Kolloquium 2006: Special Effects im deutschen Spielfilm – Der Übergang vom mechanischen ins digitale Zeitalter

Konzeption

15. und 16 September 2006
 

Film ist die Vervielfältigung von Leben. Der Zuschauer kann durch den Film Erfahrungen machen, die ihm das Leben vorenthalten würde. Ein Teil dieser Illusionsmaschinerie ist dem Filmtrick zu verdanken. Wenn das Drehbuch die Seele des Films verkörpert, so ist der Filmtrick zumindest der wundersame Kristall, der neue Farben und Perspektiven herbeizaubert. Ungesehene Welten werden Wirklichkeit. Der Filmtrick kombiniert reale Schauplätze mit Fantasieprodukten. Dem Film sind keine Grenzen gesetzt.

„Es ist eigentlich erstaunlich, dass schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts alle wichtigen Tricks von Filmpionieren erfunden waren und in der Folgezeit nur noch in Modifikationen ausgeführt wurden.“ (Uwe Fleischer, Co-Autor von Wie haben Sie’s gemacht ...? – Babelsberger Kameramänner öffnen ihre Trickkiste)

Der beste Trick ist der, den die Zuschauer als solchen nicht wahrnehmen. Wenn man die Liste der deutschen Filmklassiker durchgeht, dann hatten die Trickspezialisten einen wesentlichen Anteil an ihrem Erfolg: DER STUDENT VON PRAG, DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM, DER MÜDE TOD, METROPOLIS, DIE FRAU IM MOND, AMPHITRYON etc.

Bereits 1985 war das Thema „Special Effects“ Gegenstand einer Retrospektive der Stiftung Deutsche Kinemathek im Rahmen der Berlinale. Im Mittelpunkt standen die Sammlung des Hauses und natürlich die Kenntnisse von Dr. Rolf Giesen. Er übernahm für das Kolloquium 2006 die Moderation und prägte im Vorfeld die Schwerpunkte wesentlich.

Wir wollten uns mit dem Thema auf eine Zeitreise durch die Filmgeschichte begeben und als Startpunkt die Altmeister setzen, die die Voraussetzungen für heutige Entwicklungen lieferten. Guido Seeber, der als Kameramann und Trickspezialist schon sehr früh wichtige Erfahrungen sammelte und diese publizierte, Eugen Schüfftan, der das gleichnamige Einspiegelungsverfahren entwickelte, und natürlich Gerhard Huttula, der sich besonders als Spezialist für die Trickkopiermaschine und Rückprojektion einen Namen machte. Weitere Stationen verbinden sich mit Ernst Kunstmann, der bereits an DAS CABINET DES DR. CALIGARI mitarbeitete und bei der Ufa bzw. DEFA Maßstäbe setzte, Kurt Marks und Erich Günther, die als Trickspezialisten für die DEFA arbeiteten, Götz Weidner und Werner Hierl, die die Tricks für die RAUMPATROUILLE ORION schufen.

Die deutsche Filmproduktion war für einige Jahrzehnte ein kreatives Labor für die Entwicklung der Filmtricks. Einige Spezialisten beförderten die Ausprägung neuer Gestaltungsmöglichkeiten, die die Filmsprache deutlich veränderten. Sie profitierten aber ebenso von internationalen Erfindungen wie der 1938/39 entwickelten Blue-Screen-Technik oder dem optischen Printer. Diese Beispiele stehen nicht nur für spezielle Erfindungen, sondern auch für andere Arbeitsweisen. Besonders in den USA arbeiteten die Trickfachleute in gesonderten Departments. Erfahrungen blieben nicht auf wenige Personen reduziert, die ihr Wissen hinter verschlossenen Türen anwendeten.

Im Gegensatz zum Ausland wurde in den deutschen Studios noch lange Zeit die manufakturelle Arbeitsweise gefördert und der erfahrene Trickspezialist in den Mittelpunkt gestellt. Doch Vorsatzmodelle, Abdeckmasken oder Schiebespiegeltrick entsprachen nur noch bedingt dem internationalen Standard. Erst mit dem Durchbruch der digitalen Techniken sind deutsche Firmen wieder auf dem Markt vertreten und überzeugen durch außergewöhnliche Innovationen. Wir konnten einige Vertreter von Berliner Firmen begrüßen, die eine große Bandbreite computergenerierter Special Effects demonstrierten. Ausgehend von der technischen Unbegrenztheit von Bildgestaltung wurden außerdem Aspekte der Manipulation diskutiert.

Das Kolloquium wollte die Entwicklung der Filmtricks als einen Prozess von individuellen und kooperativen Leistungen begreifen und dies am Beispiel der deutschen Filmgeschichte aufzeigen.

Holger Theuerkauf

 

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