Was es für mich so spannend macht, an dem Bestand zu arbeiten, ist der intime Blick auf das eng verwobene Netz Costards kreativer Gedankenwelt, der durch einen hohen Grad an Vollständigkeit ermöglicht wird. Die Filme und Projekte stehen selten nur für sich, sondern können eher als Teile größerer Ideen gesehen werden, die Costard meistens über Jahre beschäftigen. Die Zusammenhänge und die akribische Arbeit an den Ideen dokumentiert der Nachlass und füllt auf diese Weise die Lücken, die die Filmografie aufweist. Ein verbindendes Element, das sich durch alle Schaffensphasen zieht, ist Costards permanentes Ringen um die Umsetzung und Finanzierung seiner Vorhaben. Der Kurzfilm ›Besonders wertvoll‹ (1968, Regie: Hellmuth Costard) ist nur der Startschuss einer Jahrzehnte andauernden Abarbeitung an der deutschen Filmförderung und ihren bürokratischen Mühlen. Der Nachlass liefert mit einem umfangreichen Fundus an Korrespondenzen, aber auch kleineren Gedankenskizzen einen Eindruck von den Enttäuschungen über nicht realisierte oder nicht realisierbare Arbeiten, offenbart aber auch die ehrliche Freude und Begeisterung, wenn sich Projekte im Sinne Costards entwickelten.
Der große Durchbruch blieb Costard verwehrt, aber seine Rolle als kleiner, unabhängiger Filmemacher nahm er an. Er wurde nie müde, neue Anläufe zu starten und blieb, trotz der Ungewissheiten über die Umsetzbarkeit stets akribisch in seinen Recherchen und Vorarbeiten. Als Schlüsselwerk kann hier ›Der kleine Godard‹ (1978, Regie: Hellmuth Costard) genannt werden, in dem Costard den Versuch unternimmt, sich im Verhältnis zu Kollegen wie Hark Bohm, R. W. Fassbinder und Jean-Luc Godard zu betrachten und seinen Platz zu finden und zu beschreiben. Es entstand ein Film über das Scheitern, der, gemessen an den Auszeichnungen, zu einem seiner größten Erfolge wurde. Zahlreiche technische Zeichnungen, Anleitungen und Dokumente lassen die ausgedehnte Arbeit am Echtzeit-Super-8-Kamerasystem nachverfolgen, die auch im Film thematisch eingebunden wurde. Zu den finalen englischen Brieffassung an den »großen« Jean-Luc Godard formulierte der »kleine« Costard gewissenhafte, handschriftliche Vorlagen in deutscher Sprache. Wenn er auch immer wieder aufwendig um die Gunst von Publikum und Geldgebern kämpfen musste, war ihm Godards Anerkennung seit dieser Zusammenarbeit sicher (und so auch die meine).
Wagemutig erkor ich die weitere Erschließung des Nachlasses zu meinem ersten Großprojekt bei der Kinemathek, mit der ich nun schon seit einigen Monaten stetig voranschreite. Meine Beziehung zu Costard war anfangs nicht unbedingt die eines Biografen. Wir hatten lediglich fünf Jahre parallel auf diesem Planeten gelebt, an der Uni wurden lieber Costards Zeitgenossen wie Kluge, Fassbinder oder Farocki besprochen und abgesehen von ›Besonders wertvoll‹ (1968, 2013 von absolut Medien GmbH veröffentlicht) und ›Fußball wie noch nie‹ (1971, 2006 von Zweitausendeins veröffentlicht) wurde bisher keinem seiner Filme die Ehre einer DVD/Blu-Ray-Veröffentlichung zuteil. Umso wichtiger scheint mir die weitere Arbeit an dem Bestand. Ich schätze die kreative und visionäre Kraft von Costards Werk. Die Sichtbarkeit würde ich allerdings als ausbaufähig beschreiben und sie liegt mit seinem Nachlass zum Teil auch in der Verantwortung von uns, der Deutschen Kinemathek.