Guido Seeber
Der kinematographische Aufnahmeapparat

Teil III: Beschreibungen und Abbildungen von 80 kinematographischen Aufnahme-Apparaten

Alphabetische Reihenfolge
der beschriebenen Apparate
[Anm. A]

1. Aeroskop
2. Akeley
3. Akika
4. American
5. Amigo
6. Appleton
7. Arndt
8. Askania
9. Bass
10. Bell & Howell
11. Bioptik-Seeber
12. Bol
13. Bourdereau
14. Brayer
15. Buderus
16. Camereclair
17. Carpentier
18. Casler
19. Castagna
20. Chronomatograph
21. Cinchro
22. Danmark
23. Darling
24. Debrie
25. Duskes
26. Edwards
27. Ernemann
28. Ertel
29. Gaumont
30. Geyer
31. Giglio
32. Gillon
33. Guilbert
34. Hahn-Goerz
35. Ica
36. Jury
37. Kinamo
38. Kinodak 68. Vinten
39. Labrély 69. Vitagraph
40. Landlicht 70. Wadack & Rothe
11. Bioptik-Seeber 41. Lawhun 71. Werfak
12. Bol 42. Liesegang 72. Wilart
13. Bourdereau 43. Linhof 73. Williamson
44. Lobel 74. Wrench
45. Lumière 75. Wurm
46. Lyta 76. Zeiss-Ikon-Zeitlupe
47. Maurer & Waschke 77. Zeitlinger
48. Messter 78. Zenith
49. Mitchell 79. Zollinger
50. Moy 80. Vry, de
51. Newman & Sinclair
52. Pathé
53. Paul
54. Pittmann
55. Prestwich
56. Prévost, Paris
57. Prévost, Mailand
58. Russell
59. Schimpf
60. Sinclair
61. Sochor
62. Stachow
63. Sterling
64. Sziraki
65. Taylor
66. Universal
67. Urban
68. Vinten
69. Vitagraph
70. Wadack & Rothe
71. Werfak
72. Wilart
73. Williamson
74. Wrench
75. Wurm
76. Zeiss-Ikon-Zeitlupe
77. Zeitlinger
78. Zenith
79. Zollinger
80. Vry, de

Anm. A: Im Originalmanuskript befindet sich hinter dem von Seeber erstellten Inhaltsverzeichnis der Kamerahersteller ein zweites handschriftlich verfasstes. In alphabetischer Reihenfolge erscheinen die Firmen mit Nennung der Seitenzahlen.
Diese Übersicht, geschrieben auf dem Blatt 30./31. Dezember des Jahreskalenders 1961, stammt vermutlich von Martha Seeber (vgl. Abb. a und b).

Abbildung a: Inhaltsverzeichnis der Kamerahersteller, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung b: Inhaltsverzeichnis der Kamerahersteller, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

1. Die Aeroskop-Kamera
Dieser von C. von Proszynski [Kasimir Prószyński] konstruierte englische Kino-Aufnahmeapparat unterscheidet sich von allen anderen dadurch, daß sein Antrieb mittels Druckluft erfolgt. Die Kamera selbst ist durch eine Längswand in zwei Teile zerlegt, deren einer das Schaltwerk nebst den Filmrollen und deren anderer die Behälter für die Druckluft nebst einem Reduzierventil enthält. Die Verschlußscheibe trägt einen schweren Ring, der durch seine Masse als Girostat [Gyrostat: kreiselbasiertes System] zum Stabilisieren der Kamera dienen soll (D.R.P. 227224). Zum absatzweisen Transport des Filmbandes benutzt Proszynski einen Greifer, der, während er in das Filmband eingreift, sich rascher bewegt als dann, wenn er wieder leer in seine Anfangsstellung zurückkehrt. Dies wird dadurch erreicht, daß auf einer mit gleichbleibender Winkelgeschwindigkeit umlaufenden Achse seitlich ein Zapfen sitzt, der in eine den Greifer bewegende Gabel eingreift, deren Drehscheibe zwar der bereits erwähnten Achse parallel läuft, nicht aber in den Verlängerung. Dadurch wird der Gabelachse eine veränderliche Wickelgeschwindigkeit und mithin auch den Greiferspitzen eine während eines Umlaufes stark veränderliche Längengeschwindigkeit erteilt.
(Vergl. D.R.P. 196547): Diese Kamera wurde mit Erfolg von den Brüdern [Cherry und Richard] Kearton für Aufnahmen frei lebender Tiere benutzt. Die Kamera hatte eine Größe von 31 x 22,2 x 16,5 cm. Die erforderliche Druckluft kann durch eine beigegebene Handluftpumpe erzeugt werden, und eine solche Füllung genügt für den Durchlauf von 120 Metern Film. Der Preis beträgt 200 engl. Pfund. Wie die beigefügten Abbildungen erkennen lassen, ist die Kamera vielseitig verwendbar. Abb. 401–403.

2. Akeley-Kamera
Die Akeley-Camera Inc., New York, bringt eine ganz aus Metall gearbeitete Kamera in den Handel, die sich von allen übrigen bekannten Konstruktionen sowohl durch ihre Form als auch ihre besondere Eigentümlichkeiten stark unterscheidet. [Carl] Akeley hatte bei seinen Aufnahmereisen in Afrika die Unzugänglichkeit und besonders das Unzuverlässige der gewöhnlichen seinerzeit von ihm mitgenommenen Kinokameratypen festgestellt und gab es auf, die von ihm beabsichtigten Aufnahmen weiter fortzusetzen. Er kehrte sofort nach Amerika zurück und machte sich daran, eine Kamera zu konstruieren, die sich nicht nur für die gedachten Zwecke gut bewährt hat, sondern deren Bewegungsprinzip man neuerdings auch auf Stativköpfe übertragen hat. Abgesehen von der äußeren Form, die ein trommelartiges Gehäuse von 27 cm Durch-

 

 

 

 

Abbildung 401: Aeroskop-Kamera mit seitlich angesetztem Tachometer, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 402: Aeroskop-Kamera mit angeschraubter Tragvorrichtung. Die beiden Ringe an den unteren Vorderkanten halten den Schulterriemen. Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 403: Aeroskop-Kamera am Schulterriemen [Aufnahmestellung], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 404: Akeley-Kamera, Kurbelseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 405: Akeley-Kamera, linke Seite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

messer und etwa 10 cm Breite darstellt, sind an diesem unmittelbar die Einrichtungen zum Drehen und Neigen der Kamera angebracht, und sie ermöglichen durch Betätigung eines schräg nach oben gerichteten, hinten angebrachten Griffes ein Verfolgen jedes schnell bewegten Objektes, ohne daß die Bewegung des Apparates sprunghaft oder ruckweise erfolgt. Durch einen links befindlichen Zapfen ist die Kamera im Neigekopf drehbar gelagert und durch ein besonderes, mit Schwungrädern ausgestattetes Getriebe verbunden. Wird der in der Abbildung [404] sichtbare Hebel von der Hand nach irgendeiner Richtung gedreht, so erfolgt eine gleichmäßige Bewegung der Kamera im gewünschten Sinne. Es genügt bereits ein ganz geringer Druck, um jede beliebige Drehung oder Neigung, ganz besonders aber auch beides gleichzeitig ausführen zu können. Zur Vermeidung von totem Gang in den Zahnrädern sind alle, wie man sagt, gespalten, also doppelt, und werden durch besondere Federn gegenläufig gehalten, so daß stets ein lückenloser Eingriff stattfindet. Besondere, als Kreisel wirkende Schwungscheiben verhindern erstens ein rhythmisches Wackeln der Kamera, und eine Zusatzvorrichtung ermöglicht einen fast augenblicklichen Stillstand, wenn man wünscht, daß die Bewegung schnell zu Ende gehen soll. Die Sanftheit der Arbeitsweise ist schwer zu beschreiben, und man muß den Apparat selbst betätigt haben, um sich eine Vorstellung machen zu können, in welch einwandfreier Art und Weise hier ein Problem der kurbellosen Seiten- und Höhenbewegung einer Kamera gelöst ist. Die dauernde Beachtung des Bildausschnittes wird ermöglicht durch ein zweites identisches, […] sogenanntes Zwillingsobjektiv, um mit Hilfe einer Speziallupe, die das Bild nicht nur aufrecht wiedergibt, sondern auch durch Einschalten eines Hebels ermöglicht, entweder das auf dem Film selbst vom Objektiv entworfene Bild direkt oder das der Sucherlupe auf einer Mattscheibe zu beobachten. Diese ist in der Mitte sozusagen knickbar eingerichtet, um auch dann, wenn der Apparat stark nach oben gekippt ist, das Auge zur Bildbetrachtung an seinem Platz zu lassen. Mittels einer besonderen optischen Zusatzeinrichtung kann man dieses Sucherrohr bis zu einem rechten Winkel kippen, ohne daß eine Änderung oder Beeinträchtigung des durch die Lupe gesehenen Bildes einträte. Dadurch ist es auch außerordentlich bequem gemacht, jedes Objekt, besonders solche von großer Geschwindigkeit, sicher zu verfolgen. Die runde Form der Kamera, die von Akeley gewählt wurde, dürfte bis zu einem gewissen Grad durch den dadurch gegebenen Gewichtsausgleich bei Neigung des Ganzen bedingt

Abbildung 406: Akeley-Kamera, geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 407: Akeley-Kamera [geöffnet], Greifer und gekrümmter Filmkanal, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 408: Akeley-Kamera, geöffnete Einraumkassette mit Zahntrommel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 409: Akeley-Kamera, stark vornüber geneigt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sein. Der Greifer ist einseitig, und der Greiferzug selbst findet in einer Kurve statt. Das erfordert, daß der Film dicht unter dem Bildfenster in einem Bogen geführt und hier durch den einseitigen Greifer absatzweise transportiert wird. Dadurch, daß dieser Greifer, wie auch alles andere Mechanische, rund läuft, ist der Gang des ganzen Werkes außerordentlich sanft. Alle hin- und hergehenden Teile sind vermieden worden, und wo es möglich war, wurden Kugellager verwendet. Der Verschluß stellt eine Art Schlitzverschluß dar und läuft als Zylinder in der hohlen Wand des Gehäuses, also um die Kassetten herum, und er ist außerdem durch eine links angebrachte, kontrollierbare Einrichtung in seiner Öffnung, die bis zu 230° betragen kann, verstellbar. Die Kassette, die nur 60 m faßt, aber als Einraumkassette ausgeführt ist und die identische Vor- und Nachwickelzahntrommel enthält, kann außerordentlich schnell ausgewechselt werden, so daß der Konstrukteur aus diesem Grunde von der Benutzung größerer Kassetten absehen durfte.
Der Antriebsmechanismus sowie die Einrichtung zum Umschalten der Filmwicklung auf Vor- bzw. Rückwärtsgang liegen in der Tür. Die Kurbel ist für den Transport umklappbar. Ein oben auf der Kamera befindlicher Knopf dient zum Scharfstellen der Zwillingsobjektive. Auch die Irisblenden der Objektive sind gekuppelt. Ein Meterzähler und eine Markierung des Films sind ebenso vorhanden wie eine Einrichtung, Einzelbilder mit Hilfe einer besonderen, links anzubringenden Kurbel aufzunehmen. Die automatische Bewegungsmöglichkeit der Kamera kann nach jeder Richtung hin, also vertikal oder horizontal, durch einen Knopf gesperrt werden.
Das Gewicht des Apparates mit Stativunterbau beträgt etwa 15 Kilo, was als durchaus normal zu bezeichnen ist. Abb. 404-410.

3. Akika
Unter dieser Bezeichnung, zusammengesetzt aus Amateur-Kino-Kamera, wurde ein kleiner, handlicher Universal-Apparat für Aufnahme und Projektion von der ehem. Werkstätte für Feinmechanik in Berlin in den Handel gebracht. Aus den beigefügten Abbildungen geht die Anordnung deutlich hervor. Die Kamera faßt zwei 20-Meter-Kassetten, hat einen einseitig wirkenden Greifer und kann, wie schon erwähnt, auch zum Projizieren benutzt werden. Es ist eine Kamera, die trotz ihrer Kleinheit leicht zu bedienen war und doch vollwertige Resultate lieferte. Abb. 411 und 412.

Abbildung 410: Akeley-Kamera, im Winkel von 90° nach oben gekippt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 411: Akika-Kamera, Stirnwand aufgeklappt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 412: Akika-Kamera, Rückwand aufgeklappt (Rückseite), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

4. American Professional
Die Firma United States Cinematograph Co., Chicago, bringt zwei Typen von Aufnahme-Kameras in den Handel, die als englische Typen anzusprechen sind, und sich von diesen lediglich durch kleine konstruktive Änderungen unterscheiden. Wie aus den Abbildungen hervorgeht, sind bei dem kleineren Modell Holzkassetten vorgesehen, während die größere Type mit solchen aus Metall ausgerüstet ist. Zur Bildbetrachtung ist ein Durchsichtskanal vorgesehen, der, wie die Abbildung zeigt, für die Benutzung einer Lupe eingerichtet ist. Zur Versteifung des Holzgehäuses dient eine senkrechte Verbindungsstange, und zum Verschließen dienen die bekannten „Geldstück“-Verschlüße. Abb. 413 und 414.

5. Amigo-Kamera
Die Firma G. [Gustav] Amigo, Berlin, stellte eine kleine Aufnahme-Kamera für 30 bzw. 60 m Film aus Holz oder Metall her, die in ihrem inneren Aufbau an die „Topical-Kamera“ von Williamson erinnert. Für den absatzweisen Transport dient ein einseitig wirkender Hakengreifer; die Verschlußöffnung hat 120° Öffnung, und eine Zahntrommel von 8 Bildern Umfang dient für die Vor- bzw. Nachwicklung des Filmbandes. Durch Umlegen der Drahtspirale kann die Kamera auch zu Rückwärtsaufnahmen benutzt werden. Eine Bildbetrachtung auf dem Film ist durch eine seitlich angebrachte Einblicksöffnung mit Lupe ermöglicht. Abb. 415.

6. Appleton’s Kinematograph „Cieroscope“
Die Firma R. [Richard] J. Appleton & Co., Bradford, England, brachte bereits im Jahre 1899 ihren Kinematographen, genannt „The Cieroscope“, auf den Markt. Der Mechanismus war gleichzeitig für Aufnahme und Projektion konstruiert und kostete damals für Aufnahmezwecke ₤ 17.- mit Optik, und die Mechanik zum Vorführen kostete allein ₤ 15.-.
Die Kamera, die der Verfasser im Jahre 1900 und auch später für praktische Arbeiten benutzte, war für die damalige Zeit eine sehr brauchbare Konstruktion. Der Filmlauf in der Kamera geht aus dem beigegebenen Schema hervor, und die beiden anderen Abbildungen lassen das Äußere sowie den inneren Mechanismus gut erkennen. Für den absatzweisen Transport diente ein vierteiliges Malteserkreuz, und es war sowohl Vor- als auch Nachwicklung vorgesehen. Als besondere Eigenart der Kamera soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Kassetten nicht, wie üblich, mit einem mit Samt ausgekleideten Schlitz zum Durchgang des Films versehen waren, sondern mit einem Schieber, wie er

Abbildung 413: American Professional, größeres Modell 1, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 414: American Professional, kleineres Modell 2, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 415: Amigo-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sonst zum Abschluß von Kästen Verwendung findet. Der Anfang des in der Dunkelkammer eingelegten Film wurde in der Länge, wie sie zum Einsetzen in die Kamera benötigt wurde, herausgezogen, der Kassettenschieber wurde geschlossen und damit der Filmanfang gleichzeitig eingeklemmt. In gleicher Weise, nur an ihrer Längsseite, waren die Aufwickelkassetten mit einem gleichen Schieber versehen. Sie trugen in ihrem Innern eine Metalltrommel. An dieser war ein längeres schwarzes Seidenband befestigt, woran der später aufzuwickelnde Film mit Stecknadeln angeheftet wurde. Nach erfolgtem Einlegen des Films wurde die Kamera geschlossen und der Schieber der Vorratskassette nach Entriegelung herausgezogen. Auf diese Weise bot die Kamera die sicherste Gewähr, daß der Film infolge Verzicht auf den lichtabdichtenden Kassettenschlitz nicht beschädigt werden konnte. Die Kassetten, die normal 30 m faßten, konnten gegen solche für 60 bzw. 120 m ausgetauscht werden. Der Mechanismus, der eine besondere Schwungscheibe zur Wahrung eines gleichmäßigen Laufes besaß, war außerordentlich leicht zu drehen und ergab besonders bei Aufnahmen durchweg gute Resultate.1 Abb. 416, 417, 418.

7. Arndt-Kamera
Von G. [Georg] Arndt, Berlin-Steglitz, wurde ein Kinoaufnahme-Apparat in den Handel gebracht, der einige bemerkenswerte Konstruktionseigenarten aufweist. [Anm. B] Der Sucher ist sehr nahe dem Filmfenster in den Apparat eingebaut. Er ist mit einem dem Aufnahmeobjektiv identischen Objektiv ausgestattet und gibt mittels einer besonderen Einrichtung bei jeder Einstellung den genauen Filmausschnitt wieder. Aufnahme- und Sucher-Objektiv sind fest miteinander verbunden, so daß die Schärfe im Sucher gleich der auf dem Film ist. Die Objektivbefestigung ist so konstruiert, daß ein Auswechseln der verschiedenen Brennweiten sehr schnell vor sich geht. Um bei verschiedenen Brennweiten den richtigen Sucherausschnitt zu erhalten, schaltet man an der linken Außenwand der Kamera die für die betreffende Brennweite bestimmte Kurve ein. Zur Durchsicht für den Sucher und das Filmfenster sind verstellbare Steinheil-Lupen angebracht. Sämtliche für die Aufnahme wichtigen Kontrollen, wie Sucher, Bildsicht auf den Film, Schärfeneinstellung, Objektivblende, Kurbelumdrehungs- und Meterzähler, befinden sich an der Rückwand der Kamera und sind leicht zu übersehen [überblicken]. Die Filmführung ähnelt der des Prévost-Apparates, lediglich der Unterschied besteht, daß die Aufwickelspiralen an der Ausßenseite der Kassetten liegen, wodurch das sichere Funktionieren der

1 Vgl. Henry V. Hopwood: Living Pictures, London 1899, S. 185

Anm. B: Die Kamera erschien Anfang 1921 auf dem Markt und wurde in der Zeitschrift Kinotechnik von Seeber ausführlich vorgestellt (vgl. „Sechs neue Aufnahme-Apparate!" In: Kinotechnik 1921, 3. Jahrg., Heft 5, S. 172).

Abbildung 416: Appletons „Cieroscope“, Kamera und Projektor [aus: Hopwood: Living Pictures, 1899, S. XXI], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 417: Appletons „Cieroscope“-Mechanismus, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 418: Schema der Filmführung in Appletons „Cieroscope“ [identisch mit Abb. 78, S. 66, im Kapitel II], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Spiralen während der Aufnahmetätigkeit leicht zu übersehen ist. Die Aufrollung ist so gestaltet, daß die Drahtspiralen sich automatisch umschalten, so daß also jederzeit beliebig vor- und rückwärts gedreht werden kann. Zur Anbringung von Gelbscheiben und Vignetten ist ein Schlitten vorgesehen, in den man diese hineinsteckt, die sich dadurch ganz dicht vor das Bildfenster schieben lassen. Gelbscheiben und Vignetten lassen sich leicht im Sucher nachprüfen. Das Gehäuse ist aus Teakholz, so daß eine Verwendung der Kamera in den Tropen möglich ist. Eine am Vorderteil vorgesehene optische Bank ermöglicht die Anbringung von Bildfeldmasken und anderen Vorsatzeinrichtungen. Diese Kamera hat sich in den Tropen gut bewährt, ist aber u.W. [unseres Wissens] nur in wenigen Exemplaren hergestellt worden. Abb. 419, 420.

8. Askania-Kamera
Die Askania-Werke, Berlin-Friedenau, bringen eine Aufnahmekamera in den Handel, zu deren Bau sie durch die Verhältnisse nach dem ersten Weltkrieg veranlaßt worden sind. [Anm. C] Sie haben bei dem Bau des Aufnahmeapparates wertvolle Erfahrungen der Praxis berücksichtigt und den bekannten Debrie-Typ mit nebeneinander liegenden Kassetten und zentraler Objektiv-Anordnung gewählt. Durch eine besondere mechanische Vervollkommnung, wie Einbau von Kugellagern, Präzisierung der laufenden Teile und vor allem durch Verbesserung der optischen Einrichtung ist ein Gerät zustande gekommen, das sich nicht nur in Deutschland, sondern in den verschiedensten Ländern, in den Tropen, auf Reisen und gegenüber den verschiedensten Aufgaben vorzüglich bewährt hat. Eine ganze Reihe von bemerkenswerten Detailverbesserungen wurde durchgeführt, wie z.B. das schnelle Auswechseln der Optik, die sichere Kupplung des Verschlußes, das Verriegeln des Vorbaues, das Umschalten auf Einergang und verschiedene andere Dinge. All das zeugt von der Gründlichkeit, mit der die herstellende Firma diesen Fabrikationszweig aufgenommen hat. Auch die Aufwickelvorrichtung wurde nach einem völlig neuen Prinzip aufgebaut und vereinigt bequeme Nachstellung mit unbedingter Sicherheit sowie äußerst sanfter Wirkungsweise. Neben diesem Berufsmodell, das sowohl für Hand- als auch für Motorantrieb benutzbar ist, bringt die Firma einen Rapidapparat in den Handel, der eine Aufnahmegeschwindigkeit bis zu etwa 150 Bildern je Sekunde gestattet. Dessen Antrieb erfolgt zweckmäßig mit Hilfe einer biegsamen Welle

Anm. C: Seeber spielt hier auf den Versailler Vertrag an – mit seinen strengen Demilitarisierungsauflagen für alle Waffengattungen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Die Askania-Werke, vormals Bambergwerk, hatten sich vor allem auf Entfernungsmesser, Visiereinrichtungen, Kompasse sowie Druckmesser und geophysikalische Geräte spezialisiert, die hauptsächlich für Marine und Luftwaffe hergestellt wurden. Damit war das Unternehmen von den Vertragsregelungen besonders hart betroffen. 1920/21 erschien die erste Askania-Filmkamera auf dem Markt (vgl. Kinotechnik, 1921, 3. Jg., Heft 5, S. 171).

Abbildung 419: Arndt-Kamera, Rückseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 420: Arndt-Kamera, Stirnseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 421: Askania-Kamera mit Fernantrieb [mit nicht identifizierter handschriftlicher Bemerkung von Seeber, Verweis auf das Jahr 1920], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

und eines Hilfsstativs (Abb. 421), und diese Vorrichtung hat sich nicht nur bei gewöhnlichen Aufnahmen gut bewährt, sondern auch für die Zwecke der Herstellung von Kulturfilmen, u.a. von mikroskopischen Zeitlupenaufnahmen. Besonders zu loben ist die Beachtung, die die Firma von jeher dem Stativ geschenkt hat. Nicht nur die Art der Beinverstellung durch eine gegenläufige Zylinderschraube, die ein beliebiges Verlängern oder Verkürzen der Beine mit einem Griff ermöglicht, ist hervorzuheben (Posaunenbeine), auch der Neigekopf ist besonders glücklich konstruiert. Er gestattet nicht nur eine große Neigung der Kamera nach beiden Fronten, sondern auch die Möglichkeit, die Getriebe mit einem Griff auszukuppeln. Und das bietet dem Kameramann eine Reihe von besonderen Verwendungsmöglichkeiten. Außerdem liefern die Askania-Werke ein besonders konstruiertes Reisestativ, das sehr klein zusammenlegbar ist, über einen doppelten Auszug verfügt und insofern als praktisch zu bezeichnen ist, als der Kameramann es nicht mehr nötig hat, sich zwei oder drei Typen verschieden langer Stativbeine zu halten. Sondern er kann auch in den schwierigsten Fällen durch die außerordentlich große Veränderungsmöglichkeit der Beine des Reisestativs in Bezug auf ihre Länge überall einen festen Stand der Kamera herbeiführen. Auch einen Verfolgungsstativkopf bringt die Firma in den Handel, der ebenso wie ihre sonstigen Erzeugnisse über eine hohe Präzision der Ausführung verfügt. Abb. 421–425.

9. Bass-Kamera
Die Bass-Camera-Company in Chicago bietet u.a. einen als „U.S. Compact Picture Camera“ bezeichneten Apparat an. Dieser Typ soll 1914 entstanden sein und ist insofern bemerkenswert, als er eine sehr originelle Filmführung besitzt, die aus der beigegebenen Skizze (Abb. 428) hervorgeht. Die Vor- bzw. Nachwicklung erfolgt durch je eine auf einer gemeinsamen Achse sitzende Zahntrommel, und das Filmband muß zunächst senkrecht nach oben gehen, um mit Hilfe einer Spiralschleife die erforderliche seitliche Ausbiegung zu erhalten und hierdurch den Führungskanal paßieren zu können. Die Kamera faßt 60 Meter Film. Die Kassetten sind aus Metall und liegen, wie aus der Filmführung hervorgeht, nebeneinander. Die Objektive sind auswechselbar. Auf der Oberseite befindet sich der

Abbildung 422: Askania-Kamera, Universal-Modell, mit Sucher, Entfernungsmesser, Rückseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 423: Askania-Kamera mit Revolverkopf und optischer Bank, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 424: Askania-Kamera, Stirnseite mit Revolverkopf, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 425: Askania-Reisestativ, [in zwei Höheneinstellungen; aus:] Prospekt Askania über Kino-Aufnahmegeräte, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

übliche Newton-Sucher. Zum Zwecke der Einstellung ist ein Prisma zum seitlichen Einblick eingebaut. Die Kamera ist vorzugsweise für Wochenschau, Schulen, Reisende, Sport und auch für andersartige, jedoch einfache Arbeiten bestimmt. Abb. 426-428.

10. Bell & Howell
Die „Bell & Howell-Kamera“ ist dasjenige amerikanische Fabrikat, das ohne Frage als technisch höchstwertig anzusprechen ist und das deshalb in den Vereinigten Staaten auch die größte Verbreitung gefunden hat. [Anm. D] Der Aufbau der Kamera beruht im Prinzip auf dem von Pathé, indem man auch hier nur eine einzige Zahntrommel zum Vor- und Nachwickeln des Films benutzt und die beiden Kassetten auf dem Oberteile des Apparatgehäuses befestigt. Die Kamera ist außerordentlich fest und sauber hergestellt, ganz aus Metall und besitzt als Charakteristikum eine gänzlich eigenartige absatzweise Filmschaltung, die ihr besonders den Ruf eingebracht hat, daß sie die best-stehenden Bilder liefert, so daß man selbst bei verschiedenen Doppelbelichtungen keine Eigenbewegungen der einzelnen nacheinander erfolgten Teilaufnahmen festzustellen vermag. Wir werden ihren Schaltungsmechanismus anhand einer schematischen Darstellung näher erklären, um dessen Vorzüge zu erläutern und richtig zu bewerten.
Beim Durchlauf des Filmbandes durch die Kamera wurde besonderer Wert darauf gelegt, daß der Film an keinem Teile irgendwelcher Reibung unterliegt, sondern daß er stets von den Schaltorganen frei gehalten und transportiert wird. Wie bereits erwähnt, findet nur eine einzige Zahntrommel für die Vor- und Nachwicklung Benutzung. Die Kassetten selbst sind wegen einer besonderen Einrichtung für den reibungsfreien Filmlauf bemerkenswert, ihr Maul öffnet sich beim Schließen der Tür des Kameragehäuses automatisch, so daß sich beim Durchlauf des Films keine Gelegenheit dazu bietet, daß sich dieses reiben kann. Besonders interessant sind die sogenannten Halte- oder Führungsrollen des Films bei der transportierenden Zahntrommel. Es befinden sich deren je zwei in einer Gabel, die exzentrisch gelagert ist. Durch diese Lagerung wird erreicht, daß eine Rolle dicht an die Zahntrommeln zu liegen kommt, während die andere fast um Zahnhöhe von dieser absteht und dadurch den Film sozusagen „gefühlsmäßig“ den Zähnen zuführt. Durch diese exzentrische Lagerung ist es auch möglich, nur durch Drehung der gleich-

Anm. D: Auf fast acht Seiten widmet sich Seeber der Kameratechnik von Bell & Howell. Dies entspricht seiner Hochachtung für die amerikanischen Geräte und speziell seiner Lieblingskamera, der „Standard Cinematograph Camera“ von Bell & Howell. Vgl. dazu Alex Kossowsky: Die Männer der Kurbel: Guido Seeber. In: Film-Kurier 1925, Nr. 170. Dort auch die folgende Aussage von Seeber, die den Rückstand der deutschen kinotechnischen Industrie anzeigt: „Wir könnten z.B. den Bell u. Howell in Deutschland gar nicht bauen, auch wenn wir eine Lizenz bekämen.“

Abbildung 426: Bass-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 427: Bass-Kamera, geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 428: Bass-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

zeitig den Film seitlich sichernden kleinen Hebel beide Rollen so abzuheben, daß man das Filmband bequem seitlich einführen kann. Die absatzweise Filmschaltung erfolgt im Prinzip so, daß der Film von einem Greifer, der sich nur in einer einzigen Ebene bewegt, der also außer einer auf- und abgehenden Bewegung nicht auch noch eine hin- und hergehende aufweist, nach unten gezogen wird. Zu diesem Zweck liegt das Filmband lose zwischen zwei Führungsplatten, die von einer Kurvennut stets dann, wenn der Greifer mitsamt dem Film den tiefsten Punkt erreicht hat, auf das Objektiv gedrückt und dabei auf zwei feste Stifte aufgesteckt wird. Diese beiden Bewegungen der Schaltelemente werden auch hier, wie beim historischen Lumière-Carpentier-Greifer, durch ein Bogendreieck oder Herzexzenter und eine Kurvennut hervorgebracht. Der von der Zahntrommel in gleichmäßigem Lauf abgerollte Film gleitet durch eine Führung D, in der er keinerlei Reibung unterworfen ist. Diese Filmführung D ist nicht fest, sondern sie wird zum Zweck des Filmtransports von einer Kurvennut 2, in die ein Zapfen dieser Führung eingreift, um wenige Millimeter vor- oder rückwärtsbewegt; sie wird also für die Belichtung gegen das Bildfenster A, hingegen für den Weitertransport gegen die Greiferspitzen C gedrückt. Die Abbildung 431 zeigt schematisch die Stellung der Schaltelemente im Augenblick der Belichtung. Die Filmführung D drückt in dieser Stellung das Filmband nicht nur zum Zwecke der einwandfreien Justierung auf zwei feste Stifte B, die oberhalb des Bildfensters angebracht sind, sondern bewirkt während der Ruhezeit des Bandes, wenn die Belichtung erfolgt, daß das Filmband durch die geeignete Form der Andruckplatte und der Bänder des Bildfensters bis zu einem gewissen Grade gespannt und eben gehalten wird. Während der Ruhezeit des Bandes wandert der Querarm E, der durch eine senkrechte runde Führung und zwei darin befindliche gabelartige Ansätze von dem Bogendreieck seine ab- und aufgehende Bewegung erhält, wieder nach oben zu seiner höchsten Stellung, wie schematisch in der Abbildung gezeigt wird. In dem Augenblick, wo dieser Querarm E mit den Greiferspitzen seinen höchsten Punkt erreicht hat, wird durch den an der Filmführung befindlichen Zapfen, der in die Kurvennut eingreift, die Filmführung sehr schnell zurückgezogen und dabei das Filmband von den festen Justierstiften B oberhalb des Bildfensters auf die Greifer oder besser Transportstifte C

Abbildung 429: Bell & Howell-Kamera, Kamera und Kassetten geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 430: Bell & Howell-Kamera, Kurbelseite mit angesetztem Motor, [aus] Prospekt Bell & Howell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 431: Schema der Filmtransportvorrichtung der Bell & Howell-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

aufgesteckt, um nach Beendigung dieser Bewegung sofort durch letztere um eine Bildhöhe nach unten gezogen zu werden. An der untersten Stellung angekommen, erfolgt durch den Zapfen der Kurvennut 2 sofort die entgegengesetzte Bewegung, und das durch die Transportstifte nach unten gezogene Filmband wird sehr schnell durch die sich jetzt gegen das Bildfenster bewegende Filmführung auf die festen Stifte B oberhalb des Filmfensters aufgesteckt und dabei gleichzeitig während der jetzt erfolgenden Ruhezeit wiederum niedergepreßt und gespannt. Die Transportstifte wandern nun durch die Tätigkeit des Bogendreieckes in der Zeit wieder nach oben, wo die Belichtung erfolgt, und das Spiel beginnt von neuem. Eine seitliche Führung des Filmbandes kommt auch hier völlig in Fortfall, da die beiden Justierstifte oberhalb des Bildfensters nicht nur die Höhe, sondern auch die seitliche Lage einwandfrei registrieren, immer vorausgesetzt, daß die Perforationslöcher mit denkbar geringster Toleranz auf die festen Stifte passen.
Es ist ohne weiteres klar, daß hierbei wirklich die größte Genauigkeit der mechanischen Teile verlangt werden muß; Bell & Howell garantieren deshalb auch nur dann für die einwandfreie Funktion dieser Einrichtung, wenn man Film benutzt, der mit ihrer eigenen Perforiermaschine perforiert ist. Wenn die Perforation nicht ebenso genau ist wie die mechanische Einrichtung der Schaltung, so kann man kaum restlos befriedigende Resultate erhalten. Diese
Filmtransporteinrichtung ermöglicht auch etwas, was mit gewöhnlichen Greiferapparaten nicht möglich ist, nämlich, daß man eine Szene, die man zur rechten Hälfte rückwärts gedreht hat, auf ihrer linken Hälfte im Vorwärtsgang drehen kann, ohne daß eine Höhendifferenz innerhalb der Bildlage eintritt. Bei allen anderen Schaltungen ohne Justierstifte ist meist ein kleines Spiel der Greiferstifte vorhanden, und diese beenden den Transport ein wenig unter dem Punkt, der beim Vorwärtsgang erreicht wurde; daher müssen dort notgedrungen kleine Differenzen entstehen. Bell & Howell stellen diesen Transportmechanismus seit etwa 1913 her. Er hatte ursprünglich nicht die jetzige Form, denn es gelang zunächst nicht, die Kurvennut so zu formen, daß die halbe Zeit zur Belichtung freigegeben werden konnte. Man benötigte anfangs mehr Zeit und konnte daher dem Verschluß nur eine maximale Öffnung von 120° geben. Von jeher sind Bell & Howell in Bezug auf den Filmtransport eigene Wege

gegangen. Ihre ersten Apparate ähnelten dem englischen Apparatetyp von Darling und Prestwich, hatten jedoch bei ihrem Filmtransport bereits die Grundlage der neuen Schaltung angewandt. Das Filmband wurde dort in den Belichtungskanal eingefädelt, und durch eine Art Aufhängung dieses Filmkanals, die eine pendelnde Bewegung ermöglichte, wurde das Filmband schon damals auf die ebenfalls nicht ein- und austretenden, sondern nur auf- und abgehenden Transport- oder Greiferstifte aufgesteckt bzw. transportiert und während der Ruhepause durch Pressung festgehalten.
Die ganze Bell & Howell-Kamera besteht aus einer besonderen Leichtmetall-Legierung, die durch leichtes Gewicht, Festigkeit und Dauerhaftigkeit nicht übertroffen wird und auch atmosphärischen Einflüssen nicht unterworfen ist. Das Gehäuse ist bis auf die Kameratür in einem Stück ausgeführt, und bei seiner Konstruktion wurden die Ausdehnungs- und Zusammenziehungs-Erscheinigungen praktisch fast bis auf Null herabgemindert.
Die Kamera besitzt einen Objektiv-Revolver mit vier Objektiven. Die Platte sitzt auf einem Zentrallager und wird mittels einer Druckunterlagscheibe und einer hohlen Stellmutter gegen den Revolverträger gehalten. Ein besonderer Stellstift sitzt in der Revolverpatte und dient dazu, diese in einer der vier Stellungen festzuhalten, die durch die Anordnung der vier Objektive bedingt sind. Die Aufnahmefenster sind, was Abmessungen und Stellungen bezüglich ihrer Horizontalen und Brennebenen betrifft, völlig identisch. Zum Einstellen des aufzunehmenden Bildes wird die Revolverscheibe um 180° gedreht, und das jeweils verwendete Objektiv gelangt so vor das Einstellfenster mit einer Mattscheibe, hinter der ein stark vergrößerndes Einstellmikroskop die Betrachtung der Szene ermöglicht. Am Revolver können Objektive von jeder Größe und Brennweite benutzt werden, unter der Voraussetzung, daß sie zunächst in die Spezialfassung von Bell und Howell eingepaßt werden. Die Objektive selbst werden in sogenannte Mikrometer-Einstellfassungen eingesetzt; diese sind besonders konstruiert, um der starken Beanspruchung, der sie ausgesetzt sind, standhalten zu können.
Für das Einstellen der Bell & Howell-Kamera sind zwei verschiedene Methoden vorgesehen: erstens durch die bereits erwähnte Mattscheibe, die am Einstellfenster an der Kurbelseite der Kamera an-

gebracht ist. Um die Parallaxe zu vermeiden, muß die Kamera beim Einstellen auf die äußerste linke Seite des Stativs geschoben werden. Dann erst sitzt dieses Fenster in der gleichen optischen Achse wie das Aufnahmefenster beim Drehen. Zu diesem Zweck ruht die Kamera auf einer besonders hierfür eingerichteten Grundplatte, auf der eine schnelle und sichere seitliche Verschiebung um den Abstand der beiden Objektiv-Mitten möglich ist. Die zweite Art der Einstellung kann durch Abmessen der Entfernung des Objektes von der Kamera vorgenommen werden. Die Objektivfassungen tragen Skalen, die sehr sorgfältig festegelegt wurden und durchaus zuverlässig sind. Der Kamera wird außerdem ein Sucher beigegeben, der sich auf der gleichen horizontalen Ebene wie das Aufnahmefenster befindet. Er liefert praktisch das gleiche Bildfeld wie die Aufnahme-Objektive, allerdings muß für jedes Objektiv auch eine Sucherlinse von entsprechender Brennweite benutzt werden.
Die Kamera besitzt einen verstellbaren Verschluß, der aus einer Haupt- und einer Hilfsscheibe besteht. Erstere ist auf der Hauptwelle des Apparates montiert und hat eine feste maximale Öffnung von 170°. Sie dient zugleich als Schwungrad und wirkt in Verbindung mit der Anhaltevorrichtung als Bremse. Die Hilfsscheibe besitzt ein festes Verschlußelement von 170° und sitzt auf einer an der Hauptwelle der Kamera befindlichen Hilfswelle. Sie dient dazu, die Größe der Öffnung in der Hauptscheibe zu verringern. Der Verschluß wird, ohne die Kamera zu öffnen, von außen eingestellt. Der dazu vorhandene Mechanismus wird mittels eines Getriebes bewegt und gibt die Grade der Verschlußöffnung auf einem entsprechend eingestellten Zifferblatt an. Das Verschlußzifferblatt ist von einem schmalen Ring umgeben, der durch Drehen nach links das Kamerawerk blockiert. Das Auf- und Abblenden kann entweder von Hand oder automatisch erfolgen. Der automatische Verschluß wird durch ein Getriebe betätigt, das mit Kurbelwellengetriebe ein- und ausgekuppelt wird. Das verläuft zwangsläufig und erlaubt keine willkürlichen Zeitmaße. Die Ab- und Aufblendung erfolgt bei einer festen Länge von 4 Fuß oder 4 Einzelbildern.
Die Kassetten bestehen aus einem Aluminium-Gußstück und sind als sogenannte Doppelkassetten ausgebildet. Die Deckel sind mit Gewinden versehen und werden mit einigen Umdrehungen aufgeschraubt.

Abbildung 432: Verschlußscheiben-Mechanismus hinter der abgenommenen Revolverplatte der Bell & Howell-Kamera: Belichtungsfenster und Durchsicht-Sucher, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 433: Bell & Howell-Kamera mit Vorrichtung zu Rapidaufnahmen bis zu 128 Bildern/SekundeAbb. 432: Verschlußscheiben-Mechanismus hinter der abgenommenen Revolverplatte der Bell & Howell-Kamera: Belichtungsfenster und Durchsicht-Sucher, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 434: Bell & Howell-Kamera mit Zusätzen für Rapidaufnahmen bis zu über 200 Bildern/Sekunde, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Die Unterseite der Kassette hat passend geformte Nuten, die denen an der Oberseite der Kamera entsprechen und eine lichtsichere Verbindung bilden. Die Kassette wird, nachdem sie angebracht ist, mittels einer Klemmschraube in der Kamera befestigt. An den Öffnungen, durch die der Film aus der Kassette in den Apparat tritt und umgekehrt, befinden sich zwei Lichtklappen. Diese Klappen werden automatisch durch Zusammenwirken eines gefederten Zapfens mit den Klappendeckeln abgedichtet. Alle diese Teile befinden sich im Innern der Kassette. Ein entsprechender Tauchzapfen öffnet im Zusammenwirken mit der Tür der Kamera automatisch die Klappe zum freien Durchgang des Filmbandes, wenn die Kameratür geschlossen ist. Diese Klappen schließen den Film an diesen Öffnungen vollständig vom Licht ab, berühren ihn jedoch nicht, sobald die Tür geschlossen ist.
Die Kamera trägt einen Geschwindigkeitsmesser, der die jeweilige Bildzahl je Sekunde abzulesen gestattet. Eine Filmmarkierungsstanze schneidet eine radiale Kurve in den Rand des Filmbandes. Außerdem ist ein Zähler der belichteten Filmlänge vorhanden, der den durchgelaufenen Film in Fuß angibt. Für die Ausführung von Trickaufnahmen kann ein Spezialzähler, der Einzelbilder und Fuß angibt, angebracht werden.
Zur Kamera wird ein besonderes Stativ geliefert, das sehr sauber und kräftig konstruiert ist und dessen Bewegungseinrichtung sich durch nichts besonderes von den allgemein üblichen [Stativen] unterscheidet. Eine Zusatzeinrichtung der Kamera besteht darin, daß außer der vorerwähnten Einrichtung zum Einstellen auch eine Lupe mit Winkelprisma geliefert wird, die das aufgenommene Bild direkt auf dem Film zu betrachten gestattet. Für die optische Bank ist ein besonderer Träger vorgesehen, der bei Benutzung des Goerz-Vorsatzes aus einem Arm und bei Benutzung der Talhammer Irisblenden-Kombination aus Doppelrohren besteht.
Außer von Hand kann die Kamera auch mit einem Motor betrieben werden. In ein kompaktes Aluminiumgehäuse ist ein umsteuerbarer Elektromotor nebst allen erforderlichen Reguliereinrichtungen eingebaut. Ein kombinierter Schalter ermöglicht die Verwendung von 110 Volt Wechsel- oder Drehstrom und kontrolliert Drehrichtung, Anhalten und Anlassen. Verschiedene Geschwindigkeiten ergeben sich durch Handhabung eines Kontrollknopfes, dessen Zeiger auf einem

Abbildung 435: Bell & Howell-Kamera und Stativ, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

geeichten Zifferblatt die Zahl der je Sekunde belichteten Bilder von 1 bis 32 und höher angibt. Anschläge gestatten ein schnelles Regulieren oder einen Übergang zu vorher bestimmten Aufnahmegeschwindigkeiten, während die Kamera in Betrieb ist. Eine Kupplung ermöglicht es, die Motorwelle mit der Welle der Kamera beliebig aus- und einzurücken, ohne daß es nötig wäre, den Motor anzuhalten bzw. in Betrieb zu setzen. In den Spezialmotor ist ein hochempfindlicher Zentrifugalregulator eingebaut. Er ermöglicht gleichmäßiges Arbeiten, gleicht Schwankungen in der Stromspannung aus und reagiert sofort bei jedem Geschwindigkeitswechsel.
Eine Handabblendungseinrichtung trägt ein entsprechend eingeteiltes Zifferblatt und gestattet es, den Öffnungsgrad des Verschlußes gleichzeitig mit dem Geschwindigkeitswechsel der Kamera zu verändern, so daß die Dichte des Negativs gleich und einheitlich bleibt. Die unbegrenzten Möglichkeiten, die der Antriebsmotor hinsichtlich der Kamera-Regulierung von jeder gewünschten Entfernung aus bietet, liegen klar auf der Hand, da die Distanz, von der aus man den Apparat betreiben kann, lediglich von der Länge des Kabels abhängig ist.
Bei Ausnutzung dieses Vorteils kann der Kameramann den Apparat in jedem erforderlichen Moment, auch wenn die Kontrolle aus gewisser Entfernung erwünscht ist, in Gang setzen oder anhalten.
Für die Kamera werden besondere Transportkoffer geliefert, die so eingerichtet sind, daß die kleineren Koffer wieder ihren Platz im groen finden, um beim Transport nur wenige Gepäckstücke zu bilden.
Die normale Bell & Howell-Kamera kann durch Ansetzen eines Übersetzungsgetriebes und durch Auswechseln des Greifers in eine Rapid-Kamera verwandelt werden. Die Geschwindigkeit der Aufnahme mit dieser Rapid-Vorrichtung beträgt bei normaler Kurbelumdrehung 128 Bilder je Sekunde; bei dieser Geschwindigkeit sind die Ergebnisse ungewöhnlich gute. Durch Umstecken der Kurbel kann die Geschwindigkeit auf das Doppelte, also auf 256 Bilder je Sekunde erhöht werden. Durch Umgestaltung des Greifers und besondere Verlängerungen schufen Bell & Howell ein Spezial-Modell für Tonfilmaufnahmen, das geräuschlos arbeitet. Die Tätigkeit des Transportmechanismus im Innern dieser Spezialkamera ist ohne besondere Schutzvorrichtung höchstens in noch ein bis zwei Meter Entfernung vom Apparat zu hören, dass dürfte in den meisten Fällen genügen, um nicht als störend vom Mikrophon aufgenommen zu werden.
Für Aufnahmen aus freier Hand lieferten Bell & Howell die kleine „Eyemo-Kamera“ (Abb. 436/437), die ganz aus Metall besteht und in

Abbildung 436: Eyemo-Kamera von Bell & Howell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 436a: Eyemo-Kamera von Bell & Howell; [oben] Kamera von vorn bei Aufziehen des Federwerks, [Mitte] Haltung der Kamera bei Aufnahmen aus freier Hand, [unten] Kamera mit Telelinse auf Stativ, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

einen Handgriff ausläuft, der sich ähnlich wie ein Revolver zu halten gestattet. Die Kamera faßt 30 m Normalfilm. Das Filmband befindet sich auf Spulen mit lichtschützendem Anfang und Ende. Es ist also ein Filmwechsel bei Tageslicht möglich. Die Filmführung ist sehr einfach. Von der Vorratsspule läuft das Filmband über eine kleine Zahntrommel, geht durch den Belichtungskanal, der eine verhältnismäßig lange Führung bildet, um dann von einer zweiten Zahntrommel der unteren Spule zugeführt zu werden. Die Optik ist ganz nach Bedarf auch gegen Teleobjektive von rund 30 cm Brennweite auswechselbar. Der Sucher an der linken Seite zeigt ein aufrechtes Bild, bei dessen Betrachtung gleichzeitig eine Wasserwaage zur Kontrolle der Kamerahaltung sichtbar wird. Das Objektiv gestattet die Anbringung eines Sonnenschutzes, da bei der Beweglichkeit der Kamera leicht störende Reflexe eintreten können. Die Begrenzung des Sucher-Bildfeldes ist ohne weiteres der benutzten Brennweite anzupassen. Die freie Verschlußöffnung beträgt 160°, das Gewicht der Kamera 3.200 g.
Als Antrieb dient ein fest in das Gehäuse eingebauter Federmotor, der durch einen Schlüssel aufgezogen wird. Die Kamera ist einstellbar zur Aufnahme von 16,8 Bildern oder nur 1 Bild je Sekunde. Die Kraft des Motors genügt, um etwa 10 m Film durchzuziehen. Nach dem Ablauf dieser Länge muß der Federmotor wieder gespannt werden. Bei der Aufnahme kann die Kamera an dem unten angebrachten Handgriff gehalten werden, der zur weiteren Sicherung einen um die Hand zu legenden Riemen aufweist. Durch Druck mit dem Daumen wird der Kraftantrieb ausgelöst. Das über dem Motorgehäuse angebrachte Zählwerk gibt die jeweils abgelaufene Filmlänge an. Die Eyemo-Kamera findet wegen ihres zuverlässigen Funktionierens starke Anwendung bei beruflichen Filmaufnahmen. Abb. 429-437.

11. Bioptik-Seeber-Kamera
Die Bioptik-Kino-Kamera unterscheidet sich äußerlich kaum von vielen allgemein gebräuchlichen Apparaten und zeigt große Ähnlichkeit mit den Konstruktionen von Darling. [Anm. E] Als typisches Kennzeichen trägt sie jedoch neben dem an der üblichen Stelle befindlichen Objektiv ein zweites, das links vom ersten so angebracht ist, daß sich die Achsen der Linsen in einem Winkel von 90° schneiden. Die Strahlenbündel dieser zwei Objektive werden durch eine optische Vorrichtung, die zwischen ihnen und dem Belichtungsfenster angebracht ist, in einer solchen Weise vereinigt, daß sie der lichtempfindlichen Ober-

Anm. E: Die Spezialkamera hatte Seeber 1920 entwickelt und „unter seiner Aufsicht“ von der kurzlebigen Firma „Werkstätte für Feinmechanik Berlin“ (Werfak) herstellen lassen. Vgl. die Vorstellung des Apparates in: Kinotechnik 1920, 2. Jg., Heft 11, S. 424

Abbildung 437: Innenansicht der Eyemo-Kamera von Bell & Howell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 438: Bioptik-Kamera nach Seeber, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

fläche des Films gemeinsam zugeführt werden. Man kann sie nach Belieben, sowohl ein jedes für sich als auch gleichzeitig, auf den Film wirken lassen, und man braucht daher, um während einer Szene eine Vision in Erscheinung treten zu lassen, diese lediglich seitlich von der Hauptszene aufzubauen, um im gegebenen Moment das zweite Objektiv der Bioptik-Kamera allmählich zu öffnen. Auf diese Weise werden die beiden Bilder, die man zuvor mit aller Sorgfalt einstellen und zueinander räumlich abstimmen kann, gleichzeitig belichtet. Dem Regisseur sind sowohl Haupt- als auch Visions-Szenen gleichzeitig sichtbar, und er kann dadurch das Zusammenspiel beider Szenen bequem überwachen. Die Bioptik-Kamera kann jedoch noch erheblich weitergehende Aufgaben erfüllen. Nicht nur Visionen gestattet sie auf diese beschriebene Art herzustellen, sondern auch neue Wirkungen zu erzielen, deren Erreichung bisher mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden war. Die Bioptik-Kamera kann z.B. mit zwei Objektiven ausgerüstet werden, um so die Gegenstände, Personen oder Bauten der beiden räumlich getrennten, im Bilde aber vereinten Szenen voneinander in verschiedener Größe festzuhalten. Abb. 438.

12. Bol
Die Bol-Kinegraph Gesellschaft in Genf hat unter dem Namen „Bol“ einen 30 m Film fassenden Apparat geschaffen, der außer zu Aufnahmezwecken auch zum Kopieren und zur Projektion dienen kann. Er hat eine Reihe von Hilfseinrichtungen, die als eigenartig anzusehen sind. Beachtenswert ist der Sucher, der aus dem üblichen Ikonometerrahmen besteht, aber anstelle des üblichen Fadenkreuzes zwei bogenförmige Flächen trägt, die hochgeklappt werden können und dann ein Kreuz bilden. Wenn man beim Visieren das Auge in die Höhe der Rückwand bringt, nimmt man nur einen Kreuzfaden wahr. Ist dies nicht der Fall, so sieht man Flächen; d.h. die Kamera wird schief gehalten. Es sind noch eine Reihe anderer, gut durchdachter Einrichtungen an diesem Apparat zu finden, die ihn von anderen, ähnlichen Konstruktionen vorteilhaft unterscheiden. Seine Ausführungsart ist jedoch nicht derart, daß er für berufliche Zwecke in Betracht käme, was auch nicht beabsichtigt ist. Abb. 439.

13. Bourdereau
Die Firma [Alphonse] Bourdereau in Paris bringt unter dem Namen „Cinex“ einen kleinen handlichen Apparat in den Handel, der vorzugsweise als Sport-Kamera, so für Flieger- und Amateur-Aufnahmen, gedacht ist,

Abbildung 439: Kinegraph „Bol“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

aber auch für Spezialzwecke bei Spielfilmen Verwendung finden kann, da der Apparat infolge seine gedrungenen Konstruktion leicht transportabel und beweglich ist. Ursprünglich war die Kamera zur Befestigung auf einem kleinen Stativ gedacht; aber ihre neuere Form besitzt zwei Handgriffe und außerdem elektrischen Antrieb für Aufnahmen aus freier Hand. Die Bauart der Kamera ist einfach. Der Filmtransport wird durch einen einseitig arbeitenden Doppelzahngreifer bewirkt. Die Objektive sind auswechselbar, und die Verschlußblende ist innerhalb gewisser Grenzen verstellbar. Die rückseitig angebrachte Einraumkassette faßt 60 m Film und kann durch Umlegen des Spiraldrahtantriebes für Vor- und Rückwärtsgang benutzt werden. Für den automatischen Antrieb dient ein Elektromotor für Gleichstrom, und ein Regulierwiderstand gestattet, die Aufnahmegeschwindigkeit von 1 bis 16 Bilder je Sekunde zu verstellen. Der Akkumulator besteht aus 3 Elementen, wiegt ungefähr 13 Pfund und kann daher über die Schulter getragen werden. Die Kamera selbst ist nach Entfernung der Handgriffe auf einem Stativ zu verwenden. Die Spannung von 12 Volt für den Motor wurde wegen der in Autos oder Flugzeugen vorhandenen Akkumulatoren-Batterien gewählt. Besonders für Sportaufnahmen dürfte dieses Gerät seinen Zweck sicherlich gut erfüllen. Abb. 440, 441.

14. Brayer
Die unter dem Namen „Appareil de Brayer“ in Frankreich hergestellte Kamera weist äußerlich keine wesentlichen Unterschiede von den üblichen Metalltypen auf, die in ihrem Inneren beide Kassetten nebeneinander bergen. Was sie jedoch von allen übrigen bekannten Konstruktionen unterscheidet, ist die Art des benutzten Verschlußes. Rechts und links vom eigentlich nicht vorhandenen Belichtungsfenster rotiert je eine senkrecht stehende Zahntrommel. Um beide Zahntrommeln herum rotiert ein Stahlband, das sich demgemäß senkrecht zur Laufrichtung des Films bewegt. Es ist durch Schlitze unterbrochen, die nur in 1/10 Millimeter Entfernung vor dem Film vorübergleiten und hierdurch dessen Belichtung herbeiführen. Daß hierbei der Film auf seiner Gesamtbreite belichtet wird, also auch auf seinen Perforationsrändern, scheint unvermeidlich, ist aber an sich ohne Nachteil. Die Breite der Schlitze ist verstellbar. Dies wird in der Weise erreicht, daß der obere Zahnkranz jeder der beiden Trommeln auch während des Betriebes im Verhältnis zu seiner

Abbildung 440: Bourdereaus „Cinex“, geöffnet auf Stativ, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 441: Bourdereaus „Cinex“ als elektromotorisch angetriebene Handkamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

senkrechten Achse verstellt werden kann. Es handelt sich nämlich nicht um ein einziges Stahlband, das über beide Trommeln läuft, sonder um deren zwei, von denen jedes um eine Zahnkranzbreite schmaler ist als die gesamte Trommelhöhe. Beide Bänder liegen so übereinander, daß das obere nur in die oberen, das untere nur in die beiden unteren Zahnkränze eingreift, so daß demnach die oberen Zahnkränze lediglich das obere Band, dagegen die unteren Zahnkränze ausschließlich das untere Band mitnehmen. Verstellt man also die oberen Zahnkränze im Verhältnis zu den unteren in beliebigem Sinne, so gleitet das obere Band um ein bestimmtes Stück in der gemeinsamen Längsrichtung auf dem unteren; es verschieben sich also beide zueinander. Beide Bänder sind von gleichförmigen Schlitzen von 18 mm Höhe und etwa 24 mm Breite unterbrochen, die sich bei bestimmter Lage beider Bänder zueinander vollkommen decken. In dieser Stellung ergeben sie beim gemeinsamen Vorbeigleiten das Maximum der Belichtung. Verstellt man vor Beginn der Arbeit oder während der Aufnahme die Lage des oberen Stahlbandes zu der des unteren, so wird der gemeinsam gebildete Schlitz immer schmaler, bis er sich schließlich ganz schließt. Auf der beigefügten Zeichnung, Abb. 442, die der Broschüre Les Appareils de Prise de Vues Cinématographiques von Marcel Mayer [und André Merle] (Paris 1926) entnommen ist, wolle man beachten, daß die oberen Zahnkränze in ihrer Stellung zu den unteren verschoben sind, so daß die Zahnlöcher des oberen Stahlbandes nicht mehr senkrecht über denen des unteren liegen und daß die Schlitze somit sich nicht mehr miteinander decken und nur eine schmale Belichtungsöffnung frei geblieben ist.
Als Vorteil eines derartigen Verschlußes kann seine Lage unmittelbar vor dem Film und die sich hierauf ergebende ideale Ausnutzung der Objektivlichtstärke angesehen werden. Außerdem vermag man mit seiner Hilfe schnell bewegte Aufnahmeobjekte ohne störende Bewegungsunschärfe abzubilden, wenn sie sich waagerecht von rechts oder links her durch die optische Achse bewegen. Hierzu ist es angebracht, die Schlitze in einer Richtung vor dem Film vorüberlaufen zu lassen, der der Richtung des bewegten Gegenstandes entgegengesetzt ist. Auch diese Möglichkeit hat de Brayer vorgesehen. Auf der Rückseite der Kamera (Abb. 443) befindet sich nicht nur ein von Hand verstellbarer Zeiger C, mittels dessen man auch während des Drehens die Schlitzbreite verstellen kann, sondern auch ein Hebel D, den man umlegt,

Abbildung 442: Brayers Kamera, der Schlitzverschluß-Mechanismus, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 443: Brayers Kamera, Rückseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

wodurch die Laufrichtung beider Stahlbänder augenmerklich umgekehrt wird. Über die praktischen Erfahrungen, die man mit diesem Stahlband-Schlitzverschluß der Kamera von de Brayer gemacht hat, wird bemerkt, daß man mit Hilfe dieses Apparates Rennpferde in vollstem Lauf auch dann, wenn sie ganz dicht vor dem Apparat vorbeilaufen, ausgezeichnet aufnehmen kann. Ebenso Objekte ähnlicher Art, bei denen bisher Schwierigkeiten derselben Natur bei der Aufnahme hinderlich auftraten. Die Belichtungsgeschwindigkeit des Verschlußes kann angeblich bis auf 1/2500 Sekunde gesteigert werden. Die Kamera ist ganz aus Metall. Für die Aufnahmen von Spielfilmen hat man die verschiedensten Anzeigevorrichtungen nach bekannten Mustern an der Rückseite der Kamera verlegt. Wie aus Abbildung 443 ersichtlich, ist die Kamera mit einem eingebauten Durchsichtsucher A, Bildzähler B, Blendenverstellung C, Geschwindigkeitsmesser E und dem Hebel D zum Einstellen der Bewegungsrichtung des Schlitzverschlußes ausgestattet. Abb. 442, 443.

15. Buderus
Die Firma Buderus in Hannover stellte in den Jahren 1900–1906 eine Aufnahmekamera her, die in ihrem Aufbau eine Reihe typischer Merkmale aufweist und bereits 120 m-Kassetten vorsah. Die Filmführung geht aus der beigefügten schematischen Darstellung, Abb. 444, hervor. Die Kamera besaß ein Holzgehäuse, dessen Bodenflächen quadratisch war und je 23 cm Länge aufwies, bei einer Höhe von 51 cm. Die Transporteinrichtung bildete ein Hakengreifer, der wohl als erster in seiner Höhe verstellbar war, um den jeweilig geforderten Bildstrich beliebig einstellen zu können. Die Verschlußöffnung betrug 180°, und die innere Anordnung ermöglichte es, durch ein verhältnismäßig kurzes Sehrohr das Bild einzustellen. Die Verschlußöffnung war ebenfalls verstellbar, das ganze Transportwerk ebenso gedrungen wie einfach.
Außer einem Meterzähler war bereits ein Tachometer vorgesehen. Als besonders bemerkenswert muß die Einrichtung angesehen werden, die es ermöglichte, das Objektiv in seiner Höhe beliebig zu verstellen. Die Kamera von Buderus dürfte eine der ersten gewesen sein, die über eine solche Einrichtung verfügte. Der durch den Aufbau des Ganzen sich ergebende freie Raum war durch kleine Schiebekästen ausgenutzt, um das erforderliche Zubehör in der Kamera selbst unterbringen zu können. Abb. 444, 445.

Abbildung 444: Buderus-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 445: Buderus-Kamera, die geöffnete Objektivtür zeigt Verschlußscheibe und Hakengreifer, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

16. Caméréclair
Die von der Fa. Charles Jourjon in Paris nach dem System Méry hergestellte Kamera ist in Bezug auf ihre Anordnung und mechanische Ausführung sehr bemerkenswert. Ihr Konstrukteur hat bei verhältnismäßig kleinem Ausmaß alle von einer modernen Kamera verlangten Einrichtungen sehr eng zusammengebracht, und sie bietet Vorteile, die sonst selten an einer Kamera vereint sind. Der Greifer ist mit Sperrstiften versehen. Ein Objektiv-Revolver gestattet die Unterbringung von 6 Objektiven, wobei die Revolverscheibe in gewissen Grenzen nach oben und unten zum Dezentrieren der Optik eingerichtet ist. Die Metallkassetten fassen 120 m Film und liegen unmittelbar nebeneinander, und die beiderseitigen Friktionen ermöglichen eine sofortige Umkehrung der Drehrichtung. Eine Mattscheibe gestattet das Einstellen des Films. Durch eine zweite Lupe kann das Bild auf dem Film direkt betrachtet werden. Eine einstellbare automatische Einrichtung zum Schließen und Öffnen des Verschlußes mit 4, 8 oder mehr Kurbelumdrehungen ist eingebaut. Gleichzeitig ist die jeweilige Öffnung des Verschlußes ablesbar, der außerdem beliebig von Hand verstellt werden kann. Ein Kurbelumdrehungszähler und außerdem ein Einzelbildzähler erleichtern Trickaufnahmen. Eine Einrichtung für den motorischen Antrieb ist vorgesehen. Eine groß dimensionierte optische Bank findet ihre Befestigung direkt an der Kamera und entspricht den Anforderungen der modernen Aufnahmetechnik. Ein Stativ besonderer Konstruktion wird auf Wunsch mitgeliefert und ist insofern bemerkenswert, als die Veränderlichkeit der Neigung nicht durch Zahnräder, sondern durch Friktion erfolgt. Abb. 446, 447.

17. Carpentier-Lumière
Der verdienstvolle Konstrukteur Jules Carpentier in Paris, dem wir den Carpentier-Lumière-Greifer verdanken, hat später, nachdem Pathé die technischen Einrichtungen Lumières übernommen hatte und sich der Film über die ganze Welt verbreitete, einen Apparatetyp geschaffen, den er „Cinématolable“ nannte. Wie aus der Abbildung und dem Filmführungsschema hervorgeht, wird die den Mechanismus und den Film enthaltende Kassette von rückwärts in die Kamera eingeschoben und dadurch mit den anderen Apparateteilen gekuppelt. Wie finden eine ähnliche Anordnung bei Ernemann und bei Ertel, München.2 Abb. 448.

2 Vgl. Léopold Lobel: La Technique Cinématographique, Paris 1912, S. 130

Abbildung 446: Caméréclair 1928 mit Objektivrevolver, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 447: Caméréclair: Filmkanal mit Prismen in Aufnahmestellung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 448: Der „Cinématolable“ von Carpentier [Schema der Filmführung], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

18. Casler
Herman Casler in Canastota, Bezirk Madison, Staat New York, US.A meldete am 26.2.1896 und am 10.12. desselben Jahres USA-Patente (Nr. 629063 und 611591) auf eine „Kinetographic Camera“ an. [Anm. F] Dieser Aufnahmeapparat ist deswegen außerordentlich bemerkenswert, weil er unter allen bisher bekannt gewordenen und gebrauchten das größte Filmformat benutzte. Die von Casler benutzten Filmbänder hatten eine Breite von 2 ¾ Zoll (7 cm [recte: 68 mm]) bei 2 Zoll (5 cm) Bildhöhe. Ganz besonders auffällig ist, daß er sich für die Aufnahme und die Wiedergabe keiner Perforation bediente. Die von ihm hergestellten Aufnahmen wurden dem Publikum durch die bekannten Mutoskop-Automaten zugänglich gemacht. Eine Anzahl der aufgenommenen Bilder wurde in Originalgröße auf Bromsilberpapier kopiert, und die Blätter wurden auf einer Achse hintereinander gereiht, so daß sie sich bei deren Drehen abblätterten und wie beim Taschenkinematographen die Bewegungen des aufgenommenen Objektes erkennen ließen. Betrachten wir die Konstruktion der Caslerschen Apparate näher, so finden wir eine Reihe von Ideen verwirklicht, die bei einem derart frühen Zeitpunkt (Lumière führte bekanntlich erstmalig am 28.2.1895 in Paris und in den Vereinigten Staaten im Mai 1896 seinen Cinematographen vor) dem Fachmann hohe Achtung abzwingen.
Wir müssen uns darüber klar sein, daß der Zukunft unbedingt der Großfilm beschieden ist. An anderer Stelle3 habe ich mich hierüber ausführlich geäußert, und jeder Fachmann wird sich nach genauem Studium der nachfolgenden Beschreibung der Caslerschen Apparate darüber klar sein, daß das, was Casler damals gezeigt hat, seiner Zeit sehr weit voraus geeilt war.
Wir entnehmen den Ausführungen von Casler aus dem Jahre 1896 etwa Folgendes [Anm. G]: „Die bisher erfundenen Kameras zu rapid aufeinander folgenden Aufnahmen bewegter Objekte waren mangelhaft. Erstens, weil man mit ihnen die Bilder nicht so groß, wie es wünschenswert war, herstellen konnte; zweitens, weil man nicht genügend lange belichten konnte, um die Bilder unter gewöhnlichen Lichtverhältnissen aufzunehmen.
Bei den bekannten Kameras werden die Photographien auf einem

3 Kinotechnik, 1923, 5. Jahrg., S. 35–38

Anm. F: Die Patentnummern weichen hier von den Anmeldedaten ab. So hat Caslers Patent vom 26.2.1896 die Nr. 580811, während die Nr. 629063 eine Spezifikation des vorigen Patents ist und vom 18.7.1899 datiert.
Anm. G: Die folgenden ausführlichen Zitate (bis S. 29) stammen aus der US-Patentschrift Nr. 629063 vom 18.7.1899, einer modifizierten Fassung des US-Patents Nr. 580811 von Casler vom 26.2.1896. Die Passagen wurden von Seeber aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, wobei er einige Details wegließ bzw. frei übersetzte. Eine inhaltlich identische handschriftliche und maschinenschriftliche Fassung der Übersetzung befindet sich im Nachlass Guido Seeber (Sign. 4.3 – 1985/07-6 Casler).

Abbildung 449: Caslers „Kinetographic Camera“ bei der Aufnahme, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 450: Kopie eines Einzelbildes von Caslers Kamera in Originalgröße, bestimmt für Betrachtung im Mutoskop, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

langen, biegsamen und lichtempfindlichen Filmband erzeugt, von dem nacheinander die einzelnen Abschnitte, einer Bildgröße entsprechend, in das Objektivfeld gebracht und dort festgehalten werden, während ein Verschluß geöffnet wird und das die Linse passierende Licht auf den Film wirken läßt. Um eine zufriedenstellende Bewegungswiedergabe zu erzielen, ist es nötig, daß die zur Reproduktion verwendeten Bildserien mit einer Geschwindigkeit von 40 Bildern in der Sekunde aufgenommen werden.
Während der Verschluß geöffnet ist und das Licht auf den Film wirkt, muß dieses betreffende Filmstück ruhig stehen; man muß also den Film absatzweise transportieren. Wenn man, um diesen ruckweisen Filmtransport zu erzielen, die Bewegung des gesamten Filmführungs- und Transportmechanismus bei jeder Belichtung anhalten wollte, wäre es infolge der durch das plötzliche Halten der äußerst rasch bewegten Teile hervorgerufenen Erschütterungen unmöglich, ein deutliches Bild zu bekommen. Man müßte dann die jeweilige Öffnungszeit des Verschlusßes so niedrig bemessen, daß die Belichtungszeit für den Film nicht mehr ausreichen würde.
Wenn die Ab- und Aufwickelspulen gleichmäßig rotieren und nur der Mechanismus, der den Film über das Belichtungsfenster führt, seine Bewegung unterbricht, d.h. jedesmal vor dem Öffnen des Verschlußes stillsteht und sich nach dessen Schließen wieder weiterbewegt, so wird auf diese Weise zwar das Gewicht der ruckweise arbeitenden Teile sehr stark vermindert. Man wird aber finden, daß das plötzliche Anlaufen und Halten dieser Werkteile trotzdem störende Erschütterungen hervorruft, die nur eine sehr kurze Öffnungszeit des Verschlußes erlauben. Auch kann sich der ruckweise arbeitende Transportmechanismus nicht schnell genug bewegen und den Film nicht so schnell transportieren, ohne, wie bereits erwähnt, äußerst starke Erschütterungen zu erzeugen, und mehr als ein ganz kleines Stück unbelichteten, frischen Films in das Belichtungsfenster zu bringen. Diese Schwierigkeiten habe ich mit der Konstruktion meiner neuen Kamera überwunden, indem ich alle Teile des Filmtransportmechanismus gleichmäßig und gleichförmig rotieren lasse. Während der Verschluß offen ist, hält eine Arretiervorrichtung den Film fest, und die Transportrollen gleiten währenddessen über ihn hinweg. Diese Arretiervorrichtung wird äußerst leicht und einfach bewegt und erzeugt keinerlei Erschütterungen. Alle den Film führenden Teile drehen ununterbrochen und gleichmäßig, ihre Bewegung verursacht also keine Erschütterung der Kamera. Durch eine solche Konstruktion

der Kamera sollte bezweckt werden, daß man mit ihr Reihenaufnahmen schnell bewegter Objekte in größeren Einzelbildern und mit längeren Belichtungszeiten herstellen kann, als dies irgendeine zu ähnlichem Zweck bisher erfundene Vorrichtung erlaubt. Zweitens: Man verfügt hierdurch über einen Filmtransportmechanismus, mit dem man größere Filmlängen, als es bei den bisher benutzten Mechaniken möglich war, transportieren kann und der ohne Geräusch und Erschütterungen arbeitet. Drittens: Es handelt sich hierbei um einen Transportmechanismus, der kein vorheriges Perforieren oder irgend eine andere besondere Zurichtung des Films nötig macht und der infolge Schlüpfens des Films bei der Arbeit nicht versagt. Viertens: Es wird gewährleistet, daß der Transportmechanismus den Film nicht zerrt, zerreißt oder sonstwie beschädigt. Fünftens: Es handelt sich um eine Vorrichtung, mit der man den Film an der Stelle und im Augenblick jeder Belichtung „markieren“ kann, um das genaue Passen der Kopien zu sichern, wenn die verschiedenen Aufnahmen getrennt „montiert“ werden müssen. Sechstens: Man kann mittels einer besonderen Vorrichtung den Film aufrollen und so jede Ansammlung von losem Film in der Kamera vermeiden. Endlich siebentens ist die Kamera einfach in ihrem Bau, tragbar und leicht zu bedienen.
Alle diese Forderungen werden durch die nachfolgend beschriebene Kamera erreicht und durch drei Abbildungen (Zeichnungen) dargestellt.
Fig. 1 (Abb. 451) ist die Seitenansicht der Kamera; die seitliche Kastenwand ist fortgenommen. Fig. 2 (Abb. 452) ist eine Ansicht der Kamera von oben bei abgenommenem Kastendeckel. Fig. 3 (Abb. 453) ist die Vorderansicht; die Vorderplatte ist abgenommen, ebenso ist die Verschlußscheibe nur zum Teil gezeichnet.
In den Abbildungen ist 1 das Kameragehäuse, 2 das vorn am Gehäuse befestigte Objektiv und 3 eine unten am Boden von 1 befestigte Platte, die den Filmeinführungs- und Transportmechanismus trägt. 4 ist die Antriebswelle der Kamera. Sie ist im Gehäuse in Lagern montiert. Ein Ende ragt aus diesem hervor und trägt die Scheibe 5, mittels deren man sie durch einen Motor oder eine andere Kraftquelle antreiben kann. 6 ist die den belichteten Film tragende Spule. Sie sitzt drehbar an einer Spindel 7, die aus der Platte 3 herausragt. Man kann, wenn der Film abgewickelt ist, die Spule herausnehmen und eine frische auf die Spindel schieben, indem man den

Abbildung 451: Fig. 1 aus Caslers Patentschrift [Nr. 629063 vom 18.7.1899], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 452: Fig. 2 aus Caslers Patentschrift [Nr. 629063 vom 18.7.1899], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 453: Fig. 3 aus Caslers Patentschrift [Nr. 629063 vom 18.7.1899], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Splint 8 entfernt.
9 ist eine Spule, auf die der belichtete Film aufgewickelt ist. Sie sitzt auf einer Welle 10, die drehbar in einem Lager innerhalb einer Nabe 11 der Platte 3 befestigt ist und von der Triebwelle 4 durch Kugelgetriebe 12 und 13 angetrieben wird. Spule 9 und Welle 10 sind mittels einer unten beschriebenen Friktionseinrichtung drehbar verbunden.
14 ist die Haupttransporttrommel für den Film, die sowohl den Film gleichzeitig von der Vorratsrolle abrollt und nach erfolgter Belichtung der Aufwickelrolle zuführt. Diese ist an Welle 15 befestigt (Lager in Nabe 16 der Platte 3) und wird von der Welle 4 mittels Schraubenrad 17 und Schraube 18 angetrieben. Zwei kleine leere Rollen 19 und 20 sitzen auf Spindeln 21 und 22; ihre Oberflächen sind in Kontakt mit der Oberfläche von Trommel 14. Diese Rollen sitzen lose auf ihren Achsen und werden nur durch die Reibung mit der Trommel 14 oder dem Filmstreifen, der zwischen Rollen und Trommel läuft, angetrieben. Ihr Zweck ist, den Kontakt des Films mit der Trommeloberfläche zu sichern. Am besten fertigt man sie aus einem nachgiebigen, elastischen Material oder überzieht ihren Umfang mit einem solchen, um möglichst alle Beschädigungen des Films zu verhüten.
23 ist eine im rechten Winkel an Platte 3 befestigte Platte, die in der Schärfeebene das Objektes sitzt und dem Film eine Unterlage bietet, während dieser belichtet oder, wie später beschrieben, gestanzt wird.
24 und 25 sind Hilfstransporttrommeln, die den belichteten Film fortschaffen und nach jeder Belichtung ein frisches Stück in das Belichtungsfenster bringen. Sie drehen sich zusammen mit der gleichen Geschwindigkeit. Rolle 24 sitzt auf Achse 26, die in Platte 3 gelagert ist und von Welle 4 mittels Kugelrädern angetrieben wird. Diese Rollen befördern den Film absatzweise vorwärts; letzterer wird festgehalten und während der halben Umdrehung der Verschlußscheibe am Gleiten über Platte 23 durch die später beschriebene Arretiervorrichtung gehindert. Während dieser Zeit gleiten die Rollen lose über den Film. Da sie nur unterbrochen arbeiten und während der Tätigkeit so viel Film vorwärts befördern müssen, als von Trommel 14 und Rolle 19 während einer Gesamtumdrehung der Verschlußscheibe gefördert wird, ist die Anordnung getroffen, daß sie sich zweimal oder mehr als zweimal so schnell drehen, wie die

Umfangsgeschwindigkeit der Scheibe 14 ist.
27 ist eine flache Feder, die mit einem Ende an der Platte 3 befestigt ist, während das andere Ende dazu dient, das Filmband gegen den oberen Teil der Halteplatte 23 zu pressen. Diese Feder bildet die Arretiervorrichtung, die den Film zur Belichtung im Belichtungsfenster festhält. Ihr freies Ende ist aufgebogen und mit einem Schlitz 28 versehen. Darin arbeitet ein Zapfen 29, der an einer drehbaren Achse 30 befestigt ist, die ihrerseits wieder in Platte 3 gelagert ist. Diese Achse geht durch die Platte hindurch und trägt an deren Rückseite einen Arm 31, der sich direkt über Welle 4 befindet. Auf Welle 4 sitzt ein Exzenter 32, dessen Exzenterring 33 mit dem Arm 31 durch die Exzenterstange 34 verbunden ist. 34 ist mit dem Exzenterring mittels Zapfen und mit Arm 31 durch ein Universalgelenk verbunden.
Wenn sich die Welle 24 dreht, gerät die Achse 30 in Schwingungen. Die Größe dieser Schwingung genügt, um den Zapfen 29 jedesmal in den äußeren Teil des Schlitzes 28 eingreifen zu lassen. Dadurch wird die Feder 27 vom Film abgehoben und während der Zeit, in der der Verschluß der Kamera geschlossen ist, von ihm ferngehalten.
35 ist die Verschlußscheibe, die den Zutritt des Lichtes zum Film reguliert. Sie besteht aus einer dünnen Scheibe, die unmittelbar hinter dem Objektiv auf der Antriebswelle 4 befestigt ist. Ein Teil ihres Umfanges ist weggeschnitten, so daß die Linse während eines Teiles der Umdrehung nicht verdeckt ist und das Licht auf den Film fallen kann.
Wenn die verschiedenen Bilder oder die Kopie von einem mit dieser Kamera hergestellten Negativstreifen getrennt montiert werden sollen (wie z.B. in den Mutoskopen), so ist es nötig, mittels einer Vorrichtung die Stelle eines jeden Bildes auf dem Filmstreifen genau zu markieren, damit man die Bilder der von dem Streifen gemachten Kopien, wenn sie später einmal einzeln montiert werden sollen, genau registrieren kann.
Diese Markierung wird bewirkt, indem bei jedem neuen Vorrücken des Filmbandes in dieses zwei Löcher gestanzt werden. Auf der Achse 30, zu beiden Seiten der Feder 29, sitzt ein Arm 36, der eine Stanze 37 trägt. Bei jeder Schwingung der Achse 30 stanzt diese ein Lochpaar in den Film. Die so hergestellten Löcher werden im Augenblick jeder Belichtung gestanzt und haben in Bezug auf die Bildmitte jedes Mal denselben Platz inne.

Wenn man von diesem in der Kamera aufgenommenen und dann entwickelten Film-Negativ eine Kopie herstellen will, dreht man zuerst das zu dieser benötigte Positivband durch die Kamera oder eine ihr entsprechende Stanzvorrichtung, damit man auf ihm die Löcher in gleichem Abstand wie beim Negativ erhält. Wenn man das Negativ- und Positivband zum Zwecke des Kopierens in eine dafür geeignete Vorrichtung bringt, werden die Paßlöcher durch Justierstifte, die in die Löcher beider Filme eingreifen, zum genauen Passen gebracht, und dann wird, wie bekannt, Bild für Bild kopiert.
Wenn man die Kamera gebrauchsfertig machen will, öffnet man zuerst die eine Seite des Gehäuses 1 und hat so Zutritt zum Werk. Dann bringt man eine Filmspule auf Spindel 7 und führt deren Ende zwischen Trommel 14 und Rolle 19 über Platte 23 unter der Haltevorrichtung 27, zwischen den Hilfstransporttrommeln 24 und 25, Trommel 14 und Rolle 20 zur Aufwickelspule 9, an der man es befestigt. Dann schließt man die Seite des Gehäuses 1, ohne zu vergessen, zwischen den Rollen 24 und 25 und 14 und 20 eine lose Schleife zu lassen. Die Kamera ist sodann arbeitsbereit.
Die Figuren 1, 2 und 3 der Kamera (Abb. 451–453) geben den Mechanismus in der Stellung wieder, die von allen Teilen bei offenem Verschluß und halbvollendeter Belichtung eingenommen wird. Die Feder 27 hält den Film fest gegen den oberen Teil der Platte 23. Trommel 14 dreht sich gerade in Richtung des Pfeiles (Abb. 451) und zieht den Film von Spule 6, der sich, da er nicht über die Platte 23 transportiert wird, in einer Schleife zwischen Trommel und Platte 23 ansammelt. Eine Schleife belichteten Films, die sich, wie wir sehen werden, zuvor zwischen den Hilfstransportrollen 24 und 25 und Trommel 14 gebildet hatte, wird durch den Weitertransport des Films von Trommel 14 und Rolle 20 aufgenommen und auf die rotierende Spule 9 aufgewickelt. Beim Weiterdrehen der Welle 4 schneidet die Kante der Verschlußscheibe das Licht vom Objektiv ab. In diesem Augenblick hebt sich der Zapfen 29 nach oben, nimmt die Feder 27 mit und gibt so den Film frei. Während der Verschluß offen steht, gleiten die Hilfsrollen 24 und 25 einfach über den Film weg, können ihn aber nicht transportieren, da er von der Feder 27 gehalten wird. Sobald diese ihn freigibt, nehmen ihn die Rollen 24 und 25 sofort mit.
Wie bereits erwähnt, drehen sich diese Rollen mit der doppelten Umfangsgeschwindigkeit von Trommel 14. Während der Zeit des Lichtab-

schlußes befördern sie also so viel Film über die Platte 23, wie die während einer ganzen Verschlußumdrehung zwischen Trommel 14 und Platte angesammelte Schleife ausmacht. Die Filmschleife zwischen 14 und 23 wird also befördert, während der Verschluß geschlossen ist. Der Filmüberschuß in dieser Schleife entspricht der zu einer neuen Belichtung erforderlichen Filmlänge. Zugleich bildet sich den zwischen Rollen 24 und 25 und Trommel 14 eine andere, korrespondierende Schleife, da der Film von den Rollen 24 und 25 viel schneller vorwärts gefördert wird, als ihn Trommel und Rolle 20 aufnehmen können. Die Weiterdrehung der Welle 4 bewirkt das Öffnen des Verschlusses. Kurz zuvor berührt die sich mit Zapfen 29 herabsenkende Feder 27 den Film und hält ihn fest gegen die Platte 23. Die Hilfstransportrollen, die den Film nicht mehr fortbewegen können, gleiten über seine Oberfläche. Die Belichtung beginnt, sobald sich der Verschluß öffnet und dauert ungefähr eine halbe Umdrehung der Verschlußscheibe. Die Achse 30 bewegt sich, nachdem die Feder 27 den Film auf der Platte 23 erreicht hat, noch weiter und verursacht, wie oben bereits erklärt, mittels der Stanzen 37 das Lochen des Films. Diese Stanzen werden wieder durch die Rückbewegung der Achse 30 zurückgezogen, bevor der Zapfen 29 die Feder 27 hebt und den Film freigibt.
Zu beachten ist, daß sich alle Teile des Werkes, ausgenommen die Feder 27, Achse 30 und die damit verbundenen Teile, ständig drehen und keinerlei Erschütterungen erzeugen. Feder 27, Achse 30 und die damit verbundenen Teile sind so klein und leicht, beschreiben derart kleine Bahnen bei ihren Bewegungen und sind so solide gefestigt, daß ihr Arbeiten kein störendes Geräusch erzeugt.
Trommel 14 und Rolle 19 sowie die Hilfsrollen 24 und 25 sind möglichst nahe an die Platte 23 herangebracht, damit die von 24 und 25 in Bewegung gesetzte Filmlänge möglichst gering ist. Wenn also der Druck der Feder 27 nachläßt, beginnt sofort die Bewegung des Films über die Platte; ein Zerreißen des Films, das sehr gern eintritt, wenn eine größere Länge Film plötzlich in Bewegung gesetzt wird, ist dadurch vermieden.
Um jede Gefahr, die durch eine allmähliche Ansammlung von Film in der Schleife zwischen Trommel 14 und Platte 23 (infolge eines [möglichen] Gleitens des Films zwischen 24 und 25) hervorgerufen werden könnte, zu vermeiden, drehen sich diese Rollen etwas schneller, als theoretisch nötig ist, d.h. die Drehgeschwindigkeit ist etwas mehr als zweimal so groß wie die Umfangsgeschwindigkeit der Trommel 14, damit bei jedem Vorwärtstransport des Films durch die Rollen 24

und 25 die Schleife zwischen Platte 23 und Trommel 14 gänzlich aufgenommen wird. Um dem allmählichen Anwachsen von Spule 9 (Aufwickelspule) Rechnung zu tragen und zu verhüten, daß diese den Film immer schneller aufwickelt, ist sie nicht direkt mit ihrer Achse 10 verbunden, sondern nur lose darauf gesteckt. Sie wird durch eine fest mit der Achse 10 verbundene federnde Friktionsscheibe 38, die gegen die Spule 9 drückt, mitgenommen. Wenn nun der Film zwischen der Spule 9 und Trommel 14 angespannt ist, gleitet erstere etwas gegen Achse 10 und die federnde Scheibe 38.
Alle Transportrollen drehen sich ständig und gleichförmig. Wenn also der Film über das Belichtungsfenster transportiert werden soll, braucht nicht erst die Trägheit irgendwelcher Apparateteile, sondern nur die eines ganz kleinen Teils des Films überwunden werden. Man kann also eine beträchtliche Länge Film in einer dazu vorgesehenen Zeitspanne an dem Belichtungsfenster vorbeiführen. Wie aus der Abb. 453 ersichtlich, läßt die Verschlußscheibe nahezu während der Hälfte ihrer Umdrehung das Licht durchfallen. Man kann, falls es gewünscht wird, den Verschluß auch so einrichten, daß er viel länger als während einer halben Umdrehung offen ist. Man braucht dazu nur einen größeren Teil aus seinem Umfange herauszunehmen, weiter die Umfangsgeschwindigkeit der Hilfstransportrollen proportional zur Geschwindigkeit der Trommel 14 zu erhöhen und die Größe der Bewegung und Stellung des Zapfens 29 so einzustellen, daß die Feder 27 zur richtigen Zeit freigemacht und abgehoben wird. Auf diese Art kann man die für jede Einzelbelichtung zur Verfügung stehende Zeit erheblich verlängern.
Wie aus den Abbildungen und der Beschreibung ersichtlich, geschieht der größere Teil der Arbeit des Transportierens – das Abwickeln des Films von Spule 9 – durch die Trommel 14; die Rollen 24 und 25 haben nur ein ganz kurzes und locker gehaltenes Stück zu befördern, so daß also ihr Druck auf den Film sehr klein ist und letzterer durch deren Schlüpfen nicht beschädigt werden kann.
Die praktische Ausführung der Kamera läßt kleine konstruktive Änderungen gegenüber den Zeichnungen erkennen, die sich aus dem praktischen Betrieb ergeben haben. Wir sind in der Lage, eine photographische Wiedergabe der Caslerschen Kamera zu bringen (Abb. 454), die deren Konstruktion bei aufmerksamem Vergleich […] mit den Zeichnungen gut erkennen läßt. Im Innern der Kamera liegen die runden Filmabfälle, die durch das während der Aufnahme erfolgte Perforieren

Abbildung 454: Caslers Kamera geöffnet, auf dem Boden der Kamera runde Perforationsspäne, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

entstehen.
Das Äußere der Kamera ergibt sich aus Abb. 449, die zeigt, daß man den Motor nicht direkt auf die Kamera, sondern auf eine besondere Brücke setzt. Die Kamera war nur auf einer Scheibe drehbar; als Stromquelle diente eine große Akkumulatorenbatterie. Wenn auch über die erforderliche Antriebskraft nichts Genaues mehr zu erfahren ist, so darf man doch diese wohl mit etwa 1 PS annehmen. Abb. 449 zeigt die Aufstellung der Kamera während einer Aufnahme und gibt durch die Wiedergabe der neben ihr stehenden Menschen einen guten Maßstab der Größe.
Man sieht einen heranbrausenden Eisenbahnzug, eines der wirksamsten Bilder des „American Biograph“, erkennt deutlich die Art der Kameraaufstellung und sieht außerdem an ihrer Rückseite neben dem Motorantrieb das gesondert angetriebene Tachometer, um jederzeit die Dreh- bzw. Bildzahl der Aufnahmen je Sekunde kontrollieren zu können. Die Filme hatten gewöhnlich eine Länge von 200 Fuß, also von etwa 60 Metern, und ein Meter Film trug 20 Einzelbilder. Da nun Casler je Sekunde 40 Bilder aufnahm, liefen also in dieser Zeit 2 Meter Film durch seinen Apparat. Die Aufnahmedauer betrug demnach in den meisten Fällen etwa 30 Sekunden. Später sah man auch viel längere Filme, die teils sogar mit Trickszenen verbunden waren.
Die Kamera-Konstruktion von Casler hat hinsichtlich ihres absatzweisen Filmtransports gewisse Ähnlichkeit mit der von Marey. Auch er hielt das Filmband, wie Casler, durch mechanischen Druck zum Zwecke des Stillstandes fest. Dagegen besitzt Casler in anderer Hinsicht eine Priorität, nämlich die, daß er wohl als erster eine einzige Trommel für die Vor- und Nachwicklung benutzte. Auch das Perforieren während der Aufnahme ist ohne Frage für damals ein erheblicher Fortschritt gewesen, der sich dann auswirkte, wenn man die so aufgenommenen Filme wieder vorführen wollte.
Zur Vervollständigung möchten wir noch eine Abbildung des für die Vorführung dieser Filme konstruierten Projektionsapparates [„Biograph“] hinzufügen, Abb. 455. Da auch hier der Film keinerlei Perforation auswies, wurde er auf äußerst sinnreiche Weise durch endlose Gummiriemen vor- bzw. nachgerollt, und es war erstaunlich, daß diese von der Norm abweichende Vorrichtung eine bisher noch nicht übertroffene Wirkung hervorrief. Casler war bisher tatsächlich der einzige, der mit seinen Apparatekonstruktionen nicht nur derart große Filme aufnehmen, sondern [diese] auch durch Reihenprojektion einwandfrei vorführen konnte und außerdem einen Film benutzte, der keinerlei Perforation auswies. Abb. 449–455.

Abbildung 455: Caslers Vorführungsapparatur mit eingebautem Lampenhaus, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

19. Castagna
Die Firma Castagna & Co. in Wien hat einen Kamera-Typ aus Leichtmetall hergestellt, dessen Triebwerk aus Stahl oder Rotguß teilweise in Kugellagern läuft. Die Durchkonstruktion des Apparates ist, abgesehen vom Lumière-Greifer, neuartig; beachtsam ist u.a. die Anbringung von 3 Objektiven auf einer Revolverscheibe. Diese ist nötigenfalls um nur ganz wenige Grade, die von einer Skala abgelesen werden können, drehbar, so daß man das Objektiv nach oben oder unten verstellen kann. Zur Bildeinstellung dient eine Lupe, die ihre Einblicköffnung an der Rückseite der Kamera hat. Man kann aber auch in ähnlicher Weise wie bei Bell & Howell das Objektiv durch Drehen der Revolverscheibe um 180 Grad vor eine Mattscheibe bringen, die an der linken Seite des Apparates befestigt ist und hiermit die Einstellung vornehmen. Das nach vorn aufklappbare Vorderteil des Apparates enthält das Bildfenster auf der Druckplatte, und da in ihm der Objektivträger fest angebracht ist, so kann eine Veränderung der Bildeinstellung nicht eintreten. Der Verschluß kann sowohl von Hand als auch beliebig automatisch in seiner Öffnung verändert werden. Er hat die Einrichtung, daß er von jeder vorher beliebig eingestellten Verschlußöffnung sich in der gleichen Zeit schließt, wie aus der vollkommen offenen Stellung von 180 Grad. Das Ende des Schließens oder Öffnens des automatischen Verschlußes wird nicht durch einen Schieber, sondern durch ein akustisches Signal angezeigt. Die Kurbel ist vom Achtergang auf den Einergang umschaltbar. An der Rückwand des Apparates befinden sich Filmmeter-Zähler, Einstell-Lupe, eine Friktionseinstellung für die Kupplung sowie die Signale für die Einstellung der Verschlußöffnung. Erwähnenswert ist, daß die am Apparat befestigte Kurbel auch leer gedreht werden kann, was sich vielfach beim sogenannten „blinden“ Drehen als sehr nützlich erweisen kann. Die Kassetten sind aus Leichtmetall und haben eine einfache Vorrichtung, mit der die Samtabdichtung der Filmeinführung leicht ausgewechselt werden kann.
Als Eigenart besitzt dieser Apparat eine nach maschinentechnischen Grundsätzen eingerichtete Zentralschmierung. Der Kameramann hat nur […] eine Schmierstelle mit geeignetem Öl zu füllen, und von dort aus wird dieses den einzelnen Lagerstellen mittels besonderer Röhrchen selbsttätig zugeführt. Die sonstige Ausführung lassen die beigefügten Abbildungen gut erkennen. Abb. 456, 457.

Abbildung 456: Castagna-Kamera mit nur 2 eingeschraubten Objektiven und großer Irisblende, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 457: Castagna-Kamera, Rückseite: A = automatische Blendenverstellung, AK = Knopf für Blendenverstellung, D = Hebel zur Drehzahlveränderung von A, G = Hebel zur Handblendenverstellung, F = Friktionseinstellung, T = Hebel für Einergangstellung, V = Vignettenschlitz, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

20. Chronomatograph
Die Chronomatograph-Kamera der Knega-Company in Washington, USA ist ein verhältnismäßig frühzeitig, vielleicht schon 1905 entstandenes Modell, das im Aufbau an den bekannten englischen Typ von Darling erinnert, aber einige sehr bemerkenswerte Konstruktionseigenarten aufweist.
Zunächst kann das Objektiv in seiner Höhenlage verändert werden, um in gewissen Grenzen ein Neigen oder Heben des Apparates zu vermeiden. Besonders auffallend ist ein an der Kurbelseite angebrachter langer Hebel, der dazu dient, während der Aufnahme die Öffnung der Verschlußscheibe beliebig zu verändern. Es dürfte dies also die wohl älteste Kamera sein, die eine solche Vorrichtung in praktischer Ausführung trägt.
Eine weitere Eigenart der Chronomatograph-Kamera besteht darin, daß man die Hauptkurbel in sehr origineller Weise umlegen kann; für den Griff ist in diesem Fall eine unten sichtbare Öffnung vorgesehen. Man brauchte die Kurbel also niemals abzunehmen, sondern man legte sie einfach um, damit sie beim Transport nicht beschädigt werden konnte und kein Hindernis bildete.
Für Trickaufnahmen, also für den Einergang, ist eine besondere Kurbel vorgesehen, die auf der Abbildung in umgeklappter Lage sichtbar ist. Sie muß wohl außerdem mit einer Art Freilauf verbunden gewesen sein, da sie andernfalls in dieser Lage den Betrieb des Apparates blockiert hätte. Sie belichtete je Umdrehung nur ein Bild und gab sich eine gleichmäßig lange Exposition, ganz gleich, ob man die Kurbel schnell oder langsam umdrehte. Wie dies mechanisch funktionierte, ist leider nicht mehr feststellbar, es dürfte aber mit dem Freilauf so zusammenhängen, daß die Belichtung unabhängig von der Drehgeschwindigkeit durch Spannen einer Feder erfolgte. Ein Rückwärtsgang war nicht vorgesehen, statt dessen aber ein Stativgewinde auf der Oberseite, um durch ein Auf-den-Kopf-Stellen der Kamera rückläufige Bewegungen aufnehmen zu können. Die Objektive waren leicht auswechselbar, und für die Zwecke der Einstellung war eine seitliche Einblicköffnung vorgesehen.
Für die damalige Zeit dürfte diese Konstruktion ohne Frage eine technische sehr vollendete Bauart dargestellt haben. Abb. 458.

Abbildung 458: Chronomatograph-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

21. Cinchro
Die Firma Cinechrome-Instrument [Company] Ltd. in London bringt unter obiger Bezeichnung eine Kamera in den Handel mit nachfolgenden Konstruktions-Einzelheiten:
Das Gehäuse ist ganz aus Duraluminium und wird auf Verlangen auch aus Mahagoni hergestellt. Die Ausmaße sind: 20 cm hoch, 17 ½ cm breit, 35 cm lang. Die Kamera hat ein Gewicht von 8 Kilo einschließlich zweier Kassetten. Der Gesamtmechanismus kann zum Zwecke der Reinigung und der Kontrolle in einem Stück herausgenommen werden. Der Greifer hat die Form eines Sektors mit 7 Zähnen und wirkt einseitig. Er greift in den Film und verläßt ihn im Winkel von 90 Grad (statt der üblichen halbkreisartigen Bewegung). Der Verschluß kann bis zu einer Öffnung von 230 Grad geöffnet werden und schließt sich mit jeder gewünschten Zwischenstellung bis auf Null. Eine Vorrichtung an der Rückseite der Kamera läßt erkennen, welche Öffnung jeweilig der Verschluß hat. Die Bilder werden in vier Fuß-Gruppen bis zu 400 Fuß angezeigt, ebenso die Einzelbilder von 1 bis 64 Bildern. Für die Einteilung ist eine vergrößernde Betrachtungslupe vorgesehen. Die Skalen gelten für 50- oder 75-mm-Objektive; alle anderen abweichenden Brennweiten können angebracht werden. Die Irisblende wird mit Hilfe eines Zeigers, der sich auf der Rückseite der Kamera befindet, eingestellt. Die Kurbel an der rechten Seite der Kamera ist abnehmbar und gestattet ohne Umstellung eine Änderung der Drehrichtung. Die Betätigung eines Knopfes ermöglicht eine sofortige Umschaltung vom Achter- auf den Einergang und umgedreht.
Die Markiervorrichtung stanzt Halbmonde aus der Kante des Films. Die Tür im Belichtungskanal hängt an einer Angel auf Stiften, von denen sie nur abgehoben zu werden braucht, wenn man sie herausnehmen will. Beliebig gestaltete Marken kann man durch einen seitlichen Schlitz in die Kamera einführen, ohne sie selbst öffnen zu müssen. Der aus der Kamera hervorragende Teil der Maske läßt durch eine Bezeichnung erkennen, was für eine Maske jeweils eingesetzt ist.
Die Kassetten sind aus gepresstem Aluminium hergestellt und haben ein Fassungsvermögen von 120 m. Zur Kamera wird ein besonderes Stativ mit extra starkem Kopf aus Aluminiumguss geliefert. Der ganze Stativkopf für sowohl horizontale als auch vertikale Panoramabewegungen ist vollständig gekapselt und wird durch zwei voneinander un-

Abbildung 459: Cinchro-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

abhängige Kurbeln getätigt. Das Neigen kann bis zu 22 Grad in jeder Richtung erfolgen, während das Panoramieren wie üblich 360 Grad beträgt.
Die Stativbeine sind ganz aus Metall, kräftig gebaut und bis 2,25 m Höhe leicht verstellbar. Das Stativ soll in jeder Stellung völlig stabil sein. Besonders geformte Spitzen sichern einen festen Stand auch auf glatten Flächen.
Außer diesem Modell, das besonders für das Atelier gedacht ist, stellt die Firma noch ein sogenanntes Reporter-Modell her, das einfacher ist und in einem Holzgehäuse geliefert wird. Alle für Reporterzwecke überflüssigen Einrichtungen sind fortgelassen. Abb. 459.

22. Danmark
Die Danmark-Gesellschaft in Kopenhagen hat etwa im Jahre 1920 eine bemerkenswerte Konstruktion von [Ernst Gustav Wilhelm] Dittmer herstellen lassen, die ohne Frage verschiedene interessante Kombinationen aufweist. Die Filmführung entspricht der von Prévost. Sie trägt auf dem Gehäuse 120 m-Kassetten, wobei sich eine Größe von 45 x 17 x 21 cm ergibt. Das besonders Bemerkenswerte bei dieser Kamera ist ihre Verbindung mit einem kleinen Plattenaufnahmeapparat, und das in der Weise, daß die Aufnahme auf einer Platte während des Kurbelns stattfinden kann und vom Kameramann selbst betätigt wird. Die Plattengröße beträgt allerdings nur 4½ x 6 cm. Der Verschluß des Plattenobjektivs korrespondiert mit dem Kinoverschluß, wodurch ermöglicht wird, auf der Platte genaue Belichtungsproben vorzunehmen. Die für Plattenaufnahmen gedachte Kamera ist gleichzeitig als Sucher zu verwenden und kann außerdem durch die Kupplung der beiden Objektive dazu dienen, die Schärfe des Filmbandes einzustellen. Dadurch wird es vermieden, daß der Film selbst zum Zwecke des Einstellens von Licht getroffen wird. Bei der Konstruktion wurde das Prinzip verfolgt, den Schwerpunkt möglichst tief zu legen, um einen ruhigen Stand der Kamera beim Drehen zu erreichen.
Die Blende ist von außen einstellbar. Eine eingebaute automatisch wirkende Vorrichtung kann zum Zwecke der Auf- bzw. Überblendung beliebig eingerückt werden. Um den Film zurückzudrehen, ist nur die entsprechende Betätigung der Kurbel erforderlich, da sich die Drehrichtung der Aufwickeleinrichtung automatisch umstellt. Ein besonders erwähnenswerter Konstruktionsteil ist die eingebaute Filmmarkierung. Für diesen Zweck ist eine der den Film transpor-

Abbildung 460: Danmark-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

tierenden Zahntrommeln außerhalb der Zähne an Stelle der hier sonst glatten Oberfläche mit einer Verzahnung versehen. Eine ebenfalls mit Zähnen der gleichen Verzahnung versehene gegenüberliegende und etwas frei befestigte Rolle kann man entweder während des Drehens oder in Ruhestellung gegen diese Zahntrommel drücken, und der hierdurch dazwischen geklemmte Film wird durch den Druck der Zähne sozusagen geriffelt. Auf diese Weise wird eine abfallfreie und sicher erkennbare Markierung des Filmbandes erreicht. Die Befestigung der Kamera auf dem mitgelieferten Stativ erfolgt nicht in der üblichen Weise durch Schrauben, sondern zwei an der Kamera befindliche Zapfen greifen in passende halbkugelige Lager ein; eine bogenförmige Stütze, die durch Betätigung einer Kurbel nach oben und unten bewegt werden kann, ermöglicht ein Neigen und Senken der sich um die Achsstummel drehenden Kamera. Es ist uns nicht bekannt, ob von diesem Apparatetyp, der ohne Frage viele gute Gedanken verkörpert, viele Exemplare hergestellt worden sind. Abb. 460.

23. Darling
Alfred Darling in Brighton (England) dürfte wohl den sogenannten „englischen Typ“ geschaffen haben, der zu einem Standard geworden ist und von fast allen Firmen in England teils in der ursprünglichen Form geliefert, teils mit kleinen Änderungen nachgebaut wurde. Über Darling selbst ist aus der Literatur nur wenig zu erfahren; lediglich das in allen von ihm selbst hergestellten Kameras oft versteckte „AD“ deutete auf deren Ursprung. In [Henry V.] Hopwood, Living Pictures, wird auf Seite 249 sowie Seite 126 berichtet, daß er mit Wrench, der ebenfalls einen Kamera-Typ in den Handel brachte, gemeinsam ein Patent auf einen Greifer genommen hat. [Anm. H]
Seine Kameras sind vorzugsweise von Urban bzw. der „Urban-Trading Co.“ vertrieben und daher allgemein unter dem Namen „Urban-Bioskop“ [Urban Bioscope] bekannt geworden. Ferner brachten die Firmen wie Warwick, Butcher, Wrench u.a. eine ähnliche oder ganz gleiche Kamera in den Handel, wie sie von Urban angeboten wurde. Die Abbildungen tragen daher meist die Bezeichnung „Urban-Kamera“, was sich auf diese Weise erklärt.
Die Filmführung der Darling-Kamera, die allen englischen Kameras gemeinsam ist, geht aus dem beigefügten Schema hervor [Abb. 461].

Anm. H: Es handelt sich hier um die Anmerkung 126 auf S. 249. Hopwood verweist auf das US-Patent Nr. 17248 vom 21.7.1897 von Alfred Darling und Alfred Wrench.

Abbildung 461: Darling-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Bekannt ist der typische Hakengreifer, den Darling in alle seine Kameramodelle einbaute. Er lieferte diese für 50 oder 100 m Film und stellte unter anderem auch eine sogenannte Doppelkamera her, d.h. eine solche, bei der bei gemeinsamem Antrieb in einem gemeinsamen Gehäuse ein Filmtransportwerk rechts und eines links untergebracht war. Durch Betätigung einer einzigen Kurbel konnte man also gleichzeitig zwei Negative von demselben Objekt aufnehmen. Die bei seinen ersten Kameras benutzte Einstellvorrichtung bestand in einem dicht neben dem Objektiv an der Vorderseite etwas schräg angebrachten offenen Rohr, mit dessen Hilfe man nach Entfernung einer lichtabdeckenden Kappe das vom Objektiv auf den Film projizierte Bild von vorn her direkt betrachten konnte. Diese außerordentlich primitive Einstellvorrichtung ist auch von unseren deutschen Kamerafabrikanten teilweise übernommen worden. Später setzte er einen sogenannten Sichtkanal in die Kamera ein, der eine Einstellung von der Rückseite her zuließ, und benutzte als Andruckplatte im Filmführungskanal eine Glasscheibe. Er hat später die Kamera verschiedentlich verbessert, so daß man z.B. Masken in das Bildfenster einsetzen konnte, und benutzte anstelle der Glasdruckplatte im Bildfenster einen offenen Rahmen, weil die Glasplatte häufig Anlasß zu elektrischen Entladungen gab.
Die Einfachheit der Darlingschen Konstruktion war sehr bemerkenswert; er verwendete das Hauptantriebsrad gleichzeitig sowohl mit Stirn- als auch mit seitlicher Verzahnung zum direkten Antrieb der Verschlußscheibe, deren freie Öffnung er später verstellbar machte. Außer einem Fuß-Zähler hatte die Kamera bereits einen allerdings primitiven Tachometer. Spätere Typen gestatteten auch durch Umlegen der Aufwickelspirale vorübergehenden Rückwärtsantrieb. Die verbesserte, mit besonders breiten Beschlägen ausgerüstete Type hatte ein Stativgewinde sowohl an der Vorderseite, um die Kamera so auf dem Stativ befestigen zu können, daß sie senkrecht nach unten zeigen konnte, und ein weiteres auf ihrer Oberseite, um sie auf dem Kopf stehend auf dem Stativ befestigen zu können.
Darling war mit seiner Kamera den praktischen Anforderungen weit entgegengekommen. Er lieferte nämlich nicht nur zu jeder Kamera bestimmte Teile in doppelter Ausfertigung, sondern auch für die Reise außerordentlich praktisch eingerichtete Transportkoffer. Er lieferte zwei Kurbeln, zwei Drahtspiralen, auch die Federn zum Anpressen des Films an der Tür und auch die Glasandruckplatte in

Abbildung 462[a]: Darling-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 462[b]: Darling-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 463: Darling-Duplex-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

zwei Exemplaren, deren eines im Innern der Kamera angebracht war. Als besondere Eigentümlichkeit der Darling-Kamera muß der sogenannte Geldstückverschluß erwähnt werden, der aus runden, flachen, einen Schlitz tragenden Metallscheiben bestand, die mit einem an der Rückseite angebrachten Schlüssel gedreht werden konnten, um so die Kamera zu öffnen oder zu schließen. Vielfach wurde hierfür ein kleines Geldstück benutzt, und von der großen Zahl der Nachahmer der Darlingschen Kamera ist auch diese Eigentümlichkeit mit übernommen worden, die in gewissem Sinne als nicht empfehlenswert angesprochen werden kann.
Ferner ist das von Darling in den Handel gebrachte Stativ bemerkenswert, das allgemein als „englischer Typ“ galt, verhältnismäßig leicht und für die damalige Zeit als recht praktisch anzusprechen war. Außer der Panoramaplatte, die auch zum Ausklinken eingerichtet war, lieferte er einen Neigekopf, dessen Konstruktion von vielen anderen übernommen wurde. Trotzdem ist der Hersteller Alfred Darling in den Fachkreisen recht wenig bekannt, statt seiner tragen die von ihm hergestellten Kameras die Namen der jeweiligen Händler und ganz besonders der Firmen Urban und Wrench in London oder anderer. Abb. 461–463.

24. Debrie, Paris
Die Firma J. [Joseph] Debrie, die während des 1. Weltkrieges vom Sohn des Begründers, André Debrie, übernommen wurde, bot im Jahre 1909 [1908, Anm. I] unter dem Namen „Parvo“ [Le Parvo] einen Kameratyp an, der nach vielen Verbesserungen und konstruktiven Umbildungen heute als der verbreitetste angesehen werden darf.
Der Grundaufbau des „Parvo“ verwendet nebeneinander gestellte Kassetten und legt die zum Antrieb erforderliche Mechanik zwischen diese, so daß erstens ein außerordentlich kleiner Typ geschaffen wurde und zweitens das Objektiv zentral am Apparat befestigt war. Ein zwischen den Kassetten durchgeführter Sichtkanal ermöglicht die Bildbetrachtung von rückwärts zum Zwecke der Einstellung. Dieser Grundaufbau des Apparates ist bis zur jüngsten Type „L“ beibehalten worden. Lediglich die einzelnen Arbeitselemente wurden im Laufe der Jahre bis zu ihrer heutigen Form entwickelt. Trotz der äußersten Gedrungenheit des ganzen Apparates wurden nach und nach die verschiedensten zusätzlichen Einrichtungen angebracht, ohne daß die äußeren Abmessungen verändert worden wären.

Anm. I: Grundlage der Datierung 1908 ist die Anmeldung des französischen Patentes Nr. 403250 am 19.9.1908 von Joseph-Jules Debrie für eine kinematografische Kamera, die alle konstruktiven Merkmale des „Parvo“ enthält. Das Patent wurde allerdings erst am 28.10.1909 veröffentlicht.

Abbildung 464[a]: Debries „Parvo L“ [auf Stativ], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 464[b]: Debries „Parvo L“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Der Greifer, der ursprünglich nicht zwangsgesteuert war, wurde später durch eine andere Konstruktion ersetzt; die neuesten Modelle bringen in Verbindung mit diesem auch einen Justierstift. Die Kamera besaß als erste die Einrichtung, daß man, ohne sie öffnen zu müssen, in der Lage war, die Verschlußöffnung der rotierenden Blende von außen beliebig zu verstellen. Später wurde eine bildumkehrende und vergrößerende Lupe geliefert, die ebenfalls in dieser Ausführung wohl als eines der ersten optischen Betrachtungsinstrumente an Kinokameras bezeichnet werden darf.
Verschiedentlich hat Debrie versucht, Wege zu finden, um statt auf dem Film auf einer Mattscheibe einstellen zu können. Diese Idee hat eine geniale Lösung im letzten Modell „L“ gefunden, bei dem lediglich durch Betätigen eines Hebels die Mattscheibe an die Stelle des Films gebracht werden kann. Die Befestigung der Objektive, die ursprünglich von einem gewöhnlichen Schraubgewinde ausging, erfolgte später durch eine Art Bajonettfassung und hat beim letzten Modell als Standardfassung eine unübertreffliche Form angenommen, weil bei ihr eine einzige Schärfenskala für alle Brennweiten von Null auf 105 mm benutzt werden kann. Auch der sich automatisch schließende und öffnende Verschluß gesellte sich zu den Verbesserungen der Kamera, und neben die bereits bei den ersten Modellen angebrachten Meter- und Einzelbildzähler trat auch ein Tachometer. Bemerkenswert ist außerdem die bequeme Umschaltung vom Achter- zum Einergang durch Betätigen eines Knopfes und schließlich als wesentlicher Punkt, daß durch Benutzung besonders konstruierter Friktionen die sofortige Änderung der Drehrichtung ermöglicht wird.
Typisch sind ferner die von Debrie verwendeten Kassetten, da diese die Filmrolle nicht irgendwie tragen, sondern ihr lediglich eine lichtschützende Hülle bieten, wobei das Gewicht des Films direkt von der Hauptantriebsachse getragen wird. Seit längerer Zeit wird die Kamera-Type „L“ – neben einem billigeren [Apparat] „Interview“ – ganz aus Metall hergestellt. Seine außerordentlich große Verbreitung dürfte der beste Beweis dafür sein, wie beliebt dieser Kameratyp nicht nur bei Berufskameraleuten, sondern auch bei all jenen ist, die Aufnahme-Apparate für irgendwelche anderen Zwecke benutzen. Besonders die Kleinheit, Leichtigkeit und stete Betriebsbereitschaft sind als besondere Vorteile zu bezeichnen. Da außerdem das Filmband im Belichtungsfenster beim Transport von der Druck-

Abbildung 465: Debries „Parvo L“, Hinterseite; Abb. 466: Debries „Parvo L“, Vorderteil abgenommen, der Filmkanal von vorn, links in Aufnahmestellung rechts mit eingerückter Mattscheibe und zur Seite gezogener Filmbahn, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

platte freigegeben wird, so wird damit erreicht, daß nicht nur eine Beschädigung der Schicht ausgeschlossen ist, sondern auch der Gang des Apparates erleichtert wird.
Zu seiner Kamera liefert Debrie auch Spezialstative und Einrichtungen zur Aufnahme von Gegenständen in natürlicher Größe. Die besonders groß dimensionierte Standardfassung gestattet die Benutzung lichtstärkster Objektive und außerdem die besonders langen Brennweiten ohne besondere Hilfsunterstützung. Abb. 464–466.

25. Duskes
Alfred Duskes in Berlin stellte in der Zeit von 1906–1922 einen Kameratyp her, der wegen seines Aufbaues als englischer Typ zu bezeichnen ist. Er benutzte für seinen „Kameroskop“ genannten Apparat statt Holzkassetten runde büchsenähnliche Filmbehälter aus Metall und verwendete einen Greifer, der aus einer langen, an ihren Enden geführten Kurbelstange bestand, die zwei Zähne trug, die bei der abwärtsgehenden Bewegung in die Perforation eingriffen. Im übrigen trug die Kamera alle Merkmale derjenigen von Darling und Wrench und unterschied sich von dieser lediglich dadurch, daß der Kassetteninhalt nicht 300 Fuß wie bei Darling, sondern 120 m betrug. Abb. 467.

26. Edwards
Die Firma [Austin] Edwards in London [recte: Warwick], die ihre Erzeugnisse unter der Marke „The Ensign“ herausbringt, bietet eine speziell für Amateurzwecke gedachte kleine Kamera an, die den Typen von Williamson entspricht, jedoch insofern bemerkenswert ist, als sie keine Kassetten, sondern sogenannte Tageslichtspulen verwendet. Anfang und Ende der Tageslichtspulen bestehen aus einem in gleicher Weise wie der Film perforierten schwarzen Papierband, und dieses soll als lichtdichter Schutz für das lichtempfindliche Filmmaterial beim Laden und Entladen der Kamera dienen. Diese Tageslichtspulen tragen 100 Fuß Film. Eine einzige Zahntrommel dient zum Vor- und Nachrollen und ein hinter der Tür im Innern befindlicher Haken (Greifer) für den absatzweisen Filmtransport. Der vorzugsweise für Amateure gedachte Apparat ist sehr klein und handlich und für anspruchslose Zwecke gut brauchbar. Ein Zählwerk für die abgelaufenen Fußlängen ist ebenfalls eingebaut, auf der Oberseite der Kamera befindet sich

Abbildung 467: Duskes „Kameraskop“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 468: „Ensign“-Kamera von Edwards [recte: Warwick], Inneres mit Tageslichtspulen, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

der übliche Newton-Sucher. Ein besonders klein dimensioniertes Stativ kann zur Vervollständigung der Ausrüstung geliefert werden. Abb. 468.

27. Ernemann
Die Ernemann AG in Dresden, die [1926] in den Zeiss-Ikon-Konzern aufgegangen ist, hat sich verhältnismäßig frühzeitig mit dem Bau kinematographischer Aufnahme- und Vorführungsgeräte beschäftigt. Die Firma begann mit einem Schmalfilm-Apparat nach dem Muster des englischen „Biokam“, der für Amateure gedacht war. Diese Schmalfilm-Kamera mit 17 ½ mm breiten Filmbändern und Mittelperforation war für die damalige Zeit sehr gut ausgeführt und diente sowohl zur Aufnahme, zum Kopieren als auch zum Vorführen der Schmalfilme. Später verließ Ernemann dieses Prinzip und bot getrennte Aufnahme-, Kopier- und Vorführungsgeräte an. Die Hoffnungen, die Ernemann damals auf die Amateurfilmerei bzw. den Schmalfilm gesetzt hatte, sind in jeder Zeit nicht eingetroffen. Wenig später stellte er daher Kino-Aufnahmeapparate für Normalfilm her. Die ersten Modelle gehören in ihrem Aufbau zu den Typen mit nebeneinanderliegenden Kassetten. Hiervon ist ein Typ besonders interessant, dessen Konstruktion aus den beigefügten Abbildungen erkennbar ist [Modell Kino 35]. Das Fassungsvermögen jener Kamera betrug 180 m, und die Filmrollen selbst waren in einer Kassette untergebracht, in die gleichzeitig die Vor- und Nachwicklung eingebaut war. Diese Kassetten wurden von rückwärts her in das Apparatgehäuse eingeschoben, und so ergab sich auf diese Weise eine außerordentlich schnelle und sichere Wechslung des Filmmaterials. Dieser Kameratyp besaß außerdem einen sehr kräftig konstruierten Greifer, der außer für den absatzweisen Transport auch dafür eingerichtet war, daß er den Druck im Bildfenster bei jeder Bildschaltung aufhob. Die von rückwärts eingeschobene Kassette wurde gegen das Bildfenster gedrückt und gleichzeitig mit dem Antriebswerk gekuppelt. Der Verschluß, der 2:1 untersetzt war, konnte verstellt werden, und als besonders bemerkenswert ist ferner eine Einrichtung zu nennen, die aus einem mit einer Reiher spitzer Zähne versehenen Metallstück bestand, das von außen her gegen den Film gepreßt werden konnte, um ihn dort zu markieren, wo er später in der Dunkelkammer zerschnitten werden sollte. Die Bildeinstellung konnte dank der fast augenblicklich

Abbildung 469[a]: Ernemanns ältere Kinokamera [Modell Kino 35], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 469[b]: Ernemanns ältere Kinokamera [Modell Kino 35] mit Doppelkassette, die von hinten eingeschoben wurde, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 470: Ernemanns B-Kamera für 120 m [Film] mit dreifachem Objektiv-Revolver, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 471: Ernemann-B-Kamera geöffnet [Rückseite von Abb. 470], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

möglichen Entfernung der Kassetten sehr bequem im völlig freigegebenen Bildfenster erfolgen. Ein kräftiges Schwungrad sorgte für gleichmäßigen Gang; als bemerkenswert muß schließlich die Übersetzung des Antriebes mit 1:9 erwähnt werden.
Später stellte Ernemann verschiedene andere Modelle her, die teils 30, 60 und 120 Meter Film zu fassen vermochten. Sie basieren in ihrem Aufbau auf der englischen Kamera (Darling) und haben lediglich anders geformte Greifer, die erst zwangsläufig gebaut wurden.
Zum größeren Modell wurde ein Revolverkopf für 3 Objektive geliefert, und ferner war die Möglichkeit vorgesehen, das Filmband beliebig vor- oder rückwärts drehen zu können.
Später wurde von Ernemann ein Modell angeboten, das in seinem Aufbau vollkommen der bekannten Kamera „Parvo“ von Debrie in Paris entspricht und verhältnismäßig nur äußerst geringe Konstruktionsunterschiede aufweist. Bemerkenswert war hier der Versuch, die Samtdichtung in den Kassetten durch Rollen zu ersetzen.
Ein besonders bekanntes Erzeugnis der Ernemann-Werke war die von Dr. [Hans] Lehmann konstruierte und zunächst den Namen „Zeit-Mikroskop“ tragende, später als „Zeitlupe“ bekannt gewordene Rapid-Kamera. Zum optischen Ausgleich in diesem Apparat wurde eine Spiegeltrommel benutzt, wobei ein darüber angeordneter Winkelspiegel den Lichteinfall in das Objektiv regelt. Die beigefügte schematische Abbildung läßt den Strahlengang genau erkennen. Für Sonderzwecke wurden solche Zeitlupen, die unter Umständen eine Sekunden-Bilderzahl bis etwa 800 erreichen ließen, mit drei solcher Spiegeltrommeln, also dreifach, angefertigt, um ballistischen Meßzwecken zu dienen. Auch eine Reihe konstruktiv interessanter Stativtypen sind von Ernemann hergestellt worden, die teilweise besondere Spezial-Anforderungen erfüllen. Abb. 469–474.

28. Ertel
Dir Firma Ertel in München brachte Aufnahmekameras von gut durchdachter Konstruktion in den Handel. Außer einer Kamera für 60 m, die ebenfalls die Grundlage des englischen Typs besaß, ist eine für 120 m erwähnenswert, die im Innern Metallkassetten barg, die als Einraum-Kassetten ausgebildet wurden. Besondere Aussparungen ließen von außen erkennen, ob die Aufwicklung einwandfrei funktionierte und gestattete, in kritischen Fällen den Kassetteninhalt von Hand aufzuwickeln. Der Greifer war auf der Basis des

Abbildung 472: Ernemanns Zeitlupe [nach Lehmann], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 473: Ernemanns Zeitlupe geöffnet, rechts unten die Spiegeltrommel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 474: Ernemanns Zeitlupe, Schema des Strahlenganges [Skizze vermutlich von G. Seeber], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 475: Ertels späterer „Filmer“ mit flach liegender Vorratskassette [recte: mit Werfak-Einraumkassette], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Lumièreschen solid hergestellt. Durch ein seitlich angebrachtes Prisma mit Lupe konnte das Bild kontrolliert werden. Links seitlich konnte man von rückwärts einstellen und den Blendenhebel bedienen. Die Objektive waren leicht auswechselbar, der Einergang durch Umstecken der Kurbel zu betätigen. Außerdem war ein Meterzähler und eine Markiervorrichtung angebracht.
Außer dieser Kamera ist ein Typ ebenfalls für 120 m erwähnenswert, der eine von dem üblichen Schema völlig abweichende Filmführung aufweist. Um die Höhe des Apparates zu verringern, war die Abwickelkassette nicht wie üblich senkrecht, sondern horizontal in der Kamera gelagert. Dadurch wurde jener Raum frei für eine rückseitig genutzte Einstell-Lupe. Alle für die Bedienung der Kamera erforderlichen Einrichtungen waren an die Rückseite verlegt, wie die beigefügte Abbildung gut erkennen läßt. Außerdem zeigt ein Schema die Filmführung dieses Typs (Abb. 478).
Eine andere Ausführung von Ertel ist durch das Schema der Filmführung (Abb. 479) wiedergegeben; bei ihr waren die beiden Kassetten, ähnlich wie es Lumière getan hat, in einer Reihe hintereinander angeordnet.
Zu diesen Kameras werden auch sehr kräftige Stative angefertigt. Abb. 475–479.

29. Gaumont
Die Firma L. [Léon] Gaumont in Paris hat sich seit dem Beginn der modernen Kinematographie mit dem Bau von Geräten zur Filmerzeugung beschäftigt. Ihre ersten Fabrikate wurden auf Grund der Patente von Demeny hergestellt und benutzten als absatzweise schaltendes Organ dessen bekannten Schläger. Der Kameratyp von Gaumont besaß zwei Außenkassetten, von denen bei den verschiedenen Modellen eine stets oben, die andere entweder rückseitig oder an der Vorderseite befestigt war.
Später stellte Gaumont eine Kamera her, die im großen und ganzen der von Prestwich mit Außenkassetten entsprach, und erst in jüngerer Zeit wurde eine Type herausgebracht, die ganz aus Metall hergestellt ist, die Einraumkassette an die Rückseite des Apparate-Gehäuses verlegt und einen Objektiv-Schlitten (Treppe) besitzt, der eine schnelle Wechselung der Optik gestattet. Die Kamera ist für eine erhöhte Aufnahmegeschwindigkeit eingerichtet. Die Einstellung erfolgt seitlich durch ein Prisma. Die Kamera besitzt ferner Justierstifte und kann mit einer Höchstdrehzahl von etwa 150 Bildern benutzt werden. Abb. 480–481.

Abbildung 476: Ertels erster „Filmer“ mit flach liegender Vorratskassette, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 477: Ertels erster „Filmer“, Rückseite mit sogenannter „Schalttafel“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 478: Schema des Filmlaufs bei Ertels erstem „Filmer“ [mit flach liegender Vorratskassette], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 479: Schema des Filmlaufs bei einer Versuchskonstruktion von Ertel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

30. Geyer
Die Geyerwerke in Berlin bauten [zwischen 1918 und 1924] einen Kameratyp, der als eine Kombination von Pathé-Industriel und Prévost anzusprechen ist. Die beiden auf der Oberseite der Kamera angebrachten, nebeneinander stehenden Holzkassetten paßten sich in ihrer Form der Filmrolle an, und zur sicheren Befestigung war die Unterseite abgeplattet. Die Greiferkonstruktion beruhte auf Lumièrescher Basis. Die Möglichkeit, den Film beliebig vor- und rückwärts zu drehen, war vorgesehen. Eine Spezial-Einrichtung, an der linken Seite der Kamera angebracht, diente für schnelle und genaue Einstellung der Schärfe und der jeweilig zu benutzenden Blende. Zum Schutze der Kassetten auf der Oberseite war, ähnlich wie bei Prévost, ein besonderes Gehäuses vorgesehen, und die beigefügten Abbildung läßt die äußere Form dieses Typs gut erkennen. Abb. 482. [Anm. J]

31. Giglio
Der Ingenieur G. de Giglio in Turin stellt außer anderen Kinogeräten eine Aufnahmekamera her, die in ihrem Aufbau dem Pathé-Industriel entspricht. Sie unterscheidet sich von diesem durch kleine Konstruktionsmerkmale, so unter anderen durch links- statt rechtsseitigen Peesenantrieb für die Aufwicklung des Filmbandes in den Kassetten. Auch das Stativ ist an die bewährte Pathésche Konstruktion angelehnt. Abb. 483.

32. Gillon
L. [Leon] Gillon in Paris hat bereits frühzeitig eine Aufnahmekamera in den Handel gebracht, die das Prinzip des englischen Typs verwandte und mit geringen Abweichungen auch in Deutschland von der Ica AG in Dresden angefertigt wurde. Die Präzision dieser Kamera war sehr groß und besonders dadurch bemerkenswert, daß Gillon den bekannten Carpentier-Lumière-Greifer durch ein kleines Zwischenglied mechanisch verbesserte. Die von ihm benutzten Kassetten hatten Metallwände, die in einem Holzrahmen befestigt waren. Auch die Einrichtung, beliebig vor- und rückwärts drehen zu können, war ebenso bemerkenswert wie Meßinstrumente, die in damaliger Zeit wenig beachtet wurden. Später schuf Gillon einen anderen Typ, bei dem die Kassetten nebeneinander lagen. Auch diese Anordnung ist dadurch eigenartig, daß sie zur Beförderung des Filmbandes von der rechten nach der linken Seite eine dritte Vorwickel-Zahntrommel

Anm. J: Erstaunlicherweise unterschlägt Seeber hier das von der Karl Geyer Maschinen- und Apparatebau GmbH 1925 auf den Markt gebrachte 16mm-Aufnahme- und Wiedergabesystem „Cine Geyer“, obwohl es zu den frühesten Anwendungen der 16-mm-Technologie in Deutschland gehört. Allerdings scheiterte der Massenabsatz des „Cine Geyer“ aufgrund der Inkompatibilität mit dem 16mm-Standard von Kodak. Vgl. Filmtechnik 1925, 1. Jahrg., Heft 9, S. 175 (Präsentation auf der Kipho); Martin Koerber: Die Filmfabrik. Eine Firmengeschichte der Geyerwerke, in: Frank Arnold u. a.: Nahaufnahme Neukölln. Berlin 1989, S. 112–153.

Abbildung 480: Gaumont-Kamera, älteres Modell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 481: Gaumont-Kamera moderner Bauart für normale und erhöhte Aufnahmegeschwindigkeit, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 482: Geyer-Filmaufnahmeapparat mit vorgesetztem Sonnenschutz, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 483: Giglio-Kinokamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

nötig machte. Auch diese Konstruktion, die von der damaligen Firma „Eclair“ in den Handel gebracht wurde, benutzte den gleichen Greifer und ebenfalls die Einrichtung, daß man jederzeit beliebig vor- und rückwärts drehen konnte. Dieser Apparatetyp war sehr beliebt und erlaubte ein sehr bequemes Arbeiten. Das hat auch andere Firmen veranlaßt, diesen Typ als Vorbild zu benutzen. Später hat die Firma [Cinema Tirage] L. Maurice in Paris das ursprüngliche Modell von Gillon erheblich verbessert und mit allen modernen Einrichtungen versehen. Das Vorderteil wurde aus Metall hergestellt und trägt zum schnellen Wechsel der Optik einen sogenannten Schlitten, der schnell und sicher durch Verschieben nach oben oder unten arbeitet. Auch Einrichtungen zum Abblenden, zum Betrachten des Bildes während der Aufnahme auf dem Film und die Einstellung auf einer Mattscheibe wurden vorgesehen.
Ein von Gillon geliefertes Stativ war sehr gut konstruiert, denn Gillon benutzte ein großes Kugellager für das Drehen der Panoramaplatte. Er erreichte damit einen vollständig staubdichten Abschluß, und die Last der Kamera konnte die Leichtigkeit und Sicherheit des Ganges nicht beeinflussen. Das neuere Stativ hat eine Einrichtung für zwei Geschwindigkeiten; besonders seine vertikale Bewegung ist bemerkenswert, weil sie ohne irgendwelche Verzahnung nur mit Friktion arbeitet. Die neuere Ausführung der Kamera dürfte als absolut zeitgemäß angesehen werden. Besonders die Sauberkeit ihrer mechanischen Ausführung gib der Kamera nicht nur ein gutes Aussehen, sondern garantiert auch eine hohe Sicherheit des Betriebes. Abb. 484 und 485.

33. G. Guilbert
[Gaston] Guilbert in Paris lieferte einen Apparat als Modell X, das 35 m Film faßte und im Aufbau den englischen Typ zeigte. Die Vor- und Nachwicklung erfolgte durch eine einzige Zahntrommel, und die Ein- bzw. Ausführung des Filmbandes erfolgte durch einen über dem Boden der Kamera angebrachten Schlitz. Abb. 486.

34. Hahn-Goerz
Die frühere Aktiengesellschaft Hahn-Goerz in Cassel [Kassel], die im Zeiss-Ikon-Konzern aufgegangen ist [Anm. K], hat einen Berufs-Aufnahmeapparat in den Handel gebracht, der einige bemerkenswerte Konstruktions-Einzelheiten aufwies.
Die Filmführung geht aus dem beigefügten Schema hervor. Beide

Anm. K: Die Hahn-Goerz AG war eine Interessengemeinschaft der Hahn AG für Optik und Mechanik Kassel und der C. P. Goerz AG Berlin. Beide Unternehmen traten 1927/28 der 1926 gebildeten Zeiss Ikon AG Dresden bei, ursprünglich ein Zusammenschluss der Ernemann AG, Ica AG Dresden und Contessa Nettel AG Stuttgart.

Abbildung 484: Gillon-Eclair Kinokamera, Modell 1914, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 485: Gillon-Maurice Kamera-Modell 1922 auf Gillon-Stativ, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 486: Guilberts Kamera, Modell X, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 487: Schematische Darstellung der Filmführung in der Hahn-Goerz-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Kassetten, nebeneinander angeordnet, sind, wie später auch die Kamera selbst, aus Metall hergestellt. Die Vor- bzw. Nachwickeltrommel konnte zum bequemen Einführen des Filmbandes durch einen Bruck auf einen Knopf völlig freigegeben werden, so daß ein Beschicken der Kamera mit Film ohne Drehen der Kurbel möglich wurde. Zum Zwecke der Einstellung war ein vor das Bildfenster verschiebbares Prisma vorgesehen, wobei eine Lupe das Bild vergrößert erkennen ließ. Außerdem ist eine Einstellung direkt auf dem Film vorgesehen.
Besonders gut war die mechanische Ausführung des Transportwerkes sowie die optische Ausrüstung. Markiervorrichtung, Meterzähler und Einergangantrieb waren ebenfalls vorhanden.
Bemerkenswert war das mitgelieferte Stativ, von dem ein Modell zum Neigen der Kamera nicht in üblicher Weise eine Platte, sondern eine Art Konsole besaß, die an einem senkrechten Träger der Panoramaplatte gelagert war und der durch Zahnräder die jeweilig geforderte Neigung erteilt wurde. Abb. 487–489.

35. Ica
Die Ica AG in Dresden, die heute unter dem Namen Zeiss-Ikon firmiert, baute eine größere Serie von einer Berufs-Kamera, die als englischer Typ gewisse Konstruktionseigenarten eines Typs von Gillon übernahm. Verschiedene Konstruktions-Details waren bemerkenswert, z.B. die Markierung des Films, die durch dreieckigen Ausschnitt an der äußeren Filmkante geschah. Außerdem ist bei dieser Kamera das deutsche Reichspatent Nr. 264734 [recte: 264736 vom 26.11.1912] zum ersten Male ausgeführt worden, das es ermöglichte, während des Betriebes der Kamera die jeweilige Öffnung der Verschlußscheibe zu verändern. Lediglich durch Betätigen eines an der Rückseite befindlichen Hebels konnte die Öffnung der Verschlußscheibe während der Aufnahme beliebig schnell verkleinert oder ganz geschlossen werden. Dieses Reichspatent ist seinerzeit auf […] Anregung des Verfassers entstanden, und sein Gegenstand gehört unstreitig zu den ersten patentierten Einrichtungen, die einen während des Apparatbetriebes verstellbaren Verschluß betreffen. Außerdem waren Einstell- und Blendenhebel ebenfalls an die Rückseite verlegt worden. An die Stelle des üblichen Zifferblattes für das Anzeigen der abgelaufenen Meter traten Nummern-Zählwerke. Eine automatische Umschaltung ermöglichte beliebigen Betrieb vor- und rückwärts, und am Bildfenster einschiebbare Schablonen konnten ohne Öffnen der Kamera gewechselt werden. Die Einstellung erfolgte von der Seite durch ein Prisma.

Abbildung 488: Hahn-Goerz-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 489: Atelier-Stativ der Hahn-Goerz-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Eine besonders lange und sauber ausgeführte Filmführung im Belichtungskanal bot die sicherste Gewähr gegen Beschädigungen des Filmbandes. Abb. 490–492.

36. Jury
Jury’s Kine Supplies Ltd. in London [Will Day] brachte verschiedene kleinere Kameratypen in den Handel, die im Aufbau den englischen Typ darstellten und deren eines Modell dadurch bemerkenswert war, daß es unter der Bezeichnung „The Autocam“, mit einem kleinen Elektromotor versehen, als automatische Kamera anzusehen war. Dieser wurde von einer kleinen Trockenbatterie angetrieben und durch Druck auf den Knopf in Tätigkeit gesetzt. Die Kamera selbst ist genau die gleiche wie das Modell „Jury Duplex“, den einzigen Zusatz bildet ein kleiner getrennter Kasten, der an der Unterseite der Kamera angebracht wird. Die Batterie kann allerdings nur eine Länge von 100 Fuß = 130 m [recte: 30 m] Film durchziehen und ist augenblicklich durch eine neue auszuwechseln. Daraus ergibt sich, daß 1913 die Autocam-Kamera von Jury in London mittels Elektromotor nur 30 m durchzog. Da nun diese Kamera völlig identisch mit der „Jury Duplex“ war, die aber 60 m Film faßte, so ist anzunehmen, daß man nach Ablauf dieser Länge eine neue Batterie einsetzen mußte. Über diese Kamera berichtet Talbot in seinem Buch Practical Cinematography, London 1913. Auch er hält es für wünschenswert, daß die Kamera nicht nur 30 m, sondern den ganzen Kassetteninhalt mit einer Batterie durchzöge, und es ist wohl anzunehmen, daß die inzwischen verbesserte Batterien dies auch später vermocht haben. [Ohne Abb.]

37. Kinamo
Dieser kleine Aufnahmeapparat der Zeiss-Ikon AG in Dresden [vormals Ica AG] ist neuerdings in vervollkommneter Form als „Universalkinamo“ für 25 m Normalfilm mit verschiedenen Sondereinrichtungen in den Handel gekommen, die ihn für bestimmte Zwecke besonders geeignet machen.
Das Objektiv läßt sich mit Hilfe einer Bajonettfassung schnell auswechseln, so daß z.B. nicht nur das normal beigegebene Zeiss-Tessar 1:3,5 f = 40 mm, sondern auch Objektive anderer Brennweiten und Lichtstärken, z.B. ein lichtstarkes Objektiv 1:1,4 f = 40 mm oder sogar ein Tele-Tessar 1:6,3 F = 18 cm verwendet werden können. Die Antriebskurbel kann auf vier verschiedene Wellen umgesteckt werden, die einen Bildwechsel von 1, 2, 4 und 8 Bildern je Kurbelumdrehung ermöglichen. Die Möglichkeiten sind besonders für

Abbildung 490: Ica-Kamera geöffnet, Filmführung mit Kassetten, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 491: Ica-Kamera, Kurbelseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 492: Ica-Kamera, Rückseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

wissenschaftliche Zwecke, z.B. für Mikroaufnahmen, sehr wertvoll. Auch die in den Apparat eingebaute Kopiereinrichtung ist sehr wertvoll, falls mangels anderer Einrichtungen schnell eine Kopie herzustellen ist.
Um unabhängig vom Stativ zu sein, wird zu diesem Kinamo ein Federwerk geliefert, das gestattet, auch ohne Kurbel, aus freier Hand, Filmaufnahmen zu machen. Dieses Federwerk läßt sich leicht an den Apparat ansetzen. Durch Druck auf einen Knopf wird es in Tätigkeit gesetzt, und es ist stark genug, um eine Szene von 6 m ohne Unterbrechung aufzunehmen. Abb. 493.

38. Kinodak
Die United States Cinematograph Co. in Chicago bietet eine Kamera für 60 oder mehr Meter Fassungsvermögen an, den „Kinodak“, die außerordentlich einfach konstruiert ist und eine eigentümliche Kassettenbefestigung besitzt. Der hintere obere Teil des Gehäuse-Kastens ist dachähnlich abgeschrägt. Hier wird die Doppelkassette befestigt. Eine einzige Zahntrommel dient zum Vor- und Nachwickeln, und ein einfacher Greifer mit quergestellter Schwungscheibe bewirkt den absatzweisen Transport. Diese Anordnung der Kassetten ist auch bei modernen Apparatetypen von neuem anzutreffen und bietet den Vorteil, daß jede beliebige Kassettengröße benutzt werden kann. Eine Einstellvorrichtung ist nicht vorgesehen, sie wird ersetzt durch einen auf der Oberseite angebrachten Sucher.
Zu dieser Kamera wird ein leichtes Stativ mit vertikaler und horizontaler Bewegungsmöglichkeit der Kamera angeboten. Abb. 494.

39. Labrély
Der Konstrukteur [Emile] Labrély in Paris wurde bekannt durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Rapidkameras; die Herstellung seiner Konstruktion übernahm die Firma J. Debrie. Der von Debrie in den Handel gebrachte Apparat G.V. (grande vitesse), nach den Ideen von Labrély, hat als besonderes Merkmal einen Greifer, der eine mechanische Schaltung des Filmbandes bis etwa 250 mal je Sekunde gestattet. Die Wirkungsweise und Bauart dieses Greifers wird im Kapitel „Rapid-Apparate“ beschrieben. [ohne Abb.]

40. Landlicht-Kamera
Die Landlicht AG in Berlin hat einen kleinen Apparat in den Handel gebracht, der nach Herausnahme der Kassetten und Ansetzen an

Abbildung 493: Kinamo-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 494[a]: Der „Kinodak“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 494[b]: Der „Kinodak“ [mit Detail der Kassetten], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

ein größeres Zusatzgerät und besondere Filmbehälter auch zur Projektion Verwendung finden konnte.
Die Optik hatte eine Lichtstärke von 1:2, so daß mit der Aufnahmeoptik auch eine gute Projektion möglich war. Das Federwerk gestattete eine Aufnahme von etwa 7 Metern Länge, während die Kassetten nur 10 Meter faßten. Auch konnte im Notfall mit diesem Apparat ein Negativfilm kopiert werden. Abb. 495.

41. Lawhun-Kamera
Dieser Apparat ist eine Konstruktion von S. [Samuel] McKee Lawhun, dem Präsidenten des Photographischen Instituts in New York.4
Wie die Abbildung 495 [recte: Abb. 496] deutlich erkennen läßt, befinden sich die Filmrollen im Inneren des allseitig glatten Gehäuses nebeneinander angeordnet. Das Objektiv ist dezentral angebracht, und auf der Oberseite befindet sich ein Kastensucher. Die Betrachtungslupe ragt aus der Rückseite der Kamera hervor, und rechts oberhalb des Kurbelantriebs gestattet ein auf Null einstellbares Zählwerk, die abgelaufenen Filmlängen abzulesen. Diese Kamera ist in Amerika patentiert und in Europa wohl kaum in Erscheinung getreten. Abb. 496.

42. Liesegang
Die Firma Eduard Liesegang in Düsseldorf brachte einen kinematographischen Aufnahmeapparat in den Handel, der, obwohl er im Prinzip den englischen Typ zur Grundlage hatte, dadurch bemerkenswert erschien, daß die Aufroll-Kassette nicht im Innern der Kamera, sondern außerhalb derselben und zwar auf deren Oberteil ihren Platz fand. Dadurch wurde allerdings die stete Betriebsbereitschaft in Frage gestellt, denn auf dem Transport mußte die Außenkassette vom Kamera-Gehäuse abgenommen werden. Eine ähnliche Bauart findet sich später bei einer englischen Firma5 [Anm. L], bei der allerdings die obere Kassette nicht nach vorn zu, sondern weiter rückwärts befestigt war. Die beigefügten Abbildungen lassen erkennen, daß bei Liesegang außer einem Sichtkanal zum Einstellen des Filmbandes auf der Rückseite ein Geschwindigkeitsmesser und eine Markiervorrichtung vorgesehen waren. Die Verschlußscheibe ist ebenfalls verstellbar eingerichtet. Die Kassetten faßten allerdings nur etwa 100 m und konnten wechselseitig genutzt werden. Ein Stativ, das in seinem Aufbau den Erzeugnissen von Darling ähnelt, vervollständigte die angebotene Einrichtung. Abb. 497, 498, 499.

4 Vgl. Carl Louis Gregory (Hg.), Charles Wilbur Hoffman: A Condensed Course in Motion Picture Photography, New York 1920
5 Vgl. das Filmführungsschema dieser englischen Kamera, Abb. 499

Anm. L: Auch im Teil II „Konstruktion“ (dort Abb. 86) wird der Hersteller dieses „englischen Typs“ nicht genannt.

Abbildung 495: Landlicht-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 496: Lawhun-Kamera [aus: A Condensed Cource in Motion Picture Photography, 1920, S. 62], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 497: Liesegang-Kamera [in einem Prospekt von Georg Kleinke, Berlin], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 498: Schema der Filmführung Liesegang, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 499: Schema der Filmführung bei einer englischen Kamera mit einer Aussenkassette, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

43. Linhof
Die Firma R. A. [recte Val. = Valentin] Linhof in München brachte [1921, Anm. M] eine kleine Metallkamera namens „Amata“ in den Handel, bei der die Befestigung der Einraumkassette an der Rückseite des Gehäuses erfolgte und dadurch die Möglichkeit gegeben war, wechselweise größere oder kleinere Kassetten zu benutzen. Der Lauf der Kamera war infolge ihrer Konstruktion besonders leicht. Abb. 500.

44. Lobel
Der französische Kinoingenieur L. [Leopold] Lobel hat während seiner Tätigkeit bei der Filmgesellschaft „Lux“ in Paris einen Aufnahmeapparat konstruiert, der – wie die beigefügten Abbildungen erkennen lassen – in seinem Aufbau dem Pathé-Industriel bzw. der Kamera von Prévost ähnelte. Als Schaltorgan wurde ein von der Lux-Gesellschaft auch für Projektionszwecke benutzter Greifer eingebaut. Der Antrieb der Kamera war, anders als bei Pathé und Prévost, an der rechten Seite des Apparates. Die Filmführung war besonders lang ausgebildet, und die Aufwicklung des belichteten Films erfolgte, wie bei vielen solchen Typen, durch eine Drahtspirale oder durch Gummi-Riemen. Abb. 501.

45. Lumière
Die Firma Lumière in Lyon hat die von ihr hergestellten Apparate zunächst nicht in den Handel gebracht, sondern anfangs aus geschäftlichen Gründen selbst ausgenutzt. Die Brüder Lumière, die sich vorzugsweise mit wissenschaftlicher Forschungsarbeit beschäftigten, haben später ihre Apparate und Konstruktionen an Charles Pathé verkauft, der es verstand, den Film zu einem weltumspannenden Industriezweig auszubauen. Die Lumières selbst äußerten sich wie folgt:
„Da sich die Anwendungsgebiete des Kinematographen seit 1900 mehr und mehr in Richtung auf das Theater entwickelt hatten und ihr Hauptgewicht auf die Inszenierung legten, mußten wir diesen Betrieb, auf den wir nicht vorbereitet waren, notwendigerweise einstellen.“ [Anm. N] Pathé hielt mit seltener Zähigkeit an den Konstruktionen und Erfahrungen Lumières fest, und bis in die heutige Zeit können wir verfolgen, daß bei vielen Apparate-Typen der Lumière-Carpentier-Greifer immer wieder zur Anwendung gelangt. [ohne Abb.]

46. Lyta
Die Apparatebau Freiburg GmbH in Freiburg, Br., hat eine Kon-

Anm. N: Seeber zitiert hier – ohne Quellenangabe – aus den von Léon Sezanne edierten Arbeitsnotizen von Lumière (Notice sur les titres et travaux de M. Louis Lumiere, Lyon, Imprimerie Léon Sezanne, 1918, S. 15). Der Auszug wurde schon 1922 ins Deutsche übersetzt und in der Kinotechnik publiziert (E. Wallon: Louis Lumière und die Kinematographie, in: Kinotechnik 1922, 4. Jg., Heft 8, S. 291).

Abbildung 500: Linhofs „Amata“ (aus: Filmtechnik 1927, 3. Jahrg., S. 241, Abb. 2), Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 501: Lobels Lux-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

struktion der Herren Dr. [Nikolaus Moritz] Lyon und Dr. [Odo Deodatus] Tauern in den Handel gebracht, die „Lyta-Kamera“, bei deren Aufbau besonders die Erfahrungen der Hochgebirgs-Kinematographie Berücksichtigung finden sollten. Daher ist diese Kamera in verschiedenen Teilen recht originell. Die beiden Kassetten liegen dicht nebeneinander, und der gesamte Mechanismus, der sich gänzlich auf der rechten Seite befindet, ist vollständig abgetrennt und abgekapselt, so daß er beim Öffnen der Kamera völlig verschlossen bleibt. Bei den Kassetten wurde für die Filmeinführung ein langer Kanal benutzt, der ähnlich wie der von Prestwich, der Lichtabdichtung dienen soll, ohne daß der Film beim Ein- oder Auslaufen irgendwelche Reibung erfährt. Eine besonders erwähnenswerte Einrichtung bildet der Sucher. [Anm. O] Zwischen Objektiv und Film ist in einem Winkel von 45° eine außerordentlich dünne, planparallele Glasplatte eingeschaltet. Das vom Objektiv einfallende Licht wird teilweise von dieser Glasplatte reflektiert und erzeugt in einer bestimmten Ebene ein Bild. In dieser Ebene befindet sich ein Rahmen, dessen Ausschnitt dem des Bildfensters genau entspricht. Dieses reflektierte Bild auf der Mattscheibe zu betrachten, war wegen seiner geringen Helligkeit ausgeschlossen, und daher wurde es erforderlich, diese Strahlen direkt in das Auge zu leiten, um das durch Reflektion erzeugte Bild mit einem Lupen-Mikroskop betrachten zu können. Hierfür war das Zwischenschalten eines Kondensors erforderlich, und dieser bildete sozusagen den Kern der Konstruktion. Der Kondensor machte das ganze Strahlenbündel verfügbar, und nach Umlenkung der Strahlen durch ein total reflektierendes Prisma konnte man das Bild nunmehr von hinten mit einem Lupen-Mikroskop kontrollieren. Das auf diese Weise entstehende Bild ist außerordentlich hell, hat allerdings einen Fehler, daß es infolge der doppelten Reflektion auf der Glasplatte ein Doppelbild zeigt. Praktisch stört dies sehr wenig, denn das Auge sieht auch während der Aufnahme ein aufrechtes, außerordentlich helles Bild. Um aber auch das auf dem Film entworfene Bild betrachten zu können, ist in diesem Sucher außerdem ein schwenkbarer Spiegel angebracht, der in optischer Verbindung mit einem Winkelspiegel hinter dem Film steht. Es kann also während der Aufnahme beliebig das Bild auf dem Film selbst als auch das durch die zwischengeschaltete Glasplatte reflektierte [Bild] beobachtet werden. Um ein sicheres und bequemes Neigen der Kamera zu ermöglichen, war sie an ihrem Schwerpunkt in einer großen Gabel aufgehängt. Um ein Objekt bequem verfolgen zu können, wurde der Antrieb durch eine biegsame Welle verlängert, und die Kurbel selbst konnte an einem Stativ-

Anm. O: Die „Lyta“ gilt als erste Spiegelreflex-Filmkamera; sie kam im Herbst 1922 auf den Markt. Vgl. Kinotechnik 1922, 4. Jg., Heft 13, S. 484.

Abbildung 502: Lyta-Kamera, Apparat und eine Kassette geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 503: Lyta-Kamera auf Lyta-Stativ mit biegsamem Antrieb, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 504: Lyta-Kamera: Strahlengang des Suchers, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

bein befestigt werden, um dadurch der Kamera ungehindert und schnell während der Aufnahme alle erforderlichen Bewegungen erteilen zu können. Die Benutzung der biegsamen Welle soll vorwiegend Erschütterungen der Kamera selbst vermeiden.
Der Belichtungskanal ist mit einer besonderen Einrichtung versehen, die dem Film nur eine Auflage auf den Perforationsstegen gibt und dadurch einen außerordentlich leichten Durchgang gewährleistet. Der zwangsläufig gesteuerte Greifer ist in seinem Aufbau sehr einfach, da er nur von einer einzigen Welle, auf der sich zwei Exzenter befinden, angetrieben wird. Außerdem geht der Eingriff der Greiferzähne so vor sich, daß sie schräg von oben in die Perforation eingreifen und nach Beendigung ihres Abwärtsganges sich wieder schräg nach oben rückwärts abheben.
Zu dieser Kamera wurde ein besonders Gestell geliefert, das ermöglichte, die Kamera auf der Brust zu tragen, während eine nebenher gehende Hilfsperson mittels biegsamer Welle die Kamera in Betrieb setzte. Die Lyta-Kamera, die außer dem Greifer noch einen Justierstift aufweist, kann auch für Rapidaufnahmen bis zu etwa 100 Sekundenbildern Verwendung finden. Diese Einrichtung dürfte sich besonders bei Sportaufnahmen als sehr zweckdienlich erweisen. Die Lyta-Kamera kann auch elektrisch angetrieben werden; sie hat sich für den erwähnten Sonderzweck gut bewährt. Abb. 502–504.

47. Maurer und Waschke, Mailand
Diese Firma stellt einen Aufnahmeapparat nach eigenen Patenten her. Als Grundlage wurde der „Pathé-Voyage“ gewählt; er ist hier in verbesserter Form neu entstanden. Die Filmführung ist durch einseitige Anordnung der Optik einfacher gestaltet worden. Eine besondere Eigenart der Kamera besteht darin, daß man den hinteren Teil der Kamera wie eine Tür nach links herum aufklappen kann, um das Bildfenster freizugeben. Um zu den Kassetten zu gelangen, ist deren lichtschützende Hülle nach oben aufzuklappen. Das Objektiv ist etwas nach oben oder unten verschiebbar. Die Filmführung ähnelt der des französischen Prévost; sie ist aus dem beigegebenen Schema gut ersichtlich. Durch einen Knopf ist die Aufnahmegeschwindigkeit zu verändern; je nach der Einstellung einer Umschaltung kann man 1, 4 oder 8 Bilder je Kurbelumdrehung aufnehmen. Die Antriebskurbel des Apparates hat die gleiche Form wie die des Stativkopfes. Hier wurde also die Idee, nur eine einzige Kurbelform für alle Zwecke benutzen zu können, in die Wirklichkeit umgesetzt. Die Kurbel ist auch an

Abbildung 505: Kamera von Maurer und Waschke, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 506: Kamera von Maurer und Waschke, Kassetten entfernt, Kassettenschutz hochgeklappt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 507: Kamera von Maurer und Waschke, Rückseite mit Kassetten abgeklappt, das Filmfenster liegt frei [Rückseite von Abb. 506], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 508: Kamera von Maurer und Waschke, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

dieser Kamera, wenn es erforderlich wird, an der linken Seite zu befestigen. Eine automatische Einrichtung gestattet es, den Film ohne weiteres vor- oder rückwärts zu drehen, und der Verschluß ist in seiner Öffnung beliebig verstellbar. Wie bereits gesagt, kommt man nach Wegklappen der hinteren Kamerahälfte direkt zum Bildfenster, um mit Hilfe einer aufzusetzenden Lupe einstellen zu können. Man verliert hierdurch lediglich ein Stück Film, das wenig größer ist als ein Bildchen. Auch die Vorderwand ist aufklappbar, um zum Verschluß gelangen zu können. Eine optische Bank mit ihrem Träger kann man an der linken Seite der Kamera befestigen, wie ebenfalls aus der Abbildung ersichtlich. Für Reisezwecke liefert die Firma einen Spezialkoffer, in dem die gesamte Ausrüstung Platz findet. Die Stativbeine sind schnell abnehmbar und werden für den Transport vom Stativkopf gelöst. Abb. 505–508.

48. Messter
Oskar Messter in Berlin begann bereits 1896 mit dem Bau von Apparaten zur Aufnahme von Kinofilm. Er benutzte für den absatzweisen Transport durchweg zunächst ein fünf-, dann ein vierteiliges Malteserkreuz und leitete seine Kamera-Konstruktionen im wesentlichen von den Vorführungsapparaten ab. Die Anordnung war durchweg so gehalten, daß die zunächst 30 m Film fassenden Kassetten über und unter dem Schaltwerk angebracht waren und das Ganze in einen Kasten eingebaut war. Infolge der Anordnung auf einer gemeinsamen Platte haben seine ersten Apparate verhältnismäßig hohe und breite, dafür aber wenig tiefe Gehäuse (Abb. 509). Für die Aufnahmen im Atelier änderte er die Konstruktionen um, ohne aber vom Prinzip der oben und unten angeordneten Kassetten abzugehen. Besondere Bedeutung gewann Messter dadurch, daß er als erster einen Aufnahme-Apparat schuf, in dem beide Kassetten nebeneinander angeordnet waren. Die Führung des Filmbandes geht aus der beigefügten Abbildung 510 deutlich hervor. Diese unter dem Namen „Kinemesster“ in den Handel gebrachte Kamera wurde zunächst für 30 m Fassungsvermögen hergestellt. Sie war so eingerichtet, daß man unter Umständen mit ihr auch projizieren konnte.
Eine andere von ihm geschaffene Konstruktion (vgl. Abb. 510a) ordnete eine Einraumkassette unter dem sehr gedrängt ausgeführten Triebwerk an.
Messter beschäftigte sich außerdem mit der Herstellung einer

Abbildung 509: Eine der ersten Kameras von Oskar Messter, der „Thaumatograph“ [aus: Eduard Messter: Special-Katalog No. 32, 1898, S. 25], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 510: Kine-Messter, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 510a: Messter-Kamera mit Einraum-Kassette unter dem Triebwerk, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Rapid-Kamera, die es ermöglichte, etwa 100 Bilder je Sekunde auf einem Film, der etwas breiter war als Normalfilm, aufzunehmen. [Anm. P]
Außerdem beabsichtigte er, durch Sonderkonstruktionen die Amateur-Kinematographie zu fördern. Außer einem Spezialgerät für Normalfilm stellte er für diesen Zweck ein kleines Aufnahmegerät her, das unter dem Namen „Spielzeug-Kinetograph“ [um 1906] in den Handel kommen sollte. Die hierfür vorgesehenen Filmstreifen sollten in der Längsrichtung zwei Filmreihen nebeneinander tragen, so daß bei der Vorführung zunächst die eine Reihe in der Vorwärtsbewegung und dann beim Zurückdrehen die daneben liegende zur Projektion gelangte Diese Idee ist von anderer Seite, auch von Edison, aufgegriffen worden, vermochte sich jedoch nicht durchzusetzen. Später schuf Messter eine Reihe von Spezialapparaten für die gleichzeitige Vorführung von Grammophon und Kinematograph, bekannt unter dem Namen „Biophon“.
Auch automatische Entwicklungsmaschinen wurden von ihm angegeben und außerdem noch eine ganze Reihe von Geräten zur Filmherstellung. Später brachte er einen Aufnahmeapparat in den Handel, der im Aufbau die charakteristischen Merkmale der Prévost-Kamera trug und besonders durch saubere und solide Ausführung bemerkenswert war. Die Kamera war bereits so eingerichtet, daß die Verschlußscheibe sich während der Aufnahme automatisch schließen konnte. Die hierfür verwendeten Kassetten trugen keine Samtdichtung, sondern ein System von 3 Rollen, die einen reibungslosen und lichtdichten Durchgang des Filmbandes gewährten. Bei seiner Rapid-Kamera hatte er bereits 1897 [recte: 1899] das Öffnen der büchsenförmigen Kassetten nach Schließen der Kamera von außen praktisch durchgeführt.
Auf dem Gebiete des Projektionsapparates hat Oskar Messter besonders vollendete Arbeit geleistet. Dadurch, daß Messter in der Aufnahme-Kamera zum ersten Male die Innenkassetten nebeneinander anordnete, hat er unbestritten einen Grundstein zu diesem heute weitest verbreiteten Typ gelegt. Abb. 509, 510, 510a, 511, 512.

49. Mitchell
Die Mitchell-Camera-Company in Los Angeles USA hat es sich zur Aufgabe gestellt, das in Amerika bestehende Bell & Howell-Gerät für den Berufs-Kameramann mit einer Reihe von Verbesserungen zu versehen und gewisse Nachteile der genannten Apparatur zu vermeiden. So entstand ein Kamera-Typ, der sich äusserlich nur wenig von dem Bell & Howells unterscheidet, jedoch in seiner Handhabung und

Anm. P: Die Hochfrequenzkamera hatte 1899 Robert Rein konstruiert, der bei Messter als Werkmeister beschäftigt war. Sie arbeitete mit unperforiertem 60 mm Film und einem Kurbelschleifengetriebe. Vgl. Oskar Messter – Filmpionier der Kaiserzeit. Frankfurt am Main u. a. 1994, S. 129–131.

Abbildung 511: Messters Amateur-Kinetograph, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 512: Messters Präzisions-Kamera, Modell XIV, Rückseite geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

seiner Getriebeanordnung starke Abweichungen von jenem erkennen läßt. Die auf dem Gehäuse ruhende Doppelkassette ist beibehalten worden. Dagegen ist eine andere Einstellungseinrichtung vorgesehen, die durch einen rückseitig angebrachten Griff betätigt werden kann. Die Objektive bleiben mit der Grundplatte fest an ihrem Platz, und das Verschieben des Gehäuses von der Aufnahme- zur Einstellage oder umgekehrt erfolgt mittels eines Hebels von der Rückseite der Kamera aus. Wird das Kameragehäuse mit diesem Hebel von der Aufnahme- in die Einstellage zur Seite geschoben, so tritt anstelle des Kameragehäuses hinter das in Stellung bleibende Objektiv ein neuartiger Einstelltubus, der an der linken Seitentür der Kamera befestigt ist. Dieser Tubus stellt eine ganz besondere Form dar, die es ermöglicht, nicht nur ein schnelles, sondern auch ein sicheres Einstellen zu gewährleisten. Man verwendet dazu das zur Aufnahme benutzte Objektiv, und ein besonderes optisches System ermöglicht es, das von diesem Objektiv entworfene Bild auf einer im hinteren Teil des Tubus angebrachten Mattscheibe aufrecht und vergrößert zu betrachten. Diese Vergrößerung kann in ihren Ausmaßen etwas verändert werden, wobei allerdings u.U. nur ein Teil des Bildes sichtbar bleibt. Die Kamera trägt an ihrer Vorderfront einen Objektiv-Revolver für vier Objektive. Diese sind einzeln schnell auswechselbar, falls eine andere Brennweite gewünscht wird. Die Objektive der Revolverscheibe können außerdem von ihrer zentralen Arretierung nach beiden Richtungen etwas dezentriert werden, damit erforderliche Neigungen der Kamera eingeschränkt werden können. Diese Verschiebungen entsprechen einer Stativ-Neigung von 15 Grad, und es sind somit Verzeichnungen innerhalb dieser Grenzen zu vermeiden. Der Verschluß läßt sich von Hand als auch automatisch für Ab- und Überblendungen benutzen. Dafür sind drei feste Filmlängen und zwar solche von 2, 4 und 8 Fuß vorgesehen. Das völlige Schließen wird durch eine automatische Bremse, die den Kameralauf hemmt, angezeigt, die aber sofort freigegeben wird, sobald der Knopf für „Weiterdrehen“ betätigt wird. Der Verschluß ist unabhängig von der Einstell- oder Sucheröffnung und braucht nicht geöffnet zu werden, wenn man mitten in einer Überblendung neu einzustellen gezwungen ist. Unmittelbar vor dem Verschluß befindet sich eine Maskenscheibe, die 9 Masken und einen Schlitz enthält, in dem man Spezial-Masken oder farbige Bilder anbringen kann. Außerdem sind 4 Vorhangschieber-Masken eingebaut, die von außen betätigt werden können. Sie können alle vier gleichzeitig

Abbildung 513: Mitchell-Kamera, Vorder- und Rückansicht [aus: Filmtechnik 1925, 1. Jahrg., Heft 3], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 514-516: Mitchell-Kamera [aus: Filmtechnik 1925, 1. Jahrg., Heft 3], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 514-516: Mitchell-Kamera [aus: Filmtechnik 1925, 1. Jahrg., Heft 3], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

oder auch einzeln bewegt werden und ermöglichen es, die Bildfeldbegrenzung beliebig zu verändern. Außerdem sind für Trickaufnahmen noch eine Reihe spezieller Einrichtungen vorgesehen. Der Schaltmechanismus ist auf der Basis des Prévost-Greifers aufgebaut, der bekanntlich auf einer gemeinsamen Welle zwei Bogendreiecke trägt, von denen eines zum Auf- und Abbewegen der Greiferspitzen dient, während das andere deren Ein- und Austritt aus der Perforation bewirkt.
Die Tür des Filmführungskanals ist oben aufgehängt und wird durch einen dritten Exzenter abgehoben sowie angedrückt, sozusagen zwangsläufig gependelt. Dadurch wird das Filmbild während der Belichtung festgehalten, für den Transport aber freigegeben. Die Greiferspitzen sind so bemessen, daß sie das Perforationsloch ganz ausfüllen, und man glaubt, auf diese Weise einen Justiergreifer entbehren zu können. Der Greifereintritt erfolgt beiderseitig in Höhe des Belichtungsfensters, somit kann also niemals eine Veränderung des Bildstriches eintreten. Die Kamera selbst ist nach jeder Richtung hin sehr modern ausgerüstet, kann mit Motor betrieben werden, verfügt über die Möglichkeit der Anbringung einer optischen Bank und entspricht im übrigen allen technischen Anforderungen, die man an eine Kamera in Amerika zu stellen heute gewohnt ist. Sie dürfte eine der vollkommensten Apparaturen darstellen, die für Filmaufnahmezwecke hergestellt wird, und steht daher auch im Preise unter allen auf der Welt fabrizierten Aufnahmegeräten mit an erster Stelle. Abb. 513-516.

50. Moy
Diese in Deutschland kaum in Verwendung gekommene Kamera [der Ernest F. Moy Ltd. London] stellt ein schon vor dem 1. Weltkrieg bekannt gewordenes Fabrikat dar. Der Gehäusekasten hat die typische englische Form mit starkem Metallbeschlag und läßt als eigenartig lediglich eine neue Verriegelung erkennen. Durch einen einzigen Griff werden zum sicheren Verschließen der großen Tür gleich drei Riegel betätigt, wodurch auch einem Verziehen der Tür vorgebeugt wird. In dem Getriebe selbst gelangen Schraubenräder sehr reichlich zur Verwendung. Entgegen sonstigen ähnlichen Fabrikaten ist die Platine zwecks Gewichtsersparnis stark durchbrochen und an bestimmten Stellen durch Riefen verstärkt. Zur Vor- und Nachwicklung dienen wie bei Prestwich sogenannte Achtbild-Zahntrommeln, die eine Benutzung des Einerganges durch Umstecken der Kurbel zulassen. Vorwärts- und Rückwärtsgang sind ohne weiteres möglich. Ein reichlich bemessener Beobachtungskanal gestat-

Abbildung 517: Moy-Kamera, Kassettenseite ohne Tür, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 518: Moy-Kamera, Kurbelseite geöffnet, [mit] Verriegelungsvorrichtung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

tet eine Kontrolle des aufzunehmenden Bildes; außerdem ist die übliche Markiervorrichtung eingebaut. Neu ist eine Auf- und Abblendungsvorrichtung des Verschlußes in Verbindung mit dem Triebwerk. Deren Betätigung erfolgt durch zwei auf der Oberseite befindliche Kanäle; die Länge ist verschieden regulierbar und kann auf einer mit Gradeinteilung versehenen Scheibe eingestellt werden. Zu dieser Kamera wird ein Stativ, ganz aus Stahl, geliefert, dessen Beine aus Stahlrohren bestehen und teleskopisch ausgezogen werden können und eine Verlängerung von bis zu 2 m gestatten. Erfahrungen über dieses Stahlrohr-Stativ wurden nicht bekannt. Abb. 517, 518.

51. Newman und Guardia, später Newman und Sinclair, später nur Sinclair & Co. siehe bei Sinclair.

52. Pathé
Pathé-Freres in Paris übernahmen bekanntlich die ganze Originalapparatur von Lumière in Lyon, haben zunächst die von Lumière gemachten praktischen Erfahrungen streng beachtet und sind nur sehr zögernd an Veränderungen und Verbesserungen dieser Apparatur herangegangen. Die erste nach außen in Erscheinung getretene Veränderung an der Apparatur Lumières war die Schaffung einer Vorwickeltrommel für die Projektionseinrichtung. Diese Ausführungsart haben sie außerordentlich lange beibehalten und später lediglich den Greifer durch ein Malteserkreuz ersetzt. Alle seine eignen Aufnahmen zeigen, daß Charles Pathé das Grundprinzip der Lumièreschen Apparatur beibehalten und lediglich die Aufwickelkassette auf der Oberseite des Kameragehäuses angebracht hat. Diese Kassetten sind später vergrößert worden, faßten schließlich 120 m, und eine einzige Zahntrommel diente zum Vor- und Nachrollen des zu belichtenden Filmbandes. Auch der Kurbelantrieb an der Rückseite wurde beibehalten, und in späteren Jahren kam dieser Typ unter dem Namen „Pathé Industriel“ in den Handel. Er ist außerordentlich viel benutzt worden, obwohl er trotz seiner offensichtlichen Mängel, namentlich wegen der oben auf dem Apparat befestigten Kassetten, ein unhandliches Arbeitsgerät darstellte. Es war jedoch die lange Führung des Filmbandes in Verbindung mit zentrierenden Seitenführungsschienen ein Vorteil, die besonders ruhige und stabile Bilder ergab; es dürfte außerdem der rückwärtige Antrieb dazu beigetragen haben, daß

Abbildung 519: Pathé Industriel, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 520: Pathé Industriel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 521: Pathé Industriel, Rückseite geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 522: Pathé Industriel, Filmführung geschlossen, das Parallelogramm zur Seitenführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Vorwärtsschwankungen, das so genannte „Nicken“ der Kamera bei der Aufnahme, kaum je in Erscheinung getreten sind.
Für den Verkauf stellte Charles Pathé zunächst ein Modell her, das im Prinzip den englischen Aufbau zeigt, jedoch sonderbarerweise nicht von vornherein den Lumière-Greifer, sondern lediglich einen gefederten Hakengreifer besaß, der aus zwei dreieckigen Nasen bestand, die in einem Schlitten auf- und abgingen, beim Aufwärtslauf an den Perforationslöchern vorbeiglitten und beim Abwärtsgang, durch Federn nach vorn gedrückt, in die Perforationslöcher eingriffen. Diese Greifereinrichtung gestattete allerdings nur Vorwärtsaufnahmen, und daher war auch die Kurbel selbst mit einer Art Freilauf eingerichtet, so daß ein Rückwärtsdrehen nicht möglich war. Nach demselben Prinzip brachte Pathé auch eine kleine Kopiereinrichtung in den Handel, die allerdings nur in sehr bescheidenem Maße verwendbar war.
Später gelangte das Prinzip dieser Kamera mit einem Greifer und mit Kassetten in den Handel, die allerdings nur 90 m faßten. Dazu gab es verschieden gebaute Stative sowohl für Reisezwecke als auch für das Atelier, die neben Panoramaplatten auch einfach ausgeführte Neigeköpfe besaßen.
Neben dem „Pathé Industriel“ schuf Pathé eine sogenannte „Kamera-Voyage“, die er wahrscheinlich, veranlaßt durch die verschiedenen Bauarten anderer Firmen, konstruieren ließ und die ebenfalls nebeneinander liegende Kassetten aufwies. Sie ist später verbessert worden, indem man die ursprünglichen drei Wendeschleifen auf zwei verringerte und den Apparat mit verschiedenen anderen Zusatzeinrichtungen ausrüstete. Sie hat jedoch nicht vermocht, eine ernstliche Konkurrenz für andere ähnliche Bauarten zu werden, und bot auch trotz der Verbesserungen nicht jene Vorzüge, die man bei anderen ähnlichen Bauarten vorfand.
Zweifellos hat besonders der „Pathé-Industriel-Typ“ lange Jahre der Filmindustrie gute Dienste geleistet; er ist auch heute noch sehr oft in Verwendung anzutreffen.
Die Spitzenleistungen der Kamera-Baukunst, die Apparate der Firmen Mitchell und Bell & Howell, haben das Grundprinzip der Pathéschen Filmführung übernommen und es bis heute beibehalten. Ein Beweis dafür, daß die Einfachheit der Filmführung einen sicheren Betrieb ermöglicht, obgleich das Gerät nach außen hin dadurch sehr umfangreich wird. Pathé brachte später noch Hochfrequenz-Apparate in den Handel; wir verweisen auf den betreffenden Abschnitt [26, am Ende von Teil II: „Konstruktion“]. Abb. 519–526.

Abbildung 523: Pathé Industriel, Vorderwand abgenommen, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 524: Pathés erste Kamerakonstruktion für den Handel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 525: Pathé Voyage, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 526: Filmführung im Pathé Voyage; spätere Form, eine Kassette ist hochgeklappt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

53. Paul, London
Bereits in der Vorgeschichte haben wir über die von [Robert William] Paul konstruierten und benutzten Geräte berichtet, und wir wollen an dieser Stelle nur noch zusätzlich bemerken, daß Paul wahrscheinlich keine Aufnahmeapparaturen verkauft hat; denn in der zugänglichen Literatur ist nirgends darüber etwas zu finden. Angeboten wurden von ihm Theaterprojektoren, eine Perforationsmaschine, komplette Entwicklungs- und Kopiereinrichtungen. Jedoch über Aufnahmeapparate von Paul und deren Konstruktionsart ist in der Fachliteratur nichts zu finden [ohne Abb.].

54. Pittman
R.W. Pittman ist der Fabrikant der Pittman-Kamera [Anm. Q], die insofern bemerkenswert ist, als sie ganz aus Metall hergestellt war, wobei keine feste, keine runde oder eckige Form gewählt wurde, sondern das Metall paßt sich als Umhüllung dem Triebwerk vollkommen an. Die Kassetten bestehen aus getrennten runden Büchsen aus einer schweren Metall-Legierung mit sich automatisch öffnender Einführung des Filmbandes. Die Kamera trägt einen Objektiv-Revolver, der vier Objektive aufnimmt. Mit Hilfe dieses Revolvers und nicht mit einzelnen Einstellfassungen wird die Scharfeinstellung vollzogen. Der automatisch und von Hand zu betätigende Verschluß ist eingebaut, ebenso die üblichen Einrichtungen, Markiervorrichtungen, Masken, Schlitze usw. Die Revolverplatte sitzt auf einem Stirngehäuse, das zurückgeklappt werden kann und einen leichten Zugang zum Schaltmechanismus zwecks Reinigung, Ölung und sonstiger Kontrolle ermöglicht. Pittman baute auch eine kleine Kamera für nur 75 Fuß Film, die durch ein Federwerk angetrieben wurde, um Aufnahmen aus der Hand zu ermöglichen. Abb. 527.

55. Prestwich, London
Eine der allerersten Firmen, die sich mit der Herstellung von Kinogeräten aller Art befasst hat, war Prestwich in London. Er benutzte u.a. einen Aufbau, der dem von Paul nicht unähnlich war, verwendete aber anstelle des Malteserkreuzes das sogenannte Epizykloidalgetriebe, eine Einrichtung, die auf dem Prinzip des Schlägers beruht, an dessen Stelle jedoch eine in gleicher Weise rotierende Zahntrommel tritt, deren Zähne in stetem Eingriff mit der Perforation bleiben. Später benutzte er den typischen Prestwich-Greifer (vgl. Kapitel

Anm. Q: Die Pittman-Kamera wurde in Deutschland erstmals (und einmalig) erwähnt in: Kinotechnik 1922, 4. Jg., Heft 13, S. 490.

Abbildung 527: Pittman-Kamera [US-amerikanischer Zeitungsausschnitt vom 26.11.1921], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 528: Prestwich-Kamera, Modell 5, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Greifer) und brachte auch eine Kamera in den Handel, die den üblichen englischen Typ darstellt und verschiedene kleine Einrichtungen aufweist, die für die damalige Zeit als Verbesserungen betrachtet werden konnten. Diese unter „Modell 5“ von verschiedenen Händlern auf den Markt gebrachte Kamera hatte speziell einen sehr tief liegenden Antrieb, um Schwankungen des Apparates bei der Aufnahme zu vermeiden. Dieser Kameratyp hat sich ohne Frage sehr gut bewährt, da er noch in jüngster Zeit wiederholt in Gebrauch angetroffen wurde. Das andere Modell, das unter der Bezeichnung „4“ in den Handel gebracht wurde, ist in seinen wesentlichen Ausführungen von Gaumont übernommen worden. Dieses Modell ist deswegen bemerkenswert, weil die Kassetten eine Einrichtung aufweisen, die in jüngster Zeit von einer anderen Firma erneut mit unwesentlichen Änderungen benutzt wurde [vermutlich Apparatebau Freiburg GmbH, Modell Lyta]. Wie aus der Abbildung genügend deutlich hervorgeht, ist im Innern der Kassette eine Art Lichtschleuse vorgesehen, die an ihrem Ende eine Rolle trägt und so eine reibungsfreie und gleichzeitig lichtdichte Ein- und Ausführung des Filmbandes erreichen soll. Auch soll nicht unerwähnt bleiben, daß Prestwich für seine Aufwickelkassette einen größeren Kern mitlieferte, um eine sichere Funktion der Aufwicklung lediglich bei Benutzung einer Drahtspirale ohne Erschwerung des Ganges zu erreichen. Abb. 528, 529.

56. Prévost, Paris
Die Firma Lucien Prévost in Paris hat schon sehr frühzeitig hochwertige Aufnahmeapparate in den Handel gebracht. Der erste Typ entsprach im wesentlichen dem „Pathé-Industriel“. Kurze Zeit darauf aber schuf Prévost eine zweifellos verbesserte Ausführung, die dadurch typisch wurde, daß die beiden Kassetten nicht hinten, sondern nebeneinander auf dem Apparategehäuse ihre Aufstellung fanden. Dazu konstruierte er einen neuartigen Greifer, der auf einer Welle zwei Bogendreiecke nebeneinander trägt und so die erforderliche Schaltbewegung zum absatzweisen Filmtransport mit verhältnismäßig einfachen Mitteln in präzisester Weise erreicht. Die Kamera ermöglichte den Vor- und Rückwärtsgang, hatte getrennte Meterzähler und bot durch die leichte Zugänglichkeit des Bildfensters eine gute Einstellmöglichkeit. Die Kassetten waren ganz aus Metall gefertigt und wurden gegen Staub und sonstige äußere Einflüsse durch eine besondere Haube abgedeckt und geschützt. Die Firma Prévost lieferte außer Aufnahmegeräten auch alle anderen zur Filmfabrikation er-

Abbildung 529: Prestwich-Kamera, Modell 4 [Rückseite von Abb. 528], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 530: Prévost-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 531: Prévost-Kamera, Rückseite geöffnet, Kassettenhaube teilweise hochgeklappt, Kassetten offen, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

forderlichen Einrichtungen. Die Prévost-Kamera erfreute sich bis in die jüngste Zeit wegen ihrer hohen Präzision allseitiger Beliebtheit. Abb. 530 und 531.

57. Prévost, Mailand
Von der Firma A. [Attilio] Prévost & Co. in Mailand wird ein Kamera-Typ angeboten, der in seinem Aufbau als sehr charakteristisch bezeichnet werden kann und es sich zum Ziele setzt, ein möglichst kleines Ausmaß zu zeigen. Wie die beigefügten Abbildungen erkennen lassen, sind die nebeneinander liegenden Kassetten, ähnlich wie bei der „Pathé-Voyage“ dicht hinter dem Triebwerk so angebracht, daß sie mit dem Gehäusekasten nach oben geklappt werden können. Dadurch ist eine Möglichkeit zur Einstellung gegeben, obgleich […] diese eine Einblicköffnung von der Seite […] bei verschiedenen Ausführungen auch von schräg vorn vorgesehen war. Ein besonders leichtes und doppelt ausziehbares Stativ wird angeboten, um speziell für Reisezwecke möglichst kleines Gepäck zu gewinnen. Die Vorderseite der Kamera trägt auf einer Revolverscheibe zwei Objektive verschiedener Brennweite, die je nach Bedarf abwechselnd benutzt werden können. Bemerkenswert erscheint, daß an der Rückseite der Kamera eine Sekundenuhr angebracht ist, um die Dauer einer Szene während der Probe zu messen. Im übrigen sind alle Einrichtungen zu finden, die eine neuzeitliche Kamera ausweisen soll. Die Scheibe, an der die beiden Objektive ihre Befestigung finden, können dezentriert werden, um ein Neigen der Kamera zu vermeiden. Die Kassetten ähneln ziemlich genau denen von Debrie. Für einfachere Ansprüche und auf Reisen dürfte sich dieser Kameratyp ohne Frage als geeignet erweisen. Abb. 532, 533.

58. Russell
Die Russell-Kamera aus New York stellt in ihrem Aufbau in gewissem Sinne eine umgekehrte Debrie-Kamera dar. Die Filmführung ist aus dem beigegebenen Schema gut ersichtlich. Die Kamera selbst ist wohl die einzige, die als Baumaterial Bakelit verwendet. Auch die Kassetten sind aus Bakelit hergestellt und sollen praktisch unzerbrechlich sein. Der Hersteller behauptet, daß diese Masse gegen jedes Klima wiederstandsfähig sei, nicht schrumpfe und auch nicht undicht werde. Die Kamera hat eine automatische Verschlußscheiben-Abblendung, die auf jede gewünschte Länge einstellbar ist und auch von Hand bedient

Abbildung 532: Mailänder Prévost-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 533: Mailänder Prévost-Kamera, Rückenteil des Gehäuses, Kassen hochgeklappt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

werden kann. Bemerkenswert ist eine Vorrichtung, die den Transportmechanismus anzuhalten gestattet, während man die Kurbel in gewohnter Weise weiterdreht. Diese Einrichtung soll dazu dienen, unerwünschte und aufdringliche Zuschauer zu täuschen. Die Auswechslung des Objektives geht leicht vor sich, obgleich sehr kurze Brennweiten infolge der Anordnung der Kassetten nicht benutzbar sein dürften. Das etwa ½ Zoll breite Kassettenmaul öffnet sich, sobald die Kamera geschlossen wird. Der Film erleidet auf seinem ganzen Wege keine Reibung. Es kann die Einstellung je nach Bedarf auf dem Film direkt oder einer an dessen Stelle vorzuklappenden Mattscheibe stattfinden. Hier wurde bereits die Absicht praktisch durchgeführt, daß der Kameramann beliebig auf der Mattscheibe oder den Film einstellen kann. Der Betrieb der Kamera ist beliebig vor- und rückwärts möglich. Die Kurbel selbst ist außerordentlich tief befestigt und kann nicht abgenommen werden. Die Abmessungen sind 9 Zoll Höhe und 7 ¾ Zoll Breite bei 10 ¾ Zoll Länge. Das Fabrikat ist insofern bemerkenswert, als an dieser Kamera bereits vor fast einem Jahrzehnt alle für die Praxis erwünschten Vorrichtungen verwirklicht worden sind und damit die praktische Durchführbarkeit verschiedener Wünsche bewiesen wurde. Abb. 534, 535. [Anm. R]

59. Schimpf
Die Firma [Kurt] Schimpf in Berlin hat sich ebenfalls seit vielen Jahren mit der Herstellung von Kino-Aufnahmeapparaten befaßt, deren Filmführung sich an den bewährten Typ von Gillon in Paris anlehnt. Das frühere Holzgehäuse wurde später durch ein solches aus Metall ersetzt. Durch die präzise Ausführung der Einzelteile hat sich diese Kamera nach jeder Richtung hin bewährt. Die im Laufe der Zeit durch die Aufnahmetechnik geforderten Verbesserungen, wie optische Bank, Einstell-Lupe usw. wurden auch dieser Kamera hinzugefügt, die dadurch versuchte, den Ansprüchen der Zeit gerecht zu werden. Abb. 536.

60. Sinclair
Die heutige Firma James A. Sinclair & Co. Ltd. in London hieß früher Newman & Sinclair; und diese Firma wiederum war aus der Firma „Newman & Guardia“ hervorgegangen. Die letztgenannte Firma hat sich bereits zu Beginn der Kinematographie mit der Herstellung von Kinoapparaten befaßt und ist insofern bemerkenswert, als Arthur S. Newman schon am 13. Oktober 1896 das englische Patent Nr. 22707

Anm. R: Seeber stellte die Russell bzw. Russel-Kamera erstmals im Frühjahr 1921 innerhalb seines Aufsatzes „Sechs neue Aufnahme-Apparate!“ vor. Vgl. Kinotechnik 1921, 3. Jg., Heft 5, S. 167. Daraus ist zu schließen, dass Seeber diese Passagen zu den Kameraherstellern zwischen 1930 und 1932 verfasste.

Abbildung 534: Russell-Kamera [US-amerikanischer Zeitungsausschnitt vom 26.11.1921], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 535: Russell-Kamera, Filmführungsschema, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 536: Schimpf-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

auf die Konstruktion eines speziell für kinematographische Zwecke bestimmten Greifers erteilt wurde. Somit darf er als einer der überhaupt ersten Engländer betrachtet werden, die sich mit dem Bau kinematographischer Apparate beschäftigt haben. Die von ihm auf dem Markt gebrachte Kamera heißt „N.S. Reflex Kinematograph-Kamera“. Die Bezeichnung wird dadurch begründet, daß durch ein eingebautes Prisma das aufzunehmende Bild von der Seite aus betrachtet bzw. eingestellt werden konnte. Wie aus der beigefügten Darstellung der Filmführung, Abb. 537, hervorgeht, liegen die beiden Kassetten nebeneinander. Das Filmband muß zwei Vorwickeltrommeln zur Bildung der ersten Schleife passieren, um auf diese Weise den Weg nach links zum Belichtungskanal auszuführen. Als Greifer wurde der bereits erwähnte patentierte eingebaut, und zwar sonderbarerweise nicht von oben nach unten ziehend, sondern von oben nach unten stoßend; seine Lage ist aus Abb. 539 und 541 ersichtlich. Diese Kamera faßte bereits 120 m Film und hatte verhältnismäßig kleine Abmessungen von 13 ½ x 6 ½ x 8 ¼ Zoll. Der Verschluß war verstellbar, eine Vorrichtung zum Markieren vorhanden und Vorsorge getroffen, daß man auch rückwärts drehen konnte. An der linken Seite war als Sucher ein Ikonometer-Rahmen angebracht. Sonstige Einzelheiten lassen die beigefügten Abbildungen gut erkennen. Die Kamera selbst ist mit Erfolg bei verschiedenen Expeditionen, u.a. der Südpolexpedition von Kapitän R. [Robert] Scott, benutzt worden und dürfte damit ihre Brauchbarkeit durchaus bewiesen haben. Später wurde der Kameratyp verschiedenst verbessert und ganz aus Metall hergestellt. Die Filmführung des ersten Typs ist beibehalten worden; die Größe der Kamera betrug später 35 ½ x 14 ½ x 20 cm. Es wurde besonderer Wert auf Ausgleich aller schwingenden Massen gelegt. Die Kamera mit eingelegtem Film soll einen leichteren Gang haben als alle anderen ohne Film. Er [der Gang] soll so leicht sein, daß man ohne Befestigung auf einem Stativ, also lediglich nach Aufsetzen auf eine feste Unterlage, z.B. auf einen Tisch, Aufnahmen herstellen kann. Die Kamera soll bei der Aufnahme wirklich keine innere Selbstbewegung aufweisen und es gestatten, 120 m Film durchzudrehen, ohne daß sie ihren Platz auch nur im geringsten verändert.
Eine besondere Einrichtung der N.S.-Kamera gestattete es, mit Hilfe einer besonderen Führung eine neue Kassette voll Film automatisch einzusetzen. Einige Kurbelumdrehungen genügen, um die erforderliche Schleife zu bilden und das Filmband dank einer eigenartigen Führung seinen Weg von selbst finden zu lassen. Die aus Metall hergestellten

Abbildung 537: Sinclair-Kamera, Filmführung [Abbildungen 538 und 539 fehlen], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Kassetten besitzen die bekannte Einrichtung, daß nach Schließen der Kamera der Filmdurchgang erweitert wird, so daß also keine Reibung stattfinden kann. Zur Einstellung sind bei dem neuen Typ drei Möglichkeiten vorgesehen. Die vom Fabrikanten als beste bezeichnete Einstellungsart ist die auf Grund einer genauen Skala. Ferner kann man durch Einschalten eines Prismas, das seinen Platz zwischen Film und Objektiv hat, einstellen. Die Einstellebene des Reflexspiegels und die des Films sind theoretisch absolut identisch. Ein zweites Prisma mit einer Lupe, die eine 6-fache Vergrößerung ergibt, gestattet es, wie aus Abb. 540 deutlich sichtbar ist, das Spiegelreflexbilde auch von hinten her zu betrachten. Dieses Rohr, das die Lupe trägt, ist in der Vertikalen drehbar eingerichtet, so daß man in besonderen Fällen, bei denen man von der Rückseite her an die aufgestellte Kamera nicht herankann, das Bildfeld entweder von oben oder unten überprüfen kann. Die dritte Einstellmöglichkeit besteht in einem kurzen Reflexaugenstück, das das Bild auf dem Film selbst zu betrachten gestattet. Alle Verstellungen sind an der Rückseite der Kamera angebracht. Der Verschluß ist sowohl automatisch als auch von Hand verstellbar und schließt unter Benutzung der automatischen Abblendevorrichtung auf eine Länge von etwa 1 ½ m. Diese Einrichtung läßt nach Ablauf dieser 1 ½ m Film ein akustisches Signal ertönen, damit das Drehen rechtzeitig unterbrochen wird. Ohne besondere Maßnahme kann die Kamera vor- und rückwärts gekurbelt werden. Die Anzeigevorrichtungen zum Ablesen der belichteten Filmlängen bestehen aus Halbkreis-Skalen. Diese liegen unmittelbar untereinander und besitzen je zwei Zeiger. Abb. 541. Der zweite, der als Hilfszeiger bezeichnet wird, dient dazu, bei der Rückwärtsdrehung erkennen zu lassen, welche Filmlänge zurückgedreht wurde; denn dieser Hilfszeiger bleibt dort stehen, wo die Rückwärtsbewegung beginnt, und nur der Hauptzeiger folgt der Rückwärtsdrehung.
Diese Ausführung ist beachtenswert, weil man mit ihrer Hilfe bestimmte Stellen im Film zwecks einer nochmaligen Belichtung leicht wiederfinden kann. Objektiv und Irisblende sind ebenfalls von der Rückseite der Kamera aus verstellbar. Die Skalen der Scharfeinstellung und der Irisblende sind so beschaffen, daß z.B. zwei verschiedene Objektivbrennweiten, wie solche von 50 und 75 mm, abwechselnd benutzt werden können, wobei die Angaben der einen Skala für beide Brennweiten richtig sind. Die Objektive befinden sich zu diesem

Abbildung 540: [Lupe der N.S.-Kamera von Sinclair], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 541: [Anzeigevorrichtungen der N.S.-Kamera], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Zweck in Spezialfassungen. Als Sucher ist oben auf der Kamera ein sogenannter Brillant-Sucher angebracht, der die Seitenparallaxe vermeidet, wobei allerdings die der Höhe nicht beseitigt wird.
Hingewiesen sei ferner auf die Konstruktion des von Sinclair für seine Kamera gelieferten Stativs, dessen Höhenverstellung keine Kurbel, sondern einen Hebel verwendet, der mit Untersetzung auf die sich neigende Apparatplatte wirkt. Um die Kamera auch motorisch zu betreiben, wird eine Zusatzeinrichtung geliefert, die einen Spezialmotor mit angebautem Widerstand und die Benutzung von Batterien vorsieht. Eine normale Trockenbatterie soll es ermöglichen, 120 m Film durchzuziehen. Eine am Vorderteil der Kamera angebrachte optische Bank gestattet die Verwendung der verschiedensten Vorsatzeinrichtungen; diese besteht nicht, wie üblich, aus einem Rohr, sondern aus zwei ineinandergleitenden Winkelträgern, die Abb. 541 gut erkennen läßt.
Sinclair bingt auch eine „Auto-Kinokamera“ in den Handel, die ihren Antrieb durch zwei Spezial-Federwerke erhält und es dadurch ermöglicht, anderen Konstruktionen gegenüber sehr erhebliche Filmlängen ohne Unterbrechung durchlaufen zu lassen. Die Länge des von den Federwerken jeweils durchgezogenen Films beträgt bis 55 Meter. Die Ausführung der „Auto-Kinokamera“ ist im Aufbau sehr einfach. Um einen möglichst leichten Gang zu erzielen, hebt sich das Andruckfenster im Belichtungskanal während jedes Filmtransports ab. Die Abmessungen der Kamera betragen 9 ½ x 4 ¾ x 9 ½ Zoll. Das Gewicht des ganz aus Metall hergestellten Apparates beläuft sich auf etwa 7,8 kg. Die Einraumkassetten fassen 60 m Film, und in ihrem Innern enthalten sie die Einrichtung zum Vor- und Nachrollen des Films. Dieser Kameratyp dürfte im Augenblick der einzige sein, der nach einmaligem Spannen des Federwerkes eine so bedeutende Länge Film durchzieht. Die Erzeugnisse von Sinclair zählen ohne Frage zu den besten, die in England hergestellt werden. Abb. 542.

61. Sochor
Der Mechaniker F. [Friedrich] Sochor in Wien hat [1928] eine Kamera für Normal- und Rapid-Aufnahmen konstruiert. Ihre gesamter Bewegungsmechanismus ist in seinem Aufbau außerordentlich gedrängt und besteht ganz aus Leichtmetall. Der Bildtransport erfolgt zwangsläufig durch einen dreizähnigen Rotationsgreifer, der eine Bildwechselzahl bis zu 100 je Sekunde gestattet. Zur Sicherung des absoluten Stehens der Bilder sowohl bei Normal- als auch bei Rapid-Aufnahmen befinden

Abbildung 542: Sinclair-Auto-Kine-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sich im Filmkanal zwei Justierstifte. Die Berührungen des Films während des Durchganges durch die Kamera sind auf das Mindeste beschränkt. Sochor hat für diesen Zweck im Filmkanal das bewährte Rollendruckfenster eingebaut. Die Einraumkassetten fassen 25 m Film, können aber jederzeit gegen solche mit größerem Fassungsvermögen ausgetauscht werden. Abb. 543–545.
Die kleine Kassette ist besonders für Aufnahmen aus freier Hand bestimmt. Die größte Verschlußöffnung beträgt 170°; es ist möglich, die Öffnung während des Betriebes der Kamera zu verändern. Die Drehrichtung kann beliebig gewählt werden, ohne daß für eine sichere Aufwicklung des Films in jeder Drehrichtung besondere Maßnahmen erforderlich wären. Ein angebautes Federwerk ermöglicht ununterbrochene Aufnahmen in einer Länge von mehr als 15 Metern. Durch Verstellen eines Zeigers kann die Bildgeschwindigkeit von normal 16 bis zu 50 je Sekunde gesteigert werden. Bei aufgezogenem Federwerk sind sämtliche Handantriebe arretiert, doch ist es möglich, durch Druck auf einen Knopf die aufgezogene Feder abzulassen und dadurch den Apparat sofort für den Handbetrieb gebrauchsfertig zu machen. Ein um ein geringes versenkter Objektivrevolver kann vier Objektive tragen. Besondere Spezialfassungen gestatten es, die einzelnen Objektive augenblicklich untereinander auszuwechseln. Die Einstellung des Bildes erfolgt durch Drehen einer geriffelten Kufe. Hierdurch verschiebt sich die Objektivplatte und es geschieht die Scharfeinstellung. Diese wird durch das Betrachten des Filmbildes mittels einer um das Mehrfache vergrößernden Umkehrlupe auf einer Mattscheibe von rückwärts her kontrolliert. Für das Scharfeinstellen der Objektive sind drei Möglichkeiten gegeben: entweder auf einer von rückwärts ablesbaren Entfernungsskala oder durch Schwenken des gerade zur Aufnahme verwendeten Objektivs in die optische Achse der Einstell-Lupe oder schließlich durch eine Zwillings-Objektiv-Anordnung am Revolver, wobei immer zwei gleichbrennweitige Objektive nebeneinander kommen, eines zur Aufnahme und das andere zur Kontrolle des Bildfeldes mittels der Umkehrlupe. Der veränderliche Maskenträger befindet sich zwischen Objektiv und Film. Die vor falschem Licht geschützten Doppelmasken können nach Bedarf schärfer oder weicher abgebildet werden. Wie bereits erwähnt, können anstelle der kleineren Kassetten solche mit einem Fassungsvermögen von 60 oder 120 m angesetzt werden.

Abbildung 543: Sochor-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 544: Sochor-Kamera, geöffnet, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 545: Sochor-Kamera, Kurbel- und Federwerkseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

62. Stachow
Die Firma [Leo] Stachow in Berlin stellt eine Kamera her, die in ihrem Aufbau insofern bemerkenswert ist, als sie als die einzige wirklich rein deutsche Konstruktion anzusehen sein dürfte. [Anm. S] Man findet bei ihr keine Anlehnungen an fremde Konstruktionen oder an andere Vorbilder. Sie stellt somit ein Originalmodell dar. Während Gehäuse und Kassetten früher aus Holz gefertigt wurden, findet neuerdings nur Leichtmetall Verwendung. Die Filmführung ist aus dem beigegebenen Schema, Abb. 546, ersichtlich und als sehr einfach anzusprechen. Der zwangsläufig gesteuerte Greifer wird durch eine Kurbelscheibe angetrieben und durch ein auf der Antriebsscheibe sitzendes Schwungrad ausbalanciert. Die Greiferspitzen treten ein wenig von oben in die Perforation ein und erfüllen damit eine berechtigte Forderung. Außerdem ist im Greifer selbst eine einfache Vorrichtung angebracht, die es gestattet, den Bildstrich beliebig zu verändern. Der Verschluß ist sowohl von Hand als auch automatisch zu öffnen und zu schließen; die jeweilige Öffnung der Verschlußscheibe ist an einer an der Rückseite des Apparates angebrachten Skala ablesbar. Ebenfalls dort liegen die anderen erforderlichen Verstellungen, wie die des Objektivs und der Blende. Zur Kontrolle der belichteten Meter sind Meterzähler und Einzelbildzähler angebracht, die in jeder Drehrichtung anzeigen. Die Kamera wird sowohl für die Benutzung von Einzel-Objektiven mit Schnellwechselfassung geliefert, wie auch mit einem Objektiv-Revolver, der Platz für 3 Objektive bietet. Die Einstellung und Kontrolle des Bildfeldes wird durch eine zusätzlich angebrachte Umkehrlupe oder durch eine […] vergrößernde Umkehrlupe erreicht, die eine Betrachtung von rückwärts gestattet. Zur Markierung des belichteten Films dient eine Vorrichtung, die Löcher in den Film stanzt. Ein Behälter sorgt dafür, daß die Ausschnitte aufgefangen werden und nicht in das Getriebe des Apparates fallen können. Als neuartig ist die Ausführung der Kassetten zu bezeichnen. Es sind sogenannte Kombinationskassetten, die an sich aus Einzelkassetten bestehen und zu je zweien durch ein besonderes, etwa herzförmiges Zwischenstück zu einer Doppelkassette vereinigt werden können. Dadurch ergeben sich alle Vorteile, die eine Doppelkassette hat, […] ohne […] deren Nachteile aufzuweisen. Die Form der Einzelkassette ist der Filmrolle angepaßt, also rund. Der Deckel ist ähnlich wie bei Bell & Howell u.a. mit einem Ge-

Anm. S: Die Stachow-Kamera, auch Stachow-Filmer, wurde erstmals im Frühjahr 1921 in der Fachpresse vorgestellt. Vgl. Kinotechnik 1921, 3. Jg., Heft 6, S. 228.

Abbildung 546: Stachow-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 547: Stachow-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 548: Stachow-Kamera, Rückseite mit 120-m-Kassetten, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

winderad zum Aufschrauben versehen. Man kann die Einzelkassetten durch Lösen eines Blockierungsstiftes augenblicklich von dem Verbindungsstück abheben und sie beliebig oben oder unten, d.h. als Ab- oder Aufwickelkassette, verwenden. Für den Rückwärtsgang beim Drehen ist das Umlegen der Drahtspirale erforderlich. Das Kameragehäuse besitzt ein Ausmaß von 15 x 15 x 21 cm, ist also verhältnismäßig klein; und das Gewicht der Kamera mit Kassetten beträgt etwa 8 kg, was für eine Metallkamera als gering bezeichnet werden kann. Bei der Konstruktion der Stachow-Kamera ging man von dem Grundsatz aus, daß das einfachste das beste, sicherste und praktischste sei. Man kann daher ohne weiteres sagen, daß die Konstruktion insofern gelungen ist, als man mit einfachsten Möglichkeiten ein Gerät geschaffen hat, das normalen Aufnahme-Ansprüchen gerecht wird. Abb. 546–548.

63. Sterling
Die C. P. Goerz American Optical Co. in New York bringt unter dem Namen „Sterling-Camera“ einen Apparat für den Berufs-Kameramann und auch für Amateure mit 120 m Filminhalt auf den Markt. Dieser Typ ist mit Hoover-Objektiven ausgerüstet, hat einen verstellbaren Verschluß, die Einstellung erfolgt seitlich durch ein Prisma; sie hat außer Normalantrieb auch Einzelbildkurbel-Antrieb. Die Größe der Kamera beträgt 14 x 9 ¾ x 6 ½ Zoll, und das Gewicht beträgt 18 englische Pfund. Das Äußere der Bauart ist durch die beigefügte Abbildung erkenntlich. Abb. 549.

64. Sziraki
Die Firma E. [Erwin] Sziraki in Budapest hat den Pathé-Typ metallisiert und dessen gute Eigenschaften durch Hinzufügen verschiedener Verbesserungen ohne Frage noch weiter vervollkommnet. Später brachte Sziraki einen Kameratyp in den Handel, der im Aufbau im wesentlichen der Bauart von Bell & Howell gleicht und sich speziell auf die Ausführung älterer Typen dieser amerikanischen Firma stützt. Die Ausführung ist als sehr sauber anzusprechen, sie bietet dem Kameramann ein durchaus zuverlässiges Arbeitsgerät. Abb. 550, 551.

65. Taylor
Der amerikanische Kameramann I. O. Taylor [recte: James O. Taylor] hat eine Kamera geschaffen, die eine erheblich größere Öffnung der Verschlußscheibe, als sie allgemein gebräuchlich ist, aufweist. Die Kamera enthält einen Mechanismus, der so arbeitet, daß die Verschlußscheibe eine Öffnung von 270° aufweist, praktisch also um ¼ mehr Öffnung besitzt, als die

Abbildung 549: Sterling-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 550: Sziraki-Kamera nach „Pathé-Industriel“, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 551: Sziraki-Kamera nach Bell & Howell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

üblichen Kameras. Das Ergebnis der Aufnahme soll eine weichere und flüssigere Handlung und eine erhebliche Abnahme der ruckweisen Bewegungen bei der Projektion sein. Besonders bei der Wiedergabe ungewöhnlich schneller Bewegungen soll der Unterschied hier auffallen. Die ganze Kamera ist aus einer Aluminium-Legierung hergestellt und trägt einen Objektiv-Revolver, der völlig von dem Metallgehäuse umschlossen wird und 6 Objektive trägt, deren Brennweiten von 32 bis 120 mm betragen können. Alle Ab- und Überblendungen werden von der Rückseite der Kamera aus kontrolliert. Die oben auf dem Kameragehäuse nebeneinander angeordneten Kassetten enthalten 120 m Film und werden durch automatische Klammern am Körper der Kamera befestigt. Die Aufwicklung erfolgt durch eine Friktionsscheibe mit zwei Geschwindigkeiten. Ist der Kern leer, so wird mit geringer Geschwindigkeit umgeschaltet, wodurch ein immer gleichmäßiger Zug auf die Kurbel ausgeübt wird. Wegen der verhältnismäßig längeren Zeit, während der die Verschlußscheibe offen ist, behauptet Taylor, daß für Aufnahmen mit seiner Kamera viel weniger Licht, als dies gewöhnlich erforderlich ist, benötigt wird, und daß Aufnahmen möglich seien, die bisher infolge unvermeidlicher Unterbelichtung nicht herstellbar seien. Abb. 552.

66. Universal
Die Firma Burke & James Inc. [von Henry Burke und David James] in New York und Chicago bringt unter der Bezeichnung „Universal-Kamera“ einen ganz aus Metall hergestellten Apparat in den Handel, der in seinem Aufbau dem englischen entspricht. Entgegen der sonst üblichen Anordnung sind hier die übereinander liegenden Kassetten im Kameragehäuse nicht auf der linken, sondern auf der rechten Seite angeordnet. Für die Vor- und Nachrollung sorgt eine Zahntrommel; die Filmschaltvorrichtung ist auf der Grundlage des Lumière-Greifers konstruiert. Der Apparat hat alle Einrichtungen einer modernen Kamera und ist dadurch besonders bemerkenswert, daß die Kurbel sowohl an der rechten wie auch an der linken Seite der Kamera auf der Hauptwelle befestigt werden kann, um in besonderen Fällen von der linken Seite aus drehen zu können. Der Verschluß öffnet und schließt sich automatisch, und es kann durch eine rückseitig angebrachte Anzeigevorrichtung die jeweilige Öffnung kontrolliert werden. Der Meterzähler ist ebenfalls an der Rückseite angebracht. Die Aufwickelvorrichtung ist so eingerichtet, daß sie sich je nach der Drehrichtung automatisch umstellt. Die Aus-

Abbildung 552: Taylor-Kamera [aus: Kinotechnik, 1921, 3. Jg., S. 661], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 553: Universal-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

führung der Kamera ist sehr sauber. Eine auf einem Winkelspiegel beruhende Einstellmöglichkeit ist an der rechten Kameratür angebracht. Das Objektiv kann in gewissen Grenzen in seiner Höhe verstellt werden. Die Kamera wird in zwei Ausführungen, und zwar mit einem Fassungsvermögen von 60 oder von 120 m Film geliefert. Auf Wunsch kann anstelle eines Einzelobjektivs eine drei Linsen tragende Revolverscheibe geliefert werden. Als Sucher ist auf der Oberseite der Kamera ein sogenannter Brillantsucher vorgesehen. Abb. 553.

67. Urban
Der Engländer Charles Urban hat sich schon sehr frühzeitig mit der Kinematographie beschäftigt und sich auf diesem Gebiet sehr erfolgreich betätigt. Bereits im Jahre 1894 erwarb er territoriale Rechte auf das Edisonsche Kinetoskop, und kurze Zeit danach führte er auch den Projektionsapparat von Edison, den „Vitagraph“ ein. Dieser im Jahre 1896 herausgebrachte Apparat wurde jedoch nicht verkauft, sondern nur mietweise abgegeben. Diese Maschine hat sich aber nicht sonderlich bewährt, zumal sie nur mit Elektrizität zu betreiben war, ein Umstand, der damals Urban veranlaßte, durch Verbesserungen dieses Apparates die Möglichkeit zu schaffen, auch ohne Elektrizität an Orten vorführen zu können, wo kein Elektrizitätswerk existierte. Das Ergebnis seiner Arbeit war das „Bioskop“, der bekannte Urban-Projektor, wie er allgemein bekannt wurde. Besonders bemüht war er um Lehrfilme, für die er einen sehr umfangreichen Katalog zusammenstellte.
In der Kinematographie bekannt wurde der Name Urban außerdem durch seine große Reklame für die Darlingsche Aufnahmekamera, die er unter seinem Namen in alle Welt lieferte, sowie durch das Kinemacolor-Verfahren, um das er sich mit [George Albert] Smith sehr bemühte. Interessant ist, daß er hierfür eine von Williamson hergestellte Kamera mit Hakengreifer, Abb. 554, benutzte und 32 Bilder je Sekunde aufnehmen mußte. Die Resultate seiner farbigen Projektionen waren, obwohl er nur mit zwei Farben arbeitete, überraschend gut und bildeten einen markanten Fortschritt auf diesem Gebiete. Abb. 554.

68. Vinten
Die Firma W. Vinten in London beschäftigte sich vor längerer Zeit mit dem Bau verschiedener Kinogeräte und hat u.a. eine Kamerakonstruktion geschaffen, die als „Modell C“ in den Handel gekommen ist. Dieser Kameratyp, dessen Filmführung schematisch Abb. 555 zeigt, dürfte in-

Abbildung 554: Urban-Smith-Kamera für „Kinemacolor“-Aufnahmen: 176  – rotierende Verschlußscheibe, 174  – rotierende Zweifarbenfilter, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

sofern bemerkenswert erscheinen, als die sonst am Stativ befindliche Mechanik hier mit jener der Kamera selbst vereinigt wurde. Der ganz aus Metall hergestellte Apparat ist an einem senkrechten Hauptträger befestigt. Dieser Hauptträger ist durch Kurbelantrieb nicht nur horizontal schwenkbar, sondern er ist infolge der zentralen Aufhängung der Kamera auch durch Betätigen einer besonderen Kurbel neigbar. Ein Objektivrevolver trägt vier Objektive, die in besonders konstruierten Einstellfassungen montiert sind und deren Einstellung von der Rückseite der Kamera aus erfolgt. Der Mechanismus ist völlig eingekapselt, läuft durchweg auf Kugellagern und ermöglicht so einen leichten und geräuschlosen Gang. Drei Geschwindigkeiten sind vorgesehen, die je 1, 4 oder 8 Bilder je Umdrehung ergeben, wofür nur eine einzige Kurbel vorhanden ist. Zum Filmtransport dient ein einseitiger Greifer, dessen Ausführungsart im ersten Teil dieses Buches schematisch abgebildet ist und der dadurch bemerkenswert erscheint, daß seine Wirkungsweise mit den denkbar einfachsten Mitteln ermöglicht wird. Auf Grund längerer Versuche behauptet Vinten, daß der einseitig wirkende Greifer auch bei fehlerhafter Perforation das Stehen der Bilder nicht beeinflusse. Die Öffnung des Verschlußes kann während der Aufnahme automatisch oder von Hand geändert werden. Bild- und Meterzähler befinden sich an der Rückseite der Kamera. Zum Zweck der Einstellung ist eine Vorrichtung eingebaut, die es ermöglicht, auch während der Aufnahme das Bild im Fenster auf dem Film zu betrachten, ohne diesen zu verschleiern. Ein Gegendrücken des Auges genügt, um die Einblicköffnung freizugeben. Die Kassetten sind aus Aluminium-Kupferguß hergestellt und mit einer automatischen Öffnung des Filmdurchlaßes beim Schließen der Kamera versehen, so daß jede Reibung des Negativfilms vermieden wird. Die sonstigen Einrichtungen, insbesondere die optische Bank, sind aus der beigefügten Abbildung gut ersichtlich. [Abb. 555] Außer dieser Konstruktion stellt Vinten noch eine andere her, die sich an den Typ von Prévost in Paris anlehnt. Sie ist vorzugsweise als Reporter-Kamera gedacht und besitzt alle besonders für diesen Zweck erforderlichen Eigenschaften. [Abb. 556]
Außerdem bringt Vinten das bekannte Gyro-Stativ in den Handel, das eine beliebige Bewegung der Kamera während der Aufnahme gestattet. Durch ein besonders konstruiertes Kreiselgetriebe wird ein sanfter Gang ermöglicht; der Leitstab ist je nach der Größe des Kameramannes einstellbar. Vinden hat ferner für eine Rapidkamera ein besonderes Schaltgebriebe konstruiert; wir verweisen auf das betreffende Kapitel „Rapid-Apparate“.

Abbildung 555: Vinten-Kamera, Modell C, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 555a: Vinten-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 556: Vinten-Kamera, Modell A [Reporter], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Vintens Neige- und Drehkopf bildet eine besonders bemerkenswerte Konstruktion, weil er gestattet, die Kamera in einem sehr großen Winkel – im ganzen über 250° – zu neigen, während der Schwerpunkt der Kamera immer in der Mitte bleibt, so daß die Schneckengetriebe sehr wenig beansprucht werden und ein toter Gang weitgehend vermieden wird. Diese Vorrichtung bietet ferner den Vorteil, daß der Kopf mit der Kamera zusammen in einem Koffer verpackt werden kann, so daß dann das Stativ keine Teile mehr aufweist, die leicht verletzlich sind. Abb. 555, 555a, 556, 557.

69. Vitagraph
Die „Kinematographische Apparate-Vertriebs-GmbH“ in Wien bot im Jahre 1922 einen Aufnahmeapparat „Vitagraph Metallique“ an, der in Aufbau und Filmführung dem bekannten von Prévost in Paris entspricht. Die ganz aus Metall hergestellte Kamera unterscheidet sich vom Prévost-Typ nur insofern, als man das Schutzgehäuse über die an der Oberseite der Kamera befestigten Kassetten fortgelassen hat. Als Veränderung ist lediglich die Einrichtung zu bezeichnen, daß man den rotierenden Verschluß während der Aufnahme beliebig öffnen oder schließen kann; eine weitere Vorrichtung ermöglicht es, die Irisblende des Objektivs mit dem Triebwerk zu kuppeln und sie während des Drehens beliebig zu öffnen oder zu schließen. Weitere Konstruktionseinzelheiten sind aus den beigefügten Abbildungen ersichtlich. Abb. 558, 559.

70. Wadack & Rothe
Die Firma Wadack & Rothe in Berlin hat einen Aufnahmeapparat „System Rittau“ [Anm. T] hergestellt, der sich als Typ und hinsichtlich seiner Filmführung an den kleinen Gillon anlehnt. Bei der ganz aus Metall hergestellten Kamera wurde reichlicher Gebrauch von Kugellagern gemacht und besonderer Wert auf leichten Gang gelegt. Das Objektiv sitzt auswechselbar in einer Fassung, die starr mit dem Bildfenster verbunden ist, also gewissermaßen im Innern der Kamera. Die vordere Apparatur trägt nur einen Ring, in dem die Vignettierblende und der Tubus für lange Brennweiten eingesetzt werden können. Die Bewegung der Schärfeeinstellung sowie der Irisblende erfolgt von der Rückseite der Kamera durch Hebel, die sich über Skalen bewegen. Die Beobachtung des Bildes erfolgt von hinten her durch ein Einstell-Mikroskop, das das Bild aufrichtet. Außer der direkten Bildbeobach-

Anm. T: Der später bekannte Kameramann und Trickspezialist Günther Rittau (Nibelungen, Metropolis, Der blaue Engel) erfand während seiner Tätigkeit in der Kulturfilmabteilung von Decla und Ufa konstruktive Verbesserungen zur Filmaufnahme, die Spezial- und Trickszenen erleichtern sollten. Sie wurden Gegenstand von drei Patenten, die Rittau am 25.11.1920 in Berlin anmeldete: Greifer für Kinematographen (Nr. 340340), Vorrichtung zur Aufnahme von Trick- und Visionsfilmen mittels zweier Objektive (Nr. 340167] und Bildzähler für Kinematographen (Nr. 338236). Die drei Patente gingen in ein Kameramodell ein, das Anfang 1921 von der kleinen, zuvor auf Perforiermaschinen spezialisierten

Abbildung 557: Gyro-Stativ von Vinten, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 558: Vitagraph-Metallique, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 559: Vitagraph-Metallique, Kurbelseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

tung ist ein abnehmbarer Kamerasucher auf der Oberseite des Gehäuses angebracht. Der Sucher besitzt vor der Mattscheibe auswechselbare Vignetten, die das Bildfeld entsprechend der Brennweite des jeweilig benutzten Objektivs begrenzen. Die Öffnung der Verschlußscheibe kann durch einen Hebel von der Rückseite der Kamera aus verändert werden. Der Greifer selbst weist eine wesentliche Neuerung auf. Er arbeitet gleichzeitig unterhalb und oberhalb des Bildfensters und zwar in der Weise, daß beim Vorwärtsdrehen nur der untere Teil transportiert wird, beim Rückwärtsdrehen hingegen nur sein oberer Teil. Dadurch wird der Film beim Rückwärts- sowie beim Vorwärtsdrehen hinter dem Bildfenster stets gezogen und niemals gestaucht, was bisher beim Rückwärtsdrehen immer der Fall war. An der Rückseite der Kamera sind nicht nur alle zur Bedienung notwendigen Hebel und Skalen angebracht, sondern auch die verschiedenen Zählwerke. Deren eines zeigt die verbrauchten Meter genau an, während ein zweites Kurbelumdrehungen mit Bildzahl angibt. Dieser Zähler zeigt eine Neuerung, die vielfach erwünscht sein dürfte. Bei der Aufnahme ist es oft nötig, ein Bild im Film genau wiederzufinden. Die bisher bekannten Bildzähler machten diese Absicht aber illusorisch, da es bei ihnen unmöglich war, von einem Zeiger, der 16 Teilstriche der Skala durchläuft, im gegebenen Moment zu sagen, auf welchem Teilstrich er sich befindet. Der hier eingebaute Filmzähler hat eine Stufen-Vorrichtung, die durch einen Hebel betätigt wird. Im gewünschten Moment werden die Zeiger augenblicklich stillgesetzt, und die Ablesung kann in Ruhe erfolgen. Nach der Ablesung stellen sich die Zeiger beim Freigeben des Hebels automatisch auf diejenige Stelle ein, nach der sie infolge des Weiterdrehens eigentlich hätten wandern müssen. Der Hebel kann auch durch einen Drahtauslöser betätigt werden. Diese Einrichtung bietet Gewähr für das genaue Wiederfinden eines bestimmten Bildes, was besonders bei längeren Total- und Mehrfachaufnahmen unerläßlich ist. Eine weitere bemerkenswerte Einrichtung ist ein Ansatz, der als „Visionseinrichtung“ bezeichnet wird. Er ermöglicht durch Verwendung zweier Objektive die gleichzeitige Aufnahme zweier räumlich getrennter Vorgänge. Die Visionseinrichtung besteht aus einem kleinen Gehäuse, das nach Abnahme des Einstell-Mikroskops an die linke Seite des Aufnahme-Apparates gesetzt und dadurch von selbst mit dem Werk gekuppelt wird. Im Innern des Gehäuses sind ein Objektiv und ein zweiter Verschluß angeordnet, der durch die Art seiner Kupplung

Berliner Firma Wadack & Rothe umgesetzt wurde. Vgl. Guido Seeber: Sechs neue Aufnahme-Apparate! In: Kinotechnik, 1921, 3. Jg., Heft 5, S. 172/173.

Abb. 560: Kamera von Wadack & Rothe<br>Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 561: Kamera von Wadack & Rothe, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

mit dem Verschluß des Hauptapparates synchron läuft (vgl. Kinotechnik, 1921, 3. Jahrg., Nr. 5, S. 171–172). Abb. 560, 561.

71. Werfak
Die ehemalige Werkstätte für Feinmechanik GmbH in Berlin hat verschiedene Kamerakonstruktionen hergestellt, die eine ganze Reihe von bemerkenswerten Einrichtungen aufwiesen. Das Wesentlichste ist, daß eine von rückwärts in das Kameragehäuse einzusetzende Einraum-Kassette Verwendung fand, so daß der Filmwechsel fast augenblicklich erfolgen konnte. Ein besonderer Greifer, der im entsprechenden Kapitel des vorliegenden Buches abgebildet ist [die entsprechende Abb. fehlt], transportierte den Film, und die Öffnung des Verschlußes konnte von außen verstellt werden. Zum Zwecke der Ab- und Überblendung war es nur erforderlich, einen an der Oberseite befindlichen Knopf zu betätigen, um dadurch während des Ganges ein Öffnen oder Schließen der Verschlußscheibe zu erreichen. Für die Verstellung des Objektivs und der Blende waren auf beiden Seiten der Kamera je ein Knopf und eine Scheibe mit entsprechenden Skalen vorgesehen. Leichtes seitliches Verschieben der Kurbel ermöglichte, die Übersetzung während des Ganges von 6 auf 1 Bild je Umdrehung umzuschalten. Auch bei dieser Kamera war vorgesehen, die Kurbel je nach der Aufstellung des Apparates auf dessen rechter oder linker Seite anzubringen. Die Kassette war dadurch besonders charakteristisch, daß in ihrem Innern die Vor- und Nachwickel-Zahntrommel angebracht war. Das Einschieben der Kassette in das Kameragehäuse von rückwärts kuppelte gleichzeitig deren Zahntrommel mit dem Getriebe. Im Innern der Kassette waren ebenso die Einrichtungen eingebaut, die zur Aufwicklung des Films dienten. Auch die Umkehrung der Drehrichtung erfolgte automatisch in Innern der Kassette, so daß jederzeit vor- und rückwärts gedreht werden konnte. Besonders bemerkenswert war eine Ausführung der Kamera, die als sogenannter „Doppelfilmer“ [Modell Dofilm] bezeichnet wurde. Die Kamera war sozusagen doppelt gebaut und zwar ein rechtes und ein linkes Exemplar aneinander, so daß gleichzeitig zwei Filme aufgenommen werden konnten. Dadurch ergaben sich folgende Kombinationen: Nach erfolgter Belichtung der rechten Filmrolle konnte ohne Unterbrechung das linke Triebwerk eingerückt und somit ein Vorgang in doppelter Länge aufgenommen werden. Beide Filmrollen konnten außerdem unter Benutzung von zwei Objektiven gleicher oder verschiedener Brennweiten und

Abbildung 562: Werfak Filmer [Schema der Filmführung], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 563: Werfak Doppelfilmer, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

außerdem mit Einzelbildern gleichzeitig vorwärts und rückwärts belichtet werden. Eine weitere Einrichtung ermöglichte es, daß z.B. die rechte Filmrolle mit normaler Bildzahl vorwärts lief, während sich die linke gleichzeitig mit normaler Bildzahl rückwärts bewegte.
Diese Konstruktions-Eigentümlichkeiten des „Werfak-Doppelfilmers“ stellten ohne Frage ein Unikum dar. Ferner hat die gleiche Firma noch eine Kamera von besonders kleinen Ausmaßen in den Handel gebracht, die die Bezeichnung „Akika“ = Amateur-Kino-Kamera trug. Diese Kamera wurde schon unter Nr. 3 [in diesem Teil] beschrieben. Abb. 562, 563.

72. Wilart
Die „Wilart Instrument Company Inc.“ in New Rochelle, New York, lieferte [seit 1920] eine Kamera, die im wesentlichen eine metallisierte „Pathé-Industriel“ darstellt. Die beigefügten Abbildungen lassen ihre Anordnung gut erkennen. Lediglich einzelne Konstruktionsänderungen sind zu erwähnen, von denen besonders der Verzicht auf den Samtbelag im Filmführungskanal erwähnenswert ist. Der Sucher ist bei der neueren Ausführung direkt an das Gehäuse angegossen, während er bei dem vorhergehenden Modell noch genau wie bei Pathé angehängt wurde. Durch ein Rohr kann das Bild von rückwärts auf den Film eingestellt werden, ohne daß, wie es früher üblich war, ein großer Teil des Filmbandes verschleiert wird. Die von Wilart hergestellte Einrichtung der erzwungenen seitlichen Ausweichung der langen Filmschleife wurde vorher von vielen Kameraleuten zur Anwendung gebracht. Sie stellt daher nur eine industrielle Auswertung eines längst bekannten Einrichtung dar. Außer diesem Typ, der in Amerika viel verwendet wird, hat die Firma [um 1922] ein neues Modell in den Handel gebracht, das eine radikale Abkehr von allen gewohnten Typen der Berufs-Kamera darstellt. Die seltsame Form der neuen Wilart-Kamera erklärt sich aus der Tatsache, daß jeder überflüssige Hohlraum vermieden worden ist. Der Konstrukteur hat nach äußerster Kompaktheit gestrebt. Die Kassetten liegen hier im Innern des Gehäuses, statt wie bisher außen und haben Einrichtungen, die die Filmführung in die Kassette beim Schließen der Kamera automatisch öffnet. Um einen

Abbildung 564: Wilart-Kamera, älteres Modell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 565: Wilart-Kamera, neueres Modell, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

geräuschlosen und leichten Gang des Werkes zu ermöglichen, werden reichlich Kugellager und Schneckengetriebe genutzt. Das Ab- und Aufwickeln des Films in den Kassetten erfolgt in der üblichen Weise mit einer Drahtspirale, die beim Übergang vom Vorwärtsdrehen zum Rückwärtsdrehen ein Umlegen erfordert. Das Gewicht der Kamera mit 120 m Film beträgt etwa 7 kg, was als niedrig zu bezeichnen ist. Abb. 564, 565.

73. Williamson
Die [James] „Williamson Cinematograph Company Ltd.“ in London liefert der Filmindustrie alle erforderlichen Apparate. Einen besonderen Zweig bildet die Herstellung von Aufnahmekameras, die sich im wesentlichen an dem von Darling geschaffenen Typ anlehnen. Verwendet wird der typische Darling-Greifer, der in seiner Abwärtsbewegung während des Eingriffs in den Film eine schwache s-förmige Bewegung hat und durch eine verbesserte Konstruktion von Williamson ersetzt wurde. Die Fabrik von Williamson stellt verschiedene Typen von Aufnahmekameras her, von denen die einfachste 30 m Film faßt. Sie hat eine Zahntrommel zum Vor- und Nachwickeln und wird von der Firma unter dem Spezialnamen „Topical-Camera“ zu einem außerordentlich billigen Preis angeboten. Sie ist für einfache Arbeiten gedacht und dürfte diesen Zweck sehr gut erfüllen. Neben Kameras, die sowohl 60 wie 120 m fassen und unter dem Namen „Bioskop-Cameras“ angeboten werden, ist eine neue Bauart herausgebracht worden, die unter der Bezeichnung „Paragon-Camera“ angeboten wird. Ihr Gehäuse zeigt die bekannte hohe schmale Form und ist äusßerlich glatt. Anstelle der ehemals typischen „Geldstück-Verschlüße“, sich exzentrisch drehende Scheiben mit einem Schlitz, traten von Hand zu bedienende Drehriegel. Das Werk ist so gebaut, daß alle wichtigen Teile einschließlich Kassetten, Objektive usw. unabhängig vom Gehäuse montiert sind, das lediglich zum Schutze des Ganzen dienen soll. Der Traggriff ist ebenso wie die Stativschraube direkt an der Platte des Triebwerkes befestigt. Dadurch ergibt sich ein polierter Holzkasten von gutem Aussehen, Dauerhaftigkeit und Wetterfestigkeit, der durch einen inneren Ausschlag von dünnem Aluminium gegen eintretende Risse im Holz lichtsicher ist.
Um vor- und rückwärts zu drehen und aufwickeln zu können, wird die

Abbildung 566: Williamson-Topical-Kamera Type 4, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Antriebskraft von der Hauptachse mittels eines dreieckigen Kettenzuges zu beiden Kassettentrieben übertragen. Als Greifer dient der bereits vorerwähnte Darling- bzw. Williamsongreifer, dem durch ein ungewöhnlich großes Schwungrad, das auf Kugellagern läuft, eine sehr gleichmäßige Bewegung erteilt wird. An der Vorderseite finden wir einen Objektivrevolver mit drei Objektiven, der als Ganzes leicht auswechselbar eingerichtet wurde. Zum Zwecke der Einstellung ist auf der rechten Apparateseite eine Mattscheibe angebracht, vor die man durch Drehung des Objektiv-Revolvers das jeweilig zur Benutzung gelangende Objektiv bringen kann. Diese Mattscheibe befindet sich in genau der gleichen Ebene wie der Film, und durch eine an der rechten Tür befindliche Lupe kann man das Bild auf dieser Mattscheibe scharf einstellen, ohne daß der Film verschleiert oder belichtet wird. Auf der linken Seite ist unmittelbar hinter der Einstellöffnung ein Spezialreflektor ebenfalls mit einer Lupe ausgerüstet. Dieser Reflektor besteht aus einem hochpolierten Metallspiegel aus bestem Stahl und ist unempfindlich gegen Feuchtigkeit; er kann daher ohne Schaden für seine Oberfläche genau wie die Linse gereinigt werden. An der Rückseite vereinigt eine Art Kontroll-Paneel alle Einrichtungen der Kamera, die zu ihrer Bedienung erforderlich sind. Ganz oben ist ein rechteckiger Kanal als Sucher ausgebildet und bietet ein vergrößertes Bild des tatsächlichen Aufnahmefeldes. Zur Vermeidung der Parallaxe bei Aufnahmen naher Gegenstände ist das Sucher-Objektiv schräg von links unten verschieb- bzw. einstellbar. Unter diesem Sucher ist ein Tachometer angebracht, unter diesem ein Zifferblatt, das die Ablesung der belichteten Meter gestattet; ein zweiter Zeiger gibt die Hunderte an. Unter dem Zifferblatt befindet sich ein Miniatur-Verschluß, der die jeweilige Verschlußöffnung anzeigt und erkennen läßt, mit welcher Geschwindigkeit eine Ab- oder Aufblendung vor sich geht. Der Verschluß selbst ist automatisch, schließt und öffnet sich, wie ein unten befindlicher Regulierknopf eingestellt wird, auf 1 ½, 3, 4 ½ oder 6 Fuß. Auch die Irisblende ist mit einem automatischen Getriebe versehen, und der rechts befindliche Druckknopf rückt dieses ein, während er links die automatische Verschlußblende betätigt. Diese Knöpfe können einzeln oder zusammen

Abbildung 567: Williamson-Kamera Type 8, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 568: Williamson-Paragon-Kamera mit auswechselbarem Objektivrevolver, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 569: Williamson-Paragon-Kamera, Anzeigetafel, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

in Betrieb gesetzt werden. Die Kassetten für 120 m tragen einen großen Kern und sind auf beiden Seiten glatt. Ein hohler Zentralzapfen trägt den Film, dieser aber ist vom Antrieb ganz unabhängig, denn er befindet sich im Kamerawerk und geht durch die Kassetten direkt zur Filmspule. Zur Kennzeichnung der belichteten Filmlänge schneidet eine Stanze eine kleine runde Kerbe in die Filmkante. Die Kurbel ist mit Bajonettverschluß befestigt, um ein Drehen nach beiden Seiten zu ermöglichen. Auswechselbare Masken können sowohl im Sucher als auch vor dem Film eingesetzt werden. Am Grundbrett sind drei elastische Auflagepunkte angebracht, um unter allen Umständen eine sichere Befestigung auf dem Stativkopf zu gewährleisten. Die Abmessungen des Apparates sind folgende: Höhe 40, Breite 14, Länge 31 cm. Das Gewicht des kompletten Apparates mit zwei Kassetten beträgt etwa 11 kg.
Außer dieser „Paragon-Kamera“ bringt Williamson noch eine Rapid-Kamera (High-Speed) in den Handel. Sie entspricht in Bauart und Konstruktion im wesentlichen den vorher erwähnten Typen und gestattet bei normaler Drehgeschwindigkeit [der Kurbel] bis 50 Bilder je Sekunde aufzunehmen. Für die Erzielung dieser Geschwindigkeit ist ein Spezialgetriebe vorgesehen und der Mechanismus verstärkt, um die höhere Beanspruchung auszuhalten. Für die absatzweise Bewegung ist der erwähnte Greifer in einer besonders leichten Ausführung eingebaut. Der Greifer ist so eingestellt, daß die Zähne ohne Reibung in die Perforation eingreifen und den Film vor ihrem Austritt zum Halten bringen. Dadurch ergibt sich ein vollkommenes Stehen ohne Verwendung übermäßigen Druckes in der Tür. Der Verschluß ist besonders groß, in seiner Öffnung beliebig verstellbar und aus schwarzem Fiber hergestellt, wobei jede Scheibenhälfte für sich ausbalanciert ist. Die Kurbel ist so eingerichtet, daß man die Höhe ihres Hubes beliebig verstellen kann, sie kann auf das Einerganggetriebe umgestellt werden.
Außerdem bietet Williamson noch eine Luxus-Kamera an, die Metallbeschläge aufweist, und zum Gebrauch in den Tropen aus besonders gewähltem Teakholz hergestellt ist. Zu den Kameras liefert Williamson auch verschiedene Stativtypen, die sich von den englischen Bauarten nicht unterscheiden und an der Darlingschen Konstruktion festgehalten haben. Abb. 566, 567, 568, 569.

74. Wrench
Die Firma [John und Alfred] Wrench in London verkaufte eine Aufnahme-Kamera, die als englischer Typ den Apparaten von Darling sehr ähnelte, allerdings kleine Verbesserungen aufwies. Wie die Abbildung 570 zeigt, waren kleine Fallhebel angebracht, damit die Kurbel nicht verloren ging. Auch andere verbessernde Änderungen waren zu finden, z.B. runde Kassetten aus Metall und die Möglichkeit, nach Umlegen der Drahtspirale rückwärts zu drehen. Auch ein Sucher rechts vom Objektiv, mit dem auf einer innen befindlichen Mattscheibe von rückwärts her durch eine Öffnung beobachtet werden konnte, ist bemerkenswert. Die Kassetten faßten, wie damals üblich, nur 90 m Film. Abb. 570.

75. Wurm
Wir wollen nicht versäumen, die wahrscheinlich nur als Modell hergestellte Kamera des deutschen Konstrukteurs [Wilhelm?] Wurm zu erwähnen. Im Prinzip ist es eine quergestellte Debrie-Kamera, denn die beiden 120 m-Kassetten liegen zwar nebeneinander, aber die Belichtungseinrichtung ist quergestellt. Das beigegebene Schema der Filmführung läßt ihr Konstruktionsprinzip gut erkennen, ebenso die beigefügte Abbildung das Modell selbst: A = Abwickel-(Vorrats-)Filmrolle, B = Vorwickelzahntrommel, C = Verschlußscheibe, D = Filmführungskanal, E = Objektiv, F = Nachwickelzahntrommel, G = Filmaufwicklung. Ob diese Anordnung in der Praxis große Vorteile mit sich gebracht hätte, läßt sich begreiflicherweise nicht ohne weiteres beurteilen. Immerhin ist die Anordnung und der dadurch gedrängte Bau der Kamera sehr interessant, und er könnte in Sonderfällen fraglos von Nutzen sein.
Für den Greifer war eine besonders große Schwungscheibe vorgesehen, um einen möglichst leichten Gang zu erzielen. Im allgemeinen kann man sagen, daß es Wurm mit verhältnismäßig einfachen Mitteln gelungen ist, einen Aufnahme-Apparat zu schaffen, der besonders geeignet ist, außerordentlich kurze Brennweiten zu verwenden, da die Verschlußscheibe fast unmittelbar vor dem Bildfenster rotierte. Abb. 571, 572.

Abbildung 570: Wrench-Kamera [Modell E], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 571: Wurm-Kamera, Schema der Filmführung, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 572: Wurm-Kamera [Abb. fehlt], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

76. Zeiss Ikon Zeitlupe
Die Firma Zeiss Ikon AG hat auf Grund der Erfahrung mit der Ernemannschen Zeitlupe, die seinerzeit von Dr. Lehmann konstruiert wurde, ein neues Modell geschaffen, das nicht so umfangreich wie die erste Ausführung ist, sondern äußerlich mehr einer gewöhnlichen Kinokamera ähnelt. [Anm. U] Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß man von dem sogenannten Außenspiegelkranz zu einem Innenspiegelkranz übergegangen ist und diesen hat man so bemessen, daß man die gesamte Filmführung noch innerhalb desselben anordnen konnte. An der Abb. 573 [recte: 574] ist die Filmführung schematisch dargestellt, innerhalb des Spiegelkranzes S befindet sich die Filmkassette C, die den Abwickelkern K 1 und den Aufwickelkern K 2 enthält. Die Kassette ist ähnlich wie die bekannte Kinamo-Kassette gebaut und mit zwei Filmkanälen R 1 und R 2 versehen, die beim Schließen der Kamera vollständig geöffnet werden und dem Film damit freien Ein- und Austritt gestatten.
Der Film bewegt sich bei der Aufnahme durch die Filmführung und das Bildfenster B über die Transporttrommel T und die Nachwickeltrommel N. Das Objektiv O befindet sich zwischen Spiegelkranz und Filmführung. Das zur Aufnahme dienende Lichtbündel erfährt vor dem Spiegelkranz und hinter dem Objektiv noch je eine Reflektion in entsprechenden Prismen, so daß das Lichtbündel von vorn an die offene Seite des Spiegelkranzes eintritt und hinter dem Objektiv senkrecht auf den Film auftritt. Auf diese Weise ist der Spiegelkranz S für die Größe der Kamera bestimmend geworden, so daß das Kameragehäuse G den Spiegelkranz genau umschließt.
So einfach sich die Filmführung in der Zeitlupe gestaltet, ebenso einfach ließ sich auch die Konstruktion des Apparates durchführen. Die Abb. 574 [recte: 575] läßt erkennen, daß der von dem Gehäuse G umschlossene Spiegelkranz S von einer Achse W getragen wird, die außerhalb des Gehäuses mit dem Motor gekuppelt ist. Die Achse W ist in den Federn L 1 und L 2 gelagert, von denen erstere in der hinteren Wand des Gehäuses, letztere in der Zwischenwand N liegt, die die Filmführung von dem eigentlichen Mechanismus trennt.
Der Mechanismus selbst besteht im wesentlichen aus der Transporttrommel T, der Nachwickeltrommel N und der Aufwickelspule K 2. Eine magnetische Kupplung U, die im Innern des Spiegelkranzes angebracht ist und der über zwei Schleifbürsten V der Strom zugeführt wird, ermög-

Anm. U: Die verbesserte 35mm-Zeitlupenkamera von Zeiss Ikon (auch „Zeitlupe II“ oder „Zeitlupe, Modell 2“) kam zwischen 1928 und 1930 auf den Markt. Christian Ilgner datiert sie auf 1928 (in: Unsichtbare Schätze der Kinotechnik, Berlin 2001, S. 47). Anfang 1930 wurde sie in der Fachpresse besprochen. Vgl. Filmtechnik, 1930, 6. Jg., Heft 1, S. 10.

Abbildung 573: [Lehmann-Zeitlupe von 1916, aus: Kinotechnik 1930, 12. Jahrg., Heft 1, S. 7], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 574: [aus: Kinotechnik, 1930, 12. Jg., Heft 1, S. 9], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 575: [aus: Kinotechnik, 1930, 12. Jg., Heft 1, S. 9], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 576: [aus: Kinotechnik, 1930, 12. Jg., Heft 1, S. 9], Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

licht die Kupplung des Zahnrades E und damit des Getriebe-Mechanismus mit dem Spiegelkranz. Für die Zwecke der Aufnahme wird mit Hilfe des Elektro-Motors M der Spiegelkranz S zunächst allein auf Tour gebracht. Im Augenblick der Aufnahme wird die Magnetkupplung U betätigt, wodurch der Film im Bewegung gesetzt wird.
Die Kassette der Kamera hat ein Fassungsvermögen von 60 m, der Spiegelkranz enthält 30 einzelne Spiegel. Als Objektiv wird ein Ernostar 1:1,9 verwendet, dessen Öffnungsverhältnis jedoch bezüglich der Helligkeit nicht ganz ausgenutzt werden kann und man kann rechnen, daß das verwendete Objektiv eine Helligkeit ergibt, die einem Öffnungsverhältnis von 1:2,7 entsprechen würde.
Die neue Konstruktion der Zeitlupe gestattet gegenüber der alten eine Steigerung der Bildfrequenz, und zwar ist es möglich, diese bei Motorbetrieb bis zu 1500 Bilder je Sekunde zu steigern, während Aufnahmen von Hand noch eine Frequenz von 600-700 ermöglichen. Das nicht auswechselbare Objektiv hat eine Brennweite von 45 mm und zum Scharfstellen von Objekten in verschiedenen Entfernungen, und zwar von 1 m bis unendlich, werden der Kamera ca. 10 verschiedene Vorsatzlinsen mitgegeben. Oben auf der Kamera ist ein Sucher angebracht, und der Betrieb des Apparates ist für 110 Volt Gleichstrom vorgesehen. Die neue Form kann gegenüber der alten auf einem gewöhnlichen kräftigen dreibeinigen Stativ Verwendung finden, und dieses besitzt eine Schwenkvorrichtung, so daß während der Aufnahme ein bewegtes Objekt verfolgt werden kann. Abb. 573, 574, 575, 576, 576a.

77. Zeitlinger
Die Firma Josef Zeitlinger in Wien hat Kinokameras hergestellt, die in ihrem Aufbau einem verkehrten Debrie-Apparat entsprechen. Der Hauptgrund hierfür dürfte der gewesen sein, dasß man beim Umkehren dieses Systems eine gute Möglichkeit gewinnt, sicher und bequem einzustellen und außerdem anstelle des Films eine Mattscheibe einzusetzen. Wir finden dieses Prinzip bereits bei Russell, vgl. Nr. 58, u.a.m. So gut an sich der Gedanke und wohl auch die Ausführung ist, so kann eine solche Kamera doch nur eine beschränkte Benutzung erfahren, da es infolge der nebeneinander liegenden Kassetten nicht möglich ist, genügend freien Raum zu gewinnen, der jedoch dann erforderlich wird, wenn man kurze Brennweiten benutzen will. Wollte man den erforderlichen Raum unbedingt schaffen, so müßte eine solche

Abbildung 576a: Prospekt Zeiss-Ikon: Neue Zeitlupe, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 577: Zeitlinger-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 578: Zeitlinger-Kamera, Blick auf den Filmkanal von rückwärts, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

Kamera ungewöhnlich breit ausfallen. Daher ist man zur Benutzung verhältnismäßig langer Brennweiten von etwa 50 mm gezwungen.
Die bequeme Einstellmöglichkeit bietet besonders für Trickaufnahmen sicherlich eine Reihe von Vorteilen, wobei allerdings immer ein verhältnismäßig großer Filmverlust in Kauf genommen werden muß, weil das Auswechseln des Films gegen die Mattscheibe nur bei geöffnetem rückseitigem Kamerateil möglich ist. Dieser Kameratyp dürfte deswegen trotz aller guten Absichten, die bei seiner Konstruktion maßgebend waren, nur in einer geringen Anzahl von Exemplaren hergestellt worden sein. Abb. 577, 578.

78. Zenit
Die Zenit-Film GmbH in Wien bot unter dem Namen „Zenit-Kino-Aufnahme-Apparat“ eine Kamera an, die in ihrem Aufbau der von Prévost in Paris entsprach. Eine Reihe verhältnismäßig geringer konstruktiver Änderungen waren zu verzeichnen. Besonders der schräg aufgeschnittene Schutzkasten gab der Kamera ein verändertes Gepräge. Alle Einrichtungen waren in Anordnung und Gestaltung denen von Prévost außerordentlich ähnlich, und man konstatiert nur einige Neuerungen, die sich speziell auf eine automatische Auf- und Abblendung beziehen, die allerdings nicht den Verschluß, sondern eine besonders eingebaute Irisblende betätigen. Die Größe des Apparates betrug 18 x 19 cm Bodenfläche, bei einer Höhe von 41 cm. Gegenüber Prévost ist bemerkenswert, daß für die Masken ein besonderer Kanal vorgesehen war, in den die Masken von außen eingeführt werden konnten. Wie die Abbildungen deutlich erkennen lassen, war das Äußere sehr glatt gehalten. Es dürfte die Benutzung verschiedener Objektivbrennweiten nicht vorgesehen gewesen sein.
Zu dieser Kamera wurde ebenfalls ein besonderes Stativ angeboten, das in seinen Hauptteilen ebenfalls bekannte Formen aufweist, wie sie bereits bei den Stativen von Darling zu finden waren. Für die Befestigung der Kamera war eine durch den Panoramakopf gehende Schraube mit einem Gelenkmechanismus vorgesehen, der beim Neigen der Kamera in der jeweiligen Richtung nachgibt. Auch diese Einrichtung wurde von verschiedenen Konstrukteuren angewandt.
Abb. 579, 580.

Abbildung 579: Zenit-Kamera, Kurbel- und Stirnseite, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildung 580: Zenit-Kamera: Vorderseite mit Schutzkasten aufgeklappt, Stativschraube mit Gelenken, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

79. Zollinger
Ingenieur E. [Ernest] Zollinger in Turin hat eine Kinokamera geschaffen, die in ihrem Aufbau ebenfalls als originell bezeichnet werden kann. Die Kamera selbst ähnelt äußerlich der kleinen Gillon-Kamera, allerdings mit dem Unterschied, daß ihr rückwärtiger Teil, in dem die Kassetten Platz finden, buchartig aufgeklappt werden kann.
Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, direkt an den Belichtungskanal heranzukommen und das aufzunehmende Bild bequem einstellen zu können. Auch bei geschlossener Kamera ist eine Einstellung durch ein Prisma möglich. Die Kassetten selbst bestehen aus einem Holzrahmen mit Metallplatten, eine Bauart, die wohl Gillon erstmalig in den Handel brachte. Das Objektiv ist in seiner Höhe in kleinen Grenzen verstellbar und am Vorderteil des Apparatekastens befestigt. Die Kurbel kann auf den Einergang umgesteckt werden. Die einzige Vorrichtung zum Ablesen der belichteten Meter befindet sich auf der rechten Kameraseite. Die Objektivfassung ist so kräftig gehalten, daß sie es gestattet, ein kleines Kompendium anzubringen, das sie sicher trägt. Die sonstigen Einrichtungen sind aus dem beigegebenen Bild gut erkennbar. Abb. 581.

80. De Vry
Die „De Vry Corporation“ in Chicago bringt eine Federwerk-Kamera in den Handel, die ohne Frage sehr stabil und sicher in der Funktion ist. Der Apparat selbst besteht aus einem aus Stahlblech gepressten Kasten mit abgerundeten Ecken. Dieser hat eine Länge von 21 ½ cm, ist 16 ½ cm hoch und 9 ½ cm breit und wiegt etwa 4 ½ kg. Der Film befindet sich auf zwei 30 m fassenden Spulen und wird durch eine einzige Zahntrommel dem Belichtungskanal zu- und wieder von ihm fortgeführt. Ein einseitig wirkender Greifer schaltet das Filmband absatzweise. Zum Einstellen ist seitlich eine Öffnung mit Prisma vorhanden, und die Optik kann beliebig gewechselt werden. Das Federwerk besteht aus zwei gegeneinandergelegten, vollkommen eingekapselten starken Federn und kann 25 m Film mit einem Aufzug gleichmäßig durch den Apparat ziehen. Ein Meterzähler dient zur Kontrolle des verbrauchten Films. Ein besonderer Regulator sorgt für den gleichmäßigen Ablauf bei der Aufnahme. Die Kamera ist deswegen besonders zweckmäßig eingerichtet, weil sie unter Umständen

Abbildung 581: Zollinger-Kamera, Rückseite auseinandergeklappt, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 582: De Vry-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber
Abbildungen 583: De Vry-Kamera, Quelle: Deutsche Kinemathek, Nachlass Guido Seeber

in der üblichen Weise auch von Hand mit der Kurbel bedient werden kann. Ein Auslöseknopf ist nach zwei Richtungen beweglich und zwar in der einen für Dauerschaltung, in der anderen nur für Belichtungen, solange ein Druck auf ihn erfolgt. Die Kamera ist von Berufs-Kameramännern besonders in den Bergen und überall dort bevorzugt worden, wo der Transport der üblichen, sehr schweren Stativkameras Schwierigkeiten verursacht. Vor den verschiedenen sonstigen Federwerk-Apparaten hat die De Vry-Kamera den Vorzug, daß das reichlich dimensionierte Federwerk nur mit einmaligem Wiederaufziehen den gesamten Filminhalt durchzieht. Abb. 582, 583.

Namen- bzw. Firmenindex Teil III

A
Aeroskop 1
Akeley 1, 2
Akika 3, 73
American Professional 4
Amigo 4
Apparatebau Freiburg 48, 58
Appleton 4, 5
Arndt 5, 6
Askania 6, 7

B
Bambergwerk 6
Bass 7, 8
Bell & Howell 8, 10, 11, 14, 30, 52, 56, 65, 66
Bioptik 15, 16
Bol 16
Bourdereau 16, 17
Brayer 17, 18
Buderus 19
Burke & James 67
Butcher 34

C
Carpentier 9, 20, 42, 48
Casler 21, 28, 29
Castagna 30
Cieroscope 4
Cinchro 32
Cinechrome 32
Cinema Tirage 43
Cinex 16
Contessa Nettel 43

D
Danmark 33
Darling 11, 31, 34, 35, 36, 38, 40, 74, 75, 76, 80
Day 45
Debrie 36, 37, 40, 46, 59, 77
Demeny 41
De Vry 81, 82
Dittmer 33
Duskes 38

E
Eclair 43
Edison 68
Edwards 38
Ernemann 20, 39, 40, 43, 78
Ertel 20, 40, 41
Eyemo 14, 15

G
Gaumont 41
Geyer 42
Giglio 42
Gillon 42, 43, 44, 60, 70, 81
Goerz 13, 43
Goerz American Optical 66
Guilbert 43

H
Hahn-Goerz 43, 44
Hoover 66

I
Ica 42, 43, 44, 45, 46

J
Jourjon 20
Jury 45

K
Kearton 1
Kinematographische Apparate-Vertriebs-GmbH 70
Kinodak 46
Kleinke 47
Knega 31
Kodak 42

L
Labrély 46
Landlicht 46, 47
Lawhun 47
Lehmann 40
Liesegang 47
Linhof 48
Lobel 48
Lumière 9, 20, 21, 30, 41, 42, 48, 55, 67

Lux 48
Lyon 49
Lyta 48, 49, 50, 58

M
Marey 29
Maurer und Waschke 50
Maurice 43
Méry 20
Messter 51, 52
Mitchell 52, 53, 54, 56
Moy 54

N
Newman 60
Newman & Guardia 55, 60
Newman & Sinclair 55, 60
Newton 8

P
Pathé 42, 48, 50, 55, 56, 58, 66, 73
Paul 57
Pittman 57
Prestwich 11, 41, 54, 57, 58
Prévost 33, 42, 48, 50, 52, 54, 58, 59, 69, 70, 80
Prévost, A. 59
Prószyński 1

R
Rein 52
Rittau 70
Russell 59, 79

S
Schimpf 60
Scott 61
Seeber 15
Sinclair 55, 60, 61, 62, 63
Smith 68
Sochor 63, 64
Stachow 65, 66
Sterling 66
Sziraki 66

T
Tauern 49
Taylor 66, 67

U
United States Cinematograph 4, 46
Universal 67
Urban 34, 36, 68

V
Vinten 68, 69
Vitagraph 70

W
Wadack & Rothe 70, 71
Warwick 34, 38
Werfak 15, 72, 73
Werkstätte für Feinmechanik 3, 72
Wilart 73
Williamson 38, 74, 75, 76
Wrench 34, 36, 38, 77
Wurm 77

Z
Zeiss-Ikon 39, 43, 44, 45, 78, 79
Zeitlinger 79
Zollinger 81
Zenit 80

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