Hommage 2016

Hommage und Goldener Ehrenbär für Michael Ballhaus

Die 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin verliehen dem deutschen Director of Photography Michael Ballhaus den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk und widmeten ihm eine Hommage.

Ballhaus ist international einer der bedeutendsten Kameramänner. Er machte sich in Deutschland einen Namen, bevor er fünfundzwanzig Jahre lang in den USA Erfolge feierte. In der Zusammenarbeit beispielsweise mit dem Autorenfilmer Rainer Werner Fassbinder verhalf er dem Jungen deutschen Film zu künstlerischer Freiheit. An der Seite von Regiegrößen wie Martin Scorsese prägte er die Bildsprache des amerikanischen Kinos und dessen Lichtdramaturgie.

„Wir ehren Michael Ballhaus als einen Kameramann, der seinen Regisseuren ein kongenialer Partner war und dessen Œuvre einzigartig ist“, so Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Insgesamt umfasst sein Werk rund einhundertdreißig Filme für Kino und Fernsehen, darunter allein fünfzehn Filme mit Fassbinder und sieben mit Scorsese sowie die Zusammenarbeit unter anderem mit den Regisseuren Peter Lilienthal, Wolfgang Petersen, Volker Schlöndorff, John Sayles, Robert Redford, James L. Brooks, Paul Newman, Mike Nichols oder Francis Ford Coppola.

Nach Anfängen als Bühnenfotograf und Kameramann für das Fernsehen hatte Michael Ballhaus bereits dreimal mit Fassbinder gedreht, als er bei Martha (BRD 1974) die Kamera führte. Der Spielfilm erzählt die Geschichte einer sadomasochistischen Ehe. Bei den Dreharbeiten überlegten Fassbinder und Ballhaus, wie die erste Begegnung des künftigen Paares als ein magischer Moment aufzulösen sei. Mit einer Kamerafahrt im Halbkreis, schlug Ballhaus wegen des abschüssigen Geländes vor. Warum nicht in einem ganzen Kreis?, forderte Fassbinder ihn heraus. Die Intensität der Szene zog die Zuschauer so in den Bann, dass die 360-Grad-Kamerafahrt seitdem als das Markenzeichen von Ballhaus gilt. Doch sein Anspruch ist es, für jeden Regisseur und jede Geschichte eine ganz eigene Bildsprache zu finden.

The Color of Money (Die Farbe des Geldes, USA 1986), die zweite Zusammenarbeit mit dem von ihm verehrten Martin Scorsese, lief 1987 außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale. Der Film zeigt den Showdown zwischen zwei Billardspielern. Diesmal ließ Ballhaus die Kamera – ähnlich den Billardkugeln – wie entfesselt durch den Raum gleiten.

In der romantischen Komödie Working Girl (Die Waffen der Frauen, USA 1988, Regie: Mike Nichols) über eine Sekretärin, die clever ihre Chance ergreift und sich in eine mondäne Geschäftsfrau verwandelt, ist die Eröffnungssequenz die spektakulärste Fahrt. Die Kamera kreist um die Freiheitsstatue und endet in der Fähre von Staten Island.

Eine Schlüsselszene in The Fabulous Baker Boys (Die fabelhaften Baker Boys, USA 1989, Regie: Steve Kloves) ist Ballhaus’ Kreisfahrt um die Sängerin Susie Diamond und den Pianisten Jack Baker. Sie ist ein langer Flirt und so hingebungsvoll wie das Zusammenspiel von Michelle Pfeiffer in ihrem roten Kleid und Jeff Bridges. Das Drama ist einer von drei Filmen, für die Ballhaus für einen Academy Award nominiert war.

In den 1990er-Jahren mehrten Filme wie Goodfellas (Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, USA 1990, Regie: Martin Scorsese), Bram Stoker’s Dracula (USA 1992, Regie: Francis Ford Coppola) und Quiz Show (USA 1994, Regie: Robert Redford) seinen Ruhm. In The Age of Innocence (Zeit der Unschuld, USA 1993) setzen eine subtile Regie der Blicke und behutsame Kamerafahrten das Drama einer Dreiecksbeziehung in Szene. Der Film gilt als ein Meisterwerk des Teams Ballhaus und Scorsese. Nach seiner Rückkehr aus Hollywood 2007 war 3096 Tage (D 2013) in der Regie von Sherry Hormann seine letzte Bildregie.

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin fühlen sich seit vielen Jahren Michael Ballhaus als Festivalgast und ehemaligem Präsidenten der Internationalen Jury 1990 in besonderer Weise verbunden und verliehen ihm 2006 bereits die Berlinale Kamera für seine Verdienste um den Film.

2016 ehrte die Berlinale Michael Ballhaus für sein außergewöhnliches Schaffen mit dem Goldenen Ehrenbären. Anlässlich der Preisverleihung am 18. Februar 2016 um 22 Uhr im Berlinale Palast wurde Gangs of New York (USA/Italien 2002, Regie: Martin Scorsese) aufgeführt.
Unter dem Titel „Michael Ballhaus meets Jim Rakete“ fand am Vorabend und in Kooperation zwischen der Deutschen Kinemathek und Berlinale Talents im HAU Hebbel am Ufer (HAU1) ein Gespräch in englischer Sprache zwischen Michael Ballhaus und Jim Rakete statt.

Unterstützt wurden Hommage und Retrospektive der Berlinale bereits im dritten Jahr von ihrem Sektionspartner, der traditionsreichen Uhrenmanufaktur Glashütte Original, Kopartner der Berlinale seit 2011. Im Rahmen dieses Engagements richtete die sächsische Marke gemeinsam mit den Internationalen Filmfestspielen Berlin sowie der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen einen Empfang zu Ehren des Preisträgers aus.

 

Die zehn Filme der Hommage:
Martha (BRD 1974, Regie: R. W. Fassbinder)
The Color of Money (Die Farbe des Geldes, USA 1986, Regie: Martin Scorsese)
Working Girl (Die Waffen der Frauen, USA 1988, Regie: Mike Nichols)
The Fabulous Baker Boys (Die fabelhaften Baker Boys, USA 1989, Regie: Steve Kloves)
Goodfellas (Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, USA 1990, Regie: Martin Scorsese)
Bram Stoker’s Dracula (USA 1992, Regie: Francis Ford Coppola)
The Age of Innocence (Zeit der Unschuld, USA 1993, Regie: Martin Scorsese)
Quiz Show (USA 1994, Regie: Robert Redford)
Gangs of New York (USA/Italien 2002, Regie: Martin Scorsese)
3096 Tage (Deutschland 2013, Regie: Sherry Hormann)

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