Tagesspiegel, 10. Januar 2013
Martin Scorsese Gewalt der Schönheit
Von Peter von Becker
Ein blutdurchtränktes Hemd hinter Glas, ausgestellt wie eine Reliquie. Ein leicht gruseliger Augenschmaus. Doch es ist Kunstblut, vom Besten! Robert De Niro hat in seinen Verträgen stehen, dass er nach Drehschluss die Kostüme seiner Filme behalten darf. (…) Und so sehen wir jetzt in Berlin jenes letzte Hemd, das De Niro als Exsträfling vor gut 20 Jahren in Martin Scorseses Thriller Kap der Angst getragen hat. Oder die Boxershorts und Handschuhe, als De Niro, legendär und wieder bei seinem Lieblingsregisseur, 1980 in Raging Bull der tanzende, taumelnde Faustkämpfer Jake La Motta war. (…) Nicht nur für eingefleischte Cineasten, auch für das größere Publikum ist das eine Verführung ins künstliche Paradies. Ein Paradies freilich auch der Gewalt – alle haben ihre Unschuld verloren und sind nackt noch in ihren Roben: wie Cate Blanchett, die man sich in ihrer Oscar-preisgekrönten Rolle als Katherine Hepburn im gleichfalls ausgestellten Originalkostüm aus Scorseses Aviator von 2004 vorstellen darf. Es sind Zeugnisse von gewalttätiger, gewaltiger Schönheit. (…)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Januar 2013
Ein Tempel für Gottes einsamsten Mann. Eine große Ausstellung feiert den amerikanischen Regisseur Martin Scorsese
Von Andreas Kilb
Mit elf Jahren zeichnet Martin Scorsese das Storyboard für einen Sandalenfilm in Cinemascope: ‚The Eternal City’. Die Geschichte, liebevoll und gründlich mit Buntstift ausgemalt, beginnt mit einem Triumphzug durch die Straßen Roms (…). E gibt viele Jungen, die solche Träume träumen. Das Besondere an Scorseses Träumen besteht darin, dass sie sich erfüllt haben. In der Ausstellung, die Kristina Jaspers und Nils Warnecke für die Deutsche Kinemathek in Berlin kuratiert haben, sieht man, was aus den frühen Allmachtsphantasien des Knaben Marty geworden ist: die Silbervögel, mit denen Leonardo DiCaprio in Aviator durch den Himmel rast; die üppig gedeckten Tische und raschelnden Ballkleider aus Zeit der Unschuld; die kreisenden Rouletteräder aus »Casino« (…). Es ist, wie man staunend erfährt, die erste Ausstellung über den größten lebenden amerikanischen Filmregisseur, und sie setzt eine Marke, die schwer zu übertreffen ist. Man läuft durch einen Palast der Erinnerungen, den Traum eines Knaben, der zum Meister des Träumens wurde. Es ist das reine Glück.“
Berliner Zeitung, 10. Januar 2013
Nahaufnahme Martin Scorsese
Von Anke Westphal
Der Hurricane Sandy ist schuld daran, dass Martin Scorsese gestern nicht persönlich angereist ist zur Eröffnung der weltweit ersten Ausstellung über ihn. (…) Immerhin hat Scorsese eine freundliche Videobotschaft nach Berlin geschickt, in welcher er mit heiterem Erstaunen konstatiert, dass er für die neue Sonderausstellung des Museums für Film und Fernsehen doch recht viel beigesteuert haben muss, denn er vermisse so einiges in seiner Wohnung wie im Produktionsbüro. Und ja, die Schau »Martin Scorsese« tröstet einen fast über die Abwesenheit dieser Kinolegende hinweg, so wunderbar vielfältig, kenntnisreich und liebevoll ist sie eingerichtet. Scorsese hat hierfür sein Privatarchiv geöffnet; dazu kommen Exponate aus den Collections von Robert De Niro, dem Hauptdarsteller vieler Scorsese-Filme, sowie Paul Schrader in Austin, Texas. Wer der Person Martin Scorsese näher kommen will, wird diese Ausstellung lieben. Wer seinen Eindruck von Filmen des Regisseurs auffrischen und um Einblicke in dessen Werdegang und Arbeitsweise ergänzen will, wird beglückt sein. (…)
Berliner Morgenpost, 10. Januar 2013
So tüftelt und tickt Kultregisseur Martin Scorsese
Von Peter Zander
(…) »Martin Scorsese«, so der schlichte Titel dieser Schau, ist eine der besten Filmausstellungen der letzten Jahre. Weil hier ein Oeuvre nicht bloß biographisch abgearbeitet und mit Fotos bebildert wird, sondern weil hier ein seltener und spannender Einblick in eine Werkstatt ermöglicht wird: So tüftelt, so tickt Scorsese. Wir lernen den privaten Scorsese kennen. Fotos als Baby und als Vater. Die Ahnengalerie seiner italienischen Vorfahren. Und wie all das, das Familiäre, die Geschichte der Einwanderung und auch der italienische Familien-»Ersatz« Mafia in sein Werk Einzug fanden. (…) Dann spielt natürlich New York eine große Rolle. In einem Stadtmodell sind seine Drehorte mit Stecknadeln markiert, so dass man verfolgen kann, wie er die ersten Filme noch in seinem unmittelbaren Kiez, in Little Italy drehte, und wie sich dann der Radius in konzentrischen Kreisen immer weiter auswuchs. (…) Ganz zuletzt landet man in einem dunklen Raum, in dem auf vier Leinwänden eine zwölf Minuten lange Bild- und Toncollage aus seinen Werken irrlichtert. Und man buchstäblich eintaucht in die Welt des Martin Scorsese.
Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2013
Konstruktionsplan fürs Kino
Von Anke Sterneborg
Da ist also dieser kränkliche Junge, der häufig zuhause hockt, in den Fünfziger Jahren in Little Italy, New York. Er verfolgt die Filme, die sich vor seinem Fenster abspielen, flüchtet sich in die Geschichten, die er im Fernsehen sieht. Wie Martin Scorsese aus den Versatzstücken der Wirklichkeit im Laufe der Jahre seine ganz eigene Welt erschuf, kann man jetzt in Berlin in einer wunderbaren Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen in der Deutschen Kinemathek erleben. Man kann dort allen Einflüssen auf sein Werk nachspüren, die Erfahrungen in der italienischen Großfamilie, die Rituale der katholischen Kirche und der Mafiagangster – und immer wieder die Musik und das Kino der anderen. Die große Kunst der Kinematheks-Ausstellungen liegt darin, dass sie dem Betrachter kein festes Korsett schnüren. (…) Bis heute sind seine Helden genauso beseelt und besessen, getrieben und zerrissen wie er, und es ist ein Verdienst dieser Ausstellung, dass sie die Verbindungslinien transparent macht, die Wurzeln und Inspirationsquellen so klug zur vielstimmigen Sinfonie eines Lebenswerks choreografiert, zu einem Lebensfilm.
Neues Deutschland, 15. Januar 2013
Herzblut fließt unterm Eis. Martin Scorsese – eine starke Ausstellung in der Deutschen Kinemathek
Von Hans-Dieter Schütt
Das Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz in Berlin zeigt die weltweit erste Ausstellung zu Leben und Werk des US-Regisseurs Martin Scorsese (…). Und gleich vorweg: Es ist eine großflächige Ausstellung, die aber verblüffend intim wirkt. Als habe der Grandiose jeden Besucher persönlich hereingebeten in Büro, Schneideraum, private Filmvorführungsstätte – ins Lebenswerk. Die Exposition, kuratiert von Kristina Jaspers und Nils Warnecke, zeigt Kostüme, Notizbücher, Briefe, Vertragskopien, eine Kamera von 1980 – da, der Wohnzimmertisch der Familie Scorsese, die Ahnengalerie, die Bilder und katholischen Requisiten von den Wänden des Elternhauses, natürlich unzählige Fotos, und an die Wände geworfen: Szenenausschnitte aus 32 Filmen des Regisseurs. Es ist das Schönste, was man über diese Schau sagen kann: Technik präsentiert sich, und doch entsteht Zauber; Information füllt Räume, jedoch strahlt eine Atmosphäre des spannenden Erzählens von Dingen, die kein Fakt zu vermitteln vermag; aus dem Wirklichen der Stücke schimmert jenes Unwirkliche der bösen, bitteren, beseelenden Märchen des Wunders Film. (…)