Friedrich Wilhelm Murnau. Ein Melancholiker des Films

Pressereaktionen

Tip, Nr. 2/2003

Vorspann
Von Claudia Lenssen
Friedrich Wilhelm Murnau – im Filmmuseum (ab 23.1.) und auf der Berlinale (ab 6.2.)

Sein NOSFERATU war der erste Film nach Bram Stokers berühmtem Dracula-Roman. Bis heute gilt der kolorierte Stummfilm als geniale Neuschöpfung des Stoffs. Max Schreck in der unheimlichen Maske des Vampirs wurde zu einer Ikone für das gesamte Genre. Friedrich Wilhelm Murnau, der den Film vor achtzig Jahren drehte, ist bis heute ein faszinierendes Vorbild für Kinofantasten – schlagen Sie mal bei Michael Ballhaus und Tom Tykwer nach. Die Räume und Dinge gerieten durch seine „entfesselte“ Kamera in Bewegung. Stimmungen, Ängste – die unheimlichen Seelenregungen selbst – fanden einen überwältigenden modernen Ausdruck. (...)

Filmausschnitte, Dokumente zu Murnaus Künstlerfreundschaften und Zeugnisse zu seinem Leben und der Arbeit am Kino, das bis heute Anregung zum eleganten Geschichtenerzählen bietet, zeigt das Filmmuseum ab 23. Januar. Die Ausstellung ist ein Vorgeschmack auf die F.-W.-Murnau-Retrospektive der Berlinale (6.–16.2.), in der seine melancholischen Leinwandepen in restaurierten Fassungen endlich noch einmal zu sehen sind.

 

Der Tagesspiegel, 23. Januar 2003
Auf der Jagd nach der Wolke
Von Christina Tilmann

Ulrich (oder Wilhelm) von Hutten hat ihn Else Lasker-Schüler genannt. Hellmuth rief ihn sein Freund Hans Ehrenbaum-Degerle. Friedrich Wilhelm Plumpe selbst nannte sich seit seinen Studienzeiten Murnau, nach dem bayerischen Zentrum der Künstlergruppe „Blauer Reiter“. Das Spiel mit Namen und Identitäten gehört zum Zeitgeist: In Berlin gerät Murnau durch Ehrenbaum schnell in die Dichterkreise um Lasker-Schüler sowie ans Theater, wo er bei Max Reinhardt spielt und sich unter anderen mit Conrad Veidt, einem seiner späteren Hauptdarsteller, anfreundet. Ansichtspostkarten künden dem Bruder Robert nach Bielefeld stolz vom neuen Leben.
Mit der Studienzeit beginnt auch die exzellente Murnau-Ausstellung, mit der das Berliner Filmmuseum – anlässlich der bevorstehenden Berlinale-Retrospektive – erstmals den Murnau-Nachlass in Berlin präsentiert. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesellschaft will ihn erwerben und Berlin als Dauerleihgabe überlassen. Einen Grundstock allerdings besitzt das Filmmuseum schon länger: in Form der wunderbaren Filmmodelle der „Schattengasse“ für PHANTOM, des „Flugs auf dem Mantel Mephistos“ für FAUST oder der „Stadt“ für SUNRISE . Und mit der ersten Murnau-Ausstellung 1961 in der Akademie der Künste war so etwas wie der Grundstein der Kinemathek gelegt, erinnert Hans Helmut Prinzler, Leiter des Filmmuseums und Herausgeber des Katalogs. (...)

 

Berliner Morgenpost, 23. Januar 2003
Das Regie-Genie
Filmpionier, Fotograf, Schauspieler: Das Filmmuseum entdeckt den unbekannten F. W. Murnau
Von Peter Zander

(...) 2003 wird ein echtes Murnau-Jahr, und das Filmmuseum läutet es ab heute mit einer großen Sonderausstellung ein. Gezeigt werden bislang unveröffentlichte Dokumente, Szenenfotos auch von den verschollenen Filmen, außerdem Plakate, Schnappschüsse von Dreharbeiten, nachgebaute Kulissenmodelle und von Murnau bekritzelte Drehbücher (...).

Eine Filmmontage zeigt, wie sich gewisse Motive durch sein gesamtes Werk ziehen. Zeitzeugen erinnern sich in alten TV-Sendungen: Lotte H. Eisner etwa, die die erste Murnau-Biografie schrieb, oder die 79-jährige Camilla Horn, die sich als 23-jähriges Gretchen im FAUST betrachtet. Und an einer Wand steht sie dann, hinter Glas, die legendäre Stachow-Kamera, dieses leichte, bewegungsfreundliche Gerät aus dem Besitz des Kameramanns Karl Freund, das der starren Kamera-Ästhetik für immer ein Ende setzte.

Doch die Ausstellung würdigt nicht nur das Regie-Genie. Es zeigt noch weitere, noch unbekanntere Seiten dieses Mannes. Etwa den Kunstkenner, der eigentlich F. W. Plumpe hieß, sich aber nach der Kunststadt Murnau umbenannte, weil er Kontakte zum dortigen Brücke-Kreis, zu Kandinsky und Franz Marc pflegte. Seine Kunstreferenzen in eigenen Werken werden durch Gegenüberstellungen verdeutlicht: Caspar David Friedrichs „Frau am Meer" etwa findet sich wieder in einer Szene von NOSFERATU. Der Kuss in SUNRISE findet sich fast identisch in Edvard Munchs Gemälde „Vampir". Und das Liebespaar in TABU erinnert an Paul Gauguins Bild „Parau api". (...)

 

Die Tageszeitung, 23. Januar 2003
Auf den Schultern der Kunst
Bei der Ausstellung zu Friedrich Wilhelm Murnau im Filmmuseum Berlin lässt sich auch sehen, wo die Bilder herkommen
Von TM

(...) Wie Friedrich Wilhelm Murnau zu seiner Filmsprache kam, wird in der dem Regisseur gewidmeten Sonderausstellung im Filmmuseum Berlin natürlich auch anhand der üblichen Exponate wie Drehbücher und Requisiten aufgezeigt. Daneben aber wurde besonders der Einfluss der bildenden Kunst auf das Werk Murnaus untersucht, und beim Stöbern in der Kunstgeschichte stieß man auf reichlich Bildbeispiele, die sich in Komposition und Ausdruck oft verblüffend deckungsgleich bei Murnau wiederfinden.

Deutlich sind etwa seine ikonografischen Bezüge zu den Landschaften Caspar David Friedrichs, und Murnaus FAUST-Film lässt sich fast schon als Kunstkalender blättern, aber diese augenscheinliche Nähe des Regisseurs zur Malerei ist natürlich vor allem eine Arbeit der Transformation. Fast parabelhaft mag man in der Retrospektive den Inhalt von Murnaus erstem Film überhaupt – DER KNABE IN BLAU von 1919 – sehen: Hier wird die Geschichte eines verarmten Adligen erzählt, der sich im Bildnis eines seiner Vorfahren wiederzuerkennen glaubt und dem „Fluch" des Gemäldes verfällt. Was könnte das anderes sein als die Bildmacht der Malerei, sicher aufgehoben im neuen Medium Film.

 

dpa, 23. Januar 2003
Ausstellung und Berlinale-Retrospektive erinnern an F. W. Murnau
Von Wilfried Mommert

„Er ist einer der besten Männer gewesen, die Deutschland nach Hollywood entsandt hatte“, sagte Charlie Chaplin am 11. März 1931 in Berlin, als ihn die Nachricht vom Tod des Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau in Kalifornien erreichte. Und Fritz Lang würdigte seinen Kollegen in einem Nachruf als Pionier, „dem der Film die eigentliche Basis verdankt, sowohl in künstlerischer wie in technischer Besetzung“. Murnau war ein Elegiker des deutschen Films.
Die Berlinale (6.–16. Februar) widmet dem „romantischen Preußen“ Friedrich Wilhelm Plumpe aus Bielefeld, der Kunstgeschichte studierte und eine Schauspielausbildung erhielt und sich später nach dem Ort seines ersten Bühnenauftrittes Murnau nannte, eine Retrospektive. Es ist eine Zusammenarbeit mit der Murnau-Stiftung und dem Berliner Filmmuseum, wo bereits seit Donnerstag eine Ausstellung über den Regisseur gezeigt wird (bis 4. Mai).

 

Lippische Landeszeitung, 23. Januar 2003
Sonderausstellung zu Murnau
Mit einer Sonderausstellung will das Filmmuseum Berlin den 1888 in Bielefeld geborenen deutschen Stummfilm-Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau ehren.

„Wir wollen diesem großen Künstler, der ein bisschen in den Hintergrund gerückt ist, zu neuer Bedeutung verhelfen“, sagte Museumsdirektor Hans Helmut Prinzler gestern bei der Ausstellungseröffnung. Die Schau zeigt bisher unveröffentlichte Exponate aus dem Nachlass des Regisseurs. Zu sehen sind persönliche Briefe, Fotos, Drehbücher und Requisiten. Das Filmmuseum publiziert außerdem das BuchFriedrich Wilhelm Murnau. Ein Melancholiker des Films mit Beiträgen zeitgenössischer deutscher Filmemacher. Auch auf der Berlinale ist Murnau ein Thema. In der Zeit vom 6. bis 16. Februar werden zwölf Filme des Regisseurs in restaurierten Kopien präsentiert.

 

Die Tagespost, 25. Januar 2003

Nachhall einer vergangenen Epoche
Eine Ausstellung in Berlin erinnert an den Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau
Von Max-Peter Heyne

(...) Mag Murnaus Gesamtwerk auch überschaubar sein: Gerade weil es aus einer längst vergangenen Epoche stammt, in der vor allem die Kraft der Bilder galt, übt es einen überragenden filmgeschichtlichen Einfluss bis in die Gegenwart aus. Die Ausstellung im Berliner Filmmuseum belegt dies am Beispiel NOSFERATU mit Projektionen von Ausschnitten aus moderneren Vampirfilmen und verschiedenen Reminiszenzen wie etwa der Neuverfilmung von Werner Herzog (1979) bis hin zu aktuellen Musikvideos. (...)
Die Ausstellung im Berliner Filmmuseum (Kurator: Peter Mänz) dokumentiert anhand zahlreicher bisher unveröffentlichter Dokumente und Fotos, wie sehr Murnau einerseits als technisch versierter Handwerker, andererseits als visueller Künstler wirkte und wovon er inspiriert wurde. Das Arrangement der Ausstellung greift die Stilmittel des filmischen Expressionismus auf, verwinkelt die Räume mittels schräger Wände, doch ihre eigentliche Stärke liegt in den vielen kunsthistorischen Querverweisen (Co-Kuratorin: Kristina Jaspers) auf die Strömungen in bildender Kunst, Theater und Film, die zu Murnaus Zeit einander beeinflussten. (...)

 

Welt am Sonntag, 26. Januar 2003
Hymne der Woche
Projekt Murnau – Kolumne
Von Matthias Sommer

Der fahle Blutsauger Nosferatu, den Friedrich Wilhelm Murnau 1921 durch eine Schwindel erregende Welt aus Licht und Schatten jagte, mal tief in schwarzes Dunkel gehüllt, dann triumphierend, im gleißenden Gegenlicht seine Krallenfinger streckend, ist längst ein Teil des kollektiven Bildgedächtnisses. Sein Regisseur hingegen steht – warum eigentlich? – noch immer im Schatten. Damit soll nun Schluss sein, sagt Hans Helmut Prinzler von der Deutschen Kinemathek. Denn mit dem kühn vollendeten „Projekt Murnau" wird das „German Genius" gleich mehrfach gewürdigt: mit einer detailreichen Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz, einem Textbildband und schließlich mit einer neuen Werkschau seiner Filme im Rahmen der Retrospektive der diesjährigen Berlinale.

Damit ist der unumstrittene Meister des Clair-Obscur, der nicht allein im Oscar-prämierten Film SUNRISE eine bestechend moderne Ikonografie der Großstadt entwarf, endlich in jener Gegenwart angekommen, in die er zweifelsfrei gehört. Und das nicht nur, weil seine „entfesselte Kamera" stilbildend wurde und „Licht, Bewegung, Großaufnahme" Generationen von Filmemachern prägten. (...)

 

Märkische Allgemeine, 27. Januar 2003
Das Berliner Filmmuseum würdigt Friedrich Wilhelm Murnau
Ein Melancholiker des Films
Von Andrea Marczinski

40 Jahre nach der letzten großen Ausstellung würdigt Berlin erneut den Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931). Das Filmmuseum widmet Murnau, der neben Fritz Lang und Georg Wilhelm Pabst zu den bedeutendsten Regisseuren des Kinos der Weimarer Zeit zählt, eine gut dreimonatige Sonderschau, eine Retrospektive und das BuchFriedrich Wilhelm Murnau. Ein Melancholiker des Films, herausgegeben von Museumsdirektor Hans Helmut Prinzler.
Murnau habe frühzeitig eine spezifische Filmsprache entwickelt und die deutsche Filmgeschichte geprägt, sagte Prinzler. Es gelte, vom ihm immer wieder Neues für die Gegenwart des Filmes zu entdecken. Zwischen 1919 und 1929 hat Murnau 21 Filme gedreht, 17 davon in Deutschland, 3 für William Fox in den USA, seinen letzten Film TABU machte er in der Südsee. Die Ausstellung im Filmmuseum konzentriert sich auf seine fünf bedeutendsten Werke NOSFERATU, DER LETZTE MANN, FAUST, SUNRISE und TABU.

 

Junge Welt, 28. Januar 2003
Auf dem Teppich
Von Dietmar Kammerer

Gleich drei Wünsche auf einmal erfüllt das Filmmuseum Berlin den Fans von Friedrich Wilhelm Murnau: mit einer Retrospektive seiner erhaltenen Filme, einer Sonderausstellung im Filmmuseum und einer neu erschienenen Monographie – und all das ohne numerischen Anlaß. Kein Jubiläum, Geburts- oder Todestag des berühmten deutschen Stummfilmregisseurs hat die Programmacher des Filmmuseums zu dieser Murnau-Offensive veranlaßt, sondern ganz einfach „der Wunsch, einem bedeutenden Regisseur wieder mehr Geltung zu verschaffen“, wie Hans Helmut Prinzler, Leiter des Filmmuseums, auf der Pressekonferenz anmerkte.

 

Die Tageszeitung, 6. Februar 2003
Der Schattenmann
Die Retrospektive der Berlinale ist diesmal Friedrich Wilhelm Murnau gewidmet. Eine Ausstellung zeigt unter anderem Stereoskopien, die der Stummfilmregisseur in den Zwanzigerjahren aufnahm
Von Madeleine Bernstorff

(...) In Murnaus Nachlass fanden sich an die zweihundert Glasnegative, Stereoskopien, die er seit 1923 bis zu seinem Tod 1931 belichtet hatte. Es sind Erkundungen in die Tiefe des Raums. Jeweils zwei leicht versetzt aufgenommene Bilder erscheinen bei der Betrachtung durch den Stereoskopen dreidimensional. Bereits 1860 waren in Europa über eine Million Stereoskope und Stereokarten verkauft worden, jeder namhafte Kamerahersteller war darauf bedacht, stereoskopische Aufnahmegeräte im Programm zu haben.

Einige dieser Bilder sind in der Ausstellung im Berliner Filmmuseum zweidimensional zu sehen. Sie zeigen moderne amerikanische Städte, New York vor allem, und San Francisco. Wir sehen die typische Backsteinarchitektur New Yorks, eine Straße, in der ein mittlerer Wolkenkratzer in Skelettbauweise errichtet wird, Straßenverkehr und eine hügelige Fahrbahn in San Francisco, mit zwei Zeitungsjungen im Vordergrund, einer blickt stolz und geschäftig in die Kamera.

Weitere Stereoskopien im Nachlass harren noch der Veröffentlichung (...)

 

Film Dienst, Nr. 4/2003
Ein großer Unbekannter
Friedrich Wilhelm Murnau: Eine Ausstellung im Filmmuseum Berlin
Von Volker Baer

(...) Große Lichttafeln geben Auskunft über die Vita, daneben findet man frühe Familien- und Schulfotos. Interessant sind vor allem die Reproduktion von Porträts, etwa von Ludwig Meidner (1912) und Heinrich Richter (1921), auf denen Murnau zu erkennen ist; bei Richter in expressiver Strichführung als gepflegte, elegante Erscheinung, die er wohl auch war. Dem Studium und den frühen Jahren unter Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin, wo Murnau zumeist in Nebenrollen zu sehen war, folgte der Militärdienst im Ersten Weltkrieg. Von 1919 an ist er als Filmregisseur tätig, wovon in der Ausstellung zahlreiche Arbeits- und Szenenfotos berichten. Daneben blickt man in Drehbücher, Programmzettel und Briefwechsel, sieht, behutsam hingehaucht, eine Figurine aus den Entwürfen für TARTÜFF, ein Kleid für die junge, fragile Lil Dagover, der man auch auf Szenenfotos an der Seite von Werner Krauß und Emil Jannings begegnet. Verlorenes ist im Bild festgehalten, etwa Szenen aus dem Frühwerk DER KNABE IN BLAU, in dem ein Bild von Gainsborough von 1770 eine Rolle spielt, übertragen in die Gegenwart von 1919. Herrlich eine Aufnahme aus dem verschollenen Werk SATANAS, auf dem man Fritz Kortner im Kostüm eines ägyptischen Potentaten erkennt. (...)

 

www.filmkritiken.org
Schnappschüsse, Grau in Grau
Die Ausstellung F. W.Murnau: Ein Melancholiker des Films im Filmmuseum Berlin zeigt unter anderem Filmstandbilder von Murnaus Werken und bringt so das Kino ins Museum.

Das Aufregende an vielen alten Filmen ist ihre heute noch ungebrochene Wirkungskraft. Filme, die man auch als Laie, ohne Kenntnis ihrer jeweiligen Produktions- oder Rezeptionsgeschichte ansehen kann, seien sie auch schon älter als die meisten Menschen. Die Filme Friedrich Wilhelm Murnaus gehören zu jenen Filmen, nur zwölf von ihnen sind überliefert, aber diese lassen deutlich erkennen, welch großen Einfluss auf zeitgenössische Filmemacher das Film- und Weltbild hat, das Murnaus Filme vermitteln.
Die oftmals beschworene „entfesselte“ Kamera, die im letzten Mann den Trompetenton in Ermangelung einer Tonspur des Films durch eine atemberaubende Fahrt von der Mündung des Instrumentes bis an das Ohr des Schlafenden mehrere Stockwerke darüber visualisiert, oder die klaustrophobische Enge des Vampirschlosses in NOSFERATU, vermittelt in zahllosen Rahmungen des Bildes – heute sind solcherlei Kunstgriffe des Films nicht wegzudenken aus der Bilderproduktion der Filmindustrie.
Murnau eine Ausstellung zu widmen, ohne konkreten Anlass, einfach aufgrund seines viel zu selten ins Bewusstsein gerufenen Genies, ist eine wertvolle Geste des Filmmuseums Berlin.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Februar 2003
Der Teufel und der taumelnde Tag
Eine Berliner Retrospektive zum Werk des deutschen Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau
Von Andreas Kilb

Eines der Exponate der Murnau-Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz ist ein auf dem Briefpapier einer Pension Felsberg in Luzern geschriebenes Manuskript von 1918: „Teufelsmädel (ein Film)“. Der Anfang des Textes ist leicht zu entziffern: „In einem märkischen Dorf, nahe Berlin, ein Landmädel, Tochter eines wohlhabenden Bauern ... Eines Tages hält vor dem Haus ein elegantes Auto.“ Die Stadtmenschen lassen bei der Abfahrt ein Buch zurück, in dem das Mädchen gierig liest, bis der Teufel, der darin beschrieben wird, ihr wahrhaftig erscheint. „Sie unterschreibt einen Pakt und – schon ist sie in Berlin als Dame von Welt.“
Der Verfasser des Entwurfs, ein Leutnant Murnau, eigentlich Plumpe (kein Name für einen Künstler!) aus Bielefeld, hat bis Kriegsbeginn in Berlin Theater gespielt, vor allem bei Max Reinhardt, diente dann als Soldat im Osten und ist im Jahr zuvor als Kopilot eines Flugaufklärers der Elsaßfront in der Schweiz notgelandet. Mit dem nahenden Ende des Krieges bereitet er sich auf die Rückkehr nach Berlin vor. Dort wird er einen Pakt unterzeichnen: mit dem Kino. (...)

 

Tip, Nr. 7/2003
Lichtbildmaler
Das Berliner Filmmuseum zeigt zahlreiche Exponate aus dem Nachlass des Stummfilm-Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau, dem die Retrospektive der diesjährigen Berlinale gewidmet war

Von Constanze Suhr

(...) Der 1931 im Alter von 42 Jahren in Santa Barbara bei einem Autounfall verunglückte Filmregisseur komponierte seine Lichtbilder bis in den letzten Winkel durch. Murnau, der neben verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächern auch Kunstgeschichte studierte, ließ sich oft von prägnanten Werken der Malerei inspirieren. Die Verfilmung von FAUST ist voller stilistischer Anlehnungen an alte Meister: dunkle Szenen, die an Rembrandts Zeichnungen erinnern, Gretchen in der Pose von Marienfiguren christlicher Ikonologie oder Caspar David Friedrichs romantisch verklärte, bedrohlich wirkende Naturbilder. Für das Szenenbild in SUNRISE (1926/27), der ersten amerikanischen Produktion Murnaus, erschuf Rochus Gliese eine gläserne Gebäudewelt, die Vorstellungen vom transparenten Raum visualisiert, wie sie ebenso von Bauhaus-Architekten hätte konstruiert werden können. „Ein Mies van der Rohe des Films" nennt ihn Thomas Koebner im Katalog, der zur Ausstellung des Berliner Filmmuseums erschien. (...)

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