Über die Filmauswahl

In der Vergangenheit hat die Berlinale bedeutenden Regisseuren und Stars des Weimarer Kinos bereits umfangreiche Retrospektiven gewidmet. Mit „Weimarer Kino – neu gesehen“ machte sie erstmals diese fruchtbare Periode des deutschen Films an sich zum Thema einer Werkschau. Dabei wurde der Blick auf diejenigen Filme gelenkt, die nicht zum engsten Kanon gehören. Damit kamen Filmschaffende wie Werner Hochbaum, Gerhard Lamprecht oder Erich Waschneck, die üblicherweise nicht zu den Regiegrößen jener Zeit gezählt werden, in den Blick. Neben bekannten Stars wie Brigitte Helm, Heinrich George und Conrad Veidt erhielten Darstellerinnen und Darsteller wie Lil Dagover, Käthe von Nagy, Jenny Jugo, Wilhelm Dieterle, Ernst Busch und Fritz Kortner eine Bühne. In den Filmen spiegeln sich zentrale Themen der jungen Republik, die in sehr unterschiedlichen Genres aufgegriffen wurden. Aus einer Fülle von Sujets konzentrierte sich die Filmauswahl auf drei inhaltliche Schwerpunkte: „Exotik”, „Alltag” und „Geschichte”.

 

Exotik

Exotische Welten wurden mit vielfältigen filmischen Mitteln und in verschiedenartigen Genres dargestellt. Der Reisefilm, der sich bereits im frühen Kino großer Beliebtheit erfreute, war auch in der Weimarer Republik weit verbreitet. So dokumentierten etwa Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström ihre abenteuerliche Weltumrundung Im Auto durch zwei Welten (D 1927–31). Beispiele für Expeditionsfilme sehr unterschiedlicher Couleur sind Menschen im Busch (D 1930) und Milak, der Grönlandjäger (D 1927, Regie: Bernhard Villinger, Georg Asagaroff). Milak mischt in der Geschichte einer fiktiven Arktiserkundung Spielszenen mit dokumentarischen Aufnahmen. Friedrich Dalsheim und Gulla Pfeffer beobachten in ihrem frühen ethnologischen Film Menschen im Busch den unspektakulären Alltag einer togolesischen Familie und gehen dabei neue Wege, wenn sie die Porträtierten selber zu Wort kommen lassen, statt aus dem Off zu kommentieren.

Vielen Expeditions- und Reisefilmen gemein ist die Ambivalenz, mit der die Begegnung mit dem Fremden inszeniert ist. Stereotype Vorstellungen und Einstellungen sind sowohl in dokumentarischen als auch in inszenierten Filmen zu finden. In unterschiedlichem Maße spiegelt sich in ihnen ein zeitgenössischer Diskurs wider, der von der eigenen Überlegenheit ausging und auch Filme wie Robert Reinerts Opium (D 1919) prägt, die mit exotischen Stories oder entsprechender Ausstattung ihr Publikum erreichten.

In Reinerts Monumentalfilm, zu großen Teilen im Studio entstanden, ist viel Klischeehaftes enthalten – ein Asienbild, das mehr mit damaligen Fantasiewelten und Sehnsüchten zu tun hat als mit der Wirklichkeit. Ein vergleichsweise authentisches Indien zeigt hingegen Franz Osten, der 1925 die erste deutsch-indische Koproduktion realisierte. Die Leuchte Asiens beginnt mit dokumentarischen Aufnahmen von Indiens Straßen, um sich dann in eine epische Filmerzählung über den Buddha Gautama zu verwandeln. Er ist der erste von drei Filmen Franz Ostens, die sich von für die Zeit typischen exotischen Abenteuerfilmen dadurch abheben, dass sie an Originalschauplätzen und mit indischen Darstellern gedreht sind.

Der Bergfilm, damals vor allem eine Domäne der Deutschen, realisiert ebenfalls eine Spielart des Exotischen. Das 2016 restaurierte Bergdrama Der Kampf ums Matterhorn (D 1928, Regie: Mario Bonnard, Nunzio Malasomma) inszeniert die Konkurrenz zwischen dem Engländer Edward Whymper und dem Italiener Anton Carrel bei der Erstbesteigung des Matterhorns von 1865. Mit spektakulären Aufnahmen an Originalschauplätzen zeigt Kameramann Sepp Allgeier, selbst passionierter Bergsteiger und Skifahrer, die Bergwelt in atemberaubenden Perspektiven. Hans Schneeberger, der das Kamerahandwerk – wie Allgeier – bei Arnold Fanck gelernt hatte, arrangiert die Bergwelt als „Mitspieler” in Leni Riefenstahls und Béla Balázs’ fantastischer Berglegende Das blaue Licht (D 1932).

 

Alltag

Mit ihrer Hinwendung zur Neuen Sachlichkeit in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre ließen viele Spielfilme Elemente der zeitgenössischen Wirklichkeit und ihrer sozialen Probleme in ihre Geschichten einfließen. Werner Hochbaum richtet seinen Blick mit Brüder (D 1929) auf das von materieller Not geprägte Dasein einer proletarischen Familie. Dieser von der SPD unterstützte Film, der besondere Glaubwürdigkeit durch die Mitwirkung von Laien erhält, nimmt den Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 als Folie, um auf aktuelle politische Kontroversen der 1920er-Jahre anzuspielen.

Ein weiterer sozialkritischer Film ist die in Berlin angesiedelte Kindertragödie Die Unehelichen (D 1926), mit der Gerhard Lamprecht sehr realitätsnah das Leben der unterschiedlichen Klassen, der Arbeiterschaft und des Bürgertums, abbildet. Dieser Film gehört zu den sogenannten Zille- oder „Milljöh“-Filmen, die Lamprecht mit eigener Produktionsgesellschaft realisierte, und ist ein Beispiel für ein von den großen Produktionsgesellschaften unabhängiges Filmschaffen.

Alexis Granowskys Das Lied vom Leben (D 1931) tendiert stark ins Experimentelle. Entlarvend sind die Nahaufnahmen von der Verlobungsfeier eines reichen, alten Barons, der die junge Verlobte entflieht. Zensiert wurde der Film wegen seiner Darstellung der großbürgerlichen Familie als Käfig, vor allem aber auch, weil er dokumentarische Bilder einer Geburt in einem Kreißsaal enthält. Ein später Stummfilm und zugleich ein Experiment mit Film und Ton ist Sprengbagger 1010 (D 1929, Regie: Karl-Ludwig Acház-Duisberg): Die ambivalente Inszenierung der modernen industriellen Arbeitswelt wird aufgeführt mit einer seinerzeit für das Kino komponierten avantgardistischen „Maschinenmusik” von Walter Gronostay.

Oft greifen Filme gesellschaftliche Debatten und Fragen auf, und insbesondere in der Komödie und Tonfilmoperette können sie Grenzen spielerisch überschreiten. Umwerfend ist Reinhold Schünzels Auftritt in Frauenkleidern in Der Himmel auf Erden, bei dem er 1927 gemeinsam mit Alfred Schirokauer Regie führte. Die Doppelmoral und Bigotterie der bürgerlichen Gesellschaft wird darin mit Wortwitz und Spiellust aufgedeckt. Lil Dagovers komisches Talent ist in Das Abenteuer einer schönen Frau (D 1932) zu entdecken. Als moderne Frau und Bildhauerin, für die ein Kind weder im Widerspruch zur Berufstätigkeit steht noch notwendigerweise an eine Ehe gebunden ist, geht sie schlagfertig und selbstbewusst durchs Leben.

 

Geschichte

Aufwändig ausgestattete Historienfilme wie der im elisabethanischen England angesiedelte Der Favorit der Königin (D 1922, Regie: Franz Seitz sen.) mit seinen reichgeschmückten Kostümen und imposanten Dekors erfreuten sich in der Weimarer Republik großer Beliebtheit. Einen anderen Weg geht Gerhard Lamprechts Der Katzensteg (D 1927): Er zeigt die Befreiungskriege gegen die napoleonischen Truppen zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Gestalten voller Ambiguität und ohne jede Verherrlichung preußischer Tugenden. Auch Ludwig der Zweite, König von Bayern. Schicksal eines unglücklichen Menschen (D 1930) ist in Wilhelm Dieterles Inszenierung eine gebrochene Heldenfigur, die den „Märchenkönig” als psychisch labilen Menschen an der Grenze zum Irrsinn erscheinen lässt.

Andere Filme greifen die jüngste Vergangenheit auf und zeigen die mentalen Wunden, die der Erste Weltkrieg geschlagen hat. Besonders interessant ist das Bild des Heimkehrers aus dem Ersten Weltkrieg in Joe Mays Dreiecksgeschichte Heimkehr (D 1928): Die Heimat, der in den Weiten Russlands all sein Sehnen galt, ist ihm fremd geworden. Nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft ist sein Platz besetzt, und ihm bleibt nur, in die Welt hinauszuziehen. In Die andere Seite (D 1931), basierend auf einem Theaterstück des britischen Autors R. C. Sherriff, verdichtet Heinz Paul die Erfahrungen britischer Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. Conrad Veidt spielt hier einen Offizier, der vom Krieg schwer traumatisiert und dem Alkohol verfallen ist. Die Figuren dieser Filme, deren Identität zwischen den Fronten und Welten brüchig geworden ist, sind gerade in ihrer Ambivalenz und Vielschichtigkeit außergewöhnlich und stark.

 

Filmerbe

Deutsche Filmarchive bemühen sich seit langem um das Filmerbe der Weimarer Republik und besonders auch um weniger bekannte Filme, die für diese Periode ebenso prägend sind wie die mit Blick auf Reputation und den internationalen Markt entstandenen Großproduktionen. Viele Werke jener Zeit müssen heute als verschollen gelten, andere sind nur in verstümmelten Fassungen überliefert. Nur selten kann noch auf die Originalnegative zurückgegriffen werden, und das beste Ausgangsmaterial ist häufig eine zeitgenössische Kopie. Oft sind sogar nur unvollständige Fragmente in disparatem Zustand über verschiedene Archive verstreut. In solchen Fällen sind zunächst erhebliche restauratorische Anstrengungen erforderlich, um Filme wieder zugänglich zu machen.

Zu den Höhepunkten der Retrospektive gehörten daher nicht nur die Präsentationen von analogen Filmkopien wenig bekannter Filme, sondern auch die Aufführungen von acht Filmen in neu restaurierten Fassungen, von denen einige als Erstaufführung zu sehen waren. Eine Entdeckung ist ein von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung rekonstruierter zweiteiliger Film des dänischen Regisseurs Urban Gad von 1920/21, der auf Jakob Wassermanns literarischer Vorlage Christian Wahnschaffe (1919) basiert. Der Film war lange Zeit nicht aufführbar und wurde 2017/18 zu einer weitgehend vollständigen, farbigen Fassung rekonstruiert.

Leni Riefenstahls Debütfilm Das blaue Licht war erstmals in der digital restaurierten Premierenfassung von 1932 auf der großen Leinwand zu sehen. Der bildgewaltige Bergfilm Der Kampf ums Matterhorn wurde vom Deutschen Filminstitut in 4K digital restauriert. Weder das Kameranegativ noch die deutsche Premierenfassung des Films sind überliefert. Gleiches gilt auch für Robert Reinerts Monumentalfilm Opium. Mit einer 2.150 Metern entsprechenden Länge kam die 2018 vom Filmmuseum München und dem Filmmuseum Düsseldorf abgeschlossene digitale Rekonstruktion des Films der Premierenfassung näher als alle bisher bekannten Überlieferungen.

Auch bekanntere Werke wie Georg Wilhelm Pabsts Abwege (D 1928) und sein früher Tonfilm Kameradschaft (D/F 1931) waren neu zu sehen. Abwege restaurierte das Filmmuseum München 2017/18 in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria, ausgehend von einem Kameranegativ des Films. Erstmals war der Film wieder in einer eingefärbten Fassung zu sehen, die sich an den zeitgenössischen Konventionen orientiert. Pabsts Kameradschaft restaurierte die Deutsche Kinemathek 2015.

Weitere Restaurierungen waren bereits vor längerer Zeit entstanden: Gerhard Lamprechts Die Unehelichen wurde 2013 von der Deutschen Kinemathek digital bearbeitet. Der Himmel auf Erden wurde in einer analogen Restaurierung des Bundesarchiv-Filmarchivs aus demselben Jahr gezeigt.

Die meisten Stummfilme im Programm wurden live durch international renommierte Musikerinnen und Musiker begleitet. Maud Nelissen und Stephen Horne sind dem Publikum der Retrospektive seit langem bekannt. Günter Buchwald feierte 2018 sein 40-jähriges Jubiläum als Stummfilmmusiker. Erstmals bei der Berlinale trat der junge Pianist Richard Siedhoff auf.

 

Connie Betz, Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer

 

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