Die Filmplakate von Josef Fenneker

Biografie

1896–1918: Jugend und Ausbildung

Josef Fenneker wurde am 6. Dezember 1895 in Bocholt/Westfalen geboren. Bereits im Abschlusszeugnis der dortigen Diepenbrockschule wurde dem Vierzehnjährigen großes zeichnerisches Talent bescheinigt. Sein Onkel war der Architekt und Kirchenmaler Anton Marx. Ab 1912 besuchte Fenneker die Kunstgewerbeschule in Münster. Von April bis August 1913 wechselte er an die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf, ab 1913 studierte er an der Kunstakademie in München. Mit seiner Einziehung zum Militärdienst musste Fenneker im Jahr 1915 seine Ausbildung unterbrechen. Im Juni 1917 wurde er als Kriegsverletzter entlassen. Drei Monate später zog er nach Berlin, wo er Meisterschüler von Emil Orlik an der Staatlichen Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums wurde. Finanzielle Unterstützung erhielt er dabei durch ein Stipendium der damaligen Generalverwaltung der Königlichen Museen zu Berlin. Werke aus diesen Jahren sind nicht bekannt.

 

1918–1924: Gebrauchsgrafiker und Dekorationskünstler

Die ersten nachweisbaren Zeugnisse von Josef Fennekers künstlerischem Schaffen entstanden im Auftrag der Universum Film AG (Ufa) für deren Berliner Kinos (Union-Theater, Mozartsaal, Kammerlichtspiele); im Juli 1918 hingen seine ersten Filmplakate an den Litfaßsäulen der Stadt („Der Prozeß Hauers“, „Vater und Sohn“, „Sein eigenes Begräbnis“). Zwei Monate später verpflichtete die Ufa ihn fest als „Propaganda-Zeichner für ihre Lichtspieltheater“ (Lichtbild-Bühne, 11. Jg., Nr. 34, 24.8.1918, S. 72). Im darauffolgenden halben Jahr entstanden mehr als vierzig Filmplakate, mit denen Fenneker nicht nur das Interesse von Publikum und Fachpresse auf sich zog, sondern auch das von weiteren Auftraggebern. Auch der damalige Direktor des Berliner Marmorhauses, Siegbert Goldschmidt, wurde auf ihn aufmerksam und holte ihn im Januar 1919 an sein Haus. Die folgenden sechs Jahre gelten als Fennekers produktivste und innovativste Schaffensphase als Gebrauchsgrafiker und Dekorationskünstler. In dieser Zeit entwarf er mehr als einhundertvierzig Filmplakate allein für das Marmorhaus. Daneben verantwortete er die Um- und Neugestaltung von fünf Lichtspielhäusern, die alle unter der Leitung von Siegbert Goldschmidt standen: das Theater am Moritzplatz (1919), die Kant-Lichtspiele in der Kantstraße 54 (1920), die Decla-Lichtspiele am Antonplatz in Berlin-Weißensee (1920), die Decla-Lichtspiele Unter den Linden 21 (1920) sowie das Filmeck in der Skalitzer-/Ecke Zeughofstraße (1921). Als Vorstandsmitglied des Luna-Parks am Berliner Halensee beauftragte Goldschmidt Fenneker außerdem von 1920 bis 1922 jeweils mit der Künstlerischen Gesamtleitung dieses damals größten Vergnügungsparks in Europa.

1921 organisierte Fenneker eine erste Einzelausstellung in der Berliner Buch- und Kunsthandlung Reuß & Pollack am Kurfürstendamm 220. Auch auf der Plakatkunstausstellung „Film-Reklame“, die im Januar und Februar 1924 im Club der Filmindustrie in der Berliner Friedrichstraße gezeigt wurde, war er vertreten.

Mit dem wirtschaftlichen Ruin Goldschmidts, dem die Liquidierung der Marmorhaus Theater GmbH und die Räumung des Marmorhauses im November 1924 folgten, verlor Fenneker seinen bis dahin wichtigsten Auftrag- und Geldgeber. Seine Zeit als meistbeschäftigter Berliner Plakatgrafiker in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg endete damit abrupt.

 

1925–1933: Neuorientierung

Aufgrund der prekären Auftragslage, mit der Fenneker konfrontiert war, realisierte er im Jahr 1925 lediglich acht Filmplakate zu vier Filmen. Auch andere Kinobetreiber gaben fortan keine Plakate mehr bei ihm in Auftrag; lediglich für Verleih- und Produktionsfirmen konnte er weiterhin arbeiten. Den fast zweihundertfünfzig Werken, die zwischen 1918 und 1924 entstanden waren, stehen für den Zeitraum von 1925 bis 1932 nur neunzig Plakate gegenüber. 

Als Reaktion auf diese Situation wandte Fenneker sich allmählich dem Theater zu. 1927 hatte er erste Erfahrungen als Ausstatter am Filmset von Dirnentragödie (D 1927, Regie: Bruno Rahn, mit Asta Nielsen in der Hauptrolle) gesammelt. Ein Jahr später schuf er das Bühnenbild für die Revue Schön und schick, die von Hermann Haller im Berliner Admiralspalast inszeniert wurde.

Daneben erteilte er Zeichenunterricht in seinem Atelier und Wohnhaus in Drewitz bei Potsdam, wo er seit Mitte der 1920er-Jahre mit seiner Frau Charlotte Peckolt lebte. Die beiden waren seit 1921 miteinander verheiratet. In jener Zeit fertigte Fenneker zahlreiche Mode- und Pressezeichnungen für die Zeitschriften Jugend und Simplicissimus, aber auch eine Fülle freier künstlerische Arbeiten (Grafiken, Öl- und Aquarellbilder) an.

Die Bauten, die Josef Fenneker für den Film Zwischen Nacht und Morgen (D 1931, Regie: Gerhard Lamprecht) entworfen hatte, ebneten ihm schließlich den Weg ans Theater: 1932 erhielt er ein Engagement ans Preußische Staatstheater am Berliner Gendarmenmarkt, wo er mit der Ausstattung von Shakespeares Othello seine erste Arbeit als Bühnenbildner lieferte. Dort lernte er auch Heinrich George kennen, der während der NS-Zeit bedeutsam für ihn wurde.

 

1933–1945: Bühnenbildner und Propagandakünstler

Weder eine Mitgliedschaft Josef Fennekers in der NSDAP noch persönliche Äußerungen, die seine politische Gesinnung offenbaren, sind belegt. Allerdings konnten Künstler während der NS-Zeit nur dann Aufträge erhalten bzw. auf Ausstellungen vertreten sein, wenn sie Mitglied der „Reichskammer der bildenden Künste“ (einer Abteilung der „Reichskulturkammer“) waren. Da dies ohne Bekenntnis zum nationalsozialistischen Ideengut nicht möglich war, ist anzunehmen, dass Fenneker sich mit den Forderungen des Regimes mindestens arrangierte, um seinen Beruf weiter ausüben zu können.

Aus den Jahren 1933 bis 1935 sind mehr als fünfzig von Josef Fenneker gestaltete Filmplakate überliefert, deutlich mehr als aus den Vorjahren. Diese Entwicklung stand offensichtlich im Zusammenhang mit seiner Vermarktung als „Propaganda-Künstler“ des NS-Regimes; diese Bezeichnung bezog sich in erster Linie auf Künstler, die die von den Nationalsozialisten propagierten Vorgaben erfüllten – im Gegensatz beispielsweise zu den nicht-„reichsdeutschen“ Künstlern (vgl. dazu den Artikel „Propaganda: Fennecker“ [sic], in: Film-Kurier, 16. Jg., Nr. 166, Berlin 18.7.1934). Im gleichen Kontext stehen die 1934/35 entstandenen, teilweise polemischen Beiträge Fennekers im Völkischen Beobachter zu seiner Tätigkeit als Filmplakatkünstler und zu seinen ästhetischen Vorstellungen.

In der Gebrauchsgraphik und im Illustrierten Filmkurier erschienen Artikel, die ihn als den „befähigsten Filmplakatkünstler Deutschlands“ priesen („Joseph Fenneker“, in: Gebrauchsgraphik, 12. Jg., Nr. 4, 1935, S. 2). Dennoch blieben Fennekers Arbeiten zu NS-Propagandafilmen wie Hans Westmar. Einer von vielen. Ein deutsches Schicksal aus dem Jahre 1929 (D 1933, Regie: Franz Wenzler) und Der Schimmelreiter (D 1933, Regie: Hans Deppe, Curt Oertel) Ausnahmen.

Unter dem NS-Regime erhielt er zahlreiche Gelegenheiten, als Bühnenbildner zu arbeiten: Nach Engagements am Preußischen Theater der Jugend (1933) und an der Volksbühne (1934) in Berlin wechselte er 1935 an die Duisburger Oper. In den drei Jahren, die er dort verbrachte, widmete er sich immer seltener der Plakatkunst. 1938 kehrte Fenneker an das „Schiller-Theater der Reichshauptstadt Berlin“ zurück, wohin ihn der damalige Intendant Heinrich George geholt hatte. Ebenso wie dieser zählte Fenneker zu den Lehrbeauftragten an der 1938 in Betrieb genommenen „Deutschen Filmakademie Babelsberg“, die aufgrund des Krieges Anfang 1940 geschlossen und 1944 endgültig aufgelöst wurde. Die kriegsbedingte Schließung aller deutschen Theater im August 1944 zwang Fenneker schließlich zu einer Schaffenspause.

 

1946–1956: Nachkriegsjahre

Als Plakatkünstler trat Josef Fenneker nach dem Krieg kaum noch hervor. Acht Plakate sind aus jener Zeit überliefert, nur zwei davon sind Filmplakate („Affaire Blum“, 1948, und „Hoffmanns Erzählungen“, 1951). Trotz seiner Erfolge während der NS-Zeit gelang es ihm schon bald, wieder als Bühnenbildner Fuß zu fassen: 1946 verantwortete er die Ausstattung von drei Inszenierungen an der Städtischen Oper Berlin. 1947 blieben Aufträge aus, bevor 1948 erneut feste Engagements an der Städtischen Oper und an der Komischen Oper Berlin folgten. 1953 übernahm Fenneker die Leitung des Ausstattungswesens an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main. Gastaufträge führten ihn in den folgenden Jahren nach Stockholm, Helsinki und Mailand. Mehr als siebzig Bühnenbilder schuf Fenneker zwischen 1946 und 1956, zusammen mit den Arbeiten der Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs verantwortete er die Bühnenbilder von hundertdreiundsechzig Theaterinszenierungen. Sein Œuvre als Plakatkünstler umfasst mehr als vierhundert Werke, darunter rund dreihundertfünfundsechzig Filmplakate.

Am 9. Januar 1956 starb Josef Fenneker in Frankfurt am Main an einem Herzinfarkt. Während er in den Nachrufen als der „im Malerischen Ursprünglichste, Besessenste, Erfinderischste – ein Geist von spanischbarocken Ausmaßen, ein Nachfahre Francisco Goyas“ (Die Zeit, 19.1.1956) gewürdigt wurde, fand sein herausragendes Plakatwerk keinerlei Erwähnung mehr.

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