Berliner Morgenpost, 27. Juni 2013
»Die volle Dosis Bernd«
Von Matthias Wulff
Filmemacher Bernd Eichinger wird in einer Retrospektive in der Deutschen Kinemathek gewürdigt. Für seine Witwe war die Übergabe der Sammlung »Trauerbewältigung«, für das Publikum ist sie ein Glück. (…)
Bernd Eichinger, das vergegenwärtigt man sich wieder beim Gang durch die Ausstellungsräume, war auch ein verdammt cooler Typ – und sich dessen allzu bewusst. Auf einem Bild liegt er in einem leicht verwühlten Bett, das linke Bein angewinkelt, im Hintergrund das Plakat von Letzte Ausfahrt Brooklyn. Auf dem Bild daneben steht Jennifer Jason Leigh, an ein Auto gelehnt, im roten Top, mit blonder Perücke und der unvermeidlichen Zigarette. Jennifer Jason Leigh war Hauptdarstellerin, Bernd Eichinger der Produzent von Letzte Ausfahrt Brooklyn (einer seiner besten Filme; sehr kalt, sehr misanthropisch, sehr großartig). Wer das nicht weiß, könnte gut glauben, Bernd Eichinger sei der Star in dem Film. Die Pose, die Selbstinszenierung, das würde schon passen. Geschossen hat das Bild Karin Rocholl, die zwei Jahrzehnte Fotografin des Stern war. Sie steht zufällig neben einem, sie möge das Bild, sagt sie, weil es Eichingers rebellische, aufmüpfige Seite zeige. Mit Schuhen ins Bett – wo kommen wir denn dahin?
Berliner Zeitung, 27. Juni 2013
Die volle Dosis Bernd
Von Anke Westphal
Nun kann sich der Besucher also »die volle Dosis Bernd« (Katja Eichinger) geben. Warum er das tun sollte? Weil jeder in seinem Leben mindestens einen von Eichinger produzierten Film – und sei es Die unendliche Geschichte – gesehen hat, auch wenn er den Namen dieses Mannes noch nie gehört zu haben meint. Außerdem ist »... alles Kino« eine sehr schöne und kundige sowie ehrenhafte Würdigung des Toten. (…)
Höhepunkt und Zentrum von »Alles Kino« bildet dann eine Installation mit dem Schreibtisch aus Bernd Eichingers Münchener Wohnung und mehreren großflächigen Projektionen. Das Ganze verbindet die Bilderwelten, Risikobereitschaft, Energie und doch auch den Eigensinn einer Ausnahmepersönlichkeit – eben volle Dosis.
Süddeutsche Zeitung, 27. Juni 2013
»Eine volle Dosis Bernd«: Eichinger-Ausstellung in Berlin
Von Caroline Bock
In der Ausstellung wird deutlich: Eichingers Filme sind facettenreicher als ihr Ruf. Die Spanne reicht von Der Untergang mit Bruno Ganz als Hitler über Umberto Ecos Der Name der Rose, das Kriegsdrama Das Boot, Michael Endes Die unendliche Geschichte bis zu Das Mädchen Rosemarie mit der noch sehr jungen Nina Hoss. Und natürlich sind da die Komödien Der bewegte Mann und Das Superweib. (...)
Den Nachlass, von dem nur ein Bruchteil zu sehen ist, hat Katja Eichinger Ende 2012 der Deutschen Kinemathek übergeben. »Bernd hat ja alles aufgehoben«, sagte sie am Donnerstag. »Ich wusste, dass er ein Archiv haben wollte.« Vor der Ausstellung sei sie »natürlich sehr nervös« gewesen – und jetzt »extrem zufrieden«.
Der Tagesspiegel, 28. Juni 2013
Bange machen gilt nicht
Von Christiane Peitz
Wenn es um Bernd Eichinger geht, ist man hin- und hergerissen, das hört einfach nicht auf. Da sind zwei meterlange Wandvitrinen, vollgestopft mit Publikums- und Branchenpreisen, Goldenen Leinwänden, Goldenen Tickets, Bogeys und Jupiters, lauter kiloschweren, schrecklich hässlichen Trophäen, und darüber hängen Plakate von Manta Manta, Werner – Beinhart! oder Ballermann 6, all die Komödien, mit denen Bernd Eichinger zuverlässig ein Millionenpublikum versorgte. (…)
Ein Foto von den Dreharbeiten zu Syberbergs Karl May – auch das ist Eichinger: einer, der Anfang der 70er Jahre Syberberg produzierte. Die anderen sind ins Gespräch versunken, Inkarnationen des grübelnden, gründelnden Deutschland. Nur Eichinger, der Schlaks, schaut in die Kamera, ungeschützt, unverblümt, was kost’ die Welt. Ohne Wagemut, ohne Wahnsinn funktioniert keine Filmkunst. (…)
Deutschlandradio, 28. Juni 2013
Leben wie im Film
Von Michael Meyer
Spannend ist diese Gegenüberstellung, weil Eichinger wie wohl kein anderer genau diese beiden Gegensätze verkörpert hat: zum einen die Vorliebe für große, bombastische Filmstoffe, dann aber wieder ein Hang zur Düsternis und Außenseitern. (…)
Was bleibt von Bernd Eichinger, ist das Bild eines Produzenten, der zeitlebens auch seine Dämonen, seine Ängste jagte – und bei den meisten seiner Filme richtig lag. Er hatte ein Gespür für das, was die Leute sehen wollten. Tragisch war nur, dass die Kritik sein Werk oft ablehnte – zu vielen Filmen sind in der Ausstellung als Zeitungsausschnitt die krassesten Verrisse zu lesen. Sein Leben, das sei ununterbrochen Kino, sagte Eichinger in einem Interview, und: »Alles, was ich lese, was ich sehe, was ich beobachte, ob ich hier rüber schaue, hier rüber schaue oder hier rüber schaue, ist für mich alles Kino, alles.«
Die Tageszeitung, 29. Juni 2013
Überschäumende Tatkraft
Von Jenni Zylka
Man könnte ihn mächtig nennen: Bernd Eichinger, der 2011 überraschend 62-jährig starb, produzierte oder verantwortete mehr als 100 Filme, darunter Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Das Parfum, Letzte Ausfahrt Brooklyn und Der Baader Meinhof Komplex. Oder man nennt ihn energetisch: In der von der Deutschen Kinemathek soeben eröffneten »Sammlung Bernd Eichinger« finden sich in 350 Exponaten und rund 120 Minuten Sound- und Filmmaterial jede Menge Hinweise auf die Unermüdlichkeit des Mannes aus Oberbayern. Und auf seine Wandelbarkeit, die ihn für den einen zu kommerziell und für den anderen zu revolutionär machte.
Frankfurter Allgemeine, 30. Juni 2013
Der Rebell als Diktator des Kinos
Von Andreas Kilb
Ein Vorteil der Ausstellung, der zugleich ein Handicap ist, liegt in der Herkunft ihrer Exponate. Fast alle stammen aus dem privaten Nachlass Bernd Eichinger, der im vergangenen Jahr an die Stiftung Deutsche Kinemathek überging. Sie zeigen Eichinger so, wie er sich sehen wollte, in Texten und Bildern; sie zeigen aber auch seine erstaunliche Souveränität im Umgang mit sich selbst. Denn auf einigen Bildern, besonders auf jenen, die die Stern-Fotografin Karin Rocholl von ihm aufgenommen hat, kommt eben doch der andere Eichinger zum Vorschein, der Grübler und Zweifler, der Zerrissene von Hollywood. (...)
Denn Eichinger war kein Buchhalter, sondern ein Condottiere, ein Feldherr des Kinos. (...) Eine Art Jekyll und Hyde sei Eichinger gewesen, sagt Doris Dörrie, die mit ihm drei Filme gemacht hat, in einem Fernsehporträt, das in der Ausstellung läuft: tagsüber knallharter Geschäftsmann, nachts Filmstudent, Diktator und Rebell zugleich.
Die Welt, 3. Juli 2013
Große Schuhe
Von Anke Sterneborg
Europa und Amerika sind zwei der vier großen Ausstellungskapitel, Helden und Außenseiter zwei weitere. Überall nistet der Widerspruch, der das Schaffen dieses „Jekyll and Hyde" des deutschen Kinos von Anfang an bestimmt hat. Ein Widerspruch, den das bewährte Kuratorenteam Paul Mänz und Kristina Jaspers nicht aufzulösen versucht, sondern als Kraft der Ausstellung nutzt: Aus Filmausschnitten, Interviewpassagen, Filmrequisiten und einer Fülle von Dokumenten entsteht ein Gerüst. Es bietet jedem Besucher die Freiheit, seine eigenen Assoziationswege durch ein Werk zu gehen, das nicht in sich geschlossen ist, sondern bis heute lebendig schillernd weiterstrahlt. So wie der letzte Raum der Ausstellung, in dem auf drei Leinwänden eine Bild- und Toncollage aus Filmausschnitten und Interviewpassagen läuft, funktioniert im Grunde die ganze Ausstellung. (...)
Man mag über Bernd Eichinger denken, was man will, doch diese ungestüme, visionäre Kraft fehlt dem deutschen und dem internationalen Kino. Die Schuhe, die in der Vitrine stehen, sind zu groß, als dass ein anderer sie ausfüllen könnte.
Fimdienst, 14/2013
Bernd Eichinger ...alles Kino
An Bernd Eichinger kommt man schwerlich vorbei, wenn man sich mit deutschem Kino beschäftigt, ob man seine Filme nun liebt oder Eichingers Arbeit, die stets versuchte, die Massen zu erreichen, als rotes Tuch empfindet. Als den »wichtigsten und einflussreichsten deutschen Produzenten der letzten Jahrzehnte« bezeichnet ihn das Museum für Film und Fernsehen in Berlin, das ihm vom 28.6. bis zum 6.10. eine Ausstellung widmet. In vier thematische Felder aufgeteilt (»Deutschland«, »Amerika«, »Außenseiter« und »Helden«), befasst sich die Schau mit dem Leben und der Karriere Eichingers und bietet die Möglichkeit, sich ein Bild von seiner Arbeit zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei eine Medieninstallation, die Eichingers Bilderwelten heraufbeschwört.
Stuttgarter Zeitung, 5. Juli 2013
Bernd Eichinger: Der Kinomane mit der Sammelwut
Von Katja Bauer
Man könnte Skrupel verspüren angesichts dieser sehr persönlichen Habseligkeiten, die nun in der Ausstellung in Vitrinen beleuchtet werden, angesichts der Zeitleiste, die durch die Ausstellung führt und es nicht versäumt, den Betrachter darüber zu informieren, wann Eichinger mit wem eine Beziehung führte und wie lange: Hannelore Elsner (1982), Barbara Rudnik (1985), Katja Flint (1993) oder Corinna Harfouch (1998–2002). Aber anders wäre diese Annäherung nicht gegangen: Eichingers ganzes Leben war Film, da ließ sich nichts voneinander trennen. Die Stoffe, die ihn beschäftigten, beschrieb er einmal als Monster, die ihn anfielen, in ihren Klauen hätten und nicht mehr losließen. Oder wie er bei der Verleihung der Lebenswerk-Auszeichnung des Deutschen Filmpreises 2010 schlicht sagte: »Ich liebe Filmemachen, das ist mein Leben.« Gezeigt wird Eichingers Bewerbungsfilm für die Hochschule, und in einem Interview, in dem er dessen Entstehen erklärt, wird deutlich, was diesen Menschen ausmachte: der Wille, etwas zu schaffen, der so stark war, dass er jeden Zweifel wegspülte.