Über die Filmauswahl

The Weimar Touch
The International Influence of Weimar Cinema after 1933

 

Das Weimarer Kino zwischen 1918 und 1933 war eines der Vielfalt. Es hatte Formen und Genres geschaffen, die international Beachtung fanden. Seine Protagonisten brachten dieses Erbe in die ihnen fremden Kinematografien der Exilländer ein. Die Retrospektive „The Weimar Touch“ widmet sich den Einflüssen des Weimarer Kinos auf den internationalen Film nach 1933. Im Fokus stehen Kontinuitäten, Wechselwirkungen und Wandlungen insbesondere in den Filmen von zumeist deutschsprachigen Emigranten bis in die 1950er-Jahre. Sie entstanden in Ungarn, in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, in Portugal oder in den USA. Gezeigt werden 31 Filme in den fünf Kapiteln „Rhythm and Laughter“, „‚Unheimlich‘ – The Dark Side“, „Light and Shadow“, „Variations“ und „Know Your Enemy“. Zu sehen sind berühmte Klassiker und nahezu unbekannte Filme, die bezeugen, in welcher Weise die Kreativität des Weimarer Kinos weiterhin Wirkung zeitigte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden auch in der Filmbranche in schneller Folge Maßnahmen umgesetzt, die auf eine vollständige Gleichschaltung zielten. Neben den „Überläufern“ – Filmen, die noch in der Weimarer Republik konzipiert worden waren, aber erst später realisiert wurden – kamen nun Filme heraus, die mit der Ideologie des NS-Regimes übereinstimmten, „Märtyrerfilme“ wie HITLERJUNGE QUEX. EIN FILM VOM OPFERGEIST DER DEUTSCHEN JUGEND von Hans Steinhoff oder der erste Reichsparteitagsfilm von Leni Riefenstahl, DER SIEG DES GLAUBENS. Von den Dreharbeiten flog sie mit dem Flugzeug des Reichskanzlers Adolf Hitler nach Berlin, um dort die feierliche Premiere des Films SOS EISBERG in der Regie von Arnold Fanck zu feiern, an dem sie als Schauspielerin mitgewirkt hatte. An der Uraufführung nahmen der Produzent Paul Kohner, der später aus den USA so vielen Emigranten half, und der Komponist Paul Dessau nicht mehr teil. Sie hatten Deutschland schon verlassen müssen.

Doch für eine kurze Zeit blieb Charakteristisches des Weimarer Films auch unter dem NS-Regime noch sichtbar: Deutliche Anklänge zeigen beispielsweise Reinhold Schünzels am 23. Dezember 1933 uraufgeführter Film VIKTOR UND VIKTORIA, und auch Paul Martins GLÜCKSKINDER (1936) greift nicht nur auf amerikanische Vorbilder, sondern auch auf solche aus der Zeit der Weimarer Republik zurück. Ein ebenfalls sehr sehenswertes Beispiel für die Transformation des deutschen Films ist EINMAL EINE GROSSE DAME SEIN (1934), den der spätere Gründungsdirektor der Deutschen Kinemathek, Gerhard Lamprecht, inszenierte und der mit einem musikalischen Zitat aus der erfolgreichsten und unter dem NS-Regime verfemten Tonfilmoperette verblüfft: Erik Charells DER KONGRESS TANZT (1931). Einige Beispiele solch unvermuteter Fortwirkung sind Teil der Retrospektive.

Allein aus der Filmbranche waren in den kommenden Jahren mehr als 2.000 Künstler gezwungen zu emigrieren. Sie gingen diesen Schritt in der Hoffnung, Arbeitslosigkeit, Entrechtung und Verfolgung zu entkommen. Und sie sahen sich im Ausland mit völlig neuen Bedingungen konfrontiert. In den Exilländern waren die Emigranten zusätzliche Konkurrenten auf dem Markt, meist kannten sie die andere Kultur nicht gut, hatten mit Sprachproblemen zu kämpfen und konnten so ihre Fähigkeiten nicht wie gewohnt einsetzen.

 

„Rhythm and Laughter“
Tonfilmoperette, Musikfilm und Filmkomödie waren Genres des Weimarer Kinos, die maßgeblich von jüdischen Künstlern geprägt wurden. Zu entdecken ist PETER (Ungarn, Österreich 1934) von Hermann Kosterlitz, gedreht in Budapest. In der ausgeprägt sozialkritischen Filmkomödie mit Anklängen an die Tonfilmoperette spielt die eigenwillige Francisca Gaál die Titelrolle, eine „Hosenrolle“. Eine Wiederentdeckung ist der erst jüngst restaurierte niederländische Film KOMEDIE OM GELD (KOMÖDIE UMS GELD, 1936) von Max Ophüls. Kameramann war der spätere Oscar-Preisträger Eugen Schüfftan. Nicht fehlen darf der Klassiker SOME LIKE IT HOT (MANCHE MÖGEN’S HEISS, USA 1959) von Billy Wilder. In der Nachfolge seines großen Vorbilds Ernst Lubitsch und mit ebenbürtiger Nonchalance entwickelte Billy Wilder über Jahrzehnte hinweg den subversiven Humor und die frivole Travestie des Weimarer Kinos weiter und transponierte sie in den amerikanischen Kontext seiner Zeit.

 

„‚Unheimlich‘ – The Dark Side“
Auch der Thriller profitierte von der Tradition des Weimarer Kinos, wie sie sich etwa in den Filmen von Fritz Lang ausgeprägt hatte. In den USA realisierte Lang, der seit 1935 amerikanischer Staatsbürger war, den Film FURY (BLINDE WUT, 1936), mit dem er Position gegen die Lynchjustiz bezog. Das noch junge Subgenre des Film noir, das ab Mitte der 1940er-Jahre vor allem in den USA ein so düsteres wie scharfes Bild der Gegenwart zeichnete, verdankte sich in einem erstaunlich hohen Maße Regisseuren und Autoren, die aus Deutschland emigriert waren. Hervorzuheben ist Robert Siodmak mit seiner „schwarzen Serie“. Doch noch bevor er unmittelbar nach Kriegsausbruch 1939 in die USA emigrierte, drehte er im Pariser Exil den Film PIÈGES (DER FALLENSTELLER, Frankreich 1939), der als ein Bindeglied zu seinem amerikanischen Œuvre gelten kann: Der Film über einen Frauenmörder lässt sich als eine romantische französische Komödie an, geht dann aber in einen düsteren Thriller über und schlägt den Zuschauer in den Bann des Pathologischen, wie ihn schon 1931 Fritz Lang in M zu erzeugen wusste. Ein weiteres Beispiel für den französischen Film noir ist LE CORBEAU (1943) von Henri-Georges Clouzot über die Hexenjagd auf einen Arzt. Die Jagd auf zwei Menschen ist auch das Thema von THE CHASE (USA 1946). Sowohl der Regisseur Arthur Ripley als auch Cornell Woolrich, der Autor der Romanvorlage, waren Amerikaner. Allerdings ist eine biografische Kontinuität bemerkenswert: Produzent war Seymour Nebenzal, der für die Nero-Film AG in Berlin bedeutende Filme der Weimarer Republik produziert hatte.

 

„Light and Shadow“
Für Kurt Gerron war Amsterdam bereits die vierte Station seiner Emigration. Hier drehte er den packenden Kriminalfilm HET MYSTERIE VAN DE MONDSCHEINSONATE (DAS GEHEIMNIS DER MONDSCHEINSONATE, Niederlande 1935). Für die Bauten zeichnete Erwin Scharf verantwortlich, für die Kamera der Ungar Akos Farkas – auch sie hatten aus NS-Deutschland fliehen müssen. DIE SPRACHE DER SCHATTEN lautet der schöne Titel eines Films über Friedrich Wilhelm Murnaus Filme. Immer wieder bekannten sich amerikanische Regisseure zum ästhetischen Einfluss Murnaus auf ihre eigenen Werke. So auch John Ford. Sein Film HOW GREEN WAS MY VALLEY (SCHLAGENDE WETTER, USA 1940) ist um 1900 in Südwales angesiedelt, wo der Kohleabbau das Naturidyll zerstört hat und die Arbeiter schließlich aus ihrer Heimat vertreibt. Eine Erinnerung an das Alt-Wien vor der Jahrhundertwende evoziert Max Ophüls mit LETTER FROM AN UNKNOWN WOMAN (BRIEF EINER UNBEKANNTEN, USA 1948). Kameramann war Franz Planer, der vor seiner Emigration bereits in Deutschland mit Ophüls zusammengearbeitet hatte. In England während des Zweiten Weltkrieges spielt THE SMALL BACK ROOM (EXPERTEN AUS DEM HINTERZIMMER, Großbritannien 1949) in der Regie von Michael Powell und Emeric Pressburger. Vielseitig begabt und erfolgreich waren beide. Besonders bemerkenswert aber ist, dass es Pressburger als einem der brillantesten Drehbuchautoren der Weimarer Republik gelungen war, die Sprachbarriere zu überwinden und auch in englischer Sprache bedeutende Werk zu schaffen.

 

„Variations“
Unter dieser Überschrift sind Remakes des Weimarer Kinos zu sehen sowie Filme, die ihre Vorbilder variieren. Auch hier besteht nicht notwendigerweise eine biografische Kontinuität, wie sie beispielsweise bei Joseph Loseys 1951 uraufgeführter US-Neuverfilmung von Fritz Langs gleichnamigem Klassiker M aus dem Jahr 1931 gegeben ist, die gleichfalls von Seymour Nebenzal produziert wurde. FIRST A GIRL (Großbritannien 1935) von Victor Saville geht zurück auf Reinhold Schünzels VIKTOR UND VIKTORIA (Deutschland 1933). Beide Filme sind in der Retrospektive zu sehen. Dies gilt auch für CAR OF DREAMS (Graham Cutts, Austin Melford; Großbritannien 1935), der in Handlung und Ausstattung viele Analogien zu Gerhard Lamprechts Film EINMAL EINE GROSSE DAME SEIN aufweist. LE GOLEM von Julien Duvivier (Tschechoslowakei, Frankreich 1936) knüpft an frühe filmische Vorbilder an wie Paul Wegeners Stummfilme, die zwischen 1914 und 1920 den Stoff drei Mal aufgriffen, und zudem an ein zeitgenössisches literarisches Vorbild von 1931. Nicht zuletzt aufgrund dieser Vielschichtigkeit ist der Film besonders sehenswert.

 

„Know Your Enemy“
Film ist ein Unterhaltungs- und ein Massenmedium, dessen Wirkungsmacht auch genutzt wurde, um gegen das nationalsozialistische Regime Position zu beziehen oder zu mobilisieren: So machte Ernst Lubitsch mit TO BE OR NOT TO BE (SEIN ODER NICHTSEIN, USA 1942) die Nazis und ihre Weltanschauung lächerlich, in einem Film voller Humor und Menschlichkeit. Ein Klassiker ist auch HANGMEN ALSO DIE! (AUCH HENKER STERBEN, USA 1943) von Fritz Lang, der in Prag unmittelbar nach dem Attentat auf NS-„Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich spielt. Wie eine Vorwegnahme der nach Kriegsende angestrengten Prozesse gegen Kriegsverbrecher erscheint die Handlung des US-amerikanischen Films NONE SHALL ESCAPE, den André de Toth 1944 packend inszenierte. Der Regisseur Ludwig Berger hatte in den 1930er Jahren mit Musikfilmen und Operettenverfilmungen reüssiert. Im niederländischen Exil drehte er ERGENS IN NEDERLAND. EEN FILM UIT DE MOBILISATIETIJD (SOMEWHERE IN THE NETHERLANDS, Niederlande 1940). Das Beziehungsmelodram thematisiert die drohende deutsche Invasion. Nach seiner Uraufführung im April 1940, war der Film nur drei Monate lang im Kino zu sehen, bevor er nach dem deutschen Einmarsch verboten war und fast alle Kopien vernichtet wurden. Ein Filmklassiker, der nicht fehlen darf, ist CASABLANCA (USA 1942) von Michael Curtiz, der fast ausnahmslos mit europäischen Schauspielern besetzt ist. Viele von ihnen kannten das verzweifelte Bemühen um ein Visum und die Schwierigkeiten mit einer fremden Sprache aus eigener Erfahrung. So auch Szöke Szakall, der als Oberkellner mit einem Ehepaar auf die bevorstehende Ausreise in die USA anstößt und einen der liebenswürdigsten Filmdialoge mit einer unvergessenen Pointe krönt: „What watch?“ „Ten watch.“ „Such much?“ – „You will get along beautifully in America.“

 

Ganz anders gingen längst schon die Uhren im Deutschen Reich. Was von den Filmen der 1920er- und frühen 1930er-Jahre ausgestrahlt hatte, war erst zur Seltenheit im gleichgeschalteten deutschen Kino geworden und wurde dann völlig unterbunden.

Die im Exil entstandenen Werke unter Mitwirkung von Künstlern, die aus Deutschland vertrieben wurden, umfassen alle Genres, waren Großproduktionen ebenso wie schnell und mit geringem Budget realisierte Titel. Sie sind nicht Teil der deutschen Film-, aber Teil ihrer Wirkungsgeschichte, insofern der ästhetische Einfluss des Weimarer Films in vielen Filmen jener Länder fortlebte, in denen die Filmschaffenden Zuflucht gesucht hatten. Unter neuen Vorzeichen, angepasst an veränderte Produktionsbedingungen sowie andere kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen. Die Retrospektive „The Weimar Touch“ spürt den lebendigen Einflüssen jenes Kinos nach, dem das NS-Regime in Deutschland ein Ende bereitet hatte.

Rainer Rother

 

Die Retrospektive wird von der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen verantwortet. Unter dem Titel „The Weimar Touch“ widmet sie sich einem Thema, das im Jahr ihres 50. Geburtstages 2013 eine wichtige Traditionslinie der Deutschen Kinemathek fortführt. „The Weimar Touch“ ist die erste Retrospektive, die von der Deutschen Kinemathek gemeinsam mit dem Museum of Modern Art in New York kuratiert wird. Die Mitglieder der Auswahlkommission sind Rainer Rother (Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek), Rajendra Roy (Chief Curator of Film am MoMA), Laurence Kardish (ehemaliger Senior Curator of Film am MoMA), Connie Betz (Deutsche Kinemathek, Programmkoordinatorin Retrospektive) und Hans-Michael Bock (Cinegraph, Hamburg).

 

 

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