Hintergrund

Blick zurück, Erinnerungsarbeit. Diesmal ging es in der Retrospektive um ein ganzes Jahrzehnt: um die Fünfziger, die vor fünfzig Jahren in ihrem Zenit standen. 1956 gingen in Deutschland (Bundesrepublik und DDR) mehr als eine Milliarde Menschen ins Kino. Die Zeit wurde in West und Ost unterschiedlich erlebt. In Europa herrschte, elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, bereits ein neuer Krieg, man nannte ihn den „Kalten Krieg“ – die Konfrontation von westlicher Demokratie und östlicher Staatsdiktatur. Die Fronten gingen quer durch Deutschland, quer durch Berlin. Ein Bild der Zeit vermittelt der Defa-Film EINE BERLINER ROMANZE (DDR 1955/56, Regie: Gerhard Klein) mit Annekathrin Bürger.

Die Retrospektive richtete ihren Blick vor allem auf die Frauen im Film der fünfziger Jahre, speziell auf die Stars. Sie sind Objekte der Phantasie des Publikums, und das Interesse gilt gleichermaßen dem Berufs- wie dem Privatleben. In Hollywood hat man daraus ein ganzes System entwickelt, um möglichst vielen Erwartungen und Sehnsüchten gerecht zu werden. Filme wie THE BAD AND THE BEAUTYFUL (USA 1952/53, Regie: Vincente Minnelli), A STAR IS BORN (USA 1954, Regie: George Cukor) und THE BAREFOOT CONTESSA (USA 1953/54, Regie: Joseph L. Mankiewicz) thematisieren das ambivalente Leben eines Stars in jener Zeit.

Traumfrauen in den Fünfzigern konnten sein: Kameradin (Ingrid Bergman, Susan Hayward), Jungfrau (Doris Day), Kindfrau (Marina Vlady), Nymphe (Brigitte Bardot), Romantikerin (Audrey Hepburn), Sexbombe (Marilyn Monroe), Mondäne (Ava Gardner, Elizabeth Taylor, Lana Turner). Sie verkörperten Hingabe, Leidenschaft, Opferbereitschaft, aber auch Eigensinn, Emanzipationswillen, Selbstbewusstsein, Unnahbarkeit. Sie konnten Männer um den Verstand bringen.

Neben den Ikonen des Hollywood-Films erregten in den fünfziger Jahren junge Schauspielerinnen aus Japan (Setsuko Hara, Hideko Takamine), Schweden (Harriet Andersson, Ulla Jacobsson), Polen (Barbara Kwiatkowska), Ungarn (Mari Töröcsik) und der UdSSR (Tatjana Samoilowa) auf internationalen Filmfestivals großes Interesse und wurden in ihren Ländern zu Publikumslieblingen. Europäerinnen wie Hildegard Knef, Maria Schell, Sophia Loren, Anna Magnani, Deborah Kerr und Jean Simmons gingen nach Amerika. Brigitte Bardot und Melina Mercouri begannen in Europa, ein neues Lebensgefühl zu verkörpern, und wurden zu Idolen einer ganzen Generation.

Das Programm der Retrospektive umfasste 44 Filme aus zwölf Ländern. Jeweils um 17.30 Uhr wurde eine Wochenschau der fünfziger Jahre gezeigt. Damit wurden, wie im Kaleidoskop, Politik, Sport, Mode und Design des Jahrzehnts in Bild und Ton in Erinnerung gerufen.

Die Retrospektive wird von der Deutschen Kinemathek verantwortet. Vorträge und Diskussionen ergänzten das Filmprogramm. Das Filmmuseum zeigte außerdem die Ausstellung „Hildegard Knef. Eine Künstlerin aus Deutschland“ (bis 1. Mai) und gab die Publikation Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre (mit Beiträgen von 23 Autorinnen) heraus.

 

Hans Helmut Prinzler über die 30. Retrospektive der Berlinale

Die Retrospektive der Berlinale wird seit 1977 von der Deutschen Kinemathek verantwortet. „Traumfrauen“ ist nun schon die dreißigste. Sie handelt vom Bild der Frau, wie es sich durch die Weltstars der fünfziger Jahre vermittelt hat. Viele Schauspielerinnen stellten selbstbewusste, durch existentielle Erfahrungen geprägte Charaktere dar, die sich in einer Männerwelt behaupten wollten. Das knüpft unmittelbar an unsere erste Retrospektive an, mit der wir 1977 Marlene Dietrich geehrt haben.

Natürlich ist die Neugierde der Festivalbesucher vor allem auf die neuen Filme gerichtet. Aber der Blick zurück relativiert manche aktuelle Entdeckung. Und die Erinnerungsarbeit lohnt, wenn man bedenkt, wie reich die Filmgeschichte der vergangenen 111 Jahre ist. Die Berlinale gehört zu den wenigen großen Festivals, die sich die Kontinuität einer Retrospektive leisten. Die Besucher sind dafür dankbar, und es fällt uns auf, dass auch die junge Generation der Retro seit Jahren treu ist. Man sagt ja, dass viele neue Filme schnell vergessen werden. Wir sorgen dafür, dass Filme, die wir wichtig finden, nicht in Vergessenheit geraten.

Wir bemühen uns, wie in den vergangenen Jahren, die besten verfügbaren Kopien nach Berlin zu holen. In einigen Fällen haben Verleiher und Studios extra neue Kopien hergestellt. Gerade bei Filmen, in denen es um Frauenbilder und Stars geht, ist die Qualität der Bilder von großer Bedeutung. Und ich denke, dass die „Traumfrauen“ auch viel Vergnügen bereiten.

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