Morgenpost, 21. Dezember 2007
Das gab's nur einmal, das kam nicht wieder
Von Peter Zander
(...) [D]em Filmmuseum gelingt hier gleich zweierlei: Es weiß ein Phänomen, das doch vor allem ein bildlich-akustisches war, spannend mit Exponaten auszustellen. Und ihm gelingt, ganz nebenbei, noch eine Einführung in die Tontechnik jener Zeit. Zeigt, vor welchen Apparaturen sich Stars wie Lilian Harvey, Willi Fritsch oder Heinz Rühmann abmühen mussten, um gute Laune zu verbreiten. Nadeltonplatten, "Neumannflaschen"-Mikros und gewaltige Lichttonkameras sind da zu sehen. Auch zahlreiche Schellackplatten, die parallel zum Filmstart auf den Markt kamen: erste Crossover-Vermarktungsstrategien. Außerdem Drehbücher, Fotos, Fanartikel, Musikinstrumente - und jede Menge Filmausschnitte in drei begehbaren Kinos. Am Ende führt die Ausstellung in eine Sackgasse: In einer Nische marschieren die Nazis auf. Und im hintersten Raum findet sich ein kleines Archivzimmer: Da werden die Schicksale all jener Filmkünstler dokumentiert, die nach 1933 verfolgt oder gar ermordet wurden.
Berliner Zeitung, 22. Dezember 2007
Ein kleines bisschen Glück
Von Carmen Böker
(...) Die Tonfilmoperette tanzte allerdings ohnehin nur wenige Sommer lang, bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten: Ihre fähigsten Gestalter - wie etwa der Regisseur Erik Charell, der Produzent Erich Pommer oder der Komponist Werner Richard Heymann - waren jüdischer Herkunft und gingen nach 1933 ins Exil. Ihre Lebensgeschichten kann man in Karteikästen nachlesen, die am Ende der Ausstellung zu finden sind. Rund 230 Exponate sind zwischen drei Kinoecken und diversen Media-Stationen zu sehen: Partituren, Plakate, Alben, Drehbücher, Korrespondenzen, Kostüme und Kurioses wie ein Zettel, auf den "Dschöst oanz for oll teim" notiert ist; die korrekte Aussprache von "Just Once For All Time", der englischen Version von "Das gibt's nur einmal" aus Der Kongreß tanzt. (...)
Zitty, 2007/26
Wenn ich sonntags in mein Kino geh’
Hartz-IV-Empfänger in Plattenbauten, singend und tanzend in einer sarkastischen, womöglich gar optimistischen Komödie – im heutigen deutschen Kino wäre das undenkbar. Vor knapp 80 Jahren, als die Arbeitslosigkeit höher, das soziale Elend größer und die Wohnsituation prekärer war, sah das ganz anders aus: Als kurz nach der Einführung des Tonfilms die Weltwirtschaftskrise hereinbrach, schwang sich die deutsche Kinematografie zu ihrer vielleicht schönsten Phase auf. Das neue Mittel Ton nutze man insbesondere, um noch frecher und geistreicher, spielerischer und ironischer Witze zu reißen – über das Leben und die Liebe, die unerquickliche Wirklichkeit und die Traumfabrik selbst. (...)
Tip, Ausgabe 2008/1
Singen und nicht viel tun
Sie träumen von Hollywood und besingen das Nichtstun: „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn / ich hätt’ nicht viel zu tun...“ So treten die Helden der deutschen Musikfilmkomödien aus den ersten Jahren des Tonfilms gerne auf. Die wenigsten dieser populären, komischen Musikfilme spielen in einer kostümbesetzten Vergangenheit wie der berühmte Der Kongreß tanzt. Viele machen eher die Rahmenbedingungen des Träumens zum Gegenstand ihrer Geschichte. So wie »Ich bei Tag und du bei Nacht«, der sich mit seinem Film-im-Film-Stoff über die Konfektionsware des Kinos lustig macht. (...)
Osnabrücker Zeitung, 4. Januar 2008
Ein kleines bisschen Glück
Von Klaus Grimberg
(...) Die Ausstellung lädt ein, sich anhand von Plakaten, und Szenenbildern, Drehbüchern und Partituren, Kostümen und Requisiten, Filmtechnik und Schallplatten in eine Filmära zu vertiefen, in der das Kino ein paar Stunden Ablenkung vor den Sorgen des Alltags verprach, ohne diese völlig auszublenden. Die vielfältigen Exponate werden bereichert durch zahlreiche Hör- und Sehstationen, an denen mit Ton- und Filmdokumenten die diversen Facetten der Tonfilmoprertte vertieft werden. Das größte Vergnügen aber bereiten die drei kleinen, in die Ausstellung integrierten Kinos: Hier laufen geschickt zusammengeschnittene Ausschnitte aus den Kassenschlagern des Genres, die an zentrale Themen wie »Krise« oder »Großstadtlichter« anknüpfen. Wer will, kann mehrere Stunden lang zusehen. (...)
Deutsche Welle, 7. Januar 2008
Hinreißend sinnlich!
Von Dieter David Scholz
(...) Die Berliner Ausstellung über die Tonfilmoperette wirft Licht auf ein untergegangenes Genre von Film- und Operettenkunst. Faszinierend zu sehen, auf welch hohem Niveau das Handwerk des Filmens wie des Operettemachens betrieben wurde. Faszinierend auch die Originalfilmaufnahmen aus dem alten Berlin, das so ja nicht mehr existiert. Zu schweigen von der szenischen, musikalischen, choreografischen und darstellerischen Perfektion der ironisch-satirischen Operettenkunst damals. Die Operette ist besser als ihr Ruf! Auch und gerade die Tonfilmoperette. Man begreift das in dieser Berliner Ausstellung, die in ihrer Anschaulichkeit und ihrem Informationsanspruch überwältigt.
Märkische Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2008
Als die Bilder singen lernten
Von Antje Rößler
(...) Man radelt auf dem Velotrab, einem hölzernen Vorläufer des Hometrainers. Es gibt Möbel, die auf Knopfdruck aus der Wand fahren. Oder man sieht Paul Hörbiger als singenden Schönheitschirurgen beim Rundgang durch seine Praxis. Die Vermarktung des Musikfilms war von Anfang an in moderne Mechanismen eingebunden. Exponate wie Schellack-Platten, Plakate und Partituren verdeutlichen den Kreislauf: Im Film wurden die Schlager unters Volk gebracht, Tanzkapellen und Radio wiederholten sie, schließlich wurde mit Schallplatten und Noten der Ohrwürmer Umsatz gemacht. (...)
film-dienst Nr. 2 / 2008
Stimmen der Zeit
Von Volker Baer
Kann man, das ist die grundlegende Ausgangsfrage, ein ganzes Genre in einer Ausstellung vorzeigen? Kann man die einst neue, ja geradezu revolutionäre Verbindung von Spiel und Tanz, von Musik und Gesang, von Ton und Bild in einer zusammenfassenden Übersicht präsentieren? Ja, man kann, wenn man so zu Wege geht wie im Berliner Filmmuseum, wenn man sich nicht allein auf die Kraft der einzelnen Filme verlässt, sondern auch deren Umfeld im weitesten Sinne mit einbezieht. Es gab, als Ende der 1920er-Jahre der Ton zum Film kam, einen großen Umbruch, zugleich aber auch einen großen Bruch in der Geschichte, der kulturellen wie der politischen. (...)
(... ) All dies in einer Ausstellung umzusetzen, ist gewiss ein Wagnis. Man wird in dieser Übersicht, die zum Schauen, Hören und Lesen gleichermaßen herausfordert, weniger durch die Geschichte dieses Genres geführt, als vielmehr mit dessen Problemen und mit dessen Umfeld konfrontiert. (...) Ein Genre wird porträtiert und zugleich, der Vorzug der Ausstellung (Kuratoren: Peter Jammerthal, Peter Mänz, Vera Thomas, Nils Warnecke), ein Zeitbild entworfen. (...)