Aesthetics of Shadow. Lighting Styles 1915–1950

Die Retrospektive der 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin stellte filmisches Licht ins Zentrum. Zu entdecken waren Beleuchtungsstile aus ausgewählten Genres und Dekaden der Filmgeschichte in Japan, den USA und Europa.
„Wir bewundern Filme wie Akira Kurosawas Rashomon, kennen aber meist nicht die Kameramänner und Beleuchter, die im Team mit dem Regisseur großartige Licht- und Schattenwelten fürs Publikum schaffen. Ihre Arbeit wird die Retrospektive 2014 beleuchten“, kommentierte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. „Bereits zum zweiten Mal wird die Berlinale-Retrospektive von der Deutschen Kinemathek gemeinsam mit dem Museum of Modern Art kuratiert. Wir freuen uns, dass die Filme auch in New York gezeigt werden.“
Beeinflusst vom Expressionismus der 1920er-Jahre, von klassischer Hollywood-Lichtführung und japanischer Architektur entwickelte sich in Japan ab dieser Zeit eine expressive Lichtgestaltung, die darüber hinaus eine theoretische Debatte zum kreativen Umgang mit Schatten auslöste.
In Japan war man fasziniert von der Ästhetik des Regisseurs F. W. Murnau und bewundert Josef von Sternbergs magische Schattenwelten in The Docks of New York (Die Docks von New York, USA 1928) und Shanghai Express (USA 1932). Henry Kotani, ein in den USA lebender japanischer Kameramann, wurde vom Filmstudio Shochiku eingeladen, die Arbeit mit Lichteffekten und Reflektoren zu modernisieren. Hier wie dort sowie in Europa bildeten sich in der Folge kontrast- und effektreiche Beleuchtungsstile heraus. Sie lösten die Arbeit mit natürlichem Sonnenlicht in Glashausstudios und mit einer gleichmäßigen Ausleuchtung ab.
Der Schauspieler Douglas Fairbanks Sr., der das Genre der amerikanischen Mantel-und-Degen-Filme entscheidend mitprägte, war in Japan ein Star. Blitzende Schwerter funkeln auch in dem jidaigeki-Film Yukinojo henge (Yukinojos Verwandlung, Japan 1935/1952) in schwarzer Nacht. Hauptdarsteller Kazuo Hasegawa, auch bekannt als Chojiro Hayashi, wurde zum größten japanischen Filmstar, nicht zuletzt wegen der ausdifferenzierten Lichtkonzeptionen für sein Gesicht.
Wechselseitige Einflüsse sind auch in weiteren Genres zu beobachten. Japanische und amerikanische Kriegsfilme zeigen den heroischen Einsatz von Soldaten oder Truppen für ihre Nation. Hier ist eine Hinwendung zum Realismus durch Aufnahmen und Schauplätze realer Kriegsereignisse zu beobachten. Sie spiegelt sich auch in Klassikern wie John Fords The Grapes of Wrath (Früchte des Zorns, USA 1940), Orson Welles’ Citizen Kane (USA 1941) und The Naked City (Stadt ohne Maske, USA 1948) von Jules Dassin, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausloten.
Ausgangspunkt für die Retrospektive war eine Publikation von Daisuke Miyao: The Aesthetics of Shadow. Lighting and Japanese Cinema (2013). „Daisuke Miyaos faszinierender Einblick in die Lichtkunst und damit in ein zuvor weitgehend unerforschtes Gebiet der japanischen Filmgeschichte hat uns sehr beeindruckt, so dass wir unser Programm in enger Zusammenarbeit mit ihm kuratiert haben“, so Rainer Rother, Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek. Miyaos Anregungen verdanken sich auch einige deutsche Erstaufführungen japanischer Filme wie die des Musicals Oshidori utagassen (Die Liederschlacht der Mandarinenten, Regie: Masahiro Makino, Japan 1939), das in Japan Kultstatus genießt.
Die Retrospektive umfasste rund 40 Stumm- und Tonfilme. Diese richteten den Fokus auf filmisches Licht für so unterschiedliche Genres wie den Straßenfilm, jidaigeki und den Kriegsfilm, auf Stars wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Kazuo Hasegawa und Sessue Hayakawa sowie auf interessante Themen. Zu den Höhepunkten der Retrospektive gehörten aktuelle Restaurierungen, darunter Gerhard Lamprechts Unter der Laterne. Trink, trink, Brüderlein, trink (Deutschland 1928), Fred Niblos The Mark of Zorro (Das Zeichen des Zorro, USA 1920) und The Iron Mask (Die eiserne Maske, USA 1929) von Allan Dwan. Wie alle Stummfilme des Programms wurden sie durch international renommierte Künstler mit Live-Musik begleitet.
Ausgangspunkt für die Überlegungen zur Retrospektive waren Forschungen Daisuke Miyaos, Associate Professor an der University of Oregon, zum japanischen Film. Darauf aufbauend wurde die Konzeption gemeinsam von Charles Silver, Rajendra Roy (Museum of Modern Art, New York), Rainer Rother und Connie Betz (Deutsche Kinemathek, Berlin) entwickelt.
Zur Retrospektive ist die deutschsprachige Publikation Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915–1950 erschienen, in der sich Daisuke Miyao, Kevin Brownlow, Karl Prümm und weitere Autoren den ästhetischen und technischen Entwicklungen der Lichtgestaltung in Japan, Deutschland und den USA widmen.
Das Filmprogramm der Retrospektive wurde ergänzt durch Veranstaltungen der Deutschen Kinemathek. Dank der Kooperation mit dem Museum of Modern Art wird die Filmreihe im Januar und im April 2014 auch in New York gezeigt.

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