Hintergrund

Visionäre, Träumer, Diplomaten

Spielfilme sind das Produkt einer Vielzahl von Talenten und Fähigkeiten. In ihrem Schnittpunkt steht das Production Design. Der Kreativität und dem Know-how des Production Designers verdanken sich die Atmosphäre und der Look von Fiktionen im Kino. Production Design kann unmittelbar durch Opulenz beeindrucken oder sich unterschwellig bemerkbar machen. Die nachhaltigsten Spuren hinterlässt Production Design, wenn es sich als Bestandteil aller Wirkelemente eines Films begreift. In Frankreich, wo Production Designer als Chefs Décorateurs bezeichnet werden, erntete der legendäre Alexandre Trauner (u. a. THE APARTMENT, USA 1960, Regie: Billy Wilder, LES ENFANTS DU PARADIS, F 1943–45, Regie: Marcel Carné) ungläubiges Erstaunen, als er bemerkte, dass ihn die Dekoration von Filmen nicht im Geringsten interessiere. „Die aufregendsten Schauplätze helfen nichts, wenn sie nur für sich stehen, statt der Geschichte zu dienen." Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Production Designer“? Ein Künstler, Architekt, Maler, Gestalter. Darüber hinaus sind Production Designer aber auch Visionäre, Träumer, Organisatoren und Diplomaten. Sie sind Multitalente nicht nur in ästhetischer, sondern auch in praktischer Hinsicht. Rolf Zehetbauer, einer der Großen seiner Profession – er gewann den Oscar für das Production Design von Bob Fosses CABARET (USA 1971/72) – erklärte einmal, sein Beruf bestehe überwiegend aus Transpiration, nur ein kleinerer Teil bliebe der Inspiration vorbehalten. Ähnlich denken andere Meister, wie etwa Jan Roelfs – u. a. Andrew Niccols GATTACA (USA 1997) und Peter Greenaways THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE AND HER LOVER (GB/F/NL 1988/89) – oder Dante Ferretti – u. a. Federico Fellinis E LA NAVE VA (I/F 1982/83) und Pier Paolo Pasolinis MEDEA (I/F/BRD 1969) –, die im Buch zur Retrospektive ausführlich ihre Arbeitsweise erläutern. Production Design ist ein in jedem Spielfilm präsentes, aber häufig unbeachtet bleibendes Zentrum.

Außergewöhnliches Production Design manifestiert sich in absolut unterschiedlichen Filmen. Man findet es in Orson Welles’ THE LADY FROM SHANGHAI (USA 1946–48) mit einer von Sturges Carne und Stephen Goossón suggestiv skizzierten labyrinthischen Film-Noir-Welt. Als Kraftfeld wirkt Production Design in Satyajit Rays JALSAGHAR (DAS MUSIKZIMMER, IND 1957/58). Hier machte Bansi Chandragupta die Räume eines bengalischen Palastes zum Mitspieler im Drama vom Untergang einer aristokratischen Welt. Als Zentrum einer Film-im-Film-Phantasie stellt sich Production Design in der russischen Verwechslungskomödie WESNA (FRÜHLING, UdSSR 1947) dar. Wunderbar frech haben dort Regisseur Grigori Alexandrow und Production Designer Konstantin Jefimow das Pathos stalinistischer Wissenschaft mit dem Tand des sowjetischen „Show-Business" konfrontiert. Für Tsai Ming-liangs taiwanesisches Alltagsdrama AIQING WANSUI (VIVE L'AMOUR – ES LEBE DIE LIEBE, TW 1994) fand Lee Pao-Ling authentische öffentliche Orte und anonyme Musterapartments. Sie sind Schauplätze einer urbanen Nomadengeschichte. Und in SOLO SUNNY (DDR, 1978–80) schufen Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase mit dem Szenographen Alfred Hirschmeier zugleich Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos vom Prenzlauer Berg als dem echtesten Teil Berlins.

Das Programm der Retrospektive ist gegliedert in fünf thematische Bereiche, die verschiedene Aspekte der Wirkungsweise von Production Design beleuchten: Interiors, Transit, Macht, Bühne und Labyrinth. Die Filmreihe umfasst 45 internationale Filme aus den vergangenen 65 Jahren. Dem stilbildenden Werk Stanley Kubricks – u. a. A CLOCKWORK ORANGE (GB/USA 1970/71), 2001: A SPACE ODYSSEY (GB/USA 1965–68), THE SHINING (GB/USA 1978–80) – wird innerhalb der Filmreihe ein besonderer Platz eingeräumt.

Ralph Eue

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