Ein Mann kriecht durch den Schnee.

›Fargo‹, USA 1996, Regie: Ethan Coen, Joel Coen
© Park Circus/Amazon MGM

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Film Restored

Das Filmerbe-Festival, 21.–25.10.26

Allgemeine Informationen

Risky Business

2026 widmet sich das Filmerbe-Festival der Deutschen Kinemathek den Risiken im Kino. Es blickt auf Wagnisse bei der Produktion und Verbreitung von Filmen, auf Gefahren im Archiv und bei Restaurierungen sowie auf Filme über Menschen, für die alles auf dem Spiel steht – Risikoebenen, die oft zusammen auftreten und sich gegenseitig bedingen. Auf Besucher*innen des Festivals und des daran angelehnten Kinopreises warten digitale Restaurierungen, Workshops, Diskussionen und Livemusik. Geboten werden Beiträge aus zwanzig Ländern, internationale Gäste und Filme aus den Jahren 1927 bis 2010.

Weiterführende Informationen zu den Schwerpunkten

Themen

Gesellschaftliche Tabubrüche

Das Festival spürt Filmen nach, die etwas wagen: Filmen, die gesellschaftliche Normen hinterfragen und dafür ein Risiko eingehen. Das Drama ›Cyankali‹ (D 1930) suchte die Grenzverschiebung, als es den ›Abtreibungsparagrafen‹ anprangerte, was zu großem Aufruhr in Zensur und Öffentlichkeit der Weimarer Republik führte. ›Winter Kept Us Warm‹ (CA 1966), der als erster queerer Film Kanadas gilt, entstand vor den Befreiungsschlägen der queeren Bewegung in den 1970er-Jahrenn und als Homosexualität noch unter Strafe stand. Der Regisseur David Secter, ein Student, vollführte einen Balanceakt und zeichnete die Beziehung seiner Protagonisten vorsichtig genug, um eine Dreherlaubnis auf dem Campus seiner Universität zu erhalten. Zu groß war allerdings der Tabubruch in ›Ponedelnik sutrin‹ (BG 1966/1988). Er wurde für zwei Jahrzehnte aus dem Verkehr gezogen: Seine unwiderstehliche Hauptfigur war für das sozialistische Bulgarien zu nonkonformistisch und aufrührerisch.

Verfolgung, Flucht und Exil

Die Filmgeschichte stellt immer wieder unter Beweis, dass die Bedrohung für Menschen und Filme in repressiven Kontexten existenziell werden kann: so existenziell, dass es riskanter ist auszuharren, als eine ungewisse Zukunft im Exil zu suchen. Das Festival präsentiert lateinamerikanische Perspektiven auf und aus der Diaspora – und diskutiert die prekären Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Erhalts. Zu Gast ist zudem Roya Film House, die erste von Frauen geführte Produktionsfirma Afghanistans, gegründet 2003. Das Film House, heute aus dem Exil aktiv, baute auch das Herat International Women’s Film Festival und ein umfangreiches Archiv an Filmen afghanischer Frauen auf. Andere Festivalbeiträge thematisieren auf der Leinwand Verfolgung und Krieg: ›Il giardino dei Finzi-Contini‹ (IT/BRD 1970) erzählt etwa von der zunehmend lebensgefährlichen Entrechtung von Jüd*innen im faschistischen Italien, ›Mortu Nega‹ (GUI 1988) vom Unabhängigkeitskampf Guinea-Bissaus, dem sich eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Ehemann anschließt.

Reiz des Risikos

Während manche Wagnisse der letzte Ausweg sind, hegt das Kino ein Faible für Geschichten über Figuren, die Lust am Risiko zeigen. Charaktere suchen den Nervenkitzel, an dem das Publikum aus dem sicheren Kinosessel heraus teilhaben kann. In ›Sensation im Wintergarten‹ (D 1929) turnt der Trapezkünstler Frattani sich und die Zuschauer*innen von Adrenalinkick zu Adrenalinkick. Schnell vermischt sich in den Festivalfilmen Wagemut mit Verbrechen – Spiele um Geld, Leben und Tod. Risiko verspricht hier Spannung, sei es im finnischen Film noir ›Kuu on vaarallinen‹ (FIN 1961) oder dem zum Kult gewordenen ›Fargo‹ (USA 1996) der Coen-Brüder. Ein Muss ist ›Chameleon Street‹ (USA 1989): In der vor Esprit sprühenden Komödie wird Risiko zum performativen Spiel für den Schwarzen Protagonisten, der von Chirurg bis Anwalt ständig eine andere berufliche Identität vorgibt. Dem Film gelingt es dabei mit einem sprachlichen Feuerwerk, Diskriminierung auf Basis von ›Race‹ und Klasse zu entlarven und Auswüchse des Kapitalismus vorzuführen. Finanziert aus der Schwarzen Community wurde das wirtschaftliche Risiko dieses Indie-Films vollständig privat getragen.

Ästhetischer Mut

Kühnheit ist neben – und oft verbunden mit – der finanziellen Frage auch eine ästhetische. ›Erster Verlust‹ (DDR 1990) entstand in der Umbruchsphase der späten DDR und traute sich, von üblichen DEFA-Konventionen abzuweichen, in dem er unter anderem auf Originalton statt Synchronisation setzte. ›Monday Morning‹ entschied sich für eine unkonventionelle Kameraführung, ›Chameleon Street‹ für eine spielerische Bildsprache und ›Amor Louco‹ (BR/UK 1971) für einen Mix aus Avantgarde und Home Movie. Laut dem Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger hat die Kinogeschichte »Risiko als eine ästhetische Tugend« honoriert, trotz oder gerade wegen des ansonsten oft gleichförmigen Konsumangebots der Filmindustrie. In seinem Keynote-Vortrag schlägt er die Brücke von künstlerischen Wagnissen zu solchen in der Filmerbe-Praxis.

Gewagtes Archiv?

Hediger fragt, wie Archive und Kulturpolitik mit künstlerisch verwegenen Filmen umgehen, welche Risikobereitschaft Institutionen dabei selbst an den Tag legen und welche Konsequenzen – oder welches Potenzial – das für die Zukunft des Filmerbes hat. Unmittelbare Bedrohungen für Filmmaterial werden durch notwendige Rettungsaktionen greifbar: so bei ›Gehenu Lamai‹ (SRI 1978), ›Drakula İstanbul’da‹ (TR 1953) oder dem neu gegründeten Netzwerk Lost Video History dffb. Mit einem Blick auf heikle Entscheidungen, die Restaurator*innen treffen müssen, soll die anspruchsvolle Arbeit von Filmarchiven transparent und zugänglich werden: etwa der ethische Umgang mit nicht überlieferten Passagen, Akten und ganzen Originalversionen in ›Cyankali‹, ›Sensation im Wintergarten‹ und ›Xi Xiang Ji‹ (CHN 1927). ›Cyankali‹ und ›Sensation im Wintergarten‹ zählen zu den sechs Restaurierungen, die dank des deutschen Förderprogramms Filmerbe (FFE) umgesetzt werden konnten – ein Programm, das aktuell in Gefahr ist, und damit der Fortbestand substanzieller Teile der Filmgeschichte.

Kinopreis

Zum 27. Mal werden dieses Jahr kommunale Kinos und filmkulturelle Initiativen mit dem Kinopreis des Kinematheksverbundes ausgezeichnet. Der Preis ist ein Beitrag, um die Arbeit der Kinos in einer Zeit steigender Existenzrisiken zu unterstützen und ihnen im zugehörigen Rahmenprogramm internationale Programmideen zu unterbreiten.

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Förderer und Partner

Die Stiftung Deutsche Kinemathek wird gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Der Kinopreis ist eine Veranstaltung der Deutschen Kinemathek für den Kinematheksverbund und wird mit Sondermitteln von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt.

In Kooperation mit
Medienpartner

Credits

Herausgeber
Stiftung Deutsche Kinemathek 

Vertreten von
Florian Bolenius, Heleen Gerritsen

Konzept und Programmauswahl
Anke Hahn, Elisa Jochum  

Koordination Festival und Kinopreis
Ricardo Brunn, Anke Hahn 

Assistenz Festival und Kinopreis
Marlina Metz 

Kommunikation und Marketing
Jonas Haaf, Jonas Scheler, Ronja Seifert, Christian Weber

Presse
Heidi Berit Zapke 

Redaktion
Clemens von Lucius, Rachel Mathews, Julia Pattis

Übersetzung
Johannes Kratzsch

Soziale Medien
Nyamjargal Ganbold  

Spenden
Mark Grünthal

Zentrale Dienste
Sybille Büttner, Ronald Deter, Nils Maushagen, Pia Müller, Birgit Schunn, Roberti Siefert, Sebastian Thiel, Petra Treutler  

Design
Fünfzehn

Webentwicklung
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