Filmrestaurierung: Erneute Notizen zur Überlieferung des Films METROPOLIS

Erneute Notizen zur Überlieferung des Films Metropolis

Am 17. Juni 2008 schrieb Paula Félix-Didier, die mir damals unbekannte Direktorin des Museo del Cine Pablo Ducrós Hicken, eine kurze E-Mail aus Buenos Aires. Unter der Betreffzeile „a new version of Metropolis" teilte sie mit: „A few weeks ago, thanks to the tip of a film historian and private collector, we pulled the Metropolis print out of the vault and inspected it. It was a magical moment when we were able to watch a transfer we made from the 16mm negative reduction we have and we could confirm that what we have is probably the most complete version out there. It is the German version as it was released in Buenos Aires in 1928. It is badly scratched and stained, but it is definetely all there"(1). Einige Tage später bestätigte eine Vorführung in Berlin diese Einschätzung – die seit dem Frühjahr 1927 nach dem Umschnitt des Films verloren geglaubten fehlenden Einstellungen und Szenenfolgen von etwa 1.000 Metern, entsprechend ca. 30 Minuten Laufzeit waren gefunden. Damit wird es möglich, die Fassung des Films, in der er im Januar 1927 erstmals auf die Leinwand kam, fast lückenlos zu rekonstruieren und auch die über achtzigjährige Überlieferungsgeschichte dieses Films, die eine der Bearbeitungen und Zerstückelungen wie der Bemühungen um die Rettung seiner Gestalt war, erneut zu ergänzen (2).

 

Metropolis erscheint und verschwindet

Die festliche Premiere des Films war am 10. Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo, der Film war damals 4.189 Meter lang, was bei einer (von uns heute nur zu vermutenden) Vorführgeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde einer Dauer von 153 Minuten entspricht (3). Zum Film wurde eine Musik für großes Orchester von Gottfried Huppertz gespielt, deren Partitur und Klavierauszug wegen der darin enthaltenen zahlreichen Stichworte eine der besten Quellen für denjenigen darstellt, der sich über die Gestalt der Premierenfassung genauer informieren will (4).

Schon im Dezember 1926 hatte der Amerika-Repräsentant der Ufa, Frederick Wynne-Jones, Metropolis in die USA gebracht und der Paramount vorgeführt, die den Film dort verleihen sollte. Es wurde offenbar sofort beschlossen, den monumentalen Film für den amerikanischen Markt auf eine „normale" Kinolänge zurechtzustutzen. Der Theaterautor Channing Pollock bekam den Auftrag, diese Arbeit auszuführen. Die Veränderungen, die der Film durch seine Hand erfuhr, sind sehr einschneidend: Der Grundkonflikt zwischen Fredersen und Rotwang – ihre Rivalität um die gestorbene Hel – wurde vollständig aus dem Film entfernt; damit fehlte die Begründung für die Schaffung des Maschinenmenschen und letztlich für die Zerstörung von Metropolis.
Ebenfalls vollständig entfernt wurde die Verfolgung Freders, Georgys und Josaphats durch den Schmalen. Weitere Kürzungen betrafen die ausgedehnten Verfolgungsjagden am Ende des Films. Um die Verständlichkeit des Ganzen nach diesen Kürzungen wieder herzustellen, wurde es notwendig, die Zwischentitel sehr stark umzuschreiben und die Montage der erhaltenen Szenen an einigen Stellen stark abzuändern. Nach allen Änderungen war die amerikanische Fassung noch circa 3.100 Meter lang. Pollocks Fazit: „As it stood when I began my job of structural editing, Metropolis had no restraint or logic. It was symbolism run such riot that people who saw it couldn‘t tell what the picture was all about. I have given it my meaning" (5).
In Berlin wurde Metropolis nach einigen Wochen zurückgezogen, die Gründe dafür sind nicht restlos geklärt. Möglicherweise erschien jetzt auch hier die Überlänge des Films als Hindernis für den Verleih im weiteren Reichsgebiet. Am 7., 8. und 27. April 1927 beriet der Ufa-Vorstand über den Film und legte fest, „dass Metropolis in der amerikanischen Fassung unter Beseitigung der Betitelung mit kommunistischer Tendenz" auch in Deutschland zum Einsatz kommen sollte (6).
Am 5. August 1927 wurde der Film, nunmehr weitgehend nach dem Vorbild der amerikanischen Fassung gekürzt und mit entsprechend veränderten Zwischentiteln versehen, erneut der Berliner Prüfstelle vorgelegt und mit einer Länge von 3.241 Meter freigegeben. Fortan wurde diese Fassung vertrieben, und nur der Umstand, dass der argentinische Filmverleiher Adolfo Z. Wilson, der den Film in der Premierenfassung in Berlin gesehen und sofort, das heißt vor den Kürzungen, erworben hatte, verhinderte es, dass in Südamerika ebenfalls die gekürzte Fassung gezeigt wurde, obwohl der Film dort erst im Mai 1928 Premiere hatte (7).
Wie Nachforschungen von Aitam Bar-Sagi ergeben haben, der die Starttermine, die Berichterstattung und die Zensurunterlagen der verschiedenen Länder zu Metropolis soweit wie möglich untersucht hat, wurde die in Berlin aufgeführte Premierenfassung auch in anderen europäischen Städten gezeigt – zumindest bei den Aufführungen, die zwischen der Berliner Premiere und der Entscheidung der Ufa lagen, den Film einstweilen zurück zu ziehen (8). Im Februar 1927 wurde der vollständige Film demzufolge in Österreich und in den Niederlanden gestartet, anders als in Buenos Aires sind jedoch aus diesen Verleihvorgängen keine Filmkopien erhalten geblieben. Über achtzig Jahre sind seit der Uraufführung und der fast unmittelbar darauf folgenden Zerstörung der Originalfassung von Metropolis vergangen. Der berühmte Film wurde zum fast ebenso berühmten Fall, seitdem die Filmarchive sich darum bemühten, aus den verstümmelten Fassungen, Kopien von Metropolis herzustellen, die „besser", das heißt vollständiger waren als das, was die Ufa und die Paramount auf den Markt gebracht hatten. Die Geschichte dieser Bemühungen nachzuzeichnen ist schwierig, denn die vielen Fassungen von Metropolis sind bisher nicht präzise dokumentiert. Die am Film vorgenommenen Veränderungen wie die Versuche, diese rückgängig zu machen, sind nur am Filmmaterial selbst abzulesen – durch den Vergleich der vielen verschiedenen Materialien, die in den Archiven lagern. Natürlich ist es hier so unmöglich wie unnötig, den Dutzenden von Metropolis-Kopien nachzuforschen, die auf diesem Planeten vorhanden sind; ich konzentriere mich vielmehr auf den Weg des Ausgangsmaterials, von dem alle diese Kopien auf die eine oder andere Weise abstammen.

Die Reklameabteilung der Ufa prahlte in ihrer Propaganda für Metropolis mit dem angeblichen Verbrauch von 620.000 Meter Negativfilm sowie 1.300.000 Meter Positivfilm (9). Im Verhältnis zur Uraufführungslänge von 4.189 Meter ergäbe das ein Drehverhältnis von circa 148:1 für das Negativ. Wären die Angaben zutreffend, könnte man folgern, dass aus diesem überreichlich bemessenen Material offenbar nicht nur keine Nichtkopierer ausgesondert, sondern davon auch ganz gegen jede Branchenüblichkeit mehr als die doppelte Menge Muster kopiert worden wären – nur so wäre die enorme Menge an Positivfilm zu erklären. Diese Zahlen sind also wenig plausibel, wenn auch in Übereinstimmung mit den Erzählungen über Fritz Lang als sadistischen Dompteur seiner Darsteller und bedenkenlosen Materialverschwender. Zeugen von Dreharbeiten Langs berichten übereinstimmend von seinen die Schauspieler erschöpfenden Wiederholungen. Da in Metropolis die Hauptrollen mit Gustav Fröhlich und Brigitte Helm, zwei unerfahrenen Debütanten, besetzt waren, scheint es glaubwürdig, dass exzessiv geprobt und auch viel gedreht wurde. Erich Kettelhut, ein eher nüchterner und Lang durchaus kritisch gegenüber stehender Chronist, konstatiert, dass dieser erst zufrieden war, wenn „mindestens drei der vielen Aufnahmen seinen Intentionen auch schauspielerisch vollkommen entsprachen" (10). Diese Beobachtung, die in Kettelhuts großem Bericht über die Arbeit an Metropolis eher beiläufig mitgeteilt wird, weist Lang als gewissenhaften Profi aus, der seinem Auftraggeber etwas abzuliefern hat: drei gute Takes jeder Einstellung.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass von vornherein geplant war, aus den Aufnahmen zu Metropolis drei gleichwertige Originalnegative zu montieren: Eines zur Herstellung der Kopien für den deutschen Markt, eines für die Exportabteilung und eines für die Ablieferung an die Paramount, die den Film in den USA verleihen sollte. Die 620.000 Meter belichtetes Negativ würden sich demnach auf drei daraus zu montierende Originalnegative verteilen, was das Drehverhältnis auf immer noch exorbitante und unwahrscheinliche 49:1 reduziert. Zur damaligen Zeit war die parallele Herstellung von mehreren Negativen ein durchaus gebräuchliches Verfahren. Es gab noch keine guten Duplikatmaterialien; für die Herstellung einer großen Zahl von Kopien oder den Export von Negativen, von denen dann die im Ausland zuständigen Verleiher wieder ihre Kopien ziehen konnten, brauchte man mehrere Ausgangs-Negative. Diese parallel gedrehten Originalnegative stammten aus mehreren Kameras, die man beim Drehen nebeneinander platzierte, oder sie wurden aus verschiedenen, im besten Fall schauspielerisch gleichwertigen, aber natürlich niemals ganz identischen Aufnahmen derselben Einstellung montiert. Bei der Rekonstruktion unvollständig überlieferter Filme ist es oft ein Glück, dass Filme auf diese Weise gleichsam mehrfach hergestellt wurden, denn die in einer Kopie verlorenen Szenen sind vielleicht in einer anderen erhalten geblieben. Andererseits sind die Mehrfachfassungen ein Fluch, denn die Varianten des Spiels, der Kameraposition, der Länge und der Anschlüsse können große Probleme bei der Kombination der Materialien bereiten, und der Restaurator steht zusätzlich vor dem ethischen Dilemma, dass er einen Film kompiliert, den es so, wie er ihn aus den verschiedenen Fassungen neu zusammensetzt, nie gegeben hat.

 

Survival (not always) of the fittest

Wo sind die drei Originalnegative von Metropolis geblieben? Im März 1934 stellte die Ufa auf Anforderung der Reichsfilmkammer eine Liste der bei ihr noch im Filmarchiv Tempelhof lagernden Negative stummer Spielfilme zusammen (11). Unter den 480 dort genannten Titeln findet sich nur ein Negativ von Metropolis, das mit einer Länge von 2.589 Meter (ohne Zwischentitel) auf neun Rollen angegeben wird. Schon an der Länge lässt sich ablesen, dass es sich hierbei nicht um das Originalnegativ der Premierenfassung von Metropolis handeln kann, denn die war mit 4.189 Meter erheblich länger. Bestenfalls entspricht dieses Negativ also der zweiten deutschen Fassung, die die Ufa im Sommer 1927 mit einer Länge von 3.241 Meter (gemessen mit Zwischentiteln) herausbrachte, nachdem sie den Film mehr oder weniger nach dem Vorbild der Bearbeitung der Paramount gekürzt hatte. Der weitere Weg, den dieses Originalnegativ genommen hat, ist nicht restlos geklärt. Wahrscheinlich ist, dass es zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit anderen Materialien der Ufa so verlagert wurde, dass es nach dem Krieg im Verfügungsbereich der sich in den Westzonen reorganisierenden Ufa wieder auftauchte. Nach dem Zusammenbruch der Nachkriegs-Ufa wurde es an die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung abgegeben, wo das Material lange unerkannt schlummerte. 1988 wurde ein Rest von fünf Rollen umkopiert und das Ausgangsmaterial anschließend vernichtet.
Erhalten ist jedoch ein Duplikat-Negativ dieser zweiten deutschen Fassung, das zur Grundlage der meisten Kopien wurde, die in den westlichen Ländern im Umlauf sind. Im Sommer 1936 kam Iris Barry, die Gründerin des Filmarchivs im Museum of Modern Art (MoMA), nach Berlin, um hier Kopien klassischer deutscher Filme für die Filmsammlung des Museums zu erwerben.

Neben anderen Filmen erhielt sie von der Ufa eine Kopie von Metropolis. Wie der Vergleich mit den fünf in Wiesbaden umkopierten Rollen zeigt, stammte diese Kopie von dem bei der Ufa gelagerten Originalnegativ. Die an das MoMA abgegebene Nitrokopie ist nicht erhalten, wohl aber ein 1937 in New York von ihr gezogenes Dupnegativ, das 1947 noch einmal mit Klammerteilen von der damals noch erhaltenen Vorlage ergänzt werden konnte, nachdem es beschädigt oder aus anderen Gründen teilweise unbrauchbar geworden war (12). Seit 1986 ist dieses Dupnegativ im Besitz des Filmmuseum München. Gegenüber der 1934 von der Ufa gemessenen Länge von 2.589 Meter (ohne Zwischentitel) sind weitere Verluste zu verzeichnen. Das Dupnegativ misst nur noch 2.532 Meter (mit Zwischentiteln) auf neun Rollen.
Aus dem Reichsfilmarchiv ins Staatliche Filmarchiv der DDR und nach der Wiedervereinigung Deutschlands ins Bundesarchiv-Filmarchiv überliefert wurde ein anderes Originalnegativ des Films, das 1934 nicht auf der Ufa-Liste auftaucht. Möglicherweise war es damals noch nicht wieder im Besitz der Ufa, denn hierbei handelt es sich um das Originalnegativ der Paramount, das 1926/27 nach Amerika gegangen und dort bearbeitet worden war. Wahrscheinlich ist es nach Lizenzablauf, jedenfalls wohl nach 1936, an die Ufa zurückgegeben und von dieser an das Reichsfilmarchiv abgegeben worden. Das Material hat eine Länge von 2.337 Meter (mit amerikanischen Zwischentiteln) auf acht Rollen und entspricht damit in seiner heutigen Gestalt einer zweiten, nochmals gekürzten Paramount-Fassung. Ebenfalls über das Staatliche Filmarchiv der DDR ist ein ergänzendes Originalnegativ-Fragment ins Bundesarchiv-Filmarchiv gelangt, das gleichfalls zur Paramount-Fassung gehört und die in der zweiten Fassung der Paramount entfernten Szenen und Fragmente der nicht entfernten, aber gekürzten Einstellungen enthält. Die spektakuläre Länge dieses Materials (1.952 Meter auf zehn Rollen), das erst 1971 von Gosfilmofond aus Moskau nach Berlin zurückgegeben wurde (13), bedeutet leider nicht, dass darin die in allen anderen Fassungen verlorenen Szenen der deutschen Premierenfassung aufzufinden wären. Vielmehr kommt die Länge dadurch zustande, dass das Material auch eine große Zahl von Varianten und Nichtkopierern für die Paramount-Zwischentitel umfasst sowie Ausgangsmaterial für verschiedene Trickszenen, die im fertigen Film als Doppelbelichtung zusammenkopiert werden müssen. Von dem dritten Originalnegativ, dem der Ufa-Auslandsabteilung, hat sich bisher keine Spur finden lassen. Gleichwohl sind Kopien von diesem Negativ erhalten, die 1927/28 in verschiedene Länder exportiert wurden. Im National Film and Television Archive des British Film Institute (BFI) in London lagert eine Nitrokopie der britischen Verleihfassung mit einer Länge von 2.603 Meter. Hier sind Szenen erhalten, die in der deutschen Fassung des MoMA wie auch in der Paramount-Fassung fehlen; dafür sind andere Szenen wieder gekürzt. Die englischen Zwischentitel weichen gelegentlich von den von Channing Pollock geschriebenen neuen Texten ab. Eine ähnliche, und sogar viragierte Nitrokopie übergab das New Zealand Film Archiv 2009 an die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Das National Film and Sound Archive in Canberra verwahrt eine ebenfalls viragierte Nitrokopie der von der englischen in Montage und Texten wiederum leicht abweichenden australischen Verleihfassung, die aus der Privatsammlung von Harry Davidson stammt (14). Weitere, nur noch fragmentarisch erhaltene Nitrokopien der Auslandsfassung, die teilweise in anderen Farben als denen der australischen Fassung viragiert sind, befinden sich in der Fondazione Cineteca Italiana in Mailand: 1.899 Meter, 482 Meter und 190 Meter lang, jeweils mit italienischen, aufwendig gestalteten und vom Sinn der deutschen erheblichabweichenden Zwischentiteln. Eine weitere Nitrokopie, durchgängig orange eingefärbt, ist von David Packard im Archiv der University of California, Los Angeles (UCLA) deponiert worden. Der Vergleich dieser Kopien mit dem in Argentinien aufgefundenen Material ergibt, dass dieses ebenfalls vom für die Auslandsabteilung bestimmten Negativ gezogen wurde und also in der Auswahl der Szenen und Takes mit den überlieferten Exportkopien aus der Entstehungszeit des Films übereinstimmt. Ein wichtiger Unterschied ist aber, dass die für Argentinien bestimmte Kopie vor den von der Ufa beschlossenen Änderungen und Kürzungen im Negativ gezogen wurde und somit also die einzige heute erhaltene filmische Quelle für die Schnittfolge der Premierenfassung ist. Die Freude über den Fund dieses Materials im Jahr 2008 wird allerdings dadurch getrübt, dass keine zeitgenössische Nitrokopie überlebt hat. Diese befand sich in den 1950er Jahren in der Privatsammlung des Filmkritikers Manuel Peña Rodriguez, wie Berichte über Vorführungen nahe legen (15). Seine Sammlung kam später in den Besitz des Fondo Nacional des las Artes, und die darin enthaltenen Nitromaterialien wurden sämtlich im Anschluss an eine aus heutiger Sicht nicht sehr fachkundig ausgeführten Sicherungskopierung auf 16mm-Negativ vernichtet. Die im Nitromaterial vorhandenen Beschädigungen und Verschmutzungen wurden hierbei im Duplikat verewigt, hinzu kommt der Auflösungsverlust bei der Formatreduzierung wie ein Beschnitt des Stummfilmbildes. Diese Begleitumstände ließen zunächst eine gewisse Skepsis aufkommen, ob dieses Material professionellen Ansprüchen für eine Ergänzung der Rekonstruktion von 2001 und für eine Präsentation der Premierenfassung genügen könnte.

Zusammenfassend hier noch einmal eine Auflistung des erhaltenen Materials von Metropolis, das als „Urmaterial" für Rekonstruktionen zur Verfügung stehen kann. Genannt ist jeweils die früheste erhaltene Materialgeneration und der Standort:

1. Negativ, geschnitten für den deutschen Markt
Zweite deutsche Fassung (gekürzt nach April 1927): 1.074 Meter, 5 Rollen
Azetat-Duppositiv, Fragment mit deutschen Springtiteln. Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung;
Zweite deutsche Fassung (gekürzt nach April 1927): 2.532 Meter, Nitro-Dupnegativ, englische Zwischentitel übersetzt von deutschen Springtiteln. Bundesarchiv-Filmarchiv als Depositum vom Filmmuseum München (in den 1980er Jahren erhalten vom Museum of Modern Art).
2. Negativ, geschnitten für den Vertrieb durch Paramount
Paramount-Fassung (nach erneuter Bearbeitung gekürzt): 2.337 Meter, Nitro-Originalnegativ (eine Rolle bereits Azetat-Dupnegativ aus den frühen 60er Jahren), amerikanische Zwischentitel entsprechend der zweiten Paramount-Fassung. Bundesarchiv-Filmarchiv;
Paramount-Fassung: 1.952 Meter, Nitro-Originalnegativ, Ausschnitte und Kürzungen aus dem obigen Originalnegativ sowie Trickszenen für Klebeblenden etc.; außerdem amerikanische Zwischentitel, die aus der ersten Paramount-Fassung  entfernt wurden und Nichtkopierer der amerikanischen Zwischentitel der zweiten Paramount-Fassung. Bundesarchiv-Filmarchiv.
3. Negativ, geschnitten für die Auslandsabteilung der Ufa
Exportfassung für den britischen Markt: 2.603 Meter, Nitropositiv, englische Zwischentitel. British Film Institute;
Exportfassung für den australischen Markt: 8,721ft, Nitropositiv, mehrfarbig viragiert, englische Zwischentitel. National Film and Sound Archive, Canberra;
Exportfassung für den italienischen Markt: Drei fragmentarische Nitropositive, 1.899 Meter, 190 Meter und 482 Meter, italienische Zwischentitel, stellenweise mehrfarbig viragiert. Fondazione Cineteca Italiana;
Exportfassung für den britischen Markt (?): 8.000ft (Rolle 1 fehlt), einfarbig viragiert, englische Zwischentitel. University of California, Los Angeles;
Exportfassung für den neuseeländischen Markt (?): 2.453 Meter Nitropositiv, mehrfarbig viragiert, englische Zwischentitel. Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung;
Exportfassung für den argentinischen Markt: 1.264 Meter, spanische Zwischentitel, Azetat-Dupnegativ, 16mm. Museo del Cine Pablo Ducros Hicken, Buenos Aires.

Soweit feststellbar, stammen alle im Umlauf befindlichen Kopien von Metropolis – rekonstruiert oder nicht – von den oben beschriebenen Materialien, wenn auch zum Teil über eine große Zahl von Zwischenstufen, die die fotografische Qualität so mancher Fassung eher als Karikatur denn als Wiedergabe des Originals erscheinen lassen.

 

Archiv-Versionen und Restaurierungen von Metropolis

Am weitesten verbreitet ist wohl die Fassung des Museum of Modern Art, die 1937 dadurch entstand, dass die Zwischentitel der zweiten deutschen Fassung, die sich in dem von der Ufa erhaltenen Material befanden, durch Übersetzungen ins Englische ersetzt wurden. Diese standen natürlich der deutschen Fassung näher als die von Channing Pollock geschriebenen Titel der Paramount-Fassung, in der sogar Rollennamen verändert worden waren: So wurde aus Joh Fredersen bei Pollock John Masterman, sein Sohn Freder erhielt den Namen Eric, Josaphat wurde zu Joseph.

In der MoMA-Fassung haben die handelnden Personen wieder (oder vielmehr: noch) ihre richtigen Namen. Schon 1938 wurde die MoMA-Fassung für die National Film Library in London gedoubelt, und von dort aus hat sie sich in Europa weiter verbreitet, so zum Beispiel in die Sammlungen der Cinémathèque Française, der Cinémathèque Suisse und der Cinémathèque Royale in Brüssel. Auch die in der Bundesrepublik Deutschland seit den sechziger Jahren verliehenen, mit verschiedenen Musiken unterlegten Fassungen, gehen auf das Londoner Dupnegativ zurück; die Zwischentitel wurden damals aus dem Englischen ins Deutsche rückübersetzt.
Ebenfalls in den sechziger Jahren kam die Paramount-Fassung wieder zum Vorschein. Von Ost-Berlin aus, wo das gekürzte Paramount-Negativ des Reichsfilmarchivs vom Staat lichen Filmarchiv der DDR kopiert und zugänglich gemacht wurde, gelangte sie in verschiedene andere Archive und wurde dort gezeigt. Gosfilmofond in Moskau und das Ces koslovensky Filmowy Archiv in Prag erarbeiteten zusammen eine verbesserte Paramount-Fassung, die immerhin wieder 2.816 Meter erreichte und damit vollständiger war als das in Berlin bekannte Material, aber immer noch kürzer als die von Pollock 1927 geschnittene Version (16). Im Staatlichen Filmarchiv der DDR gelang es Eckart Jahnke in den Jahren 1969 bis 1972, aus verschiedenen Materialien, die andere Archive (17) zur Verfügung stellten, die sogenannte FIAF-Fassung herzustellen, die einen wichtigen Schritt in Richtung auf eine vollständigere Fassung von Metropolis darstellte, aber dennoch unbefriedigend blieb. So konnten viele der im Material verborgenen Rätsel damals deshalb nicht gelöst werden, weil das Drehbuch und die Zensurkarte noch nicht wieder gefunden waren, und wohl auch die Musik, aus der die wichtigsten Hinweise auf die Schnittfolge und die fehlenden Szenen hätten entnommen werden können, nicht herangezogen werden konnte (18). Die englischen Zwischentitel wurden so belassen, wie sie in den verschiedenen benutzten Kopien zu finden waren, sodass mehrmals innerhalb des Films die Rollennamen wechseln.

Aufgrund der schlechten Quellenlage erlag Jahnke bei seiner Arbeit einigen folgenschweren Fehlschlüssen. So hielt er zum Beispiel die vergleichsweise lakonischen Zwischentitel der MoMA-Fassung für weiter vom Harbouschen Stil entfernt als die blumigen Texte, die Pollock in die Paramount-Fassung hineinredigiert hatte – heute wissen wir, dass es gerade umgekehrt richtig gewesen wäre. Nach dem Studium der ihm zur Verfügung stehenden Materialien schlug Jahnke vor, als Ausgangspunkt für die FIAF-Fassung die von ihm so genannte „Londoner Kopie" zu nehmen, in die fehlende Einstellungen soweit wie möglich aus den anderen Fassungen einzusetzen waren. Unklar bleibt in seinem Bericht, was unter diesem Begriff eigentlich zu verstehen war, denn er hatte aus London sowohl ein Dupnegativ der MoMA-Fassung wie auch ein Dupnegativ der englischen Verleihfassung erhalten (19). Aus den erhaltenen Notizen zur „Londoner Kopie" wird jedoch deutlich, dass es sich dabei um die MoMA-Fassung gehandelt haben muss. Zwar hatte das MoMA dem Staatlichen Filmarchiv sein Dupnegativ von 1937 angeboten, doch wurde nicht erkannt, dass dieses Material zwei Generationen besser gewesen wäre als das aus London bezogene. Somit blieb auch die FIAF-Fassung – neben all ihren anderen Mängeln – fotografisch sehr unbefriedigend. Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, warum nicht der Versuch unternommen wurde, aus dem fotografisch ausgezeichneten und im Archiv zur Verfügung stehenden Originalnegativ der Paramount-Fassung eine neue Fassung zu gewinnen, die nach dem Vorbild der als richtig erkannten Versionen hätte umgeschnitten werden können. Hierfür kann als eine wichtige Ursache ein Brief von Fritz Lang angenommen werden. „Sie haben völlig recht, dass Sie die Londoner Fassung [d.h. die MoMA-Fassung, MK] als Grundlage Ihrer Rekonstruktion genommen haben", schrieb Lang im Januar 1971 an das Archiv, und bezeichnet die Paramount-Fassung als ein Beispiel dafür, „wie gedankenlos und diktatorisch Verleihorganisationen in Amerika in den zwanziger Jahren europäische Filme behandelt haben" (20). Die Autorität des Regisseurs konnte offenbar auch dadurch nicht erschüttert werden, dass Lang in seinem Schreiben bekennt, dass es ihm „unmöglich [sei], Ihnen aus der Erinnerung irgend etwas zu sagen, was Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen könnte" und dann eine falsche Spur legt: „Nach dem Fall von Berlin sind angeblich alle Kopien meiner Filme, die in einer Kopieranstalt lagerten, von den Russen beschlagnahmt worden. Unter diesen Filmen befand sich auch eine komplette Kopie von Metropolis. Vorführungsdauer 2 Stunden 4 Minuten." Diese Vorführungsdauer entspricht der zweiten deutschen Fassung (3.241 Meter, allerdings bei 23 B/sec), in der alle die „gedankenlosen und diktatorischen" Kürzungen des amerikanischen Verleihs nachvollzogen worden waren, und doch nennt Lang diese Fassung „komplett". Konnte er sich wirklich nicht daran erinnern, dass sein Film ursprünglich einmal eine halbe Stunde und fast 1.000 Meter länger gewesen war?
In den 1980er-Jahren wandte sich Enno Patalas dem Film zu. Seiner Arbeit im Filmmuseum München war der für lange Zeit am weitesten gehende Rekonstruktionsversuch an Metropolis zu danken, da Patalas – anders als noch Jahnke in der DDR – weitere inzwischen aufgefundene Quellen nutzen konnte, die genaueren Aufschluss über die verlorene Premierenfassung gaben: Zensurkarte, Drehbuch und Musik. Nach jahrelangen Vorarbeiten mit ungenügendem Filmmaterial und intensiven internationalen Recherchen wurde in München 1986/87 auf Basis des vom Museum of Modern Art übernommenen Nitrodupnegativs von 1937 eine Arbeitskopie montiert, in die fehlende Szenen aus allen verfügbaren anderen Fassungen eingesetzt wurden. Hinzu kamen nach der Zensurkarte textgetreu neu aufgenommene deutsche Zwischentitel. Diese Fassung hat eine Länge von 3.153 Meter und ist damit immer noch kürzer als die zweite deutsche Fassung von 1927. Jedoch sind die fehlenden Stellen, soweit zum Verständnis notwendig, durch Texte und an einigen Stellen durch Standfotos ergänzt, und die Montage der Premierenfassung ist soweit als möglich wieder hergestellt. Die Kopie wurde weltweit präsentiert und erregte mit Recht großes Aufsehen, war sie doch ein wichtiger Schritt zur Wiederherstellung der ursprünglichen Gestalt des Films.

 

Die Edition von 2001 (21)

1998 regte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in der Arbeitsgruppe Restaurierung des Kinemathekenverbundes an, sich erneut an eine Bearbeitung von Metropolis zu wagen. Soeben hatte die Stiftung ein Duplikat der Münchner Fassung erworben, stellte aber beim Vergleich mit den Umkopierungen der im eigenen Archiv vorhandenen Originalnegativ-Fragmente fest, dass diese in der Bildqualität den vermeintlich restaurierten Bildern aus München überlegen waren. Dieser Umstand war Anlass einer erneuten Materialrecherche durch den Verfasser. Auf die Suche nach überlebendem Material folgte dann der Auftrag, eine neue Rekonstruktion auf Basis aller bisherigen Bemühungen um den Film zu koordinieren. Sehr schnell stellte sich heraus, dass die Neufassung sich in ihrer Konzeption notwendigerweise an der Fassung des Filmmuseum München zu orientieren hatte, soweit es Schnittfolge und Platzierung der Zwischentitel betraf. Allerdings wurde nach eingehenden Materialvergleichen beschlossen, die Bilder des Films soweit als irgend möglich aus dem erhaltenen Originalnegativ der Paramount-Fassung zu übernehmen und notwendige Ergänzungen nach Möglichkeit direkt von den erhaltenen Nitrokopien erster Generation umzukopieren. Ein Grund hierfür war die Erwartung, bei diesem Vorgehen eine alle bisherigen Fassungen überragende fotografische Qualität zu erreichen; die Arbeit der Kameraleute Karl Freund und Günther Rittau sollte seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder wirklich sichtbar werden.

Ein weiterer Grund war nicht technischer, sondern philologischer Natur. Der Materialvergleich legte den Schluss nahe, dass das in den dreißiger Jahren bei der Ufa noch vorhandene, gekürzte Originalnegativ kein Negativ erster Wahl war, und damit die erhaltenen Umkopierungen dieses Negativs, die sowohl die Grundlage der FIAF-Fassung wie auch der Münchner Fassung bildeten, von weniger großem Wert waren als bisher angenommen. Im direkten Vergleich mit dem Paramount-Material zeigt sich deutlich, dass in diesem Negativ viele Szenen nicht aus Kameramaterial, sondern aus Dupnegativen eingeschnitten waren. Anschlüsse sind oft nicht glücklich, die Schauspieler bleiben in ihrem Spiel gelegentlich
weit hinter der Leistung zurück, die sie im Paramount-Negativ zeigen. All dies sind Indizien dafür, dass dieses Originalnegativ wahrscheinlich nicht das Originalnegativ der deutschen (wenn auch veränderten) Fassung war, sondern zumindest teilweise ein Ersatz, der nach dem Verschleißen des ursprünglich aus den besten Aufnahmen zusammengestellten Originalnegativs aus anderen, vorher ausgemusterten Aufnahmen und wo nötig aus Duplikaten von Kopien zusammengestellt worden war. Bei dem Originalnegativ der Paramount-Fassung, das schon 1926/27 Berlin verlassen hatte und in Amerika gekürzt und umgeschnitten worden war, konnte man dagegen mit Sicherheit davon ausgehen, dass die darin erhaltenen Einstellungen von Lang ausgewählt waren. Es dürfte ausgeschlossen sein, dass für diese Fassung, mit der die Ufa auf dem internationalen Markt mit ihrem teuersten und größten Film reüssieren wollte, minderwertiges Material verwendet worden wäre. Der neue Ansatz bedeutete jedoch auch, dass bei diesem erneuten Rekonstruktionsversuch der Film ein weiteres Mal vollkommen neu montiert werden musste. Die eingangs beschriebenen Schwierigkeiten, die die Montage verschiedener und sich teilweise widersprechender Materialien mit sich bringt, waren dabei nicht zu umgehen. Und auch dieses Mal konnte nicht die Originalfassung von Metropolis entstehen, sondern „nur" eine synthetische Fassung, eine Annäherung an die Premierenfassung aus den überlieferten Bruchstücken. Die Edition von 2001 betrat unter technischen Gesichtspunkten Neuland: Alle zur Verwendung ausgewählten Materialien wurden in 2K-Auflösung gescannt, mit digitalen Restaurierungswerkzeugen bearbeitet, im Rechner montiert und dann auf 35mm-Negativ wieder ausgegeben. Dieses Vorgehen ermöglichte wesentlich präzisere Eingriffe bei der Restaurierung als dies eine fotochemische Bearbeitung erlaubt hätte: Schrammen, Risse und andere Beschädigungen, einkopierter Schmutz und Schichtablösungen konnten sehr weitgehend retuschiert werden, und die Angleichung der Bildqualität von Szenen aus den fotografisch sehr unterschiedlichen Ausgangsmaterialien gelang in einem bisher nicht gekannten Maße.

 

Die DVD-Studienfassung

Enno Patalas, der durch die Dokumentation seiner für die Fassung des Filmmuseum München unternommenen Forschungen die philologischen Voraussetzungen für die Neufassung von 2001 geschaffen hatte, konnte in den Jahren 2004 und 2005 im Rahmen eines von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Pilotprojekts „DVD als Medium kritischer Filmeditionen" (22) seiner Arbeit an Metropolis eine weitere Edition hinzufügen. Die auf DVD erschienene „Studienfassung" zu Metropolis weist gegenüber der Fassung von 2001 weitere Verbesserungen der Schnittfolge und eine Darstellung der gesamten Fehlstellen auf, in die wahlweise Informationen aus dem Drehbuch, dem Klavierauszug oder diese erhaltenen Bildquellen eingeblendet werden können. Bemerkenswert ist auch die erstmalige Darbietung der für zwei Klaviere eingerichteten Musik von Gottfried Huppertz in ihrer Gesamtlänge, was es erlaubt, den Film als Zeitkontinuum in voller Länge zu erleben, auch wenn für etwa 30 Minuten kein Laufbild erhalten ist. Eindrucksvoll werden so die Fehlstellen und das Maß der Verstümmelung im Film deutlich gemacht, weit über das Maß hinaus, das in der „Leseausgabe" von 2001 gewagt wurde.

 

„The complete Metropolis" – 2010

Der Fund des Materials in Buenos Aires erlaubt es, einen weiteren Schritt zu einer Rekonstruktion der Premierenfassung von Metropolis zu gehen. Unverhofft stehen fast alle fehlenden Teile des Films, wenn auch in beklagenswertem technischen Zustand, zur Verfügung. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung hat sich daher entschlossen, den Versuch zu unternehmen, alle Teile des Films zu einer neuen Fassung zu synthetisieren, die dem, was am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast in Berlin auf der Leinwand zu sehen war, so nahe wie möglich kommen soll. Im Verlauf des Frühjahrs 2009 wurde an der Erstellung eines Rohschnitts gearbeitet, der als Richtschnur für die Auswahl und Montage der benötigten Szenen aus dem Material der in Argentinien aufgefundenen Fassung, der aus Neuseeland übergebenen Nitrokopie sowie aus den bereits 2001 erzeugten 2K-Daten dienen wird. Die DVD-Studienfassung war hierbei ein Ausgangspunkt, deren über die Fassung von 2001 hinaus gehenden Festlegungen über die Schnittfolge und die Musiksynchronisation werden anhand des argentinischen Materials nochmals überprüft und in einigen Punkten korrigiert. Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Buches steckt der Film im (digitalen) Kopierwerk und nimmt Gestalt an, schwerste einkopierte Beschädigungen werden mit speziell geschriebener Software bekämpft – das Ergebnis kann hier nicht vorweg genommen werden. Die Premiere der neuen Fassung, von der wir hoffen dürfen, dass sie die letzte und definitive ist, wird auf den Berliner Filmfestspielen im Jahr 2010 stattfinden.

Martin Koerber

 

(1) „Dank des Hinweises eines Filmhistorikers und privaten Sammlers konnten wir vor einigen Wochen ein Exemplar von Metropolis aus dem Lager holen und prüfen. Es war ein magischer Moment, als wir feststellten, dass die von dem 16mm-Dupnegativ angefertigte Kopie wahrscheinlich die vollständigste Fassung von Metropolis ist, die es gibt. Es handelt sich dabei um die deutsche Fassung, so wie sie 1928 in Buenos Aires erschien. Die Kopie ist stark zerkratzt und beschädigt, aber sie ist definitive vollständig." (Übersetzung MK)
(2) Eine erste Fassung dieser Geschichte erschien im Jahr 2000 in: Wolfgang Jacobsen, Werner Sudendorf (Hrsg.): Metropolis. Ein filmisches Laboratorium der modernen Architektur. Stuttgart/ London: Edition Axel Menges, 2000, S. 208–217. Nach Abschluss der Arbeiten an der Rekonstruktion des Films im Jahr 2001 wurde eine erweiterte Fassung unter anderem publiziert in: Dan Nissen, Lisbeth Richter Larsen, Thomas C. Christensen, Jesper Stub Johnson (Hrsg.): Preserve, then Show. Kopenhagen: Danish Film Institute, 2002, S. 126–137. Enno Patalas hat seine Erkenntnisse, auf denen die Fassung von 2001 wesentlich beruht, in anderer Form ebenfalls veröffentlicht: Metropolis in/aus Trümmern. Berlin: Bertz-Verlag, 2001.
(3) Die wirkliche Vorführgeschwindigkeit bei der Premiere ist ungeklärt. Auf dem für die gekürzte Fassung eingestrichenen Klavierauszug von Huppertz ist eine Vorführgeschwindigkeit von 28 Bildern pro Sekunde vermerkt, möglicherweise um den gekürzten Film noch schneller und damit kürzer zu machen. Roland Schacht, ein Kritiker, der die Premiere besprach, berichtet von einer Vorführdauer von circa 140 Minuten. Weiteres zu dieser Frage im Beitrag von Frank Strobel in Fritz Langs Metropolis, München: Belleville 2010, S. 77 ff.
(4) Nachlass Gottfried Huppertz. Sammlungen der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin. Signatur: 4.7-79/05. Exemplare des gedruckten Klavierauszugs findet man auch in anderen Archiven und Bibliotheken, so in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und im Deutschen Filminstitut in Frankfurt am Main.
(5) „Bevor ich mit meiner Neufassung eingriff, enthielt Metropolis weder Form noch Logik. Es war Symbolimus in Reinkultur, so dass kein Zuschauer erkennen konnte, worum es überhaupt ging. Ich gab dem Film meinen Inhalt." (Übersetzung MK) Anonym: Channing Pollock Gives His Impressions of Metropolis. In: Presseheft der Paramount für den Film Metropolis. Abschrift in Bundesarchiv-Filmarchiv, Handakte zur Rekonstruktion von Metropolis.
(6) Niederschriften über die Vorstandssitzung der Ufa, Nr. 3 (7. April 1927), Nr. 4 (8. April 1927) und Nr. 17 (27. April 1927). Bundesarchiv, Bestand R 109 I/1026a, S. 291, 288, 244.
(7) Alle Informationen über die Überlieferung des in Argentinien aufgefundenen Materials verdanke ich dem Beitrag von Fernando Martín Peña: Metrópolis. In: Festivalkatalog 23. Festival Internacional de Cine de Mar del Plata, Argentinien, 2008. Er ist der von Paula Félix-Didier in ihrer E-Mail erwähnte „historian and private collector", der den entscheidenden Hinweis auf die mögliche Existenz einer vollständigen Fassung des Films gab. Mehr dazu im Interview mit Paula Félix-Didier in diesem Band.
(8) Aitam Bar-Sagi: Metropolis around the World: fimumu.com/metropolis-atw.html, 12. Oktober 2009.
(9) Metropolis. Parufamet Presse- und Propagandaheft. Herausgegeben von der Presse- und Propagandaabteilung/ Theaterreklame. Berlin, 1927.
(10) Erich Kettelhut: Der Schatten des Architekten. Herausgegeben von Werner Sudendorf. München: Belleville, 2009, S. 146.
(11) Bundesarchiv-Filmarchiv, Schriftgutsammlung, Akte U 381.
(12) Brief von Eileen Bowser (Museum of Modern Art) an Manfred Lichtenstein (Staatliches Filmarchiv der DDR), 16. April 1968. Bundesarchiv-Filmarchiv, Handakte zur Rekonstruktion von Metropolis.
(13) Viel Filmmaterial war nach 1945 aus der Sowjetischen Besatzungszone nach Moskau abtransportiert worden, darunter wohl auch diese Rollen, vielleicht in der fälschlichen Annahme, ein 10-Rollen-Negativ sei besser als ein 8-Rollen-Negativ. In den Westzonen wurde ebenfalls Filmmaterial von den Alliierten beschlagnahmt. Aus der Library of Congress in den USA wurde dies dann im Laufe der 1970er Jahre ins Bundesarchiv nach Koblenz repatriiert. Ein vergleichbares östliches Rückführungsprogramm hat viele Materialien damals von Gosfilmofond zurück in das Staatliche Filmarchiv der DDR nach Ost-Berlin gebracht.
(14) Das George Eastman House hat diese Kopie bereits in den 1990er Jahren durch eine Umkopierung gesichert und für die Fassung von 2001 zur Verfügung gestellt.
(15) Vgl. Fernando Martín Peña. A.a.O.
(16) Mitteilung von Vladimir Dmitriev (Gosfilmofond) an den Autor, 1998. Offenbar besaß das Filmarchiv in Prag die Kurzfassung der Paramount-Version, in die hinein Gosfilmofond so gut wie möglich die in dem später nach Berlin zurückgegebenen Originalnegativfragmente erhaltenen, zusätzlichen Szenen integrierte.
(17) Im Vorspann werden neben dem Staatlichen Filmarchiv der DDR folgende der FIAF (=Fédération Internationale des Archives du Film) genannt: National Film Archive (London), Ceskoslovensky Filmowy Archiv (Prag), Gosfilmofond (Moskau), Deutsches Institut für Filmkunde (Wiesbaden), Stiftung Deutsche Kinemathek (Berlin-West), Museum of Modern Art (New York), Archion Israeli Liseratim (Haifa).
(18) Jürgen Labenski (ZDF) teilte mit, dass das ZDF schon seit 1967 über die Partitur von Huppertz verfügte, und diese dem Staatlichen Filmarchiv Anfang der siebziger Jahre zur Verfügung gestellt habe. In der Handakte zur Rekonstruktion ist jedoch kein Hinweis darauf zu finden und auch der Abschlußbericht von Jahnke bezieht sich nicht auf diese Quelle. Daher ist anzunehmen, dass die Musik – wenn überhaupt – erst nach Abschluss der Arbeiten am Film ins Archiv gelangte und nur noch für die Vertonung benutzt wurde.
(19) Mitteilung von Elaine Burrows (BFI, London) an den Autor, 11. Mai 1998. Alle weiteren hier genannten Informationen zur Fassung des Staatlichen Filmarchivs der DDR stamen aus Jahnkes Handakte zur Rekonstruktion.
(20) Fritz Lang an Wolfgang Klaue (Staatliches Filmarchiv der DDR), 23. Januar 1971. Bundesarchiv-Filmarchiv, Handakte zur Rekonstruktion von Metropolis
(21) Die Edition wurde zuerst auf den 51. Internationalen Filmfestspielen in Berlin präsentiert und erschien später als Transit-Classics 2969 auf DVD, unter Lizenz auch international auf zahlreichen anderen Labels.
(22) Das Projekt „DVD als Medium kritischer Filmeditionen" entstand am Filminstitut der Universität der Künste Berlin. Bezug nur für Bildungs- und Forschungseinrichtungen über http://www.filminstitut.udk-berlin.de/MKF/html/pages/filme/metropolis.html, 9. August 2009.

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