BZ, 20. Januar 2014
Als Hollywood neidisch auf Babelsberg war
Martina Kaden
Mit der Ausstellung »Licht und Schatten. Am Filmset der Weimarer Republik« nimmt uns das Filmmuseum am Potsdamer Platz mit auf eine Entdeckungsreise in diese Blütezeit des deutschen Filmschaffens. Ein gut gewählter Titel, denn in den Filmen, die zwischen 1918 und 1933 in Babelsberg entstanden, sind Licht und Schatten expressive Sinnstifter. Unvergessen, wie sich der Schatten von Nosferatu, gespielt von der Grusel-Ikone Max Schreck, an Ellen Hutter alias Greta Schröder heranschleicht. Auch in Wienes Cabinet des Dr. Caligari verselbstständigt sich Caligaris Schatten, macht aus dem Hypnotiseur einen Scharlatan.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Januar 2014
Wo das weiße Blut der Leinwand fließt
Andreas Kilb
Eine Hommage also und zugleich eine fotografische Chronik, die mit Lubitschs Carmen von 1918 beginnt – am Tag der Uraufführung beschloss der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte die Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung – und mit Liebelei endet, dem letzten Film, den Max Ophüls vor seiner Flucht vor den Nazis in Deutschland gedreht hat.
Es trifft sich, dass eins der Werke den Schatten im Titel trägt. Arthur Robinsons Film von 1923 ist das prototypische morality play der frühen Weimarer Zeit: Ein Ehemann geht mit seiner Frau zum Dinner und beobachtet hinter einer Gardine ein Schattenspiel, das scheinbar ihre Untreue bezeugt. Ein anwesender Schausteller beschließt, die Szene zu seinen Gunsten auszunutzen, und veranstaltet mit den Gästen eine Séance, bei der ihre verborgenen Ängste und Wünsche zum Vorschein kommen.
Berliner Morgenpost, 23. Januar 2014
Erst das Dunkel schafft Glanz
Peter Zander
Immer wird vom Film als einem Lichtspiel gesprochen, immer auch vom Glanz und Glamour des Kinos – und den Stars, die nicht umsonst an die Strahlkörper am Himmel erinnern. Aber der Film ist immer auch das Gegenteil. Erst das Wechselspiel von Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß macht die ganze Wirkung der Bilder aus. Der böse Doktor im Stummfilmklassiker Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) wird durch einen verzerrten Schatten erst richtig dämonisch. Gleiches gilt für den Vampir in Nosferatu (1922), wenn er sich mit seinen grotesk langen Fingerkrallen auf sein Opfer zubewegt. Kino ist immer Licht- und Schattenspiel. (…)
»Licht und Schatten. Am Filmset der Weimarer Republik« ist eine Hommage an die größte und ruhmreichste Zeit des deutschen Films, die mit der Machterschleichung Hitlers jäh zu Ende ging.
Berliner Zeitung, 23. Januar 2014
Die Sinnlichkeit des Zelluloids
Gerhard Midding
Hans Helmut Prinzler hat die Schau mit Klarheit kuratiert. Sie bildet die Physiognomie der Ära in vielen Schattierungen ab. Die Fotografien von Hans Casparius und anderen bringen die Stars, Szenenbilder und Lichtführung trefflich zur Geltung. Ihr Augenmerk liegt auf der pointierten Schilderung von Situationen. Standfotografen imitieren nicht Kameraeinstellungen. Sie liefern die Synthese einer Szene, komponieren Bilder aus eigener Sensibilität. Das lohnt genaues Hinschauen. Erst auf den zweiten Blick enthüllt sich, wie sacht sich das Gesicht Franz Lederers in einem Foto zu Zuflucht im Fenster spiegelt, wie sein Gesicht vom Licht einer Straßenlaterne konturiert wird. 25 Werkfotos führen zudem vor Augen, wie damals Filme entstanden. Sie lösen den Untertitel der Schau »Am Set der Weimarer Republik« ein.
Tagesspiegel, 24. Januar 2014
Alle Bilder stehen still
Helmut Merker
Für die Ausstellung „Licht und Schatten – Am Filmset der Weimarer Republik“ schöpft das Filmmuseum aus einem reichen Fundus, der auf den Regisseur, Historiker und ersten Leiter der Deutschen Kinemathek, Gerhard Lamprecht, zurückgeht. Sein Nach-Nachfolger Hans Helmut Prinzler, der von 1990 bis 2006 amtierte, hat jetzt die Auswahl zu 65 Filmen aus den Jahren 1918 bis 1933 zusammengestellt. Glitzernde Eissäulen (Der heilige Berg), Schneelandschaft inmitten von Wolken (Die weiße Hölle vom Piz Palü), Kraterlandschaft unter Sternen (Die Frau im Mond), Siegfrieds glühendes Schwert (Die Nibelungen), die nackte Glühbirne in der Garderobe (Der blaue Engel) der Kronleuchter im großbürgerlichen Speisezimmer (Buddenbrooks) oder auch das leuchtende »M« auf dem Rücken von Peter Lorre (M) – all das sind charakteristische Zeichen für den jeweiligen Film. Und sie unterstreichen die frühe Erkenntnis des Kritikers Rudolf Kurtz: »Das Licht hat den expressionistischen Filmen die Seele eingehaucht.« Am direktesten wirkt es als dramaturgisches Mittel in Nosferatu dergestalt, dass beim Einfall von Tageslicht einer sein Leben aushaucht.