Über die Filmauswahl

Glorious Technicolor
Filme aus dem George Eastman House und weiteren Archiven

Die Retrospektive 2015 bot ein opulentes Farbspektakel. Sie feierte den 100. Geburtstag eines Farbfilmverfahrens, das weit über Hollywood hinaus zu einem Mythos wurde. Ab 1915 entwickelte die Technicolor Motion Picture Corporation stetig verbesserte Zwei-, dann Drei-Farben-Verfahren zur Aufnahme und Projektion von Filmen. Mitte der 1930er Jahre war jene Qualität erreicht, der Technicolor seine Strahlkraft verdankt. Erstmals konnte das gesamte Farbspektrum wiedergegeben und Farbe sehr bewusst eingesetzt werden.

Die Retrospektive präsentierte rund 30 spektakuläre, zum Teil aufwendig restaurierte Technicolor-Filme aus den Anfängen bis 1953, darunter sechs britische Filme. Zu entdecken war eine große farbdramaturgische Ideenfülle in vielfältigen Genres: vom lustvoll übertreibenden Einsatz von Farbe in Musicals wie The Wizard of Oz (Das zauberhafte Land, Victor Fleming, USA 1939) über malerische Naturkulissen in erdigen Tönen wie in John Fords Western She Wore a Yellow Ribbon (Der Teufelshauptmann, USA 1949) bis hin zur fesselnd-kontrastreichen und zugleich dokumentarischen Qualität von Technicolor in dem epischen Drama An American Romance (King Vidor, USA 1944).

 

Visionen in Farbe

Brookline, 18. November 1915. Eine Geschichte, wie sie im Buche steht: Ein Mann steht vor seinem Bücherregal, er lässt seinen Blick über die Buchrücken schweifen. Der Mann ist Herbert T. Kalmus. Er sucht einen passenden Namen für sein neu entwickeltes Farbverfahren, das in den 1930er-Jahren die US-amerikanische Filmindustrie erobern wird. Da erregt ein dicker Band mit kunstvoll geprägtem Einband vor ihm auf dem Schreibtisch seine Aufmerksamkeit. Es ist das Jahrbuch 1904 seiner Alma Mater, des Massachusetts Institute of Technology, mit dem Titel „Technique MDCCCCIV“. „Technique“ – dieser Begriff geht Kalmus nicht mehr aus dem Kopf und setzt seine Gedanken in Bewegung, bis er vor seinem geistigen Auge plötzlich einen Namen sieht: TECHNICOLOR – „a beautiful name, a meaningful word, easy to remember, hard to forget, and possessing a full measure of significance for a company aiming to revolutionize the motion-picture world“. So jedenfalls erinnert sich Kalmus in seiner Autobiografie. Und seine Vision sollte sich bestätigen – „Technicolor“ ist bis heute ein Inbegriff für spektakuläre Farb- und Filmerlebnisse.

 

Bahnbrechende Erfindungen

„Color by Technicolor“ – dieser Slogan stand und steht für die bahnbrechenden Erfindungen der 1915 von Herbert T. Kalmus, Daniel Comstock und W. Burton Wescott gegründeten Technicolor Motion Picture Corporation. Technicolor Nr. I war ein Zwei-Farben-Verfahren. Hierbei kamen ein Strahlenteiler sowie ein roter und ein grüner Filter zum Einsatz, um einen Film aufzuzeichnen und zu projizieren. Das Spektrum der Farbwiedergabe auf der Leinwand war folglich noch begrenzt. Blau beispielsweise ließ sich nicht wiedergeben. Doch die Skepsis der Kinobetreiber und die eigenen Ansprüche trieben Kalmus und sein Team in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu immer neuen Verbesserungen an: von den Zwei-Farben-Verfahren Technicolor Nr. I bis III bis zum berühmten Drei-Farben-Verfahren Technicolor Nr. IV. Technicolor Nr. V, eingeführt 1952, war nur mehr ein Kopier-, kein Aufnahmeverfahren.

 

Rot und Grün

Auf die ersten Technicolor-Filme mit ihren flackernden Farbsäumen reagierten die Zuschauer und Filmkritiker noch zurückhaltend. Doch Kalmus und sein Team fanden zunehmend Anerkennung. Farbe und der fast zeitgleich sich entwickelnde Ton begannen die Leinwände und Kinosäle zu erobern. Die Technicolor-Filme aus dieser frühen Zeit zeigen den geschickten ästhetischen Umgang mit den technischen Einschränkungen. The Toll of the Sea (Lotosblume, Chester M. Franklin, USA 1922), gedreht im Technicolor-Verfahren Nr. II, verwandelt die Beschränkung auf Rot und Grün in einen Blütentraum mit chinesischem Flair. Die Vegetation oder die mit roten Akzenten gestalteten Innenräume leuchten bezaubernd natürlich. Victor Schertzingers Redskin (Rothaut. Der Todeskampf einer Rasse, USA 1929), gedreht im Technicolor-Verfahren Nr. III, erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem Navajo-Jungen und einer Pueblo, die unter Zwang in die Welt der weißen Amerikaner integriert werden sollen. In den Sequenzen an Originalschauplätzen im Canyon de Chelly, Arizona, und im Acoma Pueblo, New Mexico, beeindruckt die Palette schimmernder Sandtöne in einer kargen Landschaft. Sie bringt die geometrischen Textilmuster in Rot, Braun und Weiß besonders gut zur Geltung. Der Himmel dagegen ist blass und ein kleiner See grünblau, doch empfindet der Zuschauer dies nicht als einen Mangel an Blautönen.

 

Blau, Rot und Grün

Mit Technicolor Nr. IV, das ab 1932 mit den drei Farben Blau, Rot und Grün zum Einsatz kam und erstmals das gesamte Farbspektrum wiedergeben konnte, war dann jene Qualität erreicht, die Technicolor zu einem Mythos werden ließ. Nun endlich konnte das Unternehmen seine Farbwelt der kontrollierten Töne und Schattierungen im klassischen Hollywood-Kino durchsetzen, bis es schließlich so entscheidend Einfluss auf dessen Ästhetik und Glamour nahm, wie kein anderes Farbsystem.

Technologie und Fachwissen blieben in den Händen der Erfinder, die den Studios Kameras, Berater und Techniker zur Verfügung stellten und über deren Einsatz bestimmten. Zudem erfolgte die Herstellung von Filmkopien im eigenen Unternehmen. Natalie Kalmus, der früheren Ehefrau von Herbert T. Kalmus, kam unter wechselnden Bezeichnungen wie „Color Director“, „Color Supervisor“ oder „Color Consultant“ eine einflussreiche Rolle zu. Und eine umstrittene: Der Kameramann Jack Cardiff beispielsweise, seinerseits der selbsternannte „bad boy of Technicolor“, sprach von der Technicolor-„Tyrannei“. Wesentlich jedoch war der Anspruch von Technicolor, Farbe sehr bewusst einsetzbar zu machen. Und so war das Verfahren nicht auf einen Stil festgelegt, wenn es auch im Vergleich zur Transparenz anderer Farbfilmverfahren eine eher gesättigte Anmutung besaß.

 

Animationsfilm und Musical

Als Wegbereiter für die Technicolor-Ästhetik fungierte der Animationsfilm. 1932 standen für den breiten Einsatz des neuen Verfahrens Technicolor Nr. III noch nicht genügend Kameras zur Verfügung und die Produzenten zeigten wenig Bereitschaft, in ein weiteres Verfahren zu investieren, dessen Erfolgsaussichten ungewiss waren. Da beim Animationsfilm mit übereinandergelegten Folien in Kombination mit einer Multiplan-Kamera gearbeitet wurde und eine Drei-Farben-Kamera somit nicht erforderlich war, schloss Kalmus einen zweijährigen Exklusiv-Vertrag mit den Walt Disney Productions. Diese Zusammenarbeit war ökonomisch von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung. Und die ästhetisch herausragenden Ergebnisse verhalfen dem Technicolor-Verfahren zum Durchbruch auch in der Spielfilmproduktion.

Schon in seiner ersten Serie von Drei-Farben-Kurzfilmen, den Silly Symphonies entfaltete Disney das Konzept einer synästhetischen Verschmelzung von Licht, Farbe, Form und Bewegung. Aus dieser Serie ist Funny Little Bunnies (Wilfred Jackson, USA 1934) in der Retrospektive zu sehen. Ein internationaler Erfolg wurde Disneys erster Langfilm im Drei-Farben-Verfahren mit seiner satteren Farbpalette: Snow White and the Seven Dwarfs (Schneewittchen und die sieben Zwerge, David Hand, USA 1937).

Von diesen Gestaltungsmöglichkeiten inspiriert, fand das Genre des Musicals durch Farbe zu neuer Blüte, die zugleich einen ästhetischen Höhepunkt für Technicolor bedeutete. Das MGM-Musical The Wizard of Oz beispielsweise nahm die Konkurrenz zu den Filmen der Walt Disney Productions bewusst an und wurde mit seinem exzessiven Einsatz von Farbe als Schauwert ein Kassenhit. Virtuosen wie Vincente Minnelli perfektionierten zudem die Verwendung von Farbe als dramaturgisches oder motivisches Filmelement, so etwa in Yolanda and the Thief (USA 1945), in dem die etwa 15-minütige Ballettszene eine traumwandlerisch sichere gestalterische Meisterleistung darstellt.

 

Abenteuer-, Swashbuckler- und Historienfilm

Doch auch andere Genres nahmen die Chance neuer künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten wahr. Schon früh gingen Abenteuer-, Swashbuckler- und Historienfilm eine enge Verbindung mit Technicolor ein. Farbe wurde motivisch in die Handlung eingebunden. In dem Abenteuerfilm The Three Musketeers (Die drei Musketiere, George Sidney, USA 1948) kämpfen tollkühne Männer in leuchtendem Rosa und Hellblau in einer gänzlich stilisierten, künstlichen Natur. In Ivanhoe (Ivanhoe. Der schwarze Ritter, Richard Thorpe, USA 1952) spiegelt die Farbgebung die inneren Konflikte Britanniens wider. Und in dem Swashbucklerfilm Scaramouche (Scaramouche, der galante Marquis, George Sidney, USA 1952) überzeichnet Farbe die Bühnenwelt als eine burleske Camouflage, während die dramatischen Passagen in gedämpften Tönen realistische Züge annehmen.

 

Western

Im Western wurde die Technicolor-Ästhetik an Originalschauplätzen und in Landschaften ausgelotet. In John Fords She Wore a Yellow Ribbon liefert das Monument Valley in seinen erdigen Tönen die malerische Kulisse, mit der leuchtende Kostüme und Details kontrastieren und die Lager der Widersacher charakterisieren. In Duel in the Sun (Duell in der Sonne, King Vidor, USA 1946) werden unter der sengend orangeroten Wüstensonne Hass und Liebe ausgelebt. Broken Arrow (Der gebrochene Pfeil, Delmer Daves, USA 1950) bemüht sich um eine authentische Darstellung der Apachen in natürlichem Grün und Braun. Farben wie Gelb und Blau dienen etwa bei der Bekleidung zur konträren Charakterzeichnung der Protagonisten.

 

(Melo-)Drama

Filme im klassischen Hollywood-Stil, die sich maßgeblich auf Handlung und Figuren konzentrierten, erprobten Farbe als Mittel, Handlungsmomente zu akzentuieren und Emotionen zu verstärken. In dieser Hinsicht wirkten vor allem das Production Design und die Kostüme unterstützend. William Cameron Menziesʼ künstlerische Leistung beispielsweise war für den Look von Gone With the Wind (Vom Winde verweht, Victor Fleming, USA 1939) so entscheidend, dass Produzent David O. Selznick die Bezeichnung „Production Designer“ für ihn einführte. Melodramen konnten mit Farbe subtile Effekte erzielen. In Leave Her to Heaven (Todsünde, USA 1945) von John M. Stahl deutet das Arrangement der Kostümfarben bereits ganz zu Beginn der Handlung Paarbeziehungen an, die sich dann dramaturgisch weiterentwickeln. Und Jean Renoir gelang mit The River (Der Strom, USA 1951) ein Meisterwerk, das ein farblich authentisches Bild Indiens zeichnet und mit dem Holi-Fest ein faszinierendes Farbenspiel bietet.

 

Britische Filme

Der Großteil aller Technicolor-Filme entstand in den USA. Doch verfolgte Herbert T. Kalmus bereits in den 1920er Jahren die Strategie, sein Geschäftsmodell auch nach Europa zu exportieren. Besonders erfolgreich etablierte sich das anspruchsvolle Farbverfahren in der britischen Filmindustrie. Die neu restaurierte Fassung des ersten britischen Technicolor-Films Wings of the Morning (Zigeunerprinzessin, Harold D. Schuster, 1936) sowie David Leans This Happy Breed (Wunderbare Zeiten, Großbritannien 1944) zeigen den zurückgenommenen Look. Black Narcissus (Die schwarze Narzisse, Großbritannien 1947) von Michael Powell und Emeric Pressburger hingegen steht beispielhaft für die gestalterischen Experimente, die dieses unvergleichlich kreative Team mit dem Technicolor-Verfahren zur visuellen Vollendung brachte.

 

Technicolor Nr. V und das Filmerbe

Seine Blütezeit erlebte Technicolor in den Jahren von 1935 bis 1955. Mitte der 1950er Jahre löste der neu entwickelte Farbnegativfilm von Eastman Color den Matrizenfilm für Farbaufnahmen weitgehend ab. Die Drei-Farben-Kameras kamen nur noch vereinzelt zum Einsatz. Filmkopien hingegen wurden weiterhin mit dem bewährten Technicolor-Druckverfahren Nr. V hergestellt. Im Vorspann sind sie meist mit „printed in Technicolor“ kenntlich gemacht.

Die Retrospektive 2015 bot mit der Aufführung von rar gewordenen 35-mm-Filmkopien ein ganz besonderes Farbfest. Dank der Kooperation mit dem George Eastman House in Rochester waren im Rahmen der Retrospektive Filmkopien aus einer der weltweit größten und besterhaltenen Sammlungen von Technicolor-Filmen zu bewundern, darunter einige, die im originalen Technicolor-Druckverfahren hergestellt wurden. Der Unterstützung weiterer Filmarchive und -studios ist es zu danken, dass zudem zahlreiche Filme in restaurierten Fassungen präsentiert wurden. So konnte man John Hustons The African Queen (African Queen, Großbritannien/USA 1951) als originale 35-mm-Kopie im Technicolor-Druckverfahren wie auch als digital restaurierte Fassung im Vorführformat 4K bewundern. Auch vom ersten Kurzfilm im Drei-Farben-Verfahren, Lloyd Corrigans La Cucaracha (USA 1934), waren eine wunderbar erhaltene originale Filmkopie und eine restaurierte Fassung verfügbar. Diese Präsentationen boten eine nahezu einmalige Gelegenheit, die Schönheit von Technicolor zu entdecken, für deren Bewahrung und Restaurierung so viele Anstrengungen unternommen werden.

 

Connie Betz, Rainer Rother, Annika Schaefer

 

Nach oben