Deutsches Fernsehen 1966 – Perspektiven in Ost und West

Das Fernsehjahr 1966 in 66 Minuten und auf sechs Fernsehinseln

12. Februar bis 1. Mai 2016

 

Fernsehen war damals wie YouTube heute: Aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, oszillierte das noch junge Medium Mitte der 1960er-Jahre zwischen radikaler Experimentierbühne und massentauglichem Pantoffelkino. Aus Anlass der Berlinale-Retrospektive „Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West“ widmete die Programmgalerie im Museum für Film und Fernsehen dem Fernsehjahr 1966 eine eigene Sonderschau. Sechs Fernsehinseln erinnerten in 66 Minuten an den „Kalten Fernsehkrieg“ (Thilo Koch) ebenso wie an den „Heißen Fernsehsommer“ (Walter Ulbricht), sie thematisierten Straßenfeger wie den Durbridge-Krimi MELISSA und Formexperimente wie Samuel Becketts HE JOE. Anhand zahlreicher vergessener und unvergessener Bildschirmmomente erinnerten die sechs Fernsehinseln auf diese Weise an eine deutsch-deutsche Fernsehepoche im Übergang. Zusätzlich konnten mehr als dreißig Sendungen in voller Länge angesehen werden.

 

Zugang auf Knopfdruck
Station 1: Fenster zur Welt

Mitte der 1960er-Jahre gab es in jedem zweiten deutschen Haushalt einen Fernsehempfänger. Er war längst kein Prestigemöbel für Besserverdienende mehr, das „Fenster zur Welt“ stand nun allen offen. Die massenhafte Verbreitung des Programms reizte auf der anderen Seite des Bildschirms die Macher zu einem neuen Sendungsbewusstsein: Gerade in ländlichen Gebieten, wo der Zugang zu Kultur beschwerlicher war als in den Großstädten, glichen Zeitgeist-Reportagen, Theaterverfilmungen und Ausstellungsberichte den Standortnachteil der Provinz gegenüber den Städten aus und synchronisierten so die Lebenswelten.

 

Der Klassenfeind sitzt auf dem Dach
Station 2: Fenster zum Nachbarn

Auch fünf Jahre nach dem Mauerbau bleibt Fernsehdeutschland eine Sehgemeinschaft: Bis zu 85 Prozent der DDR-Rundfunkteilnehmer schalten 1966 das „Westfernsehen“ ein, das weit in die DDR hinein empfangbar ist. Gelegentlich müssen Parteiversammlungen abgesagt werden, weil „drüben“ ein Straßenfeger lockt. In der Bundesrepublik bieten ARD und ZDF eigene Sendungen für die Zuschauer in der sogenannten „Zone“ an. Viele Informationen, die den DDR-Bürgern von der eigenen Presse vorenthalten werden, finden so den Weg über die Grenze. Karl-Eduard von Schnitzler versteht seine DFF-Sendung DER SCHWARZE KANAL deshalb als „Kläranlage im Äther“.

 

Filme fürs Wohnzimmer
Station 3: Pantoffelkino

„Wir waren beim Fernsehen, nicht beim Film“, erinnert sich der Kameramann Michael Ballhaus an seine Zeit beim SWF, „hier wurde künstlerische Freiheit nicht nur geduldet – sie war geradezu erwünscht und gefordert.“ Die Experimente des Fernsehspiels gehen 1966 in alle Richtungen: Peter Lilienthal dreht mit Schauspielern auf einem echten Jahrmarkt, Samuel Beckett inszeniert ohne Schwenk und Schnitt; Rainer Erler provoziert mit einer Posse so sehr, dass der Bayerische Rundfunk bei der Wiederholung das Gemeinschaftsprogramm verlässt.

 

Fortsetzung folgt
Station 4: Straßenfeger

Das Fernsehen ist für viele Zuschauer inzwischen zur selbstverständlichen Abendbeschäftigung geworden, die mit den Hauptnachrichten beginnt. Regelmäßig wiederkehrende Sendungen werden deshalb zum Erfolgs- und Stilprinzip des jungen Mediums, aufwendig gedrehte Miniserien zur Königsklasse. Vorbild ist DAS HALSTUCH, ein Sechsteiler nach Francis Durbridge, der 1962 mit einer Sehbeteiligung von 89 Prozent die Straßen buchstäblich leer gefegt hatte. Für den DFF produziert die DEFA Opulentes im Kinoformat.

 

Guten Abend, meine Damen und Herren
Station 5: Hausbesuche

Die direkte Publikumsansprache teilt das Fernsehen mit dem Radio, durch sie unterscheidet es sich vom Kino. Der Moderator einer Fernsehsendung ist zugleich Gastgeber in seinem Studio und Gast im Wohnzimmer seiner Zuschauer. Er inszeniert in Interviewsendungen und Gesprächsrunden Zwiesprache; in Kochshows, Tanzkurse oder andere Tele-Ratgeber wenden sich die Fachleute ganz direkt an die Menschen vor dem Bildschirm.  

 

Spiele ohne Grenzen
Station 6: Mit dem Herzen dabei

Weder die Hochkultur noch die Experimentierfreude begründen den Erfolg des neuen Mediums, sondern die vielen Formen der leichten Unterhaltung: Musiksendungen, Sportübertragungen und alle Arten von Spielshows erfreuen sich in den 1960er-Jahren größter Beliebtheit. Die Shows werden vor Saalpublikum inszeniert und live übertragen. Harmlose Mitmachangebote binden den Zuschauer daheim aktiv ein und vermitteln mediale Teilhabe. So fühlt sich auch in der Gemeinschaft aufgehoben, wer alleine vor dem Bildschirm sitzt.

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