestellt zu haben. Edison hat seinen Aufnahmeapparat niemals zum Verkauf gestellt, und Jenkins kam über seine eigenen Versuche an Aufnahmeapparaten wohl kaum hinaus. Schließlich arbeitete dort noch Herman Casler, der aber zunächst auch von einem Verkauf seiner Kameras absah, erstens weil sie außerordentlich schwierig zu bedienen waren, und zweitens, weil die damit aufgenommenen Filme die Benutzung eines für große Bänder hergestellten Vorführungsapparates, den „American Biograph“, bedingten.
In Frankreich hatte man es also zunächst mit Lumière und Gaumont zu tun. Sie kombinierten Aufnahme-, Kopier- und Vorführungseinrichtungen. Gaumont lieferte im freien Handel. Aber in Frankreich selbst folgten sehr rasch eine Reihe von Firmen, von denen die nachstehenden namentlich erwähnt seien:
De Bedts, Joly, Perret et Lacroix, Gauthier, Demaria-Lapierre, Griolet, Zion, Dom Martin, Clément et Gilmer, Garigou-Lagrange, Méliès et Reulos usw.
Aber ob man bereits 1896 in Frankreich eine Kamera kaufen konnte, erscheint sehr fraglich.
In England waren Robert Paul und Birt Acres die ersten, die ihre Resultate öffentlich zeigten. Acres hat im Januar 1896 bereits eine Projektionsvorführung veranstaltet, wie aus Sitzungsberichten festzustellen war. Robert Paul kam ebenfalls 1896 heraus, aber auch er hat Aufnahmeapparate nicht verkauft, obgleich er in seinen späteren Katalogen alle übrigen zur Filmherstellung erforderlichen Geräte aufführte. Es läßt sich daher kaum mit Sicherheit eine Zeit nennen, von der ab jedermann ohne weiteres einen Aufnahmeapparat erwerben konnte. Selbst Messter benutzte anfangs, ähnlich wie der Verfasser, ein in einem lichtdichten Kasten eingebautes Projektionswerk, das eigentlich nichts weiter als nur ein absatzweise schaltendes Organ, nämlich ein Malteserkreuz mit rotierendem Verschluß, aufwies, während jegliche Einrichtung zum Vor- und Nachrollen des lichtempfindlichen Negativbandes fehlte. Vereinzelt mag es schon 1898 möglich gewesen sein, Aufnahmeapparate käuflich zu erwerben, während bereits im Jahre 1899 in den verschiedenen Ländern eine ganze Reihe von mehr oder weniger brauchbaren Konstruktionen auf dem Markt erschienen waren.
Wir wollen hiermit unsere Ausführungen über die Frühgeschichte des kinematographischen Aufnahme-Apparates schließen. Die Anzahl der im

Laufe der sich nunmehr anschließenden Jahre hergestellten Konstruktionen und Sondereinrichtungen ist allzu umfangreich, um sie übersichtlich zu beschreiben. Wir bringen im Band II dieses Buches deshalb keine folgerichtige „Geschichte“ der in den verschiedenen Ländern entstandenen Kinoaufnahmegeräte; statt dessen bieten wir kurze Charakteristiken und – soweit sie erreichbar waren – auch Abbildungen von 80 bemerkenswerten Modellen [bzw. Firmen, Anm. I]. Aus allen diesen haben sich im Laufe der Zeit und beim praktischen Gebrauch drei wesentliche Hauptformen herauskristallisiert, die erstens aus einer Bauart bestehen, bei der man die Kassetten hintereinander auf dem Apparatgehäuse anordnete. Der zweite, und zwar der am meisten verbreitete Typ benutzt eine Anordnung der Kassetten nebeneinander. Drittens ist noch, wenn auch als immer seltener werdender Typ, der sogenannte Englische zu beschreiben, bei dem man beide Kassetten in einem allseitig geschlossenen glatten Kasten übereinander anordnete.
Es hat heute den Anschein, als ob durch immer erneute Verbesserungen und Verfeinerungen in der Herstellung jener Typen mit im Innern eines kleinen, rings geschlossenen Gehäuses nebeneinander liegenden Kassetten diejenige Form gefunden ist, die für die nächsten kommenden Jahre das bevorzugte Aufnahmegerät sein und bleiben dürfte.

Ende der Frühgeschichte.

Anm. I: In der frühen konzeptionellen Phase des Buches plante Seeber offenbar, mit dem schließlich an dritter Stelle platzierten Abschnitt zu den Kameraherstellern fortzufahren und, wie auch aus anderen Textstellen abzuleiten ist, mit dem Teil zur Kamerakonstruktion zu enden.

Namen- bzw. Firmenindex Teil I

A
Acres 50, 51, 53, 60
Adams 5
Anschütz 12

B
Bell & Howell 30
Bouly 16, 17, 26, 45

C
Carpentier 35, 36
Casler 53, 60
Clément et Gilmer 60
Coissac 12

D
De Bedts 60
Debrie 37
Demaria-Lapierre 60
Demeny 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 45, 52, 55, 59
Dickson 10, 11, 13
Dom Martin 60
Ducos du Hauron 55
Duncan 57

E
Eastman 9, 11
Edison 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 50, 60
Evans 6, 8, 14, 52

F
Forch 12
Friese-Greene 6, 8, 14, 52

G
Garigou-Lagrange 60
Gaumont 20, 24, 59, 60
Gauthier 60
Gillon 36
Griolet 60

H
Hopwood 55, 57

J
Janssen 13, 44
Jenkins 54, 55, 60
Joly 60

K
Kodak 57

L
Le Prince 9, 10
Liesegang 50
Linnett 48
Lubin 30
Lumière 17, 23, 26, 29, 30, 31, 32, 34, 35, 37, 38, 39, 43, 44, 48, 50, 57, 59, 60

M
Marey 2, 3, 4, 5, 10, 11, 13, 17, 18, 25, 43, 52, 56
Mascart 43
Mayer 14
Méliès 30, 48
Méliès et Reulos 60
Messter 45, 46, 52, 57, 58, 59, 60
Müller 44, 45
Muybridge 8, 10, 11, 22

P
Pathé 39
Paul 30, 54, 55, 56, 60
Perret et Lacroix 60
Porter 15
Prestwich 46, 54

R
Reich 56, 57

S
Skladanowsky 44, 45, 46, 47, 48, 49

T
Trutat 24

Z
Zeiss 58

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