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›Die Jungfrauenmaschine‹, Regie: Monika Treut © Salzgeber

Kein Taxi zum Klo?!

Unterzeile

Inhalt

Wie steht es um das lesbische Kino in Deutschland? Zwischen Verführung, Widerständigkeit und Humor als trojanischem Pferd haben Monika Treut, Angelina Maccarone und Eline Gehring ihr eigenes Filmschaffen auf einer Podiumsdiskussion in der Deutschen Kinemathek diskutiert. Das folgende Interview ist eine gekürzte Version des Gesprächs, das am 26.6.2026 im Rahmenprogramm zur Ausstellung ›Inventing Queer Cinema‹ stattgefunden hat.

Erster Teil Interview

Kinemathek: 

Im Titel der Veranstaltung steckt ein Zitat von dir, Monika. In einer Filmkritik, die du 1981 verfasst hast, schreibst du: »Die selbstverständliche Leichtigkeit, mit der schwule Männer im ›Taxi zum Klo‹ fahren können, ist hierzulande den lesbischen Frauen – nicht nur in der Filmwelt – erheblich erschwert. Solange Frauen, Feministinnen, Lesben oder alle zusammen sich im Wesentlichen fern der Machtzentren von (Kino-)Politik bewegen, ist das auch kein Wunder.« Spielt dieser fehlende Zugang zu den Machtzentren der Kinopolitik für das lesbische Kino heute immer noch eine Rolle?

Monika Treut: 

Es hat sich sehr viel verbessert. In den Sendern und Förderungen gibt es mittlerweile viele Frauen und auch einige queere Personen in den Entscheidungspositionen, die unsere Projekte teils offener betrachten als das früher der Fall war. Seit den frühen 1980ern hat sich insgesamt viel verändert, es sind teils auch ganz neue Genres entstanden. Andererseits sind wir jetzt im Jahr 2026 schon wieder in der Situation, in der Repräsentationen bedroht sind. Da sagt eine eigentlich aufgeschlossene Redaktion aufgrund von gesellschaftlichem oder politischem Druck dann plötzlich »Oh, schon wieder was Queeres, das hatten wir jetzt schon«.

Angelina Maccarone: 

Ja, das kann ich nur bestätigen. Das Klima gerade ist »Backlash« und ich finde diese Form von Rückschritt sehr betrüblich. Trotzdem versuche ich, die Hoffnung zu bewahren. Es gab ja immer wieder diese Art von Finsternis in der Kultur für Themen, die nicht im kompletten Mainstream verortet sind, sodass es uns auch wieder gelingen wird, da neue Wege zu entwickeln, hoffe ich.

Eline Gehring: 

Ich glaube, es braucht einfach viele queere Filmemacher*innen, die weitermachen, ihre Stoffe durchboxen und nicht darauf warten, dass irgendeine Redaktion oder eine Produktion nur ein wokes Filmloch stopfen will.

Informationen zu den Regisseurinnen

Die Regisseurin Monika Treut posiert mit Sonnenbrille auf einer Brücke.

© Salzgeber

Monika Treut ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und stellt seit 1983 als Autorin, Regisseurin und Produzentin Spiel- und Dokumentarfilme her. Ihre Themen bewegen sich im Spektrum von Feminismus, Gender und Human Rights. Zwischen den Filmen unterrichtete sie an Universitäten in San Francisco, New York, San Diego, Chicago, Bloomington und anderen. Ihre Filme wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt: Berlinale, Toronto, Sundance und vielen anderen. Werkschauen gab es in Argentinien, Brasilien, Frankreich, Griechenland, Kanada, Kolumbien, Mexiko, Österreich, Südkorea, Schweiz, Taiwan, England, Frankreich, Italien, Polen und den USA. Für ihr Lebenswerk wurde sie mit dem Lifetime Achievement Award in Tel Aviv, Turin, Madrid, Palermo, Zürich und mit dem Teddy Award der Berlinale ausgezeichnet. Sie lebt in Hamburg. 

Angelina Maccarone posiert mit Brille und schwarzer Jacke für ein Porträt.

© Hanna Lenz

Angelina Maccarone schrieb Songtexte für Udo Lindenberg bevor sie ihren ersten Film ›Kommt Mausi raus?!‹ machte. Es folgten ›Alles wird gut‹, ›Fremde Haut‹, ›Verfolgt‹ und ›Vivre‹, die u.a. mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurden. ›The Look‹ über Charlotte Rampling feierte in Cannes Premiere. Mit Carolin Emcke produzierte sie die Kampagne »Tolerant? Sind wir selber«.  Ihr neuester Film ›Klandestin‹ gewann eine Lola, den Filmkunstpreis Ludwigshafen und die Globula auf dem Hamburg International Queer Film Festival. Von 2014 bis 2025 war Angelina Maccarone Professorin für Regie an der Filmuniversität Babelsberg. 2026 veröffentlichtesie ihren ersten Roman ›Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in‹.

Eline Gehring posiert in schwarzer Kleidung für ein Porträt.

© Maya Steinberg

Eline Gehring ist eine Drehbuchautorin und Regisseurin, deren internationale Karriere preisgekrönte Filme, Dokumentarreihen und gefeierte Fernsehserien umfasst. Nach dem weltweiten Erfolg ihres Debütfilms ›Nico‹ und der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie ›Hungry‹, arbeitet sie derzeit sowohl an einer neuen TV-Produktion, als auch an der internationalen Co-Produktion ihres nächsten Kinospielfilms ›Farewell‹.

Zweiter Teil Interview

Kinemathek: 

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück. Was waren denn eure Anfänge? Du Monika, kamst eigentlich von den Geisteswissenschaften und hast dann begonnen, Filme zu machen, die für uns heute aus dem Queer Cinema nicht mehr wegzudenken sind. Wie kam es dazu?

Monika Treut: 

Das haben wir natürlich alle nicht gewusst, dass wir wichtige Filme machen werden. Wir haben einfach angefangen. Wobei die Anfänge unseres Filmemachens schon ziemlich gruselig waren, muss ich sagen. Die 1970er- und 1980er Jahre waren immer noch die Jahre des patriarchalen Kinos in Deutschland. Als ›Verführung: Die grausame Frau‹ (Deutschland 1985) auf der Berlinale uraufgeführt wurde, gab es ein Massen-Walkout und die Leute waren super ärgerlich. Es gab eine wütende Diskussion, der Film wurde zerrissen und als er dann ins Kino kam, gab es mehr schlechte Kritiken als Zuschauer*innen. Das war einfach ein Film, der nicht in die Zeit passte, der vom Publikum in Deutschland noch nicht verstanden wurde. Doch dann kamen andere Stimmen, vor allem aus Nordamerika, dort lief der Film auf allen Festivals und kam im Gegensatz zu hier sehr gut an. Und dann habe ich gedacht »Was soll ich in Deutschland?« und bin nach New York gezogen. New York war damals das Zentrum des Queer Cinema. Dort habe ich weitergearbeitet und war sehr mutig in meiner Formsprache. Bis irgendwann in Deutschland unser wunderbarer Freund Manfred Salzgeber meinen zweiten Langfilm ›Die Jungfrauenmaschine‹ (Deutschland 1988) in seinen Verleih übernahm. Und das war dann der Anfang von sowas wie lesbischem Kino in Deutschland, glaube ich. Also zumindest als moderner, punkiger, do-it-yourself low-low-budget-Film war das eine Neuheit für das lesbisch-queere Kino in Deutschland damals.

Frau hält einen Mann in einer Badewanne fest, während Wasser spritzt.

Bei der Uraufführung auf der Berlinale gab es einen Massen-Walkout, in Nordamerika lief er auf allen Festivals: ›Verführung: Die grausame Frau‹ (1985) war einer der ersten Filme von Monika Treut. © Salzgeber

Angelina Maccarone:

Ja, das überfordert die konservative Filmlandschaft einfach oft, wenn man neue Formen oder Erzählweisen ausprobiert. Bei meinem ersten Film ›Kommt Mausi raus?!‹ (Deutschland 1995) gab es immer wieder Situationen mit Filmförderungen oder Verleihern, in denen sie große Probleme mit dem Drehbuch äußerten, weil es zu positiv sei. Sie fragten sich, wo die inneren Zweifel der Figur seien und das Ringen und die Verzweiflung und so weiter. Das fehlte ihnen. Aber ich habe einfach den Film geschrieben, den ich damals selbst gerne gesehen hätte.

Kinemathek: 

Dazu haben wir auch noch ein interessantes Zitat über deinen Film ›Alles wird gut‹ (Deutschland 1998, Drehbuch: Fatima El-Tayeb und Angelina Maccarone) gefunden: »Die Wahl des Genres der Screwball-Comedy war ein Trick, um einem deutschen Fernsehpublikum zur besten Sendezeit verschiedene Minderheiten zu präsentieren, ohne dass man die Figuren erklären musste. Comedy weigert sich, einen distanzierten, entfremdeten, ideologischen Standpunkt einzunehmen, noch erweckt sie Mitleid.«

Angelina Maccarone: 

Die Komödienform ist ein gutes trojanisches Pferd, um erst einmal Leute zu erreichen. Meine Sehnsucht war es, eine Geschichte zu erzählen, die vielleicht auch meine Verwandten in dem Kaff, wo ich herkomme, gucken können und dabei etwas verstehen, ohne große cineastische Vorbildung. Und ich wollte mich auch darüber lustig machen, über dieses ganze narrative Klischee des Coming-Out. Ich habe damals versucht, mit einem bestimmten Humor die Absurdität bloßzulegen, die dieses Konstrukt der Notwendigkeit eines Coming-Outs eigentlich ist.

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Die Komödienform als trojanisches Pferd? ›Alles wird gut‹ (1998) von Angelina Maccarone. © NDR / Angelina Maccarone

Kinemathek: 

Gibt es bei dir, Eline, denn das Gefühl, dass du gewisse Dinge nun nicht mehr machen musst, weil manche Kämpfe schon geführt wurden?

Eline Gehring: 

Meinen ersten Langfilm ›Nico‹ haben wir für 6.000 Euro aus Privatfinanzierung gemacht. Wir haben diesen Film zu dritt, also drei Frauen (Eline Gehring, Sara Fazilat, Francy Fabritz, a.d.R.) auf der Straße gedreht, ich habe selbst den Ton geangelt. Das wäre niemals ein Film gewesen, den irgendeine Förderung gefördert hätte, also auch in meiner Generation nicht. Und erst recht nicht mit Sara Fazilat als Hauptdarstellerin und gleichzeitig Produzentin. Ich merke, selbst die ganz großen Regisseurinnen, zu denen ich hochschaue, wollen zurück zum Dogma-Film, weil sie diese Abhängigkeit und Mutlosigkeit von den existierenden Fördersystemen manchmal nicht mehr aushalten.

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Den Ton hat Eline Gehring bei ihrem ersten Film ›Nico‹ (2021) selbst geangelt. »Das wäre niemals ein Film gewesen, den irgendeine Förderung gefördert hätte«, sagt sie. © Darling Berlin / UCM.ONE

Kinemathek: 

Um in besagter Filmindustrie den Mut nicht zu verlieren, sprecht ihr oft von gegenseitiger Unterstützung und wechselseitiger Inspiration – was waren denn eure jeweiligen filmischen Vorbilder?

Monika Treut: 

Als ich angefangen habe, gab es wenig Vorbilder für mich. Es gab die wunderbare Ulrike Ottinger, die ja Extrem-Vorkämpferin war in Deutschland. Und die Elfi Mikesch gab es. Und dann, naja, war es eigentlich auf der lesbischen Seite schon so gut wie zu Ende. Ich bin noch mit den ganzen Männern aufgewachsen, die das queere Kino geprägt haben, also das heißt, John Waters und solche Filme haben mich total beeinflusst. Und mich hat immer schon das totale Low-Budget-Kino beeinflusst. Das fand ich sehr anregend, weil es eine ähnliche Arbeitsform wie die war, aus der ich komme und die für mich auch viel mit queerem Kino und unkonventioneller Formensprache zu tun hat.

Angelina Maccarone: 

Wenn wir dann ein paar Jahre weitergehen, gab es ein paar mehr Perlen des lesbisch-queeren Kinos, unter ihnen Monikas Filme, aber immer noch zu wenige. Was ich vor allem vermisst habe, war der Humor. Da gab es ›I’ve Heard the Mermaid’s Singing‹ von Patricia Rozema (Kanada 1987), den mochte ich sehr, weil der so humorvoll und verspielt war. Und dann gab es, als ich schon im Begriff war, ›Kommt Mausi raus?!‹ zu machen, auf der Berlinale die Premiere von ›Go Fish‹ (USA 1994, Regie: Rose Troche). Ich hatte das Glück, auf der Premiere zu sein und war total geflasht von der Art, wie dieser Film erzählt hat.

Eline Gehring: 

Ich bin ja nochmal eine Generation später. Ein Film, der mich sehr geprägt hat, ist ›Alien‹ von Ridley Scott (USA/GB 1979), haha – einfach, weil ich immer in Sigourney Weaver verliebt war. Das ist natürlich kein queerer Film, sondern das waren eher unbewusste, parallel von mir in den Film hineingelesene Aspekte. Die Strategie des ›queer readings‹, zieht sich mangels Vorbilder ja durch die Geschichte lesbisch queerer Filmrezeption. Zusammenfassend kann ich sagen: Ich hatte eigentlich gar nicht wirklich Filme, die abgebildet haben, was ich gerne hätte sehen wollen. Also müssen wir diese Filme, die uns auf der Leinwand fehlen, wohl doch weiter selbst machen.

Autor

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Julia Fuhr Mann

Julia Fuhr Mann dreht hybride Kinofilme, die zwischen Spiel- und Dokumentarfilm changieren. Um den Mut in der Filmbranche nicht zu verlieren, hat sie die Filmgruppe LUST & KRISE mitgegründet, die sich regelmäßig über queerfeministisches Filmemachen austauscht und gegenseitig unterstützt.
 

Credits

Alle Talks zur Ausstellung ›Inventing Queer Cinema‹ finden Sie in voller Länge auf unserem YouTube Kanal. 

Kurator der Talk-Reihe war Toby Ashraf. Das Bühnengespräch haben Julia Fuhr Mann und Toby Ashraf moderiert. Julia Fuhr Mann hat es als Autor*in für die Kinemathek editiert.