›Das Portrait‹, BRD 1966, Regie: May Spils, Quelle: Deutsche Kinemathek
Ich – Weibliche Selbstreflexion im ost- und westdeutschen Film
Neunzehn Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus den Jahren 1966 bis 1988 von Filmemacherinnen aus der BRD und der DDR geben Aufschluss über den filmischen und politischen Aufbruch von Frauen im geteilten Deutschland. Unter den jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen in Ost und West machten die Nachkriegsregisseurinnen hier wie dort erstmals die eigene Lebenswelt und alltägliche Erfahrungen zum Thema ihrer Filme. Neuartige Erzählweisen wurden ausprobiert, und plötzlich erschienen Protagonistinnen auf der Leinwand, die ganz anders waren als die Frauenfiguren, die man bis dahin kannte. Die in der Filmreihe versammelten Filme dokumentieren auf vielfältige Weise die Suche nach einem selbstbestimmten filmischen Ausdruck, die viele Regisseurinnen der Nachkriegsgeneration eint und die ihre Werke bis heute interessant macht. Gemeinsam ist den Filmen vor allem eins: der Wille zu Selbstreflexion und Subjektivität, zu einem neuen filmischen Ich.
Das Filmprogramm
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Neun Leben hat die Katze
© Deutsche Kinemathek / Ula Stöckl
Ula Stöckls Debütfilm erzählt episodisch von fünf Frauen, ihren alltäglichen Erfahrungen, Sehnsüchten und emanzipatorischen Strategien innerhalb einer männerdominierten Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen die beiden Freundinnen Katharina und Anne, die zwischen eingeübten Anpassungsleistungen und dem Versuch, Freiheit zu verwirklichen, an die Grenzen ihrer Solidarität geraten. Die Männer hingegen verstehen die Frauen nur als schöne Wesen, deren Probleme man mit leeren Phrasen ausräumen kann. Der formal ungewöhnliche, in Cinemascope gedrehte Film erlangte als »erster feministischer Film« Kultstatus. Dank der digitalen Restaurierung erstrahlen die unkonventionellen Bildfindungen nun in ihrer ursprünglichen Leuchtkraft.
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Shirins Hochzeit
Quelle: Deutsche Kinemathek
Shirin, eine junge Türkin aus Anatolien, flieht vor der arrangierten Hochzeit mit einem reichen Mann nach Köln, um dort Mahmud zu suchen, den sie liebt und den sie als ihren Verlobten betrachtet. Doch in Deutschland erwartet sie ein auswegloser Abstieg von harter Fabrikarbeit über Arbeitslosigkeit bis hin zur Prostitution, der mit ihrem Tod endet. Mit ›Shirins Hochzeit‹ setzte sich Helma Sanders-Brahms als eine der ersten Frauen filmisch mit den Lebensbedingungen von Migrantinnen auseinander. Die ausweglose Tragik, das neo-realistische Schwarzweiß sowie der diesen Passionsweg begleitende Kommentar der Autorin, der einen höchst subjektiven Gegenpol zu den dokumentarisch anmutenden Bildern setzt, provozieren in ihrer Radikalität bis heute.
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Kennen Sie Urban?
© DEFA-Stiftung, Klaus Mühlstein
Auf der Suche nach dem Vermessungsingenieur Urban ziehen der vorbestrafte Hoffi und sein Bruder Keule von einer Großbaustelle zur anderen. Auf einer ihrer Stationen verlieben sich beide in die studentische Praktikantin Gila. Diese wählt den extrovertierteren Hoffi, den ihre Eltern jedoch wegen seiner Vergangenheit ablehnen. Durch die Perspektive der männlichen Hauptfiguren erzählt der nach einem Szenarium von Ulrich Plenzdorf entstandene Film von der Emanzipation einer jungen Frau, die zwar beruflich unabhängig ist, in der Beziehung zu ihren Eltern und zu Hoffi bei ihrem Streben nach Selbstbestimmung jedoch Grenzen überwinden muss.
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Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers
Quelle: Deutsche Kinemathek, © Basis-Film Verleih
Edda Chiemnyjewski ist freie Pressefotografin in Westberlin. Sie muss den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter aus mageren Honoraren bestreiten, neben der Arbeit die Bedürfnisse ihrer Tochter befriedigen, Alltagsarbeiten erledigen. Sie will aber unbedingt einen Zipfel Privatleben retten, eine eigene Identität durch die Arbeit finden, verschiedene Ansprüche in einem 24-Stunden-Tag unterbringen. Helke Sander, die auch die Hauptrolle spielt, erzählt selbstironisch und mit dem Humor der Verzweiflung von der alltäglichen Zerrissenheit zwischen Beruf, Familie und Selbstverwirklichung – nicht als privates Debakel, sondern als gesellschaftlich verursachte Zwangslage.
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Alle meine Mädchen
© DEFA-Stiftung, Wolfgang Ebert
Der junge Regiestudent Ralf Päschke will einen Film über eine Frauenbrigade im Berliner Glühlampenwerk »Narva« drehen. Die fünf Mädchen um die souverän wirkende Meisterin Boltzin machen zunächst den Eindruck eines Vorzeigekollektivs, doch schon bald merkt er, dass es unter der Oberfläche Spannungen gibt und die stille Abiturientin Kerstin eine Außenseiterrolle einnimmt. In der Figur der Meisterin, die unter einem Erschöpfungssyndrom leidet und von ihrem alkoholkranken Ehemann keine Hilfe erwarten kann, manifestiert sich Iris Gusners Reflexion über die reale Existenz weiblicher Autorität und den Umgang mit Doppelbelastungen im Berufs- und Privatleben.
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Hungerjahre
Quelle: Deutsche Kinemathek
Die 13-jährige Ursula wächst in den Wirtschaftswunderjahren der frühen BRD heran. Wie soll sie zwischen eisernem Konsumwillen, der Restauration konservativer Werte und dem Totschweigen der jüngsten Vergangenheit erwachsen und ein selbständig denkender Mensch werden? Wie soll sie angesichts von Verboten, der ängstlichen Sexualfeindlichkeit der Mutter und der Lügen ihres Vaters eine Frau werden, die ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern und ausleben kann? Jutta Brückner versteht ihren Film als subjektive Trauerarbeit einer Tochter und liefert dabei eine bitterböse Analyse der Adenauer-Zeit aus weiblicher Sicht.
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Das Fahrrad
© DEFA-Stiftung, Dietram Kleist
Susanne ist ungelernte Arbeiterin und schlägt sich als alleinerziehende Mutter mit Ende zwanzig mehr schlecht als recht durchs Leben. Ihr Fabrikjob ödet sie an, einziger Lichtblick sind die abendlichen Barbesuche, bei denen sie den erfolgreichen Ingenieur Thomas kennenlernt. In Geldnot begeht sie einen Versicherungsbetrug und fliegt auf. Ungeschönt und nah an den Gefühlen der überforderten jungen Frau reflektiert der Film das Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und Verantwortung in einer unsicheren Lebenslage.
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Dokumentarfilme / Einzelporträts
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Von wegen »Schicksal«
© Deutsche Kinemathek / Helga Reidemeister
Irene Rakowitz, Berliner Mutter von vier Kindern, ließ sich nach 20 Ehejahren von ihrem Mann scheiden. Zusammen mit den beiden jüngsten Kindern lebt sie im Märkischen Viertel, wo sie sich politisch engagiert und gegen ihren sozialen Abstieg ankämpft. Die beiden älteren Töchter haben ihr den Rücken gekehrt und feinden sie an. Der Film zeigt nichts als Alltag und Normalität einer Arbeiterfrau und ist gerade dadurch unerhört, dass er die Privatheit der Familie enttabuisiert. Irenes Entscheidung, der Filmemacherin diesen ungeschönten Einblick in ihr Leben zu gewähren, ist der persönliche Versuch, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, Subjekt ihrer Geschichte zu werden.
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Winter adé
© DEFA-Stiftung / Thomas Plenert
Eine Zugfahrt quer durch die DDR ein Jahr vor ihrem Ende. Die Dokumentarfilmerin Helke Misselwitz trifft Frauen und Mädchen verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen sozialen Schichten, um mit ihnen über ihren Alltag, ihre Arbeit und ihre Beziehungserfahrungen zu sprechen. Und um zu erfahren, wie sie über ihr Leben als Frau nachdenken. Sie begegnet ihnen unterwegs, am Arbeitsplatz und zu Hause. Mit seinen offenen Gesprächen, in denen immer wieder das Bedürfnis nach Anerkennung und Gleichberechtigung im privaten und gesellschaftlichen Miteinander artikuliert wird, gilt der Film als einziger dezidiert feministischer Film der DDR.
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Gemischtes Doppel: Kollektive
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Sie
© DEFA-Stiftung / Nico Pawloff, Quelle: Deutsche Kinemathek
Im »VEB Textilkombinat Treffmodelle Berlin« sind 90% der Belegschaft weiblich, doch an der Betriebsspitze steht ein Mann. Die meisten Frauen sitzen an der Nähmaschine, viele in Teilzeit, um ihrem zweiten »Beruf« – der Familie – gerecht zu werden. Der Film, eine Mischung zwischen Reportage und Aufklärungsfilm, begleitet die Betriebsgynäkologin Gisela Otto bei ihren Gesprächen mit den Arbeiterinnen über Familienplanung und Qualifizierung. Gleichberechtigung, so die Botschaft, geht nicht zwangsläufig mit Berufstätigkeit einher.
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Für Frauen. 1. Kapitel
© Deutsche Kinemathek / DFFB
In diesem dokumentarischen Spielfilm nehmen die Protagonistinnen ihr Schicksal in doppelter Hinsicht in die eigenen Hände: Die Verkäuferinnen eines Supermarkts finden sich trotz aller Unterschiede zusammen, um gemeinsam gegen den Unternehmer vorzugehen, nachdem sie erfahren haben, dass sie geringere Löhne als ihre männlichen Kollegen erhalten. Die Protagonistinnen spielen sich selbst und haben das Drehbuch nach eigenen Erfahrungen gestaltet, denn sie wollten keinen Film ÜBER sich entstehen lassen, sondern die Produktion aktiv mitbestimmen.
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Debütfilme der HFF Konrad Wolf
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Ramona
Aus dem Nichts taucht eine junge Frau auf und bringt den geregelten Tagesablauf eines Dorfes durcheinander. Ramona ist aus dem Heim abgehauen und will ihren Vater kennenlernen, der vor 16 Jahren eine Sommeraffäre mit ihrer Mutter hatte. Die Kamera ist Ramona dicht auf den Fersen. So sprüht der Film vor Lebensdurst und zeigt gleichzeitig eine verletzliche junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln.
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Hinter den Fenstern
Ein Hochhaus, drei Lebensgeschichten. Drei Ehepaare, die unterschiedliche soziale Schichten repräsentieren, berichten über ihre Beziehung und ihr Zusammenleben. Mal einzeln und mal mit dem Partner vor der Kamera reflektieren sie über Gleichberechtigung in der Ehe und im Arbeitsleben.
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Kurzfilmprogramm
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Das Portrait
Quelle: Deutsche Kinemathek
Vom Scheitern eines künstlerischen Schöpfungsaktes: Trotz kunstgeschichtlicher Instruktionen aus dem Off scheitert eine junge Frau daran, ihr Selbstporträt zu malen. Gleichwohl reiht sie sich in eine Phalanx weiblicher Ikonen ein – von Mona Lisa bis Brigitte Bardot.
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Aktfotografie – z.B. Gundula Schulze
© DEFA-Stiftung / Jürgen Rudow
Über »Die Frau in der Aktfotografie der DDR« hat die Fotografin Gundula Schulze ihre Diplomarbeit verfasst. Sie will zeigen, was die ganze Frau ausmacht. Einmontierte Alltagsszenen zeigen Frauen in der Arbeitswelt.
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Ich
Eine Persiflage auf den Geniekult um »Jungregisseure« wie Jean-Luc Godard, Wim Wenders oder Jim Jarmusch: Bettina Flitner spielt das befragte und bei seiner Arbeit beobachtete Junggenie, Hella von Sinnen ist in verschiedenen Rollen, als Mutter, Tante, Schuldirektorin und als Schauspielerin, zu sehen.
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Die Lösung
© DEFA-Stiftung, Brigitte Schönberner
Sieglinde Hamacher erzählt in ihrem Trickfilm ›Die Lösung‹ mit wenigen Strichen von der Macht des Individuums – als Vogel.
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Umwege
›Umwege‹ von Susanne Beyeler spielt mit dem Dokumentarischen, um »typisch« weibliche bzw. männliche Lebenswege und Idealisierungen zu demaskieren und rückt so männlichen Größenphantasien mit Witz zu Leibe.
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Schnelles Glück
Petra Tschörtner beobachtet in ›Schnelles Glück‹ ganz zurückgenommen das Treiben auf einer Trabrennbahn und hebt nur sachte eine der Kassenfrauen am Totalisator in den Mittelpunkt des Geschehens.