Ausstellungsrundgang

Stars

Sie sind die Hauptattraktion eines jeden Filmfestivals: Schauspielerinnen und Schauspieler, die den auf der Leinwand erzählten Geschichten Leben einhauchen und die dafür von ihren Fans geliebt werden. Stars wie Isabelle Huppert oder George Clooney sind auf der Berlinale geradezu allgegenwärtig, weil viele ihrer Filme hier Premiere feiern. Andere Legenden sind nach vielen Jahren plötzlich wieder da – als Gäste der Hommage wie Jane Russell, Alain Delon oder Shirley MacLaine.

Wer als Star oder wer nur als Sternchen gilt – darüber entscheidet weniger die Qualität ihrer Filme, sondern PR-Strategien, Selbstdarstellung und Medieninteresse. Pressefotografen spielen eine wichtige Rolle dabei.

Der Fotograf Gerhard Kassner lichtet seit 2003 die Gäste von Wettbewerb und Panorama im Auftrag der Berlinale ab: Eineinhalb Minuten hat er durchschnittlich dafür Zeit, seine Porträts werden im Berlinale-Palast präsentiert und dort von den Stars signiert. Nicht jeder Laiendarsteller und jede Schauspieldebütantin haben das Zeug zum Star, ihr Fotograf jedoch lässt sie so aussehen.

 

Fans

Der große Publikumserfolg, den die Berlinale seit ihrer Gründung genießt, hing zumindest in den ersten beiden Festival-Dekaden wesentlich mit der Sonderstellung Westberlins zusammen, das –  erst recht nach dem Mauerbau von 1961 – zunehmend isoliert war. Das Festival, bis 1977 eine Sommerveranstaltung, brachte verlässlich internationalen Glanz in die Stadt: In Massen strömte das Berliner Publikum zu Veranstaltungen, die teils unter freiem Himmel stattfanden. Deutsche wie internationale Filmstars wurden begeistert empfangen.

Bereits am Flughafen Tempelhof warteten die ersten Fans auf der Jagd nach Autogrammen, sie drängten sich ebenso vor dem Hotel Kempinski am Kurfürstendamm, wo an der Rezeption häufig schon ein übereifriger Page bereitstand, um einem prominenten Gast nicht nur den Koffer, sondern auch eine Unterschrift abzunehmen. In den 1950er Jahren war die Berlinale ein Festival der kleinen Leute.

Die Schauplätze der Berlinale haben sich inzwischen geändert, nicht aber die Begeisterung der Berlinerinnen und Berliner, ohne deren – mitunter ein wenig zudringliche – Starverehrung das Festival weniger Aufsehen erregen würde.

 

Politik

Von Anfang an war die Berlinale auch eine politische Veranstaltung – im Kalten Krieg bewies sie kulturelle Vielfalt und Internationalität des isolierten Westberlin. Regierende Bürgermeister wie Willy Brandt oder Klaus Schütz ließen es sich nicht nehmen, das Festival zu eröffnen und die Ehrengäste ins Westberliner Rathaus Schöneberg einzuladen. Stargäste wurden von den Bundespräsidenten Walter Scheel und Richard von Weizsäcker gelegentlich im Schloss Bellevue empfangen. Nach dem Mauerfall wurde die deutsche Wiedervereinigung zum Thema von Filmschaffenden aus alten und neuen Bundesländern, und ihre Filme liefen in allen Berlinale-Sektionen.

Die Berlinale war immer wieder Forum für politische Protestaktionen, so etwa als die sowjetische Delegation 1979 aus Protest gegen die Teilnahme des amerikanischen Vietnam-Kriegsdramas The Deer Hunter ihre Beiträge aus dem Wettbewerb zurückzog und eine Reihe anderer sozialistischer Staaten dem folgten. Oder im Jahr 2011, als der Regisseur Jafar Panahi, der in die Festivaljury berufen worden war, nicht aus seinem Heimatland Iran ausreisen durfte.

Heute signieren die Gäste des Festivals das Goldene Buch der Stadt Berlin im Roten Rathaus, und Politiker und Politikerinnen lassen sich nach wie vor gern mit Stars sehen.

 

Partys

 Dinners, Empfänge, Bälle, gelegentlich themengebunden oder mit Live-Musik, sind aus dem Umfeld der Berlinale nicht wegzudenken. Mit Partys machen nicht nur Filmproduktionen oder Verleiher auf sich aufmerksam, sondern auch Landesvertretungen, Botschaften, andere Festivals und Institutionen. Partys sind vor allem Branchentreffen zur informellen Stärkung ohnehin bestehender und zum Knüpfen neuer Kontakte. An der Zahl der Party-Einladungen bemessen sich Promi-Faktor oder brancheninterne Wertschätzung des jeweiligen Gastes.

Das Essen ist – bis zum Kulinarischen Kino von Festivaldirektor Kosslick – dabei immer wichtig gewesen: Während das europäische Festivalpublikum der 1950er Jahre sich noch für die in der Nachkriegszeit entbehrten Genüsse schadlos hielt, waren ein paar Jahrzehnte später Platten mit Schnittchen und Hühnerschenkeln nicht mehr genug; jetzt stellten die Gäste auch Ansprüche an die Präsentation des Essens, die möglichst ausgefallen sein musste. Erst seit den 2010er Jahren ist Fingerfood Standard, was den pragmatischen Anforderungen häufigen Händeschüttelns einerseits sehr, andererseits gar nicht gerecht wird.

 

Mode

Die im internationalen Vergleich als unelegant geltende Stadt Berlin erlebt zumindest in Berlinale-Zeiten eine erstaunliche Veränderung: Plötzlich sind tagsüber schicke Outfits zu entdecken und abends schreiten selbst im kalten Februar Frauen in schulterfreien Abendkleidern und High-Heels-Sandaletten über den Roten Teppich – Männer im Smoking tun es ihnen gleich. Dass man aber keine klassische Abendgarderobe tragen muss, um gut angezogen zu sein, beweisen die vielen individuellen Styles der aus aller Welt angereisten Gäste – ob Ethno, Cross-Dressing oder Streetwear.

In den ersten beiden Dekaden der Berlinale waren die Kleidervorschriften strenger und damit einförmiger. Gleichwohl gab es auch damals Möglichkeiten, sich davon abzusetzen – etwa durch ein ungewöhnliches Stoffmuster oder ein Haarteil.

Die Fotografien in diesem Bereich zeigen auch, dass Mode einerseits zyklisch ist, also etwa ein Satinkleid für den Abend 20 Jahre später leicht variiert wieder auftaucht, und andererseits, dass es sich dabei um einen unerschöpflichen textilen Fundus handelt, aus dem inzwischen alles mit allem kombiniert werden kann.

 

Paare

Konferenzen, Meetings, Sichtungen, Empfänge: Die professionellen Besucherinnen und Besucher der Berlinale haben in der Regel ihre Terminkalender bis zu den Rändern gefüllt, die Berlinale ist ein riesiges Branchentreffen, dessen wichtigste Funktion das Networking ist.

Aber das Festival ist auch ein Ort der geplanten und ungeplanten Begegungen, der gemeinsamen Entspannung beim Treffen mit Freunden und Freundinnen, des zufälligen Gesprächs zwischen Star und Fan, Produzentin und Regisseur, Agentin und Schauspieler, zwischen Stammgästen des Festivals und Neulingen – erotische Attraktion schadet dabei nicht.

Die Aufnahmen in diesem Bereich zeigen Konstellationen wie das erste Wiedersehen von zwei Schauspielerinnen nach gemeinsamen Dreharbeiten, die zusammen durchgeführte Pressekonferenz ganz gegensätzlicher Regisseure, das Vater-Tochter-Verhältnis eines Regisseurs zu seiner Hauptdarstellerin oder eine unerwartet zärtliche Begegnung zweier Schauspiel-Legenden.

Begegnungen und Paarbildungen finden auch im nicht-professionellen Bereich statt: beim gemeinsamen Stehen in der Warteschlange vor dem Kartenschalter oder dem Kinoeingang, bei den Spätvorstellungen einer Sonderreihe, beim schnellen Kaffee zwischen den Filmen. Die Fotografen und Fotografinnen interessieren sich dafür nur manchmal.

 

Kinos

Die ersten Spielorte der Berlinale, die bis 1977 im Sommer stattfand, waren der Titania-Palast in Steglitz, die Waldbühne und der Sommergarten am Funkturm.

Schon im zweiten Jahr kamen das Delphi in der Kantstraße und das Capitol am oberen Kurfürstendamm als Festspielkinos hinzu, einige Filme wurden auch in sogenannten Randkinos, dem Corso im Wedding und dem Metro-Palast in Neukölln, nachgespielt. Ein bestimmtes Kontingent von Eintrittskarten blieb bis zum Mauerbau 1961 den Besuchern aus dem Ostsektor vorbehalten.

1957 wurde der neu gebaute Zoo Palast zum zentralen Wettbewerbskino. 1958 fand die Festivaleröffnung in der gerade errichteten Kongresshalle im Tiergarten statt, wo Willy Brandt als neuer Regierender Bürgermeister die Gäste aus aller Welt begrüßte. Nachdem hier für einige Zeit das Pressezentrum der Berlinale arbeitete, ist die Kongresshalle heute der Sitz des Hauses der Kulturen der Welt.

2000 verlegte man die Berlinale aus dem Westteil der Stadt an den soeben fertig gestellten Potsdamer Platz, ehemals die Schnittstelle von Ost und West. Seit 2010 wird unter dem Motto „Berlinale Goes Kiez“ ein Teil des Programms auch in weniger zentralen Bezirken gezeigt. 

 

Bären

Am Anfang waren es Bronzeteller, die den Berlinale-Gewinnern überreicht wurden – damals durfte das Publikum über seine Lieblingsfilme entscheiden. Seitdem das Festival im Jahr 1956 den sogenannten „A-Status“ erhielt, richtete eine international zusammengesetzte Jury aus Filmkritikern und Filmschaffenden über die zu prämierenden Filme. Als Preis gibt es seither eine Bärenstatuette in Gold für den besten Wettbewerbsfilm, Gewinner in den Nebenkategorien werden mit Silbernen Bären ausgezeichnet. Die etwa 20 cm hohe Statuette eines aufrecht stehenden Bären wurde von der Berliner Bildhauerin Reneé Sintenis nach einem Entwurf von 1932 gestaltet. Das nachgebildete Tier grüßte zuerst mit dem rechten, von 1961 an dann mit dem linken Arm.

Wer einen Bären erhält, ist oft von weither angereist, hat anstrengende Festivaltage hinter sich und ist mal mehr, mal weniger überrascht. Die Freude über die Auszeichnung ist fast allen, die sie erhalten, deutlich anzusehen, auch wenn die Möglichkeiten, sie auszudrücken ein wenig variieren. Zum Ritual gehören das ausgiebige Bewundern und das auffällige Präsentieren des Bären, der doch, und daran erinnert die lange Reihe der so Gewürdigten, die sich am Ende auf der Bühne versammeln, ein Serienprodukt ist.

 

Presse

Von Anfang wurde die Berlinale durch eifrige Bildreporter dokumentiert: Schon bei der Ankunft am Flughafen Tempelhof empfingen die Gäste nicht nur offizielle Abgesandte des Festivals, sondern auch Fotografen und Berichterstatter. Die ersten Interviewsätze wurden aufgenommen, bevor das eigentliche Berlinale-Geschehen seinen Lauf nahm. Und auch dabei klickten die Fotoapparate der Presse beständig – beim Bootsausflug auf der Havel ebenso wie zur Weinprobe im Hotel Gehrhus im Grunewald. Willkommene Motive boten auch der jährliche Filmball und die Verabschiedungen der Gäste.

In der Deutschen Kinemathek sind mehrere Nachlässe von Fotografen, deren Arbeitsschwerpunkt auf filmrelevanten Ereignissen lag, archiviert: Mario Mach und Heinz Köster waren von Anfang an dem Festival verbunden, seit den frühen 1970er Jahren war Erika Rabau offizielle Berlinale-Fotografin - bis in die 2000er Jahre. Aktuell sind es Fotografen wie Gerhard Kassner und Christian Schulz, die das Image der Berlinale prägen.

Ihre Bilder erzählen verschiedene Aspekte einer langen Geschichte, die von Stadt und Kultur, von Stars und ihrem Publikum, von Ritualen und Repräsentation, von Mangel und Überfluss, von Privatheit und Öffentlichkeit und vom Wandel der Werte handelt.

 

Stadt

Wenn ab Mitte Januar die Festivalplakate überall in der Stadt auftauchen, beginnt das Berlinale-Fieber – von Beginn an hat die Berlinale das Stadtbild visuell geprägt, hat die Stadt vom Festival ebenso profitiert wie umgekehrt. 

Regelmäßig wurden Stars zu Stadtbesichtigungen eingeladen – man war stolz auf den Wiederaufbau und die architektonische Nachkriegsmoderne, die zunehmend Westberlin bestimmte, auf das neue Hotel Kempinski am Kurfürstendamm ebenso wie auf das Hansaviertel. Ab 1962 galt den internationalen Gästen ein Blick über die nun fertig gestellte Mauer als obligatorisch. Nach deren Fall bestaunten sie in den 1990er Jahren das Brandenburger Tor als Symbol für die zusammenwachsende Stadt, und schon bald zog die Berlinale vom Westen zum Potsdamer Platz.

Dort konzentrieren sich seit 2000 die Festivalgäste: Filmschaffende, Branchenfunktionäre, Journalistinnen und Fotografen aus aller Welt, das Berliner Publikum, aber auch immer noch die Fans, die vor den Hotels auf ihre Stars warten. Im Februar herrscht am Potsdamer Platz Ausnahmezustand.

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