Guido Seeber
Der kinematographische Aufnahmeapparat

Einführung

Der Nachlass des Filmpioniers Guido Seeber (1879–1940) befindet sich seit dem Tod seiner Ehefrau Martha Seeber im Jahr 1984 vollständig in der Deutschen Kinemathek; bereits 1979 waren Teile davon in die Sammlungen des Hauses gelangt. Neben kino- und fototechnischen Geräten und Filmen finden sich in dem umfangreichen Nachlass vor allem Briefe, Bücher, Broschüren, Periodika und Manuskripte.

Für seine rund dreihundert Seiten umfassende, bisher nur zu einem Teil veröffentlichte Abhandlung Der kinematographische Aufnahmeapparat. Seine Geschichte, seine Konstruktion und seine praktische Benutzung trug Guido Seeber eine Fülle von Informationen über Filmkameras und deren technische Vorläufer zusammen; die Darstellung hält den internationalen Stand am Ende der sogenannten Stummfilmzeit fest. Neben überwiegend technikgeschichtlichen Passagen über einzelne Bauteile und die Funktionsweise der Geräte enthält das aus drei Teilen bestehende Typoskript in geringerem Umfang auch praktische Hinweise zum Gebrauch der Kameras und ihres Zubehörs am Set.

Zur Veranschaulichung hatte Seeber knapp sechshundert Illustrationen vorbereitet. Zur Publikation der Abhandlung kam es zu Seebers Lebzeiten nicht mehr. Der Filmpublizist Andor Kraszna-Krausz schrieb über das Projekt: „Sicher ist nur, dass es das bedeutendste Quellenwerk über das Thema hätte werden sollen und niemand in der Welt außer Guido Seeber es hätte schreiben können“ (in: Das wandernde Bild. Der Filmpionier Guido Seeber, Berlin 1979, S. 5).

Im Auftrag der Deutschen Kinemathek hat der Filmhistoriker Ralf Forster Guido Seebers Text- und Bildmaterialien zur Publikation vorbereitet und kommentiert; außerdem wurde ein Editionskonzept entwickelt, das mit Mitteln des Online-Publizierens auf die spezifischen Anforderungen eingeht, die sich bei der Veröffentlichung des rund neunzig Jahre alten Typokripts stellen. Das bisher nur im Archiv einsehbare Originalkonvolut ist nun in Form dieser Online-Edition zugänglich.

 

Die drei Teile des Typoskripts

Teil I: Frühgeschichte der kinematographischen Apparatur

Typoskript (masch.), 61 Seiten (Zählung 1–61), 75 Illustrationen (Zählung 1–75)

In diesem Text stellt Seeber die zwischen 1925 und 1928 typischen elementaren Teile einer Filmkamera dar und zeigt darüber hinaus, von welchen Konstrukteuren diese Teile „erstmalig […] angegeben und wohl auch benutzt worden sind“ (S. 1). Inhaltlich wird deutlich, dass Seeber – im Gegensatz zum Ansatz der neueren Forschung zur Kamerageschichte – noch stark von autonom arbeitenden einzelnen Erfindern ausgeht.

Bei diesem Kapitel handelt es sich – im Gegensatz zu den beiden anderen großen Teilen von Der kinematographische Aufnahmeapparat – um einen durchgeschriebenen Text, der nicht in Unterabschnitte gegliedert ist.

 

Teil II: Der kinematographische Aufnahmeapparat. Die Prinzipien seiner Konstruktion. Seine Einzelteile. Sein Zubehör. Besondere Bauarten

Typoskript (masch.), 149 Seiten (Zählung S. 62–209), 317 Illustrationen (Zählung 76–393)

Der Text umfasst sechsundzwanzig Unterkapitel, in denen Seeber vor allem Bauteile der Filmkamera (zum Beispiel „Gehäuse“, „Zahntrommeln“, „Belichtungskanal“ etc.) beschreibt. In der Detailfülle seiner Ausführungen finden sich bemerkenswerte und wohl einmalig niedergelegte Informationen zu den Geräten selbst wie auch zu dem Verfahren der Kamerahersteller, auf Praxisanforderungen – sogenannte „Hilferufe“ der Operateure – zu reagieren.
 

Teil III: Beschreibungen und Abbildungen von 80 kinematographischen Aufnahme-Apparaten

Typoskript (masch.), 82 Seiten (Zählung S. 1–82), 182 Illustrationen (Zählung 401–583)

In diesem Abschnitt widmet Guido Seeber sich in alphabetischer Reihenfolge Kameras und Zubehör (zum Beispiel Stative und Kassetten) von achtzig internationalen Herstellern. Die ausgewählten Geräte werden zum Teil sehr detailliert beschrieben (zum Beispiel die Standard Cinematograph Camera von Bell & Howell, S. 8–14), jedoch überwiegend nicht exakt datiert. Der Zeitraum, auf den Seeber sich hier bezieht, umfasst rund vierzig Jahre; er beginnt am Ende der 1880er-Jahre und reicht bis zum Ende der 1920er-Jahre. Zugleich liefert Seeber in diesem Kapitel kleine Firmenbiografien.

Zur Entstehung des Manuskripts

Bei dem hier erstmals veröffentlichten Typoskript handelt es sich um Guido Seebers zweite Fassung des Textes; die erste befindet sich ebenfalls in seinem Nachlass in der Deutschen Kinemathek. Bei dieser ersten Version handelt es sich um eine Materialsammlung in Form von losen Blättern, auf denen die zusammengetragenen Informationen noch nicht ausformuliert sind; zwischen den teils handschriftlich korrigierten maschinenschriftlichen Passagen finden sich eingeklebte Bildquellen. Begonnen hatte Seeber die Arbeit an Der kinematographische Aufnahmeapparat (zunächst unter dem Titel „Apparat und Technik der kinematographischen Aufnahme“) zwischen 1925 und 1929 mit intensiven Recherchen, die zunächst in Texte mündeten, die er in jenen Jahren vor allem in den Zeitschriften Kinotechnik und Filmtechnik veröffentlichte. Für diese zeitliche Einordnung spricht auch, dass Seeber sich in seinem Manuskript im Wesentlichen mit Kameras der Stummfilmzeit beschäftigt; nur vereinzelt äußert er sich zu Tonfilmkameras.

Der erste Teil des Skripts zum Thema „Frühgeschichte“ wurde – unter Verzicht auf die meisten Abbildungen – bereits in dem Band Das wandernde Bild. Der Filmpionier Guido Seeber (Berlin 1979, S. 133–146) publiziert. Vermutlich in den Jahren nach 1935 widmete Guido Seeber sich intensiv der Fertigstellung des Typoskripts. Einen entsprechenden Hinweis gibt der Filmpublizist und Herausgeber der Zeitschrift Filmtechnik Andor Kraszna-Krausz in Das wandernde Bild (S. 5): „Guido Seeber ging seinem 60. Geburtstag zu. Auch er hatte nun mehr Freizeit und hat sich zu einem umfassenden Werk über Kameratechnik gewendet, über das wir schon seit Jahren immer wieder sprachen. […] Als ich gegen Ende 1937 Deutschland verließ, waren bereits mehr als hundert Manuskriptseiten geschrieben und illustriert – fast ausschließlich über die Geschichte und Wandlungsformen von Greifermechanismen.“

Offenbar hatte Seeber die Arbeit also mit dem Kapitel zum Thema Konstruktion begonnen, den er später als zweiten Teil bezeichnete; es folgte zunächst der III. Teil, den er im Text mehrfach als II. Teil ausweist. Teil I. zum Thema „Frühgeschichte“ entstand am Schluss. Einen vierten Teil kündigt Seeber im Text zwar an: „Über das praktische Arbeiten mit solchen Handkameras wird im vierten Teile dieses Buches noch einiges bemerkt werden […]“ (Teil II, S. 196); im Nachlass findet sich dazu jedoch kein Material.

Das Spektrum der Kameras, mit denen Seeber sich beschäftigt, reicht von frühen Geräten zur Reihenbildaufnahme (1887, Marey) bis zu „entfesselten Kameras“ vom Beginn der 1930er-Jahre (Kinamo mit Elektromotor). Lichtton-Aufnahmekameras und die speziellen Bedingungen beim Tonfilmdreh (Schallschutzgehäuse) werden nur an wenigen Stellen verhandelt. Eine dieser Referenzen an die Tonfilmkameras findet sich im Teil II auf S. 77 unter der Überschrift „Der Mechanismus“: „Die modernen Tonfilm-Apparate darf man demgegenüber allerdings kaum noch als Apparate’ bezeichnen; denn sie entwickeln sich mehr und mehr zu Maschinen.“ Seeber gibt sich hier – trotz seiner vielfach durchscheinenden technisch-positivistischen Denkweise – als Kamerakünstler zu erkennen, der den manuell zu betätigenden Kurbelapparat moderneren Techniken vorzieht.

In vielen Beschreibungen von Kameras, die etwa ab Mitte der 1920er-Jahre auf dem Markt waren, verwendet Guido Seeber Formulierungen wie „wird angeboten“ oder „bringt in den Handel“; Details über ältere Kameratypen dagegen sind häufig in der Vergangenheitsform abgefasst. Die Vermutung liegt nahe, dass Seeber in seiner Abhandlung auch Informationen verarbeitet hat, die er auf der „Kino- und Photoausstellung“ („Kipho“) im September/Oktober 1925 in Berlin sammeln konnte.

Zahlreiche andere Textstellen – darunter beispielsweise der Hinweis auf die Zeiss-Ikon-Zeitlupe von 1928, die Seeber als „neu“ bezeichnet (Teil III, S. 78) – lassen außerdem darauf schließen, dass die Ausführungen sich auf die Kameratechnik von 1927/28 beziehen. Schmalfilmkameras – insbesondere die zum Ende der 1920er-Jahre verbreiteten 9,5mm- und 16mm-Angebote – bleiben unberücksichtigt. Amateurfilmkameras – einschließlich der sogenannten „Sonderformate“ 17,5mm und 28mm – werden dagegen einbezogen, und zwar im Wesentlichen für die Zeit bis 1920. Darüber hinaus verwendete Seeber in Der kinematographische Aufnahmeapparat eine Vielzahl von Artikeln und Manuskripten, die er in den 1920er-Jahren selbst geschrieben hatte: Den Textabschnitt zu den Brüdern Lumière im ersten Teil einschließlich der Abbildungen hatte Seeber bereits 1925 in einer mehrteiligen Artikelserie unter dem Titel „Der Kinematograph ‚Lumière’“ in der Fachzeitschrift Kinotechnik (Nr. 3, S. 54–60; Nr. 5, S. 106–110; Nr. 6, S. 137–141; Nr. 8, S. 187–195) veröffentlicht. Die Passagen zum Projektionssystem (in Kinotechnik, Nr. 8, 1925) wurden für die geplante Publikation allerdings stark gekürzt.

Der zweite Teil des Manuskripts weist bezüglich Aufbau, Inhalt und Illustrationen viele Übereinstimmungen mit Guido Seebers 1927 erschienenem Buch Der praktische Kameramann. Theorie und Praxis der kinematographischen Aufnahmetechnik auf, insbesondere mit den Seiten 56/57 („Allgemeine Einführung“, „Die Filmführung bestimmt den Typ“) bis 219 (Ende des Abschnitts „Rapid-Apparate – Zeitraffer“). Von Martha Seeber stammen jeweils ein Inhaltsverzeichnis für den dritten bzw. ein Index der Kamerahersteller für den zweiten Teil des Manuskripts (besonders der Index für den zweiten Teil erwies sich für diese Edition als nützlich, da dieser Abschnitt nicht nach Fabrikanten gegliedert ist). Die  originalen handschriftlichen Notate Martha Seebers finden sich auf den Seiten eines Kalenders vom Dezember 1961.

Bei den Quellen, die Guido Seeber für seine Studie heranzog, handelt es sich im Wesentlichen um Patentschriften, Fachtexte und Veröffentlichungen von Erfindern. Im Übrigen verfasste Seeber Beschreibungen der Apparate nach eigenen Recherchen entsprechend dem Kameraangebot der Jahre 1925 bis 1928 sowie auf der Grundlage seiner praktischen Dreherfahrungen bzw. seiner Kenntnisse historischer Geräte.

Die knapp sechshundert Illustrationen erleichtern das Verständnis der schriftlichen Ausführungen zu den Apparaten. Die originalen Abbildungen wurden zum Teil von Seeber mit Markierungen versehen, die vor bzw. für die Drucklegung auszuschneiden waren.

Folgende Abbildungstypen lassen sich unterscheiden: Fotos (von Erfindern und Kameras), Patentschriften (Textauszüge), Funktionsskizzen der Apparate (Grafiken, die meist aus Patentschriften, Firmenschriften oder Büchern entnommen sind, zum Teil Detailansichten).

Die Illustrationen wurden in der hier veröffentlichten zweiten Version – vom Text getrennt – auf DIN-A4-Seiten aufgeklebt und maschinenschriftlich bezeichnet; eine spezifische Seitengestaltung Seebers ist dabei nicht erkennbar. Den meisten Seiten sind jeweils mehrere Illustrationen lose zugeordnet.

 

Trotz des flüssigen, sehr sachlichen Schreibstils richtet sich das Werk – heute noch mehr als zu seiner Entstehungszeit – vor allem an ein Publikum mit technikhistorischem Interesse und kameratechnischen Vorkenntnissen. Seeber geht in seinen Beschreibungen stets von den Voraussetzungen eines professionellen Kameramanns aus, der mehr über die Vor- und Nachteile eines bzw. seines Apparates erfahren will.

Die Tiefe und Genauigkeit seiner Analysen macht den besonderen filmhistorischen Wert des Textes aus. Seeber zeigt sich als Autor von umfassender Sachkenntnis; mit vielen der von ihm beschriebenen Apparate hatte er bereits selbst gearbeitet. Die vorsichtigen Bewertungen, die er abgibt, beziehen sich ausschließlich auf die technischen Eigenschaften der Geräte. Sie sind zwar durchaus subjektiv gefärbt („Besonders wichtig erscheint es, darauf hinzuweisen, dass auch beim Transport der Stative oft stark gesündigt wird. Man verlangt von den Stativen eine jederzeit genauso sichere und hemmungsfreie Funktion wie von der Kamera und geht doch mit diesem Gerät häufig so um, als wäre es für die Arbeit weniger wichtig.“ Teil II, S. 182); tendenziell hebt Seeber jedoch eher die Vorzüge einzelner Geräte als deren Nachteile hervor. Die Texte dienen aber keineswegs Werbezwecken wie die in den 1920er-Jahren stark verbreiteten Firmenkataloge. An einzelnen Stellen zeigt sich die – auch aus anderen Texten von Seeber bekannte – Vorliebe des Autors für US-amerikanische Fabrikate.

Ralf Forster, Karin Herbst-Meßlinger

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