Auszüge aus der Publikation

Gabriele Jatho (Red.):
Luis Buñuel. Essays, Daten, Dokumente

Herausgegeben von der Deutschen Kinemathek
184 Seiten, 120 Abbildungen
Berlin: Bertz + Fischer 2008, 19,90 Euro

 

Luis Buñuel. Sein erster Film, UN CHIEN ANDALOU (1929), begründet den filmischen Surrealismus, der zweite, L’ÂGE D’OR (1930), wird vom französischen Staat kurzerhand verboten. Im Laufe seines künstlerischen Schaffens wird Luis Buñuel immer wieder mit staatlicher und kirchlicher Zensur konfrontiert, besonders spektakulär bei der spanisch-mexikanischen Produktion VIRIDIANA (Goldene Palme in Cannes 1961), die aufgrund angeblicher Blasphemien den größten Filmskandal der Franco-Ära auslöst. Buñuels Filme – sowohl die mexikanischen wie LOS OLVIDADOS (1950) und NAZARÍN (1958/59) wie auch sein Spätwerk LE CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE (1972) und CET OBSCUR OBJET DU DÉSIR (1977) – entstehen aus einer nonkonformistischen Haltung gegenüber der Gesellschaft, der Kirche, der Familie. Sie vertreten keine Ideologien, sondern sind der Reflex eines „vergnügten Pessimisten“ (Truffaut) auf die Ungeheuerlichkeiten des Alltags. Ein Buch mit Essays von Gerhard Midding (Motive im Werk von Luis Buñuel), Wolfgang Martin Hamdorf (VIRIDIANA und andere „Delikte“) und Marion Löhndorf (Die Frauen in den Filmen von Luis Buñuel) sowie einem umfangreichen Datenteil mit zeitgenössischen Kritiken zu allen Filmen Buñuels.

 

Inhalt

Naht- und Schnittstellen. Vorwort von Rainer Rother | Gabriele Jatho: Einfach sehen. Bilder- und Blickreflexe | Gerhard Midding: Die Realität des Imaginären. Motive im Werk von Luis Buñuel | Wolfgang Martin Hamdorf: ¡Prohibida! – verboten. VIRIDIANA und andere „Delikte“ | Marion Löhndorf: … und wenn sie nicht gestorben sind … Die Frauen in den Filmen von Luis Buñuel | Daten und Kritiken. Filmografie von Klaus Hoeppner | Bibliografie von Klaus Hoeppner | Hinweise | Register

 

Auszüge aus den Essays

Luis Buñuel, geboren am 22. Februar 1900 im spanischen Calanda, gestorben in Mexiko-Stadt am 29. Juli 1983, war, und bleibt gewiß für immer, einer der großen Regisseure der Weltkinematographie. Schon sein Debüt UN CHIEN ANDALOU (Frankreich 1929) gehört zu den bemerkenswertesten und einflußreichsten Erstlingswerken der Filmgeschichte. Bewußt provokant angelegt wie der bald darauf realisierte Film L’ÂGE D’OR (Frankreich 1930; Drehbuch wiederum gemeinsam mit Salvador Dalí), unvergeßlich und schockierend mit den Einstellungen, deren Montage den Schnitt eines Rasiermessers in ein menschliches Auge suggeriert, ist UN CHIEN ANDALOU eines der Werke, das sich fest in das Bildgedächtnis nicht nur der Cineasten eingeschrieben hat.

Rainer Rother

 

L’ÂGE D’OR ist wie UN CHIEN ANDALOU ein provokanter Film – provokant, weil er poetisch und zugleich moralisch ist: Bilder wie flüchtige Gedanken, images choques, irrational und ungeheuerlich, aufgespießt wie eine Sammlung Insekten hinter Glas. Bilder, deren Botschaften scheinbar keine sind – und die dennoch im Bewußtsein eine Spur hinterlassen, schleichend-nachdrücklich und abscheuerregend, wie jene Schnecken in LE JOURNAL D’UNE FEMME DE CHAMBRE (Frankreich/Italien 1963/64), die über die Beine des ermordeten kleinen Mädchens kriechen. Luis Buñuels Filme sagen: Wir leben in einer brutalen, scheinheiligen, ungerechten Welt, in einer Welt der sexuellen Unterdrückung. Sie entstehen aus einer nonkonformistischen Haltung gegenüber der Gesellschaft, der Religion, der Familie. Sie sind aufsässig und aufmüpfig, subversiv, skandalös und surreal, unbarmherzig und unsentimental, feinziseliert, sublim und zärtlich.

Gabriele Jatho

 

Gegen ideologische Interpretationen hat er sich nach Kräften gesträubt. Auch die Psychoanalyse schien ihm kein geeignetes Instrument, seine Filme zu untersuchen. Aber ihr unmittelbarer Zugang zum Imaginären ist aufreizend. Sie werden heimgesucht von Träumen, deren Schlüssel man in Händen zu halten glaubt, und der dann doch verdrießlich weit entfernt liegt. Er forderte seine Gesprächspartner auf, ihre Unverständlichkeit zu akzeptieren und ihre Bedeutung nicht auf irgendwelche Intentionen zu reduzieren. Großzügig gestand er sich derlei schöpferische Unbestimmtheit zu; im diabolischen Einverständnis, dass dies seine Interpreten nicht entlastet. Denn die Verschlingung der Zeichen, Motive und Obsessionen lädt in seinen Filmen dringend zur Deutung ein und entzieht sich ihr zugleich beharrlich. Dieser Regisseur gibt sich den Anschein, alles zu erzählen und nichts zu verbergen. Seine Bilder prunken mit ihrer Lesbarkeit, aber sind im nächsten Augenblick vollkommen rätselhaft.

Gerhard Midding

 

Die Skandalgeschichten der Filme Luis Buñuels sind von zahlreichen Haupt- und Nebenfaktoren und politischen Schwankungen beeinflußt und lassen sich nicht ausschließlich aus den Filmen heraus erklären. Religiöse, politische und kulturelle Empfindlichkeiten sind von den Zeitumständen abhängig. Buñuel hat immer wieder betont, wie schnell sich antibürgerliche Provokation in etabliertes Kulturgut verwandeln kann. Wenn die Provokationen von gestern tatsächlich, wie Buñuel andeutet, salonfähig geworden sein sollten, und nichts mehr „skandalisiere“, dann wirkt das mit verbissenem Eifer und zäher Unermüdlichkeit veranstaltete „Zensurtheater“ um VIRIDIANA aus heutiger Sicht umso absurder. Und so scheint sich letzthin zu bewahrheiten, daß die Geduld „die wichtigste Eigenschaft des Filmregisseurs“ ist.

Wolfgang Martin Hamdorf

 

Sie sind fast immer schön und oft glamourös, ihr Sex-Appeal wirkt abgründig, kühl oder dekadent: Luis Buñuels Werk feiert die Frauen – einerseits. Andererseits läßt er sie grausam sterben, Vergewaltigung und Folter durchleiden oder ganz leise ins Leere einer verfehlten Existenz laufen. Hat er Mitleid mit den Opfern? Oder fühlt er mit den Tätern? Bestimmen Bewunderung oder Aggression seine Perspektive? Am Ende ist es gerade der Schwebezustand vielfacher Ambivalenzen, der die Frauenbilder in Buñuels Filmen so attraktiv macht. Er spielt mit den Klischees des Hausmütterchens, der Hure und der Heiligen und inszeniert sie in so merkwürdiger Doppelbelichtung, daß am Ende nichts als Widersprüche übrigbleiben – und damit lebendige Charaktere, die ein Leben über ihre Leinwandexistenz hinaus zu führen scheinen.

Marion Löhndorf

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