Über die Filmauswahl

Mit der Macht des Films wollten sie die Welt verändern, der Geschichte ins Rad greifen. Der junge Kommunist Willi Münzenberg engagierte sich 1921 von Berlin aus mit der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH, russisch: Meschrabpom) für die Opfer der Hungersnot an der Wolga. Nach dem Krieg brachte er die ersten russischen Filme in Deutschland heraus. Dabei lernte er den erfahrenen Filmproduzenten Moisej Alejnikow kennen, der versuchte, sein Studio Rus in Moskau aus der Zarenzeit ins neue Regime hinüberzuretten. Er setzte auf gute Filmstoffe, Stars und technischen Erfindungsreichtum. 1924 gründeten Münzenberg und Alejnikow ein deutsch-russisches Filmstudio namens Meschrabpom-Rus. Ihr Ziel: Ideologie kombiniert mit Geschäftssinn, internationale Solidarität mit populärer Filmunterhaltung. Schnell wurde aus dem kleinen Unternehmen ein erfolgreicher Filmkonzern. Fast 600 russische und deutsche Spiel-, Dokumentar- und Trickfilme entstanden in knapp 15 Jahren.

 

Die Retrospektive widmet sich der ganzen Bandbreite dieses ungewöhnlichen deutsch-russischen Filmexperiments. „Expeditionen“ in die Tiefen der russischen Archive förderten fast 250 noch erhaltene Spiel-, Dokumentar- und Trickfilme zu Tage. Eine repräsentative Auswahl von 43 Stumm- und Tonfilmen, unter ihnen viele, die in Deutschland bisher noch nie oder kaum zu sehen waren, ermöglicht einen Blick auf eine wenig bekannte, gleichwohl für die Entwicklung der internationalen Filmsprache äußerst folgenreiche Periode der Filmgeschichte.

 

Große Revolutionen und der Kampf ums kleine Glück
Mit Ausrüstung, Rohfilm und Budgets aus Deutschland begann in Moskau eine umfangreiche Filmproduktion, die beim sowjetischen Publikum gut ankam. Alles, was die Zensur zuließ, wurde sogleich auch in Deutschland in die Kinos gebracht, meist von der Tochterfirma Prometheus-Film, die gelegentlich auch herausragende Filme anderer sowjetischer Studios importierte. Münzenberg spannte mit der IAH für die neue sowjetische Filmkunst bald ein Verleihnetz über alle Kontinente. Einige der „Russenfilme“ wurden wegen ihrer radikal neuen Bildsprache weltberühmt, zu Klassikern der Filmgeschichte, darunter Wsewolod Pudowkins Revolutionsfilm KONEZ SANKT-PETERBURGA (DAS ENDE VON SANKT PETERSBURG, 1927), ein Jubiläumsfilm zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution.

 

Altmeister Jakow Protasanow drehte die meisten Spielfilme für die „rote Traumfabrik“ und ist mit zwei Titeln vertreten: AELITA (AELITA – DER FLUG ZUM MARS, 1924) handelt von einer von der Erde auf den Nachbarplaneten überspringende Revolution und bietet zugleich subtile Sozialkritik und Science Fiction mit fantastischer Ausstattung. Mit der selten gezeigten, stilsicheren Komödie PRASDNIK SWJATOWO JORGENA (DAS FEST DES HEILIGEN JÜRGEN) hingegen machte er sich 1930 über die Verquickung von Religion und Kommerz lustig; die Hauptrolle spielte hier der Komiker-Star Igor Iljinski, der zuvor mit POZELUI MERI PIKFORD (MOSKAU GLAUBT DEN TRÄNEN NICHT, 1927) von Sergej Komarow bekannt geworden war. Darin besuchen Douglas Fairbanks und Mary Pickford als erste Weltstars des Kinos die Sowjetunion sowie das Meschrabpom-Studio und werden gleich engagiert.

 

Neben Protasanow und Pudowkin, von dem auch der amüsante Kurzfilm SCHACHMATNAJA GORJATSCHKA (SCHACHFIEBER, 1925) und der spektakuläre POTOMOK TSCHINGIS-CHANA (STURM ÜBER ASIEN, 1928) gezeigt werden, gehörten Boris Barnet und Lew Kuleschow zu den großen Regisseuren des Studios. Barnet entwickelte einen ganz eigenen „lyrischen” Komödienstil. DEWUSCHKA S KOROBKOI (MOSKAU WIE ES WEINT UND LACHT, 1927) und DOM NA TRUBNOI (DAS HAUS IN DER TRUBNAJA-STRASSE, 1928) erzählen von Menschen auf der Suche nach dem kleinen Glück und zeichnen ganz nebenbei ein Bild der Gegensätze vom Leben in der Provinz und in der Metropole. Auch der turbulente Dreiteiler MISS MEND, den Barnet 1926 mit Fjodor Ozep realisierte, liefert den Beweis, dass die Künstler von Meschrabpom-Film alle Mittel des unterhaltsamen Kinos ihrer Zeit souverän beherrschten. LEDOLOM (EISGANG, 1931) hingegen, das weitgehend unbekannte „poetische Kulakendrama", ist – für Barnet eher untypisch – ein zorniger Film, der Konflikte in sorgsam komponierte, expressive Bilder übersetzt. In seinem Spätwerk OKRAINA (VORSTADT, 1933) schildert er, wie der Erste Weltkrieg die heile Welt eines verschlafenen Städtchens zerstört.

 

Technischer Fortschritt und sozial engagiertes Kino
Auch der Meisterregisseur Lew Kuleschow arbeitete bei Meschrabpom-Film. Von ihm sind drei hierzulande kaum gezeigte Werke im Programm: GORISONT (HORIZONT, 1933) zum Thema Antisemitismus und Ausbeutung in Russland und Amerika, der kleine Agitationsfilm PRORYW! (Der Rückstand!, 1930) und die Dokumentation SOROK SERDEZ (VIERZIG HERZEN, 1931) über die Elektrifizierung des Landes nach dem ersten Fünfjahrplan, mit einer Fülle beeindruckender Tricksequenzen.

 

Daneben gibt es weitere Entdeckungen zu machen, etwa Wladimir Schnejderows Abenteuerfilm SOLOTOJE OSERO (KAMPF UM GOLD, 1935) und das in Nazi-Deutschland spielende Kinderdrama RWANYJE BASCHMAKI (ZERRISSENE STIEFELCHEN, 1933) von Margarita Barskaja, einer der wenigen Regisseurinnen des Sowjetfilms. Oder den frühen Science-Fiction-Roboterfilm GIBEL SENSAZII (Der Untergang der Sensation) von Aleksandr Andrijewski, der sich schon 1935 visionär mit Robotern befasste und sie als Bedrohung für Arbeitsplätze, aber auch als missbrauchte Kampfmaschinen darstellte.

 

In Deutschland eiferten Ende der 1920er Jahre junge Filmemacher den sowjetischen Kollegen nach. Das linke, sozial engagierte deutsche Kino wurde maßgeblich von Prometheus geprägt – zu deren ursprünglicher Verleihaktivität kam aufgrund der deutschen Kontingentbestimmungen auch die Filmproduktion hinzu. Phil Jutzis MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) und Slatan Dudows KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (1932) gehörten zu den bekanntesten Filmen dieser Zeit. Seltener gezeigt wurde Leo Mittlers JENSEITS DER STRASSE aus dem Jahr 1929, ein Hauptwerk des proletarischen Stummfilms. Dokumentarfilme wie UM'S TÄGLICHE BROT (1929) von Phil Jutzi, IM SCHATTEN DER WELTSTADT (1930) von Albrecht V. Blum und ZEITPROBLEME. WIE DER ARBEITER WOHNT (1930) von Slatan Dudow bekommen im Kontext heutiger globaler Krisen neue Aktualität.

 

Klassiker und Neuentdeckungen
Prometheus und die IAH machten die neue Filmkunst aus Sowjetrussland in Deutschland und weltweit bekannt. Zu den zeitlosen Klassikern dieser Jahre zählt auch BRONENOSEZ POTEMKIN (PANZERKREUZER POTEMKIN, 1925) von Sergej Eisenstein. Dank Kassen- bzw. Verleiherfolgen wie diesem und der schlagkräftigen Kombination von Gesinnung und Geschäft konnte sich das Filmstudio viele Jahre über Wasser halten – trotz Weltwirtschaftkrise, steigender Popularität der Nationalsozialisten und trotz der übermächtigen Konkurrenz durch Hollywood und Ufa. Ab 1933 jedoch wurden in Deutschland keine russischen Filme mehr gezeigt, daher blieb das große Spätwerk – darunter auch die zahlreichen Dokumentarfilme – hier unbekannt.

 

Die Schau russischer Dokumentarfilme in dieser Retrospektive ist entsprechend weit gespannt: Von einem der ersten Filme PJATILETIJE SOWJETSKOI ROSSII (FÜNF JAHRE SOWJETRUSSLAND, 1922) über die Umgestaltung des Lebens in Aserbaidschan in DRUGAJA SCHISN (DAS ANDERE LEBEN, 1930) und Wladimir Schnejderows legendäre Filmexpedition DWA OKEANA (ZWEI OZEANE, 1933) über die erste gelungene Nordostpassage durchs Eismeer bis zu ARTEK (1936), einem Film über ein stalinistisches Pionierlager auf der Krim. Sie sind fast alle erstmals in Deutschland zu sehen.

 

Exemplarisch für die ebenfalls entstandenen echten Koproduktionen mit russisch-deutscher Besetzung ist das Tolstoi-Drama SCHIWOI TRUP (DER LEBENDE LEICHNAM, 1929) von Fjodor Ozep zu sehen. Als Neuentdeckung kann die stumme Fassung von WOSSTANIJE RYBAKOW (AUFSTAND DER FISCHER, 1935) gelten, die der deutsche Theaterregisseur Erwin Piscator für das ‚flache Land’ ohne Tonfilmkinos anfertigte. Seine Tonfassung von 1934 wurde auf Stalins Intervention hin kurz nach der Premiere wieder aus dem Verleih genommen und tauchte erst 20 Jahre später in einer fragmentarischen Version wieder auf. Bei Recherchen in russischen Archiven fand sich die kürzere, aber erzählerisch konsequente stumme Fassung bei Gosfilmofond in Moskau. Sie wird hier erstmalig im Ausland präsentiert.

 

Zu den herausragenden Leistungen der Filmfabrik zählen auch die ersten Animationsfilme der Sowjetunion. In einer Auswahl wird die Kunst der frühen Trickfilmer aus den Jahren von 1927 bis 1936 gezeigt, darunter BLEK END UAIT (BLACK AND WHITE), KATOK (EISBAHN) oder SKASKA O SLOM MEDWEDE, KOWARNOM LISE I WESJOLOM PASTUCHE (MÄRCHEN VOM BÖSEN BÄREN, DEM TÜCKISCHEN FUCHS UND DEM FRÖHLICHEN HIRTEN).

 

Heldenlieder und Experimente im Arbeiterparadies
In der sowjetischen Gesellschaft war die Ideologie von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen, genauer: von der Erziehung des neuen Menschen durch Arbeit, ein weit verbreitetes Konstrukt. Diese These liegt auch der Fabel von Nikolai Ekks PUTJOWKA W SCHISN (DER WEG INS LEBEN, 1931), dem ersten Tonfilm der Sowjetunion, zugrunde. Ohne ideologische Überhöhung der Umerziehung obdachloser Jugendlicher interessiert dieser sich für den Prozess, in dem aus den Geschundenen und Kriminellen der „Kern des Guten" herausgeschält werden kann.

 

Die Vision von einem neuen Leben und dem ‚neuen Menschen’ inspirierte darüber hinaus auch den Dokumentarfilm. Bei Joris Ivens und Dsiga Wertow ging dies mit der Erfindung einer spektakulären Tonfilmsprache einher. Ivens folgte als holländischer Experimentator dem Ruf aus Moskau und drehte mit PESN O GEROJACH (Komsomol, 1933) ein „Lied der Helden" über den Aufbau eines großen Industriekombinats – wie eine Symphonie der Industrietöne, gemischt mit der Musik von Hanns Eisler. Dsiga Wertow schuf zur gleichen Zeit ebenfalls eine Hymne an die „Neue Zeit", als Querschnittsfilm durch die Sowjetunion: TRI PESNI O LENINE (Drei Lieder über Lenin). Sie wird in einer aufschlussreichen Gegenüberstellung sowohl in der stummen (1935) wie auch der zensierten und wiederhergestellten Tonfassung (1934/38/70) gezeigt.

 

Tragisches Ende, neue Aktualität
Trotz allen Erfolgs wuchs der Druck der sowjetischen Staatsorgane und der staatlichen Filmkonkurrenz auf das Studio. Der künstlerische Leiter Alejnikow wurde Anfang der 1930er Jahre schrittweise aus der Firma gedrängt und zeitweilig inhaftiert. „Säuberungs“-Wellen trafen die Filmfabrik, ihr Einschwenken auf den Kurs des sozialistischen Realismus war kaum noch zu umgehen. Dennoch bewahrten sich die meisten Filme ihre besondere Note – und im Zweifel stand der künstlerische Anspruch über der Ideologie. Ein Beispiel dafür ist das Meschrabpom-Spätwerk SLUTSCHAJNAJA WSTRETSCHA (ZUFÄLLIGE BEGEGNUNG, 1936) von Igor Sawtschenko – ein Film über ein Spielwarenkombinat mit fröhlichen Arbeitern, viel Musik und Sport, Romanzen, Liebesleid und Krisenbewältigung im starken Kollektiv.

 

Anfang der 1930er Jahre nahm auch in Deutschland der Druck der Zensur, der reaktionären Politik und der kartellartig organisierten Kinokonzerne zu. Am Ende musste sich die rote Traumfabrik der Macht zweier Diktaturen geschlagen geben. Sie wurde im Handstreich geschlossen: 1933 zunächst die Zentrale in Berlin und die deutschen Unternehmungen durch die Nationalsozialisten, 1936 dann in Stalins Auftrag auch die große Moskauer Filmfabrik mit über 1.000 Mitarbeitern. Die linken deutschen Filmemacher, inzwischen im Moskauer Exil, verloren erneut ihre Heimat. Willi Münzenberg, der Stalin nach dem Pakt mit Hitler einen Verräter nannte, kam unter ungeklärten Umständen in Südfrankreich ums Leben.

 

Ob Industrieroboter oder Filmexpeditionen, Wohnungsnot oder Rechtsextremismus, Scheidungsdrama oder Aufstände des Volkes gegen ihre Unterdrücker – selbst nach 80, 90 Jahren haben viele der Filme ihren Bezug zur Gegenwart nicht verloren. Große Dramen und kleine Komödien, witzige Animationsfilme und sehenswerte Dokumentationen aus der einzigartigen deutsch-russischen Filmfabrik bieten noch heute das, was sich das Studio einst vorgenommen hatte: gute Unterhaltung mit Anspruch, im Rahmen des Experiments Sowjetunion.

 

Vorträge und Diskussionen im Filmhaus ergänzen das Filmprogramm. Der Kurator Alexander Schwarz stellt gemeinsam mit der verantwortlichen Redakteurin Nina Goslar seine für ARTE/ZDF produzierte Dokumentation über Meschrabpom vor, die einen Bogen von der Filmgeschichte der 1920er und '30er Jahre zur heutigen russischen Filmproduktion schlägt. Zur ‚roten Traumfabrik’ erscheint eine umfangreiche Publikation im Verlag Bertz + Fischer. Als erste deutsche Monografie über dieses legendäre deutsch-russische Filmexperiment versammelt der Band Studien russischer und deutscher Autoren zur Geschichte und Ästhetik der Filme. Ergänzt werden diese durch historische Dokumente, unveröffentlichte Fotos und zeitgenössische avantgardistische Filmplakate sowie eine vollständige Filmografie.

 

Die zahlreichen Stummfilme im Programm werden von international renommierten Musikern begleitet. Die holländische Stummmfilmpianistin und Komponistin Maud Nelissen und der Brite Stephen Horne waren bereits bei früheren Retrospektiven zu Gast. Der Kanadier Gabriel Thibaudeau, gefragter Pianist, Komponist und Dirigent, begleitet zum ersten Mal Stummfilme im Rahmen der Berlinale. Eunice Martins ist den Berlinern als Hauspianistin des Kinos Arsenal und dem internationalen Publikum von zahlreichen Festivals gut bekannt.

 

Die Retrospektive wird von der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen verantwortet. Sie entstand in Zusammenarbeit mit folgenden Archiven und Partnern: Gosfilmofond (Moskau), dem Russischen Staatlichen Archiv für Film- und Fotodokumente (Krasnogorsk), dem Bundesarchiv/Filmarchiv (Berlin), der Cinémathèque de Toulouse, dem Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, dem Österreichischen Filmmuseum (Wien), dem Department of Film des Museum of Modern Art (New York) und Dok Leipzig.

 

Alexander Schwarz, Günter Agde (Kuratoren der Retrospektive 2012)

 

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