Future Imperfect. Science · Fiction · Film

9. bis 19. Februar 2017

 

Die Retrospektive der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin widmete sich dem Science-Fiction-Film und damit einem der bildgewaltigsten und spektakulärsten Genres der Filmgeschichte. Sie zeigte imaginierte Welten einer unvollendeten Zukunft, wie sie der Science-Fiction-Film seit seinen Anfängen inszeniert. Im Zentrum der Schau standen zwei Themen: die Gesellschaft der Zukunft und das Fremde. Insgesamt umfasste die Retrospektive 27 internationale Spielfilme, darunter Klassiker, Kultfilme und weitgehend unbekannte Produktionen etwa aus Japan sowie Mittel- und Osteuropa.

„Der Science-Fiction-Film ist eines der kommerziell erfolgreichsten Filmgenres. Die möglichen Welten auf der Erde oder im All eröffnen einen weiten Raum, um Fragen nach kollektiven Visionen und Ängsten immer wieder neu zu verhandeln. Als Spiegel gesellschaftlicher Debatten sind Science-Fiction-Filme deshalb hochaktuell“, so Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Der Reiz dieser Filme liegt insbesondere darin, dass sie eine ferne Zukunft sinnlich erfahrbar machen. Positive Zukunftswelten sind hierbei allerdings die Ausnahme. Dominiert wird das Genre von Dystopien, die zeitgenössischen Fragen in der pessimistischen Zuspitzung eine besondere Brisanz verleihen. Die Öko-Dystopie Soylent Green (... Jahr 2022 ... die überleben wollen, Regie: Richard Fleischer, USA 1973) zum Beispiel handelt von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung. In reduzierten Farben entwirft sie eine Welt, in der Wasser, Nahrung und Wohnraum hart umkämpft sind und die Bevölkerung wie Abfall recycelt wird. Zentral für das Genre ist die Auseinandersetzung mit totalitären Systemen und allgegenwärtiger Überwachung wie in 1984 (Regie: Michael Anderson, Großbritannien/USA 1956), der ersten Kinoverfilmung von George Orwells bekanntem Roman. Einprägsam zeichnet George Lucas in THX 1138 (USA 1971) eine technokratische Zukunftsvision von einer hocheffizienten und vollautomatisierten Gesellschaft, in der Gefühle und der freie Wille des Einzelnen durch Medikamente unterdrückt werden. In postapokalyptischen Filmen ist die Erde unbewohnbar. So haben sich in O‑bi, o‑ba: Koniec cywilizacji (O‑bi, o‑ba: Das Ende der Zivilisation, Regie: Piotr Szulkin, Polen 1985) die Überlebenden einer atomaren Katastrophe unter die Erdoberfläche zurückgezogen. Wo jegliche zivilisatorische Ordnung ausgelöscht ist, herrschen Gewalt und Chaos, es bilden sich aber auch neue Formen von Gemeinschaft heraus.

Allgegenwärtig ist in Science-Fiction-Filmen das Sujet des Fremden oder unbekannten Anderen. Immer wieder entwickeln sie Szenarien, in denen Menschen mit extraterrestrischen Lebensformen in Kontakt treten und wie Außerirdische aussehen und leben. Der dänische Stummfilm Himmelskibet (Das Himmelsschiff) von Holger-Madsen, der 1918 uraufgeführt wurde und damit zu den frühesten Science-Fiction-Filmen überhaupt gehört, beschwört noch die friedliche Vision von einer Mars-Erkundung und der Begegnung mit den dort lebenden Wesen. Freundlich wirken auch die seesternförmigen Außerirdischen in Kōji Shimas Uchūjin Tōkyō ni Arawaru (Die Außerirdischen erscheinen in Tokio, Japan 1956) oder Steven Spielbergs kindliche Wesen in Close Encounters of the Third Kind (Unheimliche Begegnung der dritten Art, USA 1977). Der Genreklassiker The War of the Worlds (Kampf der Welten, Regie: Byron Haskin, USA 1953) hingegen steht exemplarisch für bedrohliche Alien-Invasionen aus dem All. Das Andere kann jedoch auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft oder gar im Individuum selbst zutage treten. Künstliche Intelligenz, Androiden und Roboter werfen die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Maschine auf. Sie stellt sich auf düstere und erbarmungslose Weise auch in Marek Piestraks Test Pilota Pirxa (Der Test des Piloten Pirx, Polen/UdSSR 1979).

„Bei der Filmauswahl haben wir uns von den Themen unserer Ausstellung ‚Things to Come‘ inspirieren lassen. Die Retrospektive nimmt nun die Geschichte des Genres in den Blick und zeigt cineastische Vorstellungswelten auch aus Ländern wie Dänemark, Japan, Polen oder der Tschechoslowakei“, kommentierte Rainer Rother, Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek.

Parallel zur Retrospektive zeigte die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen die Ausstellung „Things to Come. Science · Fiction · Film“, die sich als einem weiteren Schwerpunkt auch der Verflechtung von Science und Fiction, von Wissenschaft und Fiktion widmete.

Die Begleitpublikation zur Retrospektive erschien erstmals ausschließlich in englischer Sprache. Der reich illustrierte Band im Bertz + Fischer Verlag präsentiert Essays von renommierten internationalen Autoren, die den Science-Fiction-Film im Kontext von nationalen Kinematografien ergründen.

Bereits zum zweiten Mal ergänzte die Mediathek Fernsehen der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen die Retrospektive: In einer Sonderschau zeigte sie, wie intensiv sich das deutsche Fernsehen seit Jahrzehnten mit dem Thema Zukunft auseinandersetzt.

Zur Retrospektive gab es zahlreiche Veranstaltungen in der Deutschen Kinemathek.

The Museum of Modern Art (MoMA), New York, von 2011 bis 2017 Partner der Retrospektive, präsentierte im Sommer 2017 seine erweiterte Schau von Science-Fiction-Filmen, die Joshua Siegel, Kurator am Department of Film des  MoMA, konzipierte.

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