Die Kommissarinnen

Pressereaktionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2004

Die eine schießt, die andere nicht

Von Andreas Kilb        

Wenn der Eßtisch leergeräumt, das Geschirr gespült, das Telefonat erledigt, das Kinderbuch vorgelesen ist, kommt ihre Zeit. Während draußen die Nacht auf die Straßen sinkt und drinnen die Heizungen laufen, tragen sie einen Traum von Gefahr und Gewalt in die Wohnzimmer, ins schützende Karree der Stehlampen und Polstermöbel.

Sie sind alle vom gleichen Schlag und doch so verschieden – mild und brutal, blitzschnell und träge, einfühlsam und kalt. Die eine weint, die andere nicht, die eine schießt selten, die andere nie. Fast alle tragen Hose, die wenigsten Rock, und fast allen fehlt, was jenen, die ihr Schicksal mit der Fernbedienung verfolgen, am wichtigsten ist: Kinder, Familie, ein Heim.

Sie leben in Provisorien, sie entwickeln sich weiter, und mit ihnen die Form, die sie ausfüllen: der deutsche Fernsehkrimi, ein Genre mit ganz eigenen Gesetzen, vielfach vernetzt und doch einzig auf der Welt, ein Erzählformat als Nationalkunstwerk. Gäbe es ihn nicht, sie müßten ihn erfinden, damit Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herrscht im Olymp des Scheins, wo die Familienserien noch immer die patente Mama, die Liebesmelodramen das Weibchen propagieren.

Sie sind Kommissarinnen. Das sagt sich leicht, und inzwischen erscheint es auch ganz selbstverständlich, aber der Weg dorthin, den das Berliner Filmmuseum in einer verdienstvollen Ausstellung dokumentiert, war lang. Nach Emely Reuer, die als Assistentin im Dienstzimmer des "Kommissars" Erik Ode saß und die floralen Kleidermuster der frühen siebziger Jahre vorführte, kam lange nichts.

Dann betrat Nicole Heesters als Oberkommissarin Marianne Buchmüller die Bühne des "Tatorts". Mit Baskenmütze und Bobfrisur spielte sie die Küchenvariante von Emma Peel, aber selbst das war den Programmverantwortlichen noch zuviel; nach nur drei Folgen verschwand die Figur in der Versenkung.

Erst mit Karin Anselm als Hanne Wiegand und vor allem mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, der mittlerweile dienstältesten "Tatort"-Ermittlerin, wurde die Kriminalkommissarin zur ständigen Erscheinung auf dem Bildschirm.

Im Berliner Filmmuseum sieht man Ausschnitte aus dem Odenthal-Debüt "Die Neue": Der mordverdächtige Michael Mendl führt Lena beim Sportbogenschießen die Hand und nennt sie gönnerhaft "Penthesilea";die Pistole, die sie später in höchster Not zücken darf, bleibt züchtig unter ihrem Mantel verborgen. "Die öffentlich-rechtlichen Krimiserien waren (und sind) Truppenübungsplätze zur Ausbildung legitimer Autorität maskuliner Ausprägung", resümiert Gabriele Dietze in ihrem klugen Katalogaufsatz. Erst Folkerts, deren Figur in fünfzehnjähriger Dienstzeit immer mehr zum Alter ego der Schauspielerin wurde, stieß die Tür zum Allerheiligsten des "Tatorts" so weit auf, daß ihre Kolleginnen hindurchgehen konnten, Sabine Postel, Eva Mattes, Andrea Sawatzki, Maria Furtwängler.

Schließlich erschienen, neben den "postfeministischen" (Dietze) Polizistinnen der Privatsender, die Krimi-Galionsfiguren des ZDF, Hannelore Hoger als Bella Block, Iris Berben als Rosa Roth, zuletzt Ulrike Kriener als "Kommissarin Lucas" und das "Duo" aus Ann-Kathrin Kramer und Charlotte Schwab. Inzwischen herrscht annähernd Geschlechtergleichheit im deutschen Fernsehkrimi. Nur durch den zunehmend untoten "Fall für zwei" weht noch der Männerdunst von gestern; aber nicht mehr lange.

Der schönste Raum der Berliner Ausstellung zeigt die visuellen Steckbriefe von fünfzehn der wichtigsten Fernseh-Ermittlerinnen, fotografiert von Herlinde Koelbl: Profil, Frontalansicht, Porträt mit Dienstwaffe, Großaufnahme der Schuhe. Gerade die Pistolenfotos verraten viel über das Verhältnis der Aktricen zu ihren Rollen, mehr noch als die beigefügten Selbstaussagen. Ann-Kathrin Kramer steckt die Waffe lässig in den Hosenbund, Andrea Sawatzki richtet sie gegen sich selbst. Corinna Harfouch hält sie wie einen Kleiderbügel, Ulrike Folkerts wie ein Erbstück. Charlotte Schwab versteckt sie hinter ihrem Rücken, Hannelore Hoger in ihrem Mantel. Iris Berben zielt auf das Auge des Betrachters, Ulrike Kriener auf seinen Bauch.

Nur eine hält die Pistole wie einen schweren, furchtbaren, todbringenden Gegenstand. Das ist die sechzehnte Kommissarin: die echte. Marion Wieczorek, Leiterin der Potsdamer Kripo-Außenstelle Neuruppin, steht ernst und breitbeinig vor Koelbls Kamera, wie es der Wirklichkeit ihres Berufs entspricht. "Wenn ich im Außendienst bin und den ganzen Tag die Pistoletrage, habe ich am Abend Kreuzschmerzen." Diesen Satz könnte sich kein Drehbuchautor ausdenken, und gute Quoten brächte er vermutlich auch nicht; Kreuzschmerzen haben die Zuschauerinnen schon selbst genug.

Wenn man durch die Räume der von Gerlinde Waz und Peter Paul Kubitz konzipierten, von Hans Dieter Schaal gebauten Berliner Schau geht, fällt einem nicht auf, wie dünn der Firnis der kriminalistischen Gleichstellung ist, wie jung das Phänomen, das hier dokumentiert wird. Man muß es nachlesen. Die meisten der gezeigten Kommissarinnen sind erst seit den späten neunziger Jahren im Dienst, viele der heute noch aktiven sogar erst seit drei oder vier Jahren. Der "warenförmige Feminismus", die Mischung aus nackter Haut, coolen Sprüchen und gezielten Schlägen, die Gabriele Dietze in den Krimiproduktionen des Privatfernsehens ausmacht, ist auf den Monitoren des Medienraums unterrepräsentiert. Statt dessen dominieren die öffentlich-rechtlichen Zugpferde: Rosa Roth, Bella Block, die "Tatort"-Frauen.

Aber gerade an den Rändern, da, wo das Genre aufweicht, liegt vielleicht seine Zukunft. Seit dem "Greifer" des Hans Albers war der väterliche Kommissar eine feste Größe im deutschen Bildergedächtnis. Jetzt haben ihn die mütterlichen Kriminalerinnen beerbt; Söhne und Töchter werden folgen. Aber die Hierarchie ist dabei, zu zerbrechen, "Sokos" und Teams rücken an die Stelle der Patriarchen und Patriarchinnen. Die Kommissarin ist eine Abschiedsfigur. Das Filmmuseum entbietet ihr den gebührenden Gruß.

 

Berliner Morgenpost, 21.10.2004

Spuren der Polizeiarbeit
Seitdem Ulrike Folkerts vor 15 Jahren die Rolle der Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal übernommen hat, sind Ermittlerinnen im deutschen Fernsehen auf Erfolgskurs. Jetzt kann man sie auch im Berliner Filmmuseum in Aktion sehen

von Birgit Warnhold

Das ist doch Lena, natürlich, Lena Odenthal, Hauptkommissarin bei der Kripo Ludwigshafen. Die kennen wir doch. Auch die anderen: Bella Block, Lea Sommer, Eva Blond, Inga Lürsen, Rosa Roth – die bekanntesten Polizistinnen unserer Republik haben sich hier versammelt. Nur eine, die kennen wir nicht: Das ist Marion Ursel Wieczorek, Kriminalhauptkommissarin bei der Kripo Potsdam. Wir können sie auch nicht kennen, denn sie ist echt – und nicht aus dem Fernsehen.

Es ist ein faszinierendes Rollenspiel, das in den Fotografien von Herlinde Koelbl sichtbar wird, die von morgen an im Filmmuseum am Potsdamer Platz zu sehen sind. "Die Kommissarinnen" heißt die Ausstellung, die von der erkennungsdienstlichen Behandlung bis zu den Kleidungsstücken, die die Schauspielerinnen bei bestimmten Einsätzen getragen haben, die spannende Welt des Fernseh-Verbrechens präsentiert – nicht ohne Humor, wie zum Beispiel kleine Fundstücke von einem möglichen Tatort zeigen, die den Betrachter gleich zu Beginn der Schau erwarten.

Das Herzstück jedoch sind die Fotografien, die Herlinde Koelbl für diese Ausstellung und den bei Nicolai erschienenen Katalog aufgenommen hat. Von jeder Kommissarin – es sind 15 plus KHK Wiecorek aus Potsdam – gibt es zum einen eine Dreierserie der Art, wie sie – das wissen wir aus dem Fernsehen – bei der erkennungsdienstlichen Behandlung von Verdächtigen gemacht wird: Profil, Frontalansicht, Halbprofil, alle nebeneinander. Dann sehen wir jeweils ein Foto von den Schuhen, immer ein wichtiges Indiz für die Identifizierung; und drittens präsentieren sich die Frauen auf großformatigen Porträts mit Pistole.

Ist die erste Fotoserie Ausdruck eines launigen Spiels mit den gegensätzlichen Rollen von Verbrecher und Polizist, und mögen die Schuhe als Charakterisierungsmerkmal eines Menschen – ob nun kriminell oder nicht – dienen, so vollzieht sich auf den großformatigen Bildern die Gleichsetzung von Person und Polizistin.

Eine der bekanntesten Fotoserien von Herlinde Koelbl heißt "Spuren der Macht", und sie zeigt anhand prominenter Politiker die Verwandlung des Menschen durch sein Amt. Ähnliches passiert bei den "Kommissarinnen", obgleich das nichts mit ihrem eigentlichen Leben zu tun hat und sie diese Identität durch Schauspielerei quasi erworben haben. Dennoch ist es in beiden Fällen – ob Politik oder Schauspielerei – die Rolle, die den Menschen in seiner Erscheinung prägt – und die genauso unsere Wahrnehmung von ihm bestimmt. Gleichgültig, ob es sich um Realität oder Fiktion handelt. Das ist das Spannende, das man in dieser Ausstellung sehr gut nachvollziehen kann. Ulrike Folkerts ist nicht Ulrike Folkerts, sondern Lena Odenthal, Ulrike Kriener ist Ellen Lucas (Kripo Regensburg), und Iris Berben ist Rosa Roth, die unerschrocken auf die Augen des Betrachters zielt.

Die großformatigen Porträts wirken hart, sie sind geprägt durch klare Konturen, Schwarz und Weiß, als sollte die Gestaltung mit der Härte der Polizeiarbeit korrespondieren. Dennoch ist hier auch etwas Anderes zu sehen: Verletzlichkeit, Einsamkeit. Das sind Frauen, die nicht nur cool sind, die auch leiden, die sich sehnen, die lieben und die manchmal sehr attraktiv sind. Im Gegensatz zu vielen ihrer männlichen Kollegen wird ihnen im allgemeinen auch ein Privatleben zugestanden; die eine hat einen Liebhaber, die andere ein Kind, manchmal gibt es auch beides. Allein Lena Odenthal kommt über ihren Kollegen Mario Kopper und seine hervorragend kochende italienische Mutter nicht so recht hinaus. Vielleicht liegt es daran, daß Ulrike Folkerts die Dienstälteste ist, daß sich das Profil weiblicher Ermittler erst langsam entwickeln mußte. Lena Odenthal ist mittlerweile seit 15 Jahren dabei, da wird sie wohl auch weiterhin die Wohnung nur mit einer Katze teilen müssen. Beliebt ist die Kommissarin auch so, jedenfalls bei den Fernsehzuschauern.

Es ist der Blick auf das Innenleben der Protagonisten, der den Krimi – im Film, im Fernsehen und im Roman – in den letzten zehn, 15 Jahren stark verändert hat. Psychologisch angelegte Geschichten haben das einfache Who-dunnit-Prinzip und die knallharten Typen zunehmend zurückgedrängt. Das gilt für die Biographie des Täters, das gilt aber auch für die Charakteristik der Ermittler. Daraus erklärt sich auch die wachsende Zahl weiblicher Krimi-Fans – und der Erfolg der Kommissarinnen.

Die Beliebtheit dürfte damit zusammenhängen, daß den Frauen im Polizeidienst etwas ungemein Bemerkenswertes gelungen ist: Sie bringen Karriere (und das auch noch in einer absoluten Männerdomäne!) und die Rolle der Frau unter einen Hut. Auf der einen Seite werden sie also dem gesellschaftlichen Anspruch auf Emanzipation gerecht, auf der anderen Seite verfügen sie – die eine mehr, die andere weniger – über Attribute, die man konventionellerweise mit der Rolle der Frau verbindet. Möglicherweise speist sichauch ein Teil des Erfolgs aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem "schwachen Geschlecht" und dem harten Geschäft, eine Ambivalenz, die zu dieser so menschlichen und einnehmenden Verletzlichkeit führt. Auch manifestiert sich in den Kommissarinnen ein wenig der Mythos der Schmerzensmutter, die die Welt vom Leid befreit. Dafür nimmt sie eigenes Leid auf sich: Ein richtig intaktes geschweige denn bequemes Familienleben hat sie nicht, und manchmal ist sie einfach verdammt allein. Auf sich zurückgeworfen. Ganz privat, ganz Mensch.

 

Süddeutsche Zeitung, 22.10.2004

Bilder einer Ausstellung
"Die Kommissarinnen": Das Fernsehen macht Geschichte

von Christopher Keil

So könnte ja ein Krimi beginnen: Eine Foto-Ausstellung wird eröffnet. Der Kurator spricht. Die Fotografin erklärt. Die Journalisten begutachten. Und plötzlich ist Feuer-Alarm. Das Gebäude muss geräumt werden, meistens bleibt dann ein Toter übrig.

In Berliner Filmmuseum/Fernsehmuseum haben die Kuratoren Peter Paul Kubitz und Gerlinde Waz am Donnerstag den Zyklus "Die Kommissarinnen" vorgestellt, eine Ausstellung, für die Herlinde Koelbl 15 deutsche Fernsehkommissarinnen fotografiert hat – beispielsweise Corinna Harfouch ("Eva Blond!") und Hannelore Elsner ("Die Kommissarin"). Während die Journalisten begutachteten, wurde Feuer-Alarm ausgelöst. Das so genannte Filmhaus am Potsdamer Platz musste geräumt werden. In diesem Fall kam heraus, dass eine Putzkolonne zu viel Staub aufgewirbelt hatte und die Feuermelder aktivierte.

Wenn man sich für das Genre wissenschaftlich interessiert, wird man im Katalog mit dem Aufsatz "Die Kommissarin: Eine deutsche Medienkarriere" sehr umfangreich bedient. Gabriele Dietze hat eine Entwicklungsgeschichte entworfen, die parallele Verläufe in Ost (beginnend mit "Blaulicht") und West (beginnend mit "Stahlnetz") nachzeichnet, die deutsche Einheit erfasst und bis zur Gegenwart reicht.

Zwischendrin taucht eine Referenz an den Systemtheoretiker Niklas Luhmann auf, was damit zu tun haben könnte, dass Frau Dietze an der Berliner Humboldt-Universität Gender Studies lehrt. Medien seien Organe zur Selbstbeobachtung, wird Luhmann zitiert. Der kluge Satz soll helfen, die seit 1948 wachsende Zahl deutscher Fernsehkommissarinnen soziologisch einzuordnen. Also: "Frauenbewegung", "Einbruch in die Männerdomäne", "kinderlose Unabhängigkeit", "Power-Single". Und so weiter. Medien sind aber auch Organe der Selbsttäuschung. Passenderweise wird die Erkenntnis präsentiert, dass 2004 in Deutschland "nur acht Prozent aller Stellen in der Kriminalpolizei mit Frauen besetzt" wurden. Die ARD hat eine Analyse ihrer Krimis anfertigen lassen: Grundsätzlich schalten mehr Frauen als Männer ein, wenn Frauen ermitteln. Frauen als Kommissare dürfen mehr als Männer. Sie dürfen schwach sein, orientierungslos, verzweifelt. Weil Krimis eigentlich Männersache sind, versuchen die TV-Planer, Frauen zu gewinnen – mit Frauen. Diese Wissenschaft heißt Quote, und sie bestimmt, was zu sehen ist.

Der Ausstellungskatalog listet 55 Fernsehkommissarinnen auf, von denen 32 noch im Programm sind. Sie heißen Rosa Roth, Bella Block, Lizzy Krüger oder Charlotte Sänger. Herlinde Koelbl hat die Schauspielerinnen schwarzweiß fotografiert, mit ihren Dienstwaffen. Dazu ihre Schuhe und ihren Handabdruck. Das sei wie eine erkennungsdienstliche Behandlung gewesen, sagt Herlinde Koelbl, eine Umkehr der Perspektive: die Verbrechensbekämpfer im Täterprofil. Entstanden sind Bilder von einer bemerkenswerten Vielfalt, und sie brechen den Fernseheindruck. Die Schauspielerinnen sollten sich frei inszenieren. Das haben sie getan.

 

taz – die tageszeitung, 27.10.2004

Immer im Dienst
Eine Ausstellung in Berlin widmet sich echten und fiktiven Frauen im Polizeidienst: Stark ist der historische Rückblick, schwach sind die Bilder

von Jenni Zylka

Echte Fernsehkommissarinnen sind extrem selten. Im gehobenen Dienst der Polizei arbeiten so wenige Frauen, wie es im gemeinen gehobenen Dienst eben üblich ist. Und wenn sich doch mal eine an die zugige Führungsspitze verirrt, kann es ihr passieren, dass sie in TV-Magazine eingeladen und neugierig zu ihrer exotischen Stellung ausgefragt wird. Im Fiktionbereich ist das ganz anders. Jede Menge Frauen ermitteln dort auf Lebenszeit, eine schnieker und anschaulicher als die andere: Iris Berben als Rosa Roth, Corinna Harfouch als Eva Blond, Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger, Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, bei Öffentlich-Rechtlichen und Privaten herrscht seit ein paar Jahren Kommissarinnen-Schwemme.

Das Film- und Fernsehmuseum Berlin hat den Damen eine Ausstellung gewidmet. Der interessanteste, leider auch kleinste Teil beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der echten und fiktiven Frauen bei der Polizei: Ein bezaubernder Ausschnitt aus einem Kinofilm von 1913 zeigt die Detektivin "Miss Nobody", die mit Inbrunst durch menschenleere Stadtansichten wackelt und sich bei flimmernden Verfolgungsjagden auf schlecht zu erkennende Ganoven fast den Hals bricht. 1927 werden in Hamburg und Berlin "Weibliche Kriminalpolizei"-Kommissionen gegründet, und einer Zeitung von 1931 kann man entnehmen, dass die Hamburger Sektion nach einem Doppelselbstmord zweier Angestellter, die, so wurde gemutmaßt, eine "abnormale Liebesbeziehung" miteinander geführt hatten, geschlossen wird. Nach dem Krieg und mit dem Männermangel boomen die Polizistinnen, in den 60ern werden sie bis zur Lächerlichkeit diskriminiert, irgendwann gibt es sie wieder, und 1971 lässt das DDR-Fernsehen erstmals eine deutsche Frau ermitteln: den charmanten, lockigen Leutnant Vera Arndt.

Einen größeren Teil der Ausstellung nehmen jedoch Fotografien von Darstellerinnen ein. Die Fotografin Herlinde Koelbl hat fünfzehn Frauen porträtiert, vierzehn Schauspielerinnen und eine echte Polizistin, die Potsdamer Kriminalhauptkommissarin Marion Wieczorek.

Die schwarzweißen, überdimensionalen Fotos ähneln sich, denn die Modelle wurden im gleichen Studio abgelichtet, und das Accessoire, das alle benutzten, ist – wenig geistreich, dafür stark klischiert – die Pistole. Genau das habe sie interessant gefunden, erklärt Koelbl, denn die unvermeidliche Waffe würde von den Frauen mit Ambivalenz betrachtet.

Entstanden sind aber nur Gesichter mit Knarre – Schauspielerinnen bleiben Schauspielerinnen, und wenn man der perfekt geschminkten und ausgeleuchteten Iris Berben einen Colt in die Hand drückt, kommt eben ein Autogrammfoto heraus. Flach wirken die großen Bilder, das Thema "Bewaffnung" wird so zum modischen Gag verniedlicht. Und aufdringliche Fragen, etwa ob eine Polizistin, die Schicksale verändert und das Rechtssystem klaglos verteidigt, selbst frei von Fehl und Tadel sein muss, werden gar nicht erst angesprochen. Im zweiten Teil ihrer Arbeit hat Koelbl die Frauen erkennungsdienstlich behandelt, sie also mit zwei Profil- und einer Frontaufnahme und einem Steckbrief versehen.

Auch die Kostüme, die in einer Ecke des Ausstellungsraumes hängen und die Charaktere der verschiedenen Figuren widerspiegeln sollen – Pelzmantel die eine, derbes Schuhwerk die andere – sind so dürftig wie die Figuren an sich: Eine praktische Jacke macht noch keinen Hingucker, auch wenn eine nette Schauspielerin darin "Wo waren Sie gestern Abend zwischen 20 und 22 Uhr?" gefragt hat.

Man kann außerdem Filmausschnitte angucken, den Kommissarinnen im Einsatz, beim Lösen ihrer vielen drehbuchkonform-hölzernen und paar richtig spannenden Fälle zuschauen. Immerhin ehrt das Museum mit einer "Langen Nacht" die Serie "Mit Schirm,Charme und Melone", ignoriert dafür aber nebenbei die vielen anderen Polizistinnen-Figuren in nichtdeutschen Serien, die Cagneys und Lacys, die drei Engel, die Profiler und CSI-Mitglieder. Das Fernsehpublikum tut dies zum Glück nicht.

 

Berliner Zeitung, 22.10.2004

Damen mit Dienstwaffe
Eine Ausstellung über Fernsehkommissarinnen im Filmmuseum Berlin

von Susanne Stern

Was als Experiment anfing, wurde Normalität und dann Massenphänomen: Als der Südwestfunk 1978 Nicole Heesters als erste "Tatort"-Kommissarin auf den Bildschirm schickte, war das eine Pioniertat – auch wenn man im Westen damit um sieben Jahre der DDR hinterherhinkte, die mit Sigrid Göhler schon 1971 den ersten weiblichen Leutnant im "Polizeiruf 110" hatte. Inzwischen gab es im deutschen Fernsehen über 100 ermittelnde Frauen. Eine Ausstellung im Filmmuseum Berlin widmet sich jetzt der Geschichte der Kommissarinnen im Fernsehen, mit Schwerpunkt auf den letzten 15 Jahren, seit 1989 Ulrike Folkerts als Lena Odenthal den Stein ins Rollen brachte für die Kommissarinnen-Flut der Neunziger.

Basis der Ausstellung ist die historische Einordnung, die nicht nur die Geschichte der Kommissarinnen im Fernsehen erzählt, sondern auch die reale Geschichte weiblicher Kriminalpolizisten rekonstruiert und der Fernsehgeschichte gegenüberstellt.

Architekt Hans Dieter Schaal hat auf hartem Großstadtpflaster einen Tatort inszeniert und Monitor-Inseln gebaut, auf denen die prägnantesten Kommissarinnenfiguren mit kurzen Rollenbiografien, Filmausschnitten und Interviews vorgestellt werden. Und weil Frauenfiguren mehrals andere über das Äußere inszeniert werden, sind die verschiedenen Kleidungsstücke der Kommissarinnen zu sehen, dazu Exponate aus den Serien, Fernsehpreise und Pistolen aus der Requisite.

Der beeindruckendste Teil der Schau sind 16 große Porträtaufnahmen, die die Fotografin Herlinde Koelbl gemacht hat – 15 Fernsehermittlerinnen und eine reale Kriminalhauptkommissarin, in strengem schwarz-weiß, jede im Spiel, im Clinch oder in Aktion mit ihrer Dienstwaffe. Inszeniert und doch spontan blicken sie einen an, die Schauspielerinnen in ihren Rollen – Bilder von schönen, starken, individuellen Frauen, keine Superweiber, sondern einfach realitätstaugliche, menschliche Heldinnen.

In den neunziger Jahren haben diese emanzipierten Kommissarinnen die Männerklubs um Derrick oder den "Kommissar" in der Gunst des Publikums abgelöst. Die von den Kuratoren im Begleitbuch gestellten Fragen nach dem weiblichen Selbstverständnis, das darüber propagiert wird, den Projektionen und Sehnsüchten, die die Fernsehfiguren bedienen, beantwortet die Ausstellung nicht mit einer festen These. Aber jeder Besucher kann sich hier auf die Suche begeben und sich sein eigenes Bild zusammensetzen.

Auffällig ist die riesige Kluft zwischen dem vom Fernsehen verbreiteten Bild von Kriminalpolizistinnen – zumal in Führungspositionen – und der Realität. Eine einzige Frau hat es hierzulande bisher zur Leiterin einer Mordkommission gebracht: Ilona Scholz leitete zehn Jahre lang, von 1990 bis 2000, eine Mordkommission in Berlin.

Und nachdem das Fernsehen zunächst jahrelang der Realität hinterher hinkte, ist es mit seinen vielen Kommissarinnen inzwischen der gesellschaftlichen Entwicklung weit voraus – weil immer mehr Drehbuchautoren entdeckt haben, wie viel Potenzial in diesen Figuren steckt, und weil ihre Geschichten und Rollenbilder beim Publikum gut funktionieren. Nun muss nur noch die Wirklichkeit das Fernsehen einholen.

 

Frankfurter Rundschau, 5.11.2004

Das Spiel einer Frau mit der Waffe
"Die Kommissarinnen": Eine Berliner Ausstellung widmet sich den populären Ermittlerinnen des deutschen Fernsehens

von Ursula März

Die Indizienlage ist eindeutig: Kaum eine andere Figur hat in den vergangenen zehn Jahren im deutschen Fernsehen eine vergleichbare Konjunktur erlebt wie die der Kommissarin, der weiblichen Chefin einer Mordkommission.

Allein im Tatort der ARD ermitteln momentan fünf Frauen. Das ist ein Drittel aller Tatort-Protagonisten. Dann gibt es noch: Die legendäre Bella Block (Hannelore Hoger), die kämpferische Rosa Roth (Iris Berben), die postmoderne Eva Blond (Corinna Harfouch), die ambivalente "Kommissarin", gespielt von Hannelore Elsner und knapp zwei Dutzend weitere Damen, die in diversen Serien der Privatsender allein oder im Team Verbrecher jagen.

Diese Indizien lassen nur einen Schluss zu: Ein klarer Fall von Gleichberechtigung. Man kann ihn unter F wie Feminismus zu den Akten legen. Bella Block wäre jetzt allerdings misstrauisch. Die dickköpfige Stoikerin wird immer dann misstrauisch, wenn sich ein Fall zu leicht lösen lässt.

Notorisch gegen die sich anbietende Lösung zu sein und sie zugunsten einer komplizierten zu verwerfen, gehört zu ihrem Rollenfach der analytischen, intellektuellen Detektivin. Damit nervt sie so schön ihre Kollegen. Sie grübelt eine Nacht lang, stützt die Gedankenarbeit auf den Konsum eher als unweiblich geltender starker Alkoholika, knallt morgens die Handtasche auf den Schreibtisch und gibt den Befehl aus: "Wir müssen noch mal ganz von vorn anfangen."

Gleichberechtigung? Feminismus? Das ist zu einfach. Warum soll es gerade im Fernsehkrimi so emanzipiert zugehen? In der Realität ist es schließlich anders. In der Realität wird nur ein einziges Mordkommissariat der deutschen Kriminalpolizei von einer Frau geleitet.

Nur acht Prozent aller Stellen der deutschen Kriminalpolizei sind überhaupt von Frauen besetzt. Diese Geschlechterdiskrepanz wurde vor geraumer Zeit sogar vom Europäischen Rat gerügt. In keinem anderen europäischen Land sind Polizistinnen in gehobener Position real so gering vertreten. Aber: In keinem anderen Land auf dem Bildschirm so zahlreich.

Könnt ihr, schnauzt Bella Block jetzt ihre Kollegen an, mir diesen Widerspruch mal erklären? Und kommt mir nicht damit, dass das nur mit Emanzipation zu tun hat. Hat es auch nicht. Die Beliebtheit weiblicher Kommissare im deutschen Fernsehkrimi erklärt sich vor allem aus dem Charakter und der Entwicklung des Genres selbst.

Der Kommissar deutscher Prägung neigt seit je weniger zur Typologie des Cops, der im Milieu seiner Fälle zu Hause, mit dem Milieu physisch verbunden und immer in Lebensgefahr ist, weil er mit dem Einsatz seines Körpers agiert. Sondern zur Typologie des Kopfarbeiters, des Ermittlers, der sich das Verbrechensmilieu von Fall zu Fall als Studiengebiet zu eigen macht, aber ihm distinguiert fremd bleibt. Schimanski war die berühmteste einiger Ausnahmen. Um ihn als Ausnahme zu kennzeichnen, kam Schimi auch permanent mit dem Gesetz, mit dem Ermittlertypus, genau gesagt: mit irgendeinem Staatsanwalt in Konflikt.

Der Typus des Cops aber wurde im Lauf der neunziger Jahre in dem Maße unglaubwürdiger und unhaltbarer, wie sich die kriminalpolizeiliche Arbeit unsichtbarer gestaltete. Wie Kampftraining und Schießübung ergänzt wurden durch Computerkurse, Soziopsychologie und Täterprofiling. Um auf der Höhe der Zeit zu sein, nahm der Fernsehkommissar deutscher Prägung immer mehr Wesenszüge des Staatsanwaltlichen, des Ermittlers an. Er musste kommunizieren, analysieren, adaptieren, intellektuell kombinieren. Er wurde immer kultivierter. Unter den aktuellen Tatort-Kommissaren befinden sich einige ausgewiesene Weinkenner und Opernbesucher. Damit aber wurde das polizeiliche Männerbild der Kommissare unscharf. Die Unschärfe gab den Plots und Drehbüchern Probleme auf – die sich nicht stellten, wenn der Kommissareine Frau war.

Das Urbild der weiblichen Kommissarin ist die Staatsanwältin, das Vorbild von Bella Block ist Simone Signoret in der französischen Serie "Die Staatsanwältin". Sie arbeitet mit dem Kopf, dem Instinkt, der Lebenserfahrung, der charakterlichen Unerschrockenheit. Ihre Waffen sind immateriell. Die Pistole hat sie nur nebenbei in der Handtasche. Wenn sie sie einsetzt, sieht man, wie selten sie das tut.

Herlinde Koelbl hat fünfzehn Schauspielerinnen porträtiert, fünfzehn Frauen, die deutsche Kommissarinnen imFernsehen verkörpern. Unter einer Maßgabe: Sie sollten sich mit dem klassischen Hauptattribut ihrer Rolle, der Dienstpistole, selbst inszenieren. Das Ergebnis ist verblüffend. Auf fast allen der Schwarz-Weiß-Fotographien verwandelt sich das professionelle Instrument des Polizeialltags in ein entprofessionalisiertes, ästhetisches Requisit.

Fast alle Schauspielerinnen erfinden eine Pose, die vieles über ihre Beziehung zur Waffe erzählt, nur eines nicht: Dass man so schießt. Sie spielen mit der Waffe, am dramatischsten Hannelore Elsner, die sich die Pistole wie eine Selbstmörderin an die Schläfe hält, am witzigsten Ulrike Kriener (Hauptkommissarin Lucas beim ZDF), die wie Emma Peel mit der Pistole seitlich aus der Hüfte zielt, am analytischsten Corinna Harfouch. Sie stellt die Geschichte des Genres dar. Sie hält die Waffe locker vor sich in der Hand wie irgendeinen anderen Gegenstand. Jeder Verbrecher könnte sie so über den Haufen schießen – wenn er ihrem Blick standhielte. Denn dieser ist ihre wirkliche Waffe. Dominant, leicht sarkastisch, ihr Objekt restlos durchschauend, leicht arrogant und überlegen.

Corinna Harfouch ist aus der Untersicht aufgenommen. Ihr Blick ist der Blick des weiblichen Über-Ichs, der Blick der Staatsanwältin. Nur Iris Berben zielt mit ausgestreckten Armen auf den Betrachter. Die Pistole befindet sich optisch genau zwischen ihren Augen. Mit diesen droht sie. Mit der Pistole symbolisiert sie äußerlich die Drohung, die von ihrem Inneren ausgeht.

Nur eine Kommissarin, die sechzehnte, hält die Pistole so, wie es auf der Polizeischule gelehrt wird: Mit ausgestreckten Armen schräg nach unten. Es ist die einzige Kommissarin, die aus der Wirklichkeit stammt, Kriminalhauptkommissarin Marion Ursel Wiczorek von der Kripo Potsdam.

Herlinde Koelbls Porträtgalerie ist das Kernstück der Ausstellung "Die Kommissarinnen" im Berliner Filmmuseum am Potsdamer Platz. Die Ausstellung ist klein, aber intelligent auf das Wesentliche reduziert. Sie ist überschaubar, historisch solide und informativ und in erträglichem Maße inszeniert. Gleich am Eingang erwartet den Besucher die zwingende Stimme Bella Blocks, hinter einem Schaufenster befinden sich einige Rollenkostüme, die der geübte Fernsehzuschauer kennt, die Lederklamotten von Ulrike Folkerts, der lange Kaschmirmantel von Iris Berben. Allerdings ist die Ausstellung gefährlicher, als sie auf den ersten Blick wirkt. Gefährlich für den geplanten Tagesablauf: Auf sehr bequemen Sitzgelegenheiten kann der Besucher komplette Fernsehkrimis anschauen.

 

fluter.de, 27.10.2004

Power, Pumps, Pistolen
Fernsehkommissarinnen im Einsatz

von Ula Brunner

Als 1978 die erste bundesrepublikanische Fernsehkommissarin Marianne Buchmüller alias Nicole Heesters vom Mainzer Morddezernat bewaffnet mit frischer Dauerwelle und Handtäschchen den “Tatort“ betrat, tanzte Deutschland auf Plateau-Sohlen mit Minipli und Afrolook zu den Bee Gees, da war die Zeitschrift “Emma“ ein knappes Jahr alt und frau erlebte ihre Orgasmen per Adjektiv: vaginal oder klitoral. Der US-Serienhit “Drei Engel für Charlie“ flimmerte bereits erfolgreich über die Mattscheibe, auf den DDR-Bildschirmen unterstützte Sigrid Göhler als Leutnant Arndt die sozialistische Verbrechensbekämpfung und in der BRD durften sich Frauen immerhin schon seit 1974 im gehobenen Dienst der Kriminalpolizei bewähren.

Aber der westdeutsche Krimi war immer noch eine Männerdomäne – bevölkert von ältlichen Kriminalisten mit diensteifrigen Assistenten, die in Serien wie “Der Kommissar“ (Erik Ode), “Derrick“ (Horst Tappert) oder eben dem “Tatort“ von ihren Sekretärinnen mit Kaffee und heißen Würstchen versorgt wurden. Eine Ermittlerin musste jetzt ran, eine selbstbewusste Chefin, aber, bitteschön, keine Emanze. Oberkommissarin Buchmeier lächelt, wenn sie von zu vernehmenden Zeugen mit der Sekretärin verwechselt wird, und verlässt sich auf plötzliche Erkenntnisse “beim Bügeln“. Nach nur drei Folgen wird sie zu Grabe getragen; kaum bedauert von Publikum und Presse. Ihr letzter Fall “Der gelbe Unterrock“ wurde in den Giftschrank der ARD gepackt und ist nach über 460 "Tatort“-Folgen eine von den vier Geschichten, die niemals wiederholt wurden.

Dass Fräulein Buchmüller die einsame Vorhut einer ganzen Kommissarinnen-Crew darstellte, das hätte 1978 niemand gedacht. Richtig los ging es mit Ulrike Folkerts, die seit 1989, mit Garçonschnitt und Lederjacke, aggressiv und leidenschaftlich, die Lena Odenthal gibt. Die burschikose Entschlossenheit des weiblichen Schimanski versuchte das "Tatort“-Drehbuch in der ersten Folge zu besänftigen: Das Kostümbild stopfte die Protagonistin in Rock und rosa Pullover. “Aber die Odenthal mit Rock, das sieht einfach nur staksig aus“, so die Schauspielerin zu ihrer Serienfigur. Mit der schroffen Amazone schien das kriminalistische Patriarchat gebrochen: Seither macht eine Invasion von Ermittlerinnen den Kollegen aufallen Kanälen Konkurrenz.

“Ich glaube an die Demokratie, bin schlecht bezahlt und unbestechlich“. Dem berufsethischen Bekenntnis, das die füllige Bella Block alias Hannelore Hoger in der gleichnamigen Serie des ZDF ironisch-rüde herunterbetet, könnten die übrigen Kommissarinnen zustimmen: Sie sind souverän, loyal, sozial, intuitiv – und verkörpern doch ganz unterschiedliche Frauentypen. In derben Schuhen, mit müden Augen und wachem sozialen Bewusstsein ermitteln in “Polizeiruf 110“, dem alten DDR-Fernsehformat, schnörkellose Ostfrauen wie Tanja Voigt (Katrin Saß), Wanda Rosenbaum (Jutta Hoffmann), Johanna Herz (Imogen Kogge). Als Stiletto-Domina im Jil-Sander-Kostüm lässt es Hannelore Elsner als Lea Sommer in “Die Kommissarin“ (ARD) erotisch knistern. Und Corinna Harfouch nagelt als unberechenbare Chaotin in “Blond! Eva Blond“ für Sat.1 im Kreuzberger Kiez Verbrecher fest. Sie ist verheiratet – während die meisten ihrer Serien-Kolleginnen per Drehbuch zu einem ewigen Singledasein verdammt sind; sich jedoch recht unsentimental über den sexuellen Notstand mit Gelegenheitsliebschaften hinweghelfen. Und den Mut zum ungeschönten Blick auf die eigene Existenz haben. Die kämpferische RTL-Kommissarin Sabrina Nikolaidou (Despina Pajanou) sagte in der Serie “Doppelter Einsatz“ treffend: “Ich bin bald vierzig und hab nixanderes als 'nen Dienstausweis, 'ne Knarre und 'ne leere Wohnung.“

Über hundert, meist renommierte Schauspielerinnen waren mittlerweile Verbrechen auf der Spur. Dass so viele Frauen ermitteln, meint Imogen Kogge, liege einfach an der Quote: “Frauen wie Bella Block kommen gut an und da wurde dann einfach nachgeschoben“. "Und dass die gut ankommen", so Bernd Boehlich, Tatort-Regisseur, "ist ihrer besonderen, “weiblichen“ Art zu ermitteln, dem genauen Beobachten und Zuhören zuzuschreiben." Fräulein Buchmüller lässt grüßen.

Stars wie Ulrike Folkerts, Corinna Harfouch oder Hannelore Elsner haben zunehmenden Einfluss auf die Gestaltung ihrer Figuren; müssen sich aber auch nach der ideologischen Decke ihres Fernsehsenders strecken. 15 Jahre Lena Odenthal – und noch keinen Sex. Einen Kerl wollte Ulrike Folkerts, bekennende Lesbe, nicht im Bett. Eine Geliebte darf sie nicht haben, weil, so SWR-Redakteurin Melanie Wolber, “das für die dramaturgische Konzeption der Serie nicht relevant ist“. Auf RTL darf Sabrina Nikolaidou, dramaturgisch bedeutsam oder einfach nur so, auch mit Frauen vögeln. Lena Odenthal muss weiterhin ihr Seriendasein als sexuelles Neutrum fristen. Manchmal hinken Serien der Wirklichkeit halt hinterher. In einem Punkt sind sie ihr aber auch um Längen voraus: Während es seit den Neunzigern im Fernsehen von Kommissariatsleiterinnen nur so wimmelt, hat es im richtigen Leben nur ein einziges Mal eine Frau in die Chefebene eines Morddezernats geschafft.

Vom 22.Oktober 2004 bis 8.März 2005 ist im Filmmuseum Berlin die Ausstellung "Die Kommissarinnen" zu sehen: Mit Fotos von Herlinde Koelbl, einem "echten" Verhörraum und vielen Exponaten, Akustik- Bild- und Videoinstallationen aus und zu den Krimiserien.

Für Filmfreaks: Es werden auch Ausschnitte aus dem ersten deutschen Stummfilm mit einer weiblichen Ermittlerin gezeigt: Bereits 1913 entstand "Nobody – der weibliche Detektiv". Drei Filme lang jagte die Schauspielerin Senta Eichstaedt mit kühlem Kopf Verbrecher rund um die Welt: mit Augenmaske und weitem Cape als Vorläuferin der späteren Superhelden Batman und Superman. Nobody verkleidete sich als Mann, sprang über Häuserdächer, flitzte per Seil durch Höhen und Tiefen oder ließ sich von Brücken ins Boot fallen. Warum nur brauchte es über 80 Jahre bis wieder die Frauen im Kriminalfilm die Hosen anhaben?

 

Tagesspiegel Berlin, 24.10.2004

Großmutter bei Pilcher? Dann lieber toughe Kommissarin!
Warum Schauspielerinnen im Fernsehen Mörder suchen: Ulrike Folkerts, Sabine Postel und Charlotte Schwab treffen sich zum ersten deutschen Kripo-Gipfel

Momentan laufen im Fernsehen über dreißig Krimiserien mit einer Kommissarin in der Hauptrolle. Wie erklären Sie sich diesen Boom?

FOLKERTS: Langsam hat man beim Fernsehen halt verstanden, dass man auch mit Frauen Quote machen kann. Man darf aber nicht vergessen, dass im Hintergrund noch immer hauptsächlich Männer arbeiten: Redakteure, Autoren, Regisseure. Es scheint nur oberflächlich so, als gäbe es im deutschen Fernsehen auf einmal eine wahnsinnige Frauenpräsenz.

POSTEL: Unsere Sendetage, der Samstag und der Sonntag, sind Familientage, dann laufen entweder Kitschgeschichten oder Krimis. Da sitzt die ganze Family inklusive der Frauen vorm Fernseher. Und die Frauen wollen auch nicht immer nur Männer sehen. Außerdem gab es einen unglaublichen Nachholbedarf in Sachen weibliche Ermittlerinnen. Für Darstellerinnen in unserem Alter gibt es sowieso nur diese Möglichkeiten: Entweder fangen wir schon damit an, die alerten Großmütter bei Rosamunde Pilcher zu spielen, oder wir sind die toughen Kommissarinnen im „Tatort“. Da kann man doch nur froh sein, wenn man in die letztere Riege aufgenommen wird.

Werden weibliche Kommissare denn wirklich mehr von weiblichen Zuschauern geguckt?

POSTEL: Ja, es gibt entsprechende Erhebungen, die das belegen.

Wenn die Produktion letztlich nur von Männern erledigt wird, ist die bewaffnete Kommissarin vielleicht eine moderne Version der Männerfantasie Amazone?

FOLKERTS: Ne, Männer wollen doch lieber die Waffen einer Frau sehen – und die schauen doch ganz anders aus!

POSTEL: Ich habe im Film selten eine Waffe in der Hand, ich fühle mich damit so lächerlich. Die ersten Schießübungen habe ich als so absurd empfunden, dass ich meiner Redaktion gesagt habe: Lasst uns versuchen, Schießereien möglichst auszusparen.

Gibt es mittlerweile zu viele Fernseh-Kommissarinnen?

POSTEL: Ja, man muss aufpassen, dass es nicht zu einem Übersättigungseffekt kommt. Im deutschen Fernsehen gibt es so oft Trends, die von allen Sendern gleichzeitig aufgriffen werden. Irgendwann langweilt es.

SCHWAB: Warum stellt sich diese Frage überhaupt? Früher gab es doch nur männliche Ermittler. Da war es aber nie ein Thema, ob das nun zu viele sind.

Frau Schwab, als Dienstjüngste in dieser Runde haben Sie erst 2002 mit Ihrer Rolle angefangen. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon sehr viele TV-Kolleginnen. War es schwierig für Sie, Ihren Platz zu finden?

SCHWAB: Nein, denn bei uns arbeiten zwei Kommissarinnen als Team. Mit Ausnahme von „Doppelter Einsatz“ gab es das noch nicht. Diese Konstellation hat mir von Anfang an sehr gut gefallen, aber anscheinend ist sie sehr schwer in gute Drehbücher umzusetzen. Bei der Entwicklung der Serie haben wir angestrebt, dass meine Partnerin und ich uns fremd sind, dass wir keinen Draht zu einander finden. Es scheint aber unmöglich, das zu schreiben: Am Ende läuft es immer auf Zickigkeit hinaus. Humor kriegen wir da kaum unter. Dabei schreiben genauso viele Männer wie Frauen die Bücher.

Frau Postel, Frau Folkerts, Ihnen sind jeweils männliche Assistenten untergeordnet. Würden Ihre Rollen auch mit einer Frau als Mitarbeiterin funktionieren?

FOLKERTS: Wenn das Chef-Mitarbeiter-Verhältnis gut konstruiert ist, ist es völlig egal, ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelt.

POSTEL: Männliche Autoren glauben leider immer, dass die Reibungsflächen größer sind, wenn zwei Frauen ermitteln.

FOLKERTS: Frauen werden sofort in Konkurrenz miteinander gesetzt. Aber gleichzeitig ermitteln so viele Männer zu zweit.

SCHWAB: Aber da läuft dann die Kumpeltour! Bei Männern ist Teamarbeit selbstverständlich, bei Frauennicht.

FOLKERTS: Man kommt immer wieder gefährlich nah an die Klischees ran – und wohl auch nicht so schnell wieder von ihnen weg.

Inwiefern haben Sie sich bei der Entwicklung Ihrer Figuren an realen Polizistinnen orientiert?

FOLKERTS: Anfangs wollte ich schon wissen, wie es real abläuft. Dann habe ich aber gemerkt, dass es mich überhaupt nicht interessiert. Ich könnte als reale Kommissarin auch gar nicht bestehen: eine Leiche – und ich leg' mich daneben. Die Arbeit als Kommissarin muss einfach furchtbar sein. Da verlasse ich mich lieber auf meine Fantasie und bin froh genug, wenn mir die Zuschauer die Kommissarin abnehmen.

SCHWAB: Der Fernsehkrimi hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun – zum Glück! 80 Prozent der tatsächlichen Arbeit ist Recherche vom Büro aus. Es ist wirklich wahnsinnig langweilig. Da ist es nur richtig, das nicht im Fernsehen zu zeigen.

POSTEL: Ich bemühe mich sehr darum, dass alles möglichst realistisch ist. Aber ich könnte diesen Beruf auch nie ausfüllen, dafür belastet mich das alles viel zu sehr. Wir haben mal einen „Tatort“ zu Satanismus und Kindesmissbrauch gedreht. Noch nie konnte ich so wenig schlafen, wie bei diesen Dreharbeiten.

SCHWAB: Die Arbeit als Kommissarin hat mit so viel Schrecklichem zu tun. Ich frage mich häufig, warum die Frauen, die wir darstellen, das trotzdem schon so lang machen. Für meine Figur habe ich es mir so erklärt, dass sie trotz des ganzen Drecks um sie herum immer noch glaubt, dass sie am Ende die Bösen zur Strecke bringen kann.

POSTEL: Im Kern haben alle unsere Figuren etwas Weltverbesserisches.

FOLKERTS: Wir stehen in jedem Fall auf der Seite der Schwächeren.

SCHWAB: Uns geht es vor allem ums Verstehen, warum Menschen jeweils so handeln. Ich glaube sogar, dass in Frauen diese Fähigkeit, die Schwachen zu erkennen und sich in sie einzufühlen, teilweise angelegt ist.

POSTEL: Böse gesagt: Frauen können sich Vertrauen besser erschleichen. Bei Ermittlungen muss man sich in die verschiedensten Charaktere hinein denken. Das können Frauen oft gut – manchmal besser als Männer.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Polizei in den Jahren, in denen Sie schon Kommissarinnen spielen, eigentlich verändert?

POSTEL: Ichkomme aus der 68er Generation, für die die Polizei das Klischee-Feindbild gewesen ist. Für die Vorarbeit für meine „Tatort“-Rolle habe ich mich dann bei der Bremer Kripo umgeschaut und dort wahnsinnig nette Leute kennen gelernt. Gleichzeitig hat sich bei mir großer Respekt vor der Arbeit, die sie erledigen, breit gemacht. Polizisten sind ständig von Elend umgeben. Einer sagte mir: Wir ermitteln im Siff.

FOLKERTS: Genau, es ist nie so wie bei „Derrick“, der in schicken Villen ermittelt! Ich kannte die Polizei bis dato auch nur von Demos – Stichwort Anti-AKW-Bewegung. Da hat die Polizei die Leute von den Bahngleisen schleppen müssen. Als Polizist die absolute Arsch-Karte, überhaupt nicht zu vergleichen mit der Arbeit einer Kommissarin.

SCHWAB: Ich kannte die Polizei vor allem durch die Auseinandersetzungen beim so genannten „Straßentheater“ während des Vietnam-Kriegs. Mein Bruder hat später bei der Mordkommission den Job gemacht hat, den ich jetzt im Fernsehen ausübe. Durch ihn habe ich die Arbeit der Polizei kennen gelernt und schnell Respekt davor gewonnen. Und eine große Faszination.

Ihre Serien sind alle sehr ernst. Woher kommt dieser düstere Realismus?

FOLKERTS: Beim „Tatort“ zumindest wollen die Menschen nichts anderes sehen. Wir haben einmal eine Folge gedreht, in der es um Ufos ging. Zum Schluss ist ein Ufo in den Himmel gestiegen. Da kamen sofort Zuschriften, dass das kein „Tatort“ mehr sei, sondern Science Fiction.

POSTEL: Vielleicht hat diese Ernsthaftigkeit auch etwas damit zu tun, dass wir als Frauen erstmal beweisen mussten, dass man uns ernst zu nehmen hat. Wir mussten noch zeigen, dass wir genau so gut wie die Männer ermitteln können. Mehr Humor und Witz in die Sache zu bringen, heißt, noch einen Schritt weiter zugehen. Soweitsind wir noch nicht. Aber vielleicht kommen wir da noch hin.

Das Gespräch führte Hannah Pilarczyk.

 

Die Welt, Berlin, 22.10.2004

Die Jägerinnen
Schußwechsel in Berlin: Die Fotografin Herlinde Koelbl setzt Deutschlands "Kommissarinnen" in Szene

von Birgit Warnhold

Nur eine im bekannten Kreis der Kolleginnen kennen wir nicht. Marion Ursel Wieczorek, Kriminalhauptkommissarin in Potsdam ist anders, sie ist echt. Die übrigen Hauptkommissarinnen – Lena Odenthal, Bella Block, Lea Sommer, Eva Blond, Inga Lürsen, Rosa Roth – sind mittlerweile so bekannt, daß sie schwerlich bei der verdeckten Observierung eingesetzt werden können. Denn sie sind die bekanntesten weiblichen Verbrecherjäger der Fernseh-Republik.

Es ist ein faszinierendes Rollenspiel, das in den Fotografien von Herlinde Koelbl sichtbar wird, die von heute an im Berliner Filmmuseum zu sehen sind. "Die Kommissarinnen" heißt die Ausstellung, die von der erkennungsdienstlichen Behandlung bis zu den Kleidungsstücken, die die Schauspielerinnen bei ihren diversen Einsätzen getragen haben, die Welt des Drehbuch Fernseh-Verbrechens präsentiert.

Das Herzstück jedoch sind die Fotografien, die Herlinde Koelbl für diese Ausstellung aufgenommen hat. Von jeder Kommissarin – 15 plus KHK Wiecorek aus Potsdam – gibt es zum einen eine Dreierserie der Art, wie sie beider erkennungsdienstlichen Behandlung von Verdächtigen gemacht wird: Profil, Frontalansicht, Halbprofil. Dann sehen wir jeweils ein Foto von den Schuhen, immer ein wichtiges Indiz für die Identifizierung; und schließlich posieren die Frauen auf großformatigen Porträts mit Pistole. So ist die Schau launiges Spiel, Charakterstudie und Realitätsverschiebung in einem.

Eine der bekanntesten Fotoserien von Herlinde Koelbl heißt "Spuren der Macht" von 1999. Die auf acht Jahre angelegte Studie zeigt am Beispiel prominenter Politiker, Wirtschaftsführer und Publizisten die Verwandlung des Menschen durch sein Amt. Ähnliches passiert bei den "Kommissarinnen", obgleich sie ihre polizeiliche Identität erst durch ihr Rollenspielerworben haben. Doch auch in diesem Fall gilt die Feststellung Joschka Fischers: "Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt." Die Rolle überwältigt den Menschen und bestimmt unsere Erscheinung von ihm. Ulrike Folkerts ist eben nicht Ulrike Folkerts, sondern Lena Odenthal, und Iris Berben ist Rosa Roth, die auf die Augen des Betrachters zielt.

Die großformatigen Porträts wirken hart. Sie sind geprägt durch klare Konturen, Schwarz und Weiß, als sollte die Gestaltung mit der Härte der Polizeiarbeit korrespondieren. Dennoch ist hier auch etwas Anderes zu sehen: Verletzlichkeit, Einsamkeit. Das sind Frauen, die nicht nur cool sind, die auch leiden, die sich sehnen, dielieben und – manchmal – sehr attraktiv sind. Im Gegensatz zu vielen ihrer männlichen Kollegen wird ihnen im Film auch ein Privatleben zugestanden; die eine hat einen Liebhaber, die andere ein Kind, manchmal gibt es auch beides.

Allein Lena Odenthal kommt über ihren Kollegen Mario Kopper und seine hervorragend kochende italienische Mutter nicht so recht hinaus. Vielleicht liegt es daran, daß Ulrike Folkerts die Dienstälteste ist, daß sich das Profil weiblicher Ermittler erst langsam entwickeln mußte. Lena Odenthal ist mittlerweile seit 15 Jahren dabei, da wird sie wohl auch weiterhin die Wohnung nur mit einer Katze teilen müssen.

Es ist der Blick auf das Innenleben der Protagonisten, der den Krimi – im Film, im Fernsehen und im Roman – in den letzten zehn, 15 Jahren stark verändert hat. Psychologisch angelegte Geschichten haben das einfache Who-dunnit-Prinzip und die harten Typen zurückgedrängt. Das gilt für die Biographie des Täters, das gilt aber auch für die Charakteristik der Ermittler. Daraus erklärt sich auch die wachsende Zahl weiblicher Krimi-Fans – und der Erfolg der Kommissarinnen.

Dazu kommt, daß sich in den Kommissarinnen auch der Mythos der Schmerzensmutter manifestiert, die die Welt vom Leid befreit. Dafür nimmtsie die eigene Passion auf sich: Ein richtig intaktes geschweige denn bequemes Familienleben hat sie nicht, und manchmal ist sie einfach verdammt allein. Auf sich zurückgeworfen. Ganz privat, ganz Mensch. Und so zeigt Herlinde Koelbl auch, wie die Frau das Amt verwandelt. Nicht nur in der Realität, sondern auch in der Fiktion.

 

dw-world.de – Deutsche Welle, 25.10.2004

Quotenträchtig in Frauenhand
Die Frauen erobern die Fernsehkrimis. Mord- und Totschlag wird im deutschen Fernsehen immer öfter von Kommissarinnen aufgerollt. Das Filmmuseum Berlin widmet ihnen jetzt eine Ausstellung: "Die Kommissarinnen"

von Aygül Cizmecoglu

Sie können fies und arrogant sein, gleichzeitig warmherzig und voller Charme. Mal tragen sie extravagante High Heels, mal abgelatschte Turnschuhe. Ihre Lebenskonzepte sind so unterschiedlich wie ihre Frisuren. Die eine fährt mit ihrem Motorrad von einer Kurzaffäre zur nächsten, und die andere im VW Käfer zum Elternabend. Sie sind die Kommissarinnen, Ikonen einer starken Weiblichkeit. Ob nun Hannelore Hoger aliasBella Block oder Ulrike Folkerts als dienstälteste Tatort-Kommissarin Lena Odenthal – seit Jahren kommt die deutsche Fernsehlandschaft nicht mehr ohne die weibliche Ermittlerin aus. Sisters in Crime auf allen Kanälen.

"Zum ersten Mal tauchte eine Frau in den späten 1970er Jahren als Kommissarin im Fernsehen auf, aber das sind noch lizenzierte Frauen, also noch Frauen von Männers Gnaden, die die Kommissarinnen spielen dürfen", meint Peter Paul Kubitz, einer der Kuratoren der Berliner Ausstellung. "Und in den alten Krimis waren sie die Assistentinnen, Sekretärinnen und ein bisschen die Mütterchen; die Frauen, die dem Mann den Cognac einschenken und sagen: Komm, hast einen harten Arbeitstag gehabt." Heute sei es genau umgekehrt.

Oftmals sei es der schnodderige Assistent, der die gestresste Chefin mit einem Wodka zu besänftigen versuche. Die Kommissarinnen spiegeln für ihn ein Stück weit auch den gesellschaftlichen Trend wider. Mit den ersten berufstätigen Frauen kamen auch die Ermittlerinnen ins Fernsehen. Zuerst in Ost-, dann in Westdeutschland. Frauenquote, Abtreibungsdebatte, Sexismus am Arbeitsplatz – das alles beschäftigte auch die Fernsehkommissarinnen.

Sie wurden zunehmend zu Identifikationsfiguren für weibliche Zuschauer. Die Männer hatten ihren Rebellen Horst Schimanski und die Frauen die coole Lena Odenthal. Sie wurden zu einem Garant für hohe Einschaltquoten. Die Folge: Weibliche Dauerberieselung auf einem einst männerdominierten Terrain. "Sie brauchen nicht mehr unbedingt den Mann – weder beruflich noch privat. Es sind Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Und die die Brüche des Lebens kennen und keine Schminke mehr drüber setzen, sondern zu diesen stehen", so Kubitz.

Genau diese Brüche werden in den Fotografien von Herlinde Koelbl sichtbar. Die renommierte Fotografin, die sonst Politiker und Schriftsteller ablichtet, hat jetzt eigens für die Ausstellung 15 Fernseh-Kommissarinnen porträtiert. Auf großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien posieren sie mit ihrer Dienstwaffe – mal sich selbst anklagend, die Pistole an die eigene Schläfe gesetzt wie Hannelore Elsner, mal die eigene Macht zelebrierend, lässig die Hand am Schaft wie Despina Pajanou.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich, wie in ihren Rollen. Keine hübschen Abziehbilder von Männerfantasien wie einst,  sondern vielschichtige Frauen mit Narben und Lachfalten. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen wie Derrick und Ode besitzen sie auch noch eine gehörige Portion Selbstironie. Wenn Ulrike Kriener als Kommissarin Lucas bei einer Verfolgungsjagd mit ihren Stöckelschuhen im Kopfsteinpflaster stecken bleibt oder Eva Blond am Tatort Rouge nachlegt, so ist das eine Attitüde. Ein besänftigendes Augenzwinkern,um den Männern die letzte Hoffnung zu lassen.

Allerdings gibt es eine Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und dem, was uns im Fernsehen zur besten Sendezeit vorgespielt wird. Natürlich gibt es nicht Hunderte von Kommissarinnen in dieser Republik, die Chefinnen von Männern sind. Das Fernsehen gaukelt ein Stück weit emanzipatorische Verhältnisse vor. Ein Wunschdenken, durch Fiktion die Realität zu verändern. Bella Block, Lena Odenthal oder Rosa Roth brauchen höchstens eine Serienstaffel, um gegen den Chauvinismus ihrer Kollegen anzukommen. Sie sind Heldinnen in einer fiktiven Welt, entstanden aus der Feder eines Drehbuchautors. Real gezeichnet, aber zu schön, um schon wahr zu sein.

 

B.Z. Berlin, 22.10.2004

Mit Gefühl und Härte
Ausstellung über TV-Kommissarinnen im Filmmuseum am Potsdamer Platz

Berlin – Im Fernsehen sorgen sie für Recht und Ordnung und das mit Gefühl und Härte: TV-Kommissarinnen wie Lena Odenthal, Bella Block und Rosa Roth. Jetzt zeigt das Filmmuseum am Potsdamer Platz in der Schau "Die Kommissarinnen" 15 Porträts von Schauspielerinnen sowie einer echten Polizistin.

Hannelore Elsner, Iris Berben, Senta Berger, Corinna Harfouch und Eva Mattes wurden von Star-Fotografin Herlinde Koelbl, 64, exklusiv für die Ausstellung abgelichtet. Die bekannte: "Ich lese keine Krimis, gucke keine Krimis, ich wollte nur starke Frauen in Szene setzen."

Zur Eröffnung kamen die "Tatort"-Ermittlerinnen Ulrike Folkerts, 43, und Andrea Sawatzki, 41. Letztere schwärmte: "Die Fotos sind toll geworden."

Ulrike Folkerts sagte: "Ich mag die Rolle der TV-Kommissarin, weil man darin alt werden kann – das sieht man doch an Miss Marple!"

 

Berliner Zeitung, 1.11.2004

Mit Lippenstift und Pistole
Deutschlands erste Chefin eines Morddezernats hält nicht viel von heutigen Fernseh-Kommissarinnen

von Joachim Göres

Anfang 1978 trauten viele Fernsehzuschauer ihren Augen nicht: die Schauspielerin Nicole Heesters suchte als erste weibliche Kommissarin in einem westdeutschen Krimi einen Mörder. In dem Tatort "Der Mann auf dem Hochsitz" verließ sich die Tochter von Altstar Johannes Heesters auf ihr psychologisches Geschick und steckte sich statt einer Pistole lieber den Lippenstift ein, um wie alle ihre Vorgänger und Nachfolger nach 90 Minuten den Täter zu präsentieren.

"Nach diesem Krimi wurde ich von einer Flut von Anrufen von Journalisten überrollt und wusste erst gar nicht, was die von mir wollen", erinnert sich Ellen Schmandt. Die heute 80-Jährige war damals die erste und einzige Chefin eines Morddezernats in der Bundesrepublik und stand nach dem "Tatort" plötzlich im Rampenlicht. "Das hatmir gar nicht gefallen, denn es ist in diesem Beruf gut, wenn man nicht bekannt ist", sagt die 1,60 Meter große Frau, die 15 Jahre lang das Fachkommissariat für Tötungsdelikte, Brände und Vermisstensachen im niedersächsischen Celle leitete.

Ellen Schmandt ist bis heute kein Freund von Fernsehkrimis, die einzige Ausnahme ist "Derrick", "weil der der Wirklichkeit noch am nächsten kam". Ermittlerinnen auf Stöckelschuhen wie Hannelore Elsner sind ihr ein Gräuel. "Als ich bei der Polizei eingestellt wurde, gab es drei Bedingungen, die jede Frau erfüllen musste: eine abgeschlossene Berufsausbildung, kurze Haare und flache Schuhe. Die männlichen Kollegen würden sich bedanken, wenn man wegen hoher Absätze nicht die Verfolgung aufnehmen kann."

1946 begann die gebürtige Berlinerin mit einem Lehrgang bei der Polizei in Hamburg, eine von vier Frauen unter 700 Männern. Boxen, Langstreckenlauf – während die Männer schon unter der Dusche standen, drehten die langsameren Frauen noch ihre Runden. "Wir absolvierten dasselbe Programm wie die Männer und bekamen nichts geschenkt, wurden dafür aber von den Kollegen voll akzeptiert."

1947 fängt Ellen Schmandt als Streifenpolizistin in Celle an. Vom nahe gelegenen Faßberg aus versorgen Amerikaner und Briten per Flugzeug Westberlin mit Lebensmitteln, und Zuhälter und Prostituierte aus ganz Deutschland strömen nach Celle, um von der Luftbrücke auf ihre Weise zu profitieren und den alliierten Soldaten etwas Abwechslung zu bieten. "Viele Celler Vermieter haben dafür bereitwillig ein Zimmer zur Verfügung gestellt und viel Geld kassiert. Doch Kontakte zwischen den Soldaten und deutschen Frauen waren verboten. Um das zu kontrollieren, ging ich in Uniform zusammen mit amerikanischen Militärpolizisten auf Streife und wurde auf der Straße oft als Amihure angepöbelt. Das war nicht schön."

Freundlich, aber distanziert – nach diesem Motto reagiert Ellen Schmandt auf alle Widerständeund erwirbt sich Anerkennung in dem von Männern dominierten Beruf. "Mein Vorteil war, dass ich bis auf das Betrugsdezernat alle Abteilungen kannte. Mir konnte niemand etwas vormachen." Und auch bei den meist männlichen Tätern hatte die einstige Hauptkommissarin nach eigener Sicht oft leichteres Spiel: "Ich musste ja auch im Gefängnis Vernehmungen durchführen, und da randalierten die Männer oft. Scheiß Kripo, die kotz ich an!, hörte ich einen schon von weitem brüllen. Als er mich sah, wurde er plötzlich ganz zuvorkommend: Ach, das ist 'ne Frau, hätten sie mir ja auch schon mal vorher sagen können."

Von besonderer weiblicher Intuition oder größerer Sensibilität, mit der Kommissarinnen im Fernsehen oft Fälle lösen, hält sie nichts. "Ich kenne männliche Kollegen, die Kinder mit großer Einfühlsamkeit befragen können, während manche Kollegin mit Mädchen oder Jungen nichts anzufangen weiß." Das Geschlecht spiele keine Rolle, entscheidend sei der Intellekt. Und die Berufserfahrung. "Vier Wochen vor meiner Pensionierung meldete ein Mann seine Frau als vermisst. Er jammerte in einer Tour, dass meine Mitarbeiter Mitleid mit ihm hatten und nicht verstehen konnten, dass ich den Mann vorläufig festnehmen ließ. Eine halbe Stunde später legte er ein Geständnis ab. Ich hatte schon oft erlebt, dass Ehemänner klagend ihre vermeintlich verschwundenen Frauen bei der Polizei meldeten und später als Mörder überführt wurden."

Ellen Schmandt hat nicht einmal bei einem Einsatz geschossen – nicht zuletzt, weil sie niemals auf eigene Faust ermittelte. "Krimis sind oft auf eine Kommissarin zugeschnitten, die sich leichtsinnig in Gefahr bringt. In der Realität zählt dagegen Teamarbeit. Als Leiter einer Kommission muss man die Fäden in der Hand haben und dafür sorgen, dass alle Mitarbeiter jederzeit über alle wichtigen Informationen verfügen."

Und was hält die zierliche Frau von meist sehr attraktiv wirkenden Krimi-Kommissarinnen? "Man sollte sportlich und unauffällig gekleidet sein. Besondere Attraktivität ist ungünstig. Schönheit und Intelligenz zusammen gibt es ja auch nicht so häufig. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mir Intelligenz wichtiger."

Auch in anderer Hinsicht unterscheidet sich Ellen Schmandt von Bildschirm-Powerfrauen wie Ulrike Folkerts, Hannelore Elsner, Iris Berben oder einst Nicole Heesters: Sie ist seit mehr als 50 Jahren verheiratet und hat vier Kinder. "Das ging nur mit einer Haushälterin, denn ich war schon mal drei Tage rund um die Uhr im Dienst. Manchmal hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Doch das Familienleben hat mir viel Kraft gegeben. Manche Kollegin, die kinderlos blieb, ist früh gestorben."

 

lespress – Das andere Frauenmagazin, Dezember 2004

Ohne Schirm, mit Charme und ohne Melone
Kommissarinnen im deutschen Fernsehfilm

von Dagmar Trüpschuch

Tatort Wohnzimmer. 20.15 Uhr. Ein Schuss, ein Toter, eine Ermittlerin. Erst immer wieder sonntags, mittlerweile fast täglich. Und das seit 33 Jahren. 1971 nahmen im „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ die ersten Frauen die Ermittlungen in Sachen Mord und Totschlag in einer deutschen Fernsehserie auf. Für den Westen des geteilten Deutschlands Nicole Heesters als Kommissarin Marianne Buchmüller, für den Osten Sigrid Göhler als Leutnant Vera Arndt. Dies war der Anfang einer Entwicklung, die der Männerdomäne Kommissar langfristig den Rang ablaufen sollte – im Fernsehen wohlgemerkt. Die Realität sieht anders aus – sowohl damals als auch heute.

1903 wurde in Stuttgart zum ersten Mal eine Frau in den Polizeidienst aufgenommen. Sie war zuständig für die Überwachung weiblicher Häftlinge und ihrer Betreuung nach der Entlassung. Nach dem Stuttgarter Vorbild wurden in vielen deutschen Städten so genannte Polizeiassistentinnen eingestellt, die für Sittendelikte, Schulschwänzer sowie auffällige Kinder und Jugendliche zuständig waren. 1913 arbeiteten Polizeiassistentinnen in 19 deutschen Städten.

Beim Film waren sie in dieser Zeit indes schon viel weiter und gestanden der ersten weiblichen Ermittlerin ein größeres Handlungsspektrum zu. Die Detektivin Mrs. Nobody (Senta Eichstaedt) jagte bereits 1913 selbstständig Verbrecher und übergab sie der Polizei. Die Filmfigur Nobody rückte den weiblichen Blick in die Mitte des Geschehens und machte die „Kunst des Beobachtens“ zur Grundlage ihres Berufes. Eindeutig emanzipiert nahm sie Verfolgungen über Hausdächer auf, überwand mit einem Seil Höhen und Tiefen und verkleidete sich auch schon mal als Mann, um in Kleidungs- und Schuhwerkfragen gleichberechtigte Verfolgerin des Verfolgten zu sein.  

Anders wiederum die Realität. Ein Werbespot aus dem Jahre 1929, „Die weibliche Polizei“, zeigt streng gekleidete Frauen im Gehrock, die sich um Kinder und Hilfebedürftige kümmern, wofür die Frau „auf Grund ihrer Veranlagung besonders geeignet ist“, so der Werbespot der Polizei.

Selbst heute, 75 Jahre später, spiegelt sich die Wirklichkeit im Polizeidienst nicht mit den im Fernsehkrimi gezeigten Frauenbildern. 1989, als Frauen ein direkter Zugang zum gehobenen Dienst der Schutzpolizei ermöglicht wurde, nimmt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die dritte Tatort-Kommissarin, als Leiterin der Mordkommission ihre Arbeit auf. Erst 1990 wird mit Ilona Scholz in Berlin die erste und bisher einzige Frau Leiterin einer Mordkommission. Sie hatte diesen Posten bis 2000 inne und arbeitet seitdem als Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung. Lena Odenthal jedoch ermittelt noch heute – und neben ihr Frauen wie Hannelore Hoger als Bella Block, Corinna Harfouch als Eva Blond, Iris Berben als Rosa Roth, Hannelore Elsner als Lea Sommer oder Imogen Kogge als Hauptkommissarin Johanna Herz, um nur einige zu nennen. Ermittelt Bella Block nach dem Motto „Ich glaube an die Demokratie, bin schlecht bezahlt und unbestechlich“, sagt Hannelore Elsner: „Kurze Röcke und Stöckelschuhe sind sicher keine perfekte Dienstkleidung, nur bin ich in diesem Outfit so souverän wie jeder Mann.“

Insgesamt 119 Fernsehkommissarinnen haben seit den Anfängen 1971 ermittelt – mittlerweile verfolgen, schießen und verhaften sie auf allen Fernsehkanälen. 2004 sind in der deutschen Fernsehlandschaft rund vierzig Kommissarinnen im Einsatz, während zur gleichen Zeit bei der Berliner Kripo der Frauenanteil auf gerade mal 26 Prozent angestiegen ist –von Frauen in leitenden Positionen mal ganz zu schweigen.

Doch auch die Fernsehkommissarinnen hatten es mit ihrer Emanzipation nicht einfach, weder bei Kollegen und Verdächtigen noch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die erste Ermittlerin Muriel Baumeister beispielsweise wurde 1971 noch in einer Homestory etabliert. „… bevor deutlich wird, dass sie eine leitende Beamtin der Mordkommission ist, haben die Zuschauer schon ihr Bad, ihre Küche und den Inhalt ihres Kühlschranks besichtigt.“ (Gabriele Dietze). Lena Odenthal hingegen wurde 1989 unübersehbar als Amazone eingeführt. Für ein Wettschießen mit Pfeil und Bogen hatte sie sich mit einem Halfter amazonengerecht die linke Brust abgebunden.

Ungebunden sind hingegen allen Kommissarinnen, was ihr Liebesleben betrifft. Keine hat Partner und Familie, die ihnen die Lust auf Arbeit und Ermittlung einschränken. Eine gelungene Verbindung zwischen Familie und Karriere gibt es nicht. Die Kommissarinnen haben sich einen Teil vom Kuchen der männlich-beruflichen Unabhängigkeit abschneiden können. Entweder sind die Kommissarinnen Single-Frauen mit wechselnden Ab-und-zu-Affären oder habe einen festen Liebhaber, der entweder verständnisvoll tolerant ist wie Simon Abendroth von Bella Block, nur telefonisch präsent wie bei Lea Sommer, im Koma liegt wie der mittlerweile verstorbene Ehemann der Kommissarin Lucas (Ulrike Kriener) oder bei einer Ermittlung erschossen wird wie der Mann sowohl von  Rosa Roth als auch von  Klara Blum (Eva Mattes). Und während die lesbische Community auf ein Coming Out von Lena Odenthal hofft, verliebt diese sich schon mal in einen Verdächtigen, pflegt ihre platonische Liebe zu ihrem Assistenten Kopper und leistet sich ganz manchmal einen Blick oder eine flüchtigen Kuss auf und mit einer Verdächtigen. In „Fetter Krieger“ muss jedoch die soeben von ihr Geküsste schon bald Lieben und Leben lassen. In einem Gespräch mit der Siegessäule sagt Ulrike Folkerts: „Sie muss sterben, weil man nicht will, dass es eine Fortsetzung gibt. Ich war immer dagegen.“ Nur die deutsch-griechische Schauspielerin Despina Pajanou, die als Sabrina Nikolaidou für RTL in „Doppelter Einsatz“ ermittelt, springt neben ihren wechselnden Liebhabern auch schon mal mit einer Frau ins Bett.

Der Geschichte der Fernsehkommissarinnen widmet sich das Filmmuseum Berlin in einer Sonderausstellung, die noch bis zum 8.März 2005 zu sehen ist. Auf einer Gesamtfläche von 600 m² nehmen die BesucherInnen die Spur nach Leben und Arbeiten der Kommissarinnen auf. Die Spurensuche bringt sie u.a. zu einer Fotoausstellung von Herlinde Koelbl, zu Mordwaffen und Originalkostümen, zu einer Fotodokumentation über Fiktion und Wirklichkeit im Polizeidienst und zu Video-Sitzecken mit Zusammenschnitten der wichtigsten Kommissarinnenfilme der letzten Jahrzehnte.

In der Fotoausstellung zeigt die Fotografin Herlinde Koelbl 15 Fernsehkommissarinnen, die zurzeit im deutschen Fernsehen ermitteln sowie Kriminalhauptkommissarin Marion Wieczorek von der Kripo Potsdam. Ihre Aufgabe war es, die Seiten zu wechseln und sich als Täterinnen mit Waffe zu präsentieren. Das Ergebnis hätte unterschiedlicher kaum ausfallen können. Abgesehen davon, dass ein unkritischer Umgang mit der Waffe durchaus kritisch hätte betrachtet werden können, ist es geradezu verwunderlich, wie ausgerechnet Ulrike Folkerts ihre Aufgabe umsetzt. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht hält sie die Pistole in beiden Händen wie ein Heiligtum. Übertroffen wird diese erotisierte Präsentation einer Schusswaffe nur noch durch das Porträt von Hannelore Elsner. Doch von ihr erwartet man es auch nicht anders: verzücktes Gesicht, gespreizte Hand am Solar Plexus, geschlossene Augen, die Waffe, die sich an die Stirn drückt, der Finger am Abzug – der erotische Genuss eines Kopfschusses – eine ungewollte Parodie auf sich selber in elsnerisch-gekünstelter Erotik. Dank an Hannelore Hoger, die es versteht ihre Aufgabe mit Humor zu nehmen. Man hört sie förmlich sagen: „Peng, du bist tot“. Bella Block eben. Souverän und selbstironisch.

Die Foto- und Videoshow über Wirklichkeit und Fiktion dokumentiert das Verhältnis der Filmgeschichte parallel zur Historie der Frauen im deutschen Polizeidienst. Gelungen an der Ausstellung sind neben dieser Dokumentation die montierten Filmausschnitte aus allen Fernsehkommissarinnen-Krimis. Hier sehen wir trinkfeste Kommissarinnen nach Feierabend – gern mit Rotwein, Wodka oder schon so richtig betrunken –, während eines Einsatzes – intuitiv und zielsicher – oder beim Verhör von hart bis zart. Wir sehen Tatort, Polizeiruf, Eva Blond, Doppelter Einsatz, Rosa Roth – Filmausschnitte chronologisch geschnitten, unterbrochen von Interviews mit den Schauspielerinnen und Backstage-Szenen. Kopfhörer auf, sich tief in die Kissen sinken lassen, Film ab und sich in die vergangenen Jahrzehnte der Welt des Sex and Crime entführen lassen – der richtige Zeitvertreib für trübe Herbst- und Wintertage.

 

Deutsche Welle, 25.10.2004

Quotenträchtig in Frauenhand
Die Frauen erobern die Fernsehkrimis. Mord- und Totschlag wird im deutschen Fernsehen immer öfter von Kommissarinnen aufgerollt. Das Filmmuseum Berlin widmet ihnen jetzt eine Ausstellung: "Die Kommissarinnen"

von Aygül Cizmecoglu

Sie können fies und arrogant sein, gleichzeitig warmherzig und voller Charme. Mal tragen sie extravagante High Heels, mal abgelatschte Turnschuhe. Ihre Lebenskonzepte sind so unterschiedlich wie ihre Frisuren. Die eine fährt mit ihrem Motorrad von einer Kurzaffäre zur nächsten, und die andere im VW Käfer zum Elternabend. Sie sind die Kommissarinnen, Ikonen einer starken Weiblichkeit. Ob nun Hannelore Hoger alias Bella Block oder Ulrike Folkerts als dienstälteste Tatort-Kommissarin Lena Odenthal – seit Jahren kommt die deutsche Fernsehlandschaft nicht mehr ohne die weibliche Ermittlerin aus. Sisters in Crime auf allen Kanälen.

"Zum ersten Mal tauchte eine Frau in den späten 1970er Jahren als Kommissarin im Fernsehen auf, aber das sind noch lizenzierte Frauen, also noch Frauen von Männers Gnaden, die die Kommissarinnen spielen dürfen", meint Peter Paul Kubitz, einer der Kuratoren der Berliner Ausstellung. "Und in den alten Krimis waren sie die Assistentinnen, Sekretärinnen und ein bisschen die Mütterchen; die Frauen, die dem Mann den Cognac einschenken und sagen: Komm, hast einen harten Arbeitstag gehabt." Heute sei es genau umgekehrt.

Oftmals sei es der schnodderige Assistent, der die gestresste Chefin mit einem Wodka zu besänftigen versuche. Die Kommissarinnen spiegeln für ihn ein Stück weit auch den gesellschaftlichen Trend wider. Mit den ersten berufstätigen Frauen kamen auch die Ermittlerinnen ins Fernsehen. Zuerst in Ost-, dann in Westdeutschland. Frauenquote, Abtreibungsdebatte, Sexismus am Arbeitsplatz – das alles beschäftigte auch die Fernsehkommissarinnen.

Sie wurden zunehmend zu Identifikationsfiguren für weibliche Zuschauer. Die Männer hatten ihren Rebellen Horst Schimanski und die Frauen die coole Lena Odenthal. Sie wurden zu einem Garant für hohe Einschaltquoten. Die Folge: Weibliche Dauerberieselung auf einem einst männerdominierten Terrain. "Sie brauchen nicht mehr unbedingt den Mann – weder beruflich noch privat. Es sind Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Und die die Brüche des Lebens kennen und keine Schminke mehr drüber setzen, sondern zu diesen stehen", so Kubitz.

Genau diese Brüche werden in den Fotografien von Herlinde Koelbl sichtbar. Die renommierte Fotografin, die sonst Politiker und Schriftstellerablichtet, hat jetzt eigens für die Ausstellung 15 Fernseh-Kommissarinnen porträtiert. Auf großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien posieren sie mit ihrer Dienstwaffe – mal sich selbst anklagend, die Pistole an die eigene Schläfe gesetzt wie Hannelore Elsner, mal die eigene Macht zelebrierend, lässig die Hand am Schaft wie Despina Pajanou.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich, wie in ihren Rollen. Keine hübschen Abziehbilder von Männerfantasien wie einst, sondern vielschichtige Frauen mit Narben und Lachfalten. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen wie Derrick und Ode besitzen sie auch noch eine gehörige Portion Selbstironie. Wenn Ulrike Kriener als Kommissarin Lucas bei einer Verfolgungsjagd mit ihren Stöckelschuhen im Kopfsteinpflaster stecken bleibt oder Eva Blond am Tatort Rouge nachlegt, so ist das eine Attitüde. Ein besänftigendes Augenzwinkern, um den Männern die letzte Hoffnung zu lassen.

Allerdings gibt es eine Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und dem, was uns im Fernsehen zur besten Sendezeit vorgespielt wird. Natürlich gibt es nicht Hunderte von Kommissarinnen in dieser Republik, die Chefinnen von Männern sind. Das Fernsehen gaukelt ein Stück weit emanzipatorische Verhältnisse vor. Ein Wunschdenken, durch Fiktion die Realität zu verändern. Bella Block, Lena Odenthal oder Rosa Roth brauchen höchstens eine Serienstaffel, um gegen den Chauvinismus ihrer Kollegen anzukommen. Sie sind Heldinnen in einer fiktiven Welt, entstanden aus der Feder eines Drehbuchautors. Real gezeichnet, aber zu schön, um schon wahr zu sein.

 

Kölner Stadtanzeiger, 11.11.2004

Lippenstift statt Pistole
In Berlin zeigt das Filmmuseum mit „Die Kommissarinnen“ eine Ausstellung über deren stetige Entwicklung im Fernsehen

von Joachim Göres

Anfang 1978 trauten viele Fernsehzuschauer ihren Augen nicht: Nicole Heesters suchte als erste weibliche Kommissarin in einem westdeutschen TV-Krimi einen Mörder. In dem Südwestfunk-Tatort „Der Mann auf dem Hochsitz“ verlässt sich die Tochter von Altstar Johannes Heesters auf ihr psychologisches Geschick und steckt sich als Oberkommissarin Marianne Buchmüller statt einer Pistole lieber den Lippenstift ein. Zeugen sprechen ihren Assistenten als „Herr Kommissar“ an und glauben nicht, dass die Frau mit Baskenmütze die Chefin ist. Bei der Teamsitzung kocht sie Kaffee für die Männer – eine Kommissarin, die um Anerkennung ringt. Von „Tatort“ zu „Tatort“ wird sie braver und weiblicher: Die freche Frisur weicht einer Wasserwelle, aus bequemen Schuhen werden Pumps, aus dem verwegenen Khaki-Outfit eine mausgraue Strickjacke. Und nach ihrem dritten Auftritt – eine der wenigen Tatortfolgen, die bis heute nicht wiederholt wurde – ist dem SWF die ganze Sache nicht mehr geheuer und er zieht Oberkommissarin Buchmüller aus dem Verkehr.

Mehr als 100 Schauspielerinnen haben sich seit Nicole Heesters als Mordkommissarin versucht und inzwischen auf dem Bildschirm den Männern den Rang abgelaufen. Sie haben es nicht mehr nötig, ihre Mitarbeiter mit Kaffee bei Stimmung zu halten – das macht die Ausstellung „Die Kommissarinnen“ klar, die das Filmmuseum Berlin bis zum 8. März zeigt. Zur besten Sendezeit ermitteln heute unter anderen Bella Block (Hannelore Hoger), Lea Sommer (Hannelore Elsner), Rosa Roth (Iris Berben) und Eva Blond (Corinna Harfouch) – Kommissarinnen, die die Männer nach ihrer Pfeife tanzen lassen, sich über sie lustig machen oder barsch antworten, wenn sie in Frage gestellt werden.

Die meiste Erfahrung hat Ulrike Folkerts, die seit 1989 als Lena Odenthal in Lederjacke und Sportschuhen im Tatort dem Täter auf der Spur ist. „Die musste anfangs einen Rock und rosa Schal tragen, was überhaupt nicht zu ihr passte. Heute haben die Schauspielerinnen viel mehr Einfluss auf ihre Rollen. Ulrike hat z.B. mal ins Drehbuch schreiben lassen, dass sie einen Brocken von einem Mann einfach k.o. schlägt“, sagt Tatort-Redakteurin Melanie Wolber.

Schlägereien und Schießereien, mit denen Kommissarinnen im Fernsehen ihr Können demonstrieren, mag Ellen Schmandt nicht. Als 1978 die erste Kommissarin den Bildschirm eroberte, war sie die erste und einzige Chefin eines Morddezernats in der Realität – bis heute sind es kaum mehr geworden. Schmandt hat nicht einmal bei einem Einsatz geschossen. „Krimis sind oft auf eine Kommissarin zugeschnitten, die sich leichtsinnig in Gefahr bringt. In der Realität zählt Teamarbeit“, sagt die 1,60 Meter große Frau, die 15 Jahre lang das Fachkommissariat für Tötungsdelikte, Brände und Vermisstensachen im niedersächsischen Celle leitete.

Die heute 80-Jährige ist kein Freund von Fernsehkrimis, die einzige Ausnahme ist „Derrick“, „weil der der Wirklichkeit noch am nächsten kommt“. Ermittlerinnen im Kostüm und auf Stöckelschuhen wie Hannelore Elsner sind ihr ein Gräuel. „Als ich bei der Polizei eingestellt wurde, gab es drei Bedingungen, die jede Frau erfüllen musste: eine abgeschlossene Berufsausbildung, kurze Haare und flache Schuhe. Die Kollegen würden sich bedanken, wenn man wegen hoher Absätze nicht die Verfolgung aufnehmen kann.“

Von besonderer weiblicher Intuition oder größerer Sensibilität, mit der Kommissarinnen im Fernsehen oft Fälle lösen,hält sie nichts. „Ich kenne männliche Kollegen, die Kinder mit viel größerer Einfühlsamkeit als Frauen befragen können.“ Das Geschlecht spiele keine Rolle, entscheidend sei der Intellekt.

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat für die Berliner Ausstellung 15 Fernsehermittlerinnen und eine echte Kriminalkommissarin mit ihrer Dienstwaffe abgelichtet. Die durften sie halten, wie sie wollten. Charlotte Schwab alias Marion Ahrens aus der ZDF-Serie „Das Duo“ verbirgt die Pistole hinter ihrem Rücken mit der Begründung: „Die Kommissarin Marion Ahrens ist erdverbunden, ein Landei, sehr weiblich, mag keine Pistolen.“ Iris Berben zielt dagegen als Rosa Roth direkt auf den Betrachter, die aggressive Haltung wird durch ihre drohenden Augen unterstrichen. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich heute TV-Kommissarinnen.

Was eine Waffe im Alltag wirklich bedeutet, weiß nur Marion Wieczorek von der Kripo Potsdam, die einzige echte Mordkommissarin in der Ausstellung: „Wenn ich im Außendienst bin und den ganzen Tag die Pistole trage, habe ich am Abend Kreuzschmerzen. Sie ist sehr schwer, zudem kann man sich gar nicht normal hinsetzen mit der Waffe im Rücken. Sehr schnell habe ich erkannt, dass der Film nicht der Realität entspricht.“

 

fotografie, 25.11.2004

Herlinde Koelbl, eine der bekanntesten Fotografinnen Deutschlands, zeigt 15 prominente Bildschirmermittlerinnen – und eine echte Kommissarin – als Ikonen einer starken Weiblichkeit, vom Kopf bis zu den Schuhen.

Der Siegeszug der Fernsehkommissarinnen scheint unaufhaltsam. Der Kommissar ist längst Legende, Derrick gar zur Comic-Figur geworden, Der Alte ermittelt im Vorabendprogramm – zur Prime Time führen und überführen zunehmend Frauen die Männer. Was ist der Erfolg von Bella Block, Eva Blond, Lena Odenthal, Kriminalrätin Prohacek, Rosa Roth, Lea Sommer & Co.? Mal "knallhart", mal "weiblich" charmant – jede ist anders; mal näher dran am Klischee, mal weiter weg.

Ein Text der bekannten Krimiautorin Thea Dorn und ein kulturhistorischer Beitrag von Gabriele Dietze über die Geschichte der weiblichen Ermittlerin auf dem Bildschirm runden diesen ebenso ungewöhnlichen wie hintersinnigen Bildband ab. 55 Rollen-Kurzbiographienbekannter und weniger bekannter Fernsehkommissarinnen machen dieses Buch zur unentbehrlichen Fanausstattung jedes Fernsehkrimiliebhabers.

Herlinde Koelbl, geboren in Lindau, arbeitet seit 1976 als Fotografin. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie mit dem Bildband “Das deutsche Wohnzimmer” (1980). Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie mit ihren “Jüdischen Porträts” (1989) und durch ihre fotografische und filmische Langzeitdokumentation “Spuren der Macht” (1999) bekannt.

 

taz Berlin, 2.12.2004

Mit Karate, Charme und Pistole

Gibt es eigentlich noch männliche Kommissare? Außer dem schwermütig-schwedischen Wallander? In Zeiten omnipräsenter weiblicher Komissartätigkeit im deutschen Fernsehen vergisst man leicht, dass das früher in den 60er und 70er Jahren mal alles ganz anders war. Nämlich so: Frauen kochten für die tapferen Männer, die im Kampf gegen das Böse ermittelten, Kaffee und Würstchen und wurden freundlich "Rehbeinchen" genannt. Dann kam Emma Peel, und alles wurde anders. Ihr kühler Charme, ihre Karatekünste, ihr britischer Humor, dazu noch der sexy Nahkampfdress (der übrigens als Emmapeeler in die Modegeschichte einging): all das machte aus der Schauspielerin Diana Rigg eine Pop-Ikone. Und deswegen sind die vier Folgen der "Mit Schirm, Charme und Melone"-Serie, die es am Samstag im Kino Arsenal zu sehen gibt, wie eine Zeitreise in die 60er Jahre.

 

taz, 2.12.2004

Off-Kino

So ganz passt sie ja nicht in die "Kommissarinnen"-Reihe des Arsenal-Kinos: Zwar ermittelt auch Mrs. Emma Peel (Diana Rigg) in allerlei reichlich merkwürdigen Fällen, doch müsste man sie eigentlich viel eher als freischaffende Agentin bezeichnen. Die Sendereihe "The Avengers", in der Mrs. Peel seit 1965 Handkantenschläge verteilte, ging bereits 1961 erstmals über den britischen Äther; seinerzeit allerdings noch als Live-TV und mit zwei männlichen Hauptdarstellern. Als Ian Hendry, der den Arzt und Amateurspion Dr. David Keel verkörperte, aus der Serie ausstieg, machte man den mysteriösen Geheimagenten Mr. Steed (Patrick Macnee) zur Hauptfigur und stellte ihm nun eine Partnerin an die Seite. Das war jedoch immer noch nicht Mrs. Peel, sondern Cathy Gale (Honor Blackman), eine Judoexpertin im Lederdress. Aber nun hatte man die Erfolgsformel entdeckt: spannende und zugleich amüsante Abenteuer, eine nie ausgesprochene, jedoch unterschwellig vorhandene erotische Anziehung zwischen den Hauptfiguren sowie ein unbedingter Wille zum Stil. Avengers-Mode wurde Trend; Honor Blackman sang (na ja) sogar gemeinsam mit Macnee den Song "Kinky Boots", und das passte eigentlich recht gut. Mit der mehr als selbstbewusst auftretenden Theaterschauspielerin Diana Rigg als Ersatz für Blackman (die sich in Richtung James-Bond-Film GOLDFINGER verabschiedete) und den nun erstmals auf Filmmaterial gedrehten Folgen der Jahre 1965-67 erlebte die Serie ihre ganz große Zeit: Die Darsteller ergänzten sich in ihrer britisch-ironischen Art vortrefflich, Inszenierung und Kameraarbeit der einzelnen Folgen erreichten oftmals Spielfilmniveau, zudem wurden die Abenteuer, welche die Agenten mit "Schirm, Charme und Melone" bewältigten, immer absurder – plötzlich gab es U-Boote im Burggraben, Atombomben im Kaufhaus und Leute, die mitten auf einem Feld ertranken. In "Man-Eater of Surrey Green" versuchen unsere Helden, dem Verschwinden einiger Botaniker auf die Spur zu kommen und müssen dabei eine menschenfressende Pflanze aus dem Weltall bekämpfen; "The House That Jack Built" führt hingegen ein Eigenleben und bemüht sich mit raffiniert gestalteten Fallen, die arme Mrs. Peel zu Tode zu bringen, die dank ihrer scharfen Intelligenz mit diesem Problem jedoch spielend fertig wird.

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