Filmrestaurierung: THE THREE MUST-GET-THERES / MAX UND DIE DREI MUSKETIERE (1922) – Zur Überlieferung und Restaurierung

THE THREE MUST-GET-THERES (1922) parodiert den Douglas Fairbanks-Film THE THREE MUSKETEERS (1921). Nicht nur die Titel klingen gleich, sondern Linder konnte (im Auftrag der United Artists, an der Fairbanks beteiligt war) sogar in den stehengelassenen Dekorationen des großen Historienfilms drehen. Der sich hieraus ergebende seriös-pompöse Look des Films wird durch einige gezielt eingesetzte Anachronismen bald in Schräglage gebracht: Knock-out D‘Artagnan (in der amerikanischen Originalfassung noch seltsamer: Dart-In-Again) benutzt wie selbstverständlich ein Telefon; Automobile, Straßenlaternen und am Horizont sichtbare Kriegsschiffe kommen ebenso beiläufig wie absichtlich ins Bild. Linder ist als D‘Artagnan endlich einmal nicht der bürgerliche Galan, als den wir ihn aus seinen frühreren Filmen kennen, sondern macht sich über den naiven und draufgängerischen Charme von Fairbanks lustig und liefert einige beachtliche Proben seines akrobatischen Könnens.

Die deutsche Fassung des Films, bearbeitet von Lothar Knud Fredrik, einem vergessenen Autor und Filmkritiker der Zwanziger Jahre, lief 1924 in Berlin als DIE DREI MUSKREPIERE an. Zensiert und zugelassen wurde der Film jedoch als MAX UND DIE DREI MUSKETIERE (dieser harmlosere Titel findet sich auch auf den erhaltenen Kopien). Offensichtlich sollte auf den Markenartikel „Max“ angespielt werden, zu dem Linder durch seine zahllosen kurzen Komödien schon vor dem Ersten Weltkrieg geworden war und von dessen Image er sich mit THE THREE MUST-GET-THERES gerade befreien wollte.

Fredriks Zwischentitel importieren ganz ungeniert Berliner Schnauze in den Film. Der König spricht wie Tucholskys Herr Wendriner, zeitgenössische Schlagertexte („Es gibt im Leben manchesmal Momente...“; „Puppchen, Du bist mein Augenstern“) werden zitiert, und über einen besonders rauflustigen Musketier heißt es: „Der hat mehr Leute unter die Erde gebracht als die Berliner Untergrundbahn!“. Auch sonst scheint Fredrik beherzt in den Film eingegriffen zu haben: die deutsche Fassung ist um fast 400 m kürzer als das Original; allerdings ist nicht mehr feststellbar, welche Szenen aus welchen Gründen entfernt wurden: Soweit wir wissen, hat diese berlinische Fassung des Films als einzige überlebt.

Gerhard Lamprecht, später Gründer der Kinemathek, erwarb eine Kopie der deutschen Fassung im Jahre 1938 von dem Sammler Franz Steinbacher in München. 1942 gab er sie ans Reichsfilmarchiv (RFA) weiter und erhielt im Austauch eine 16mm-Kopie des Films. Diese Angaben, wie auch weitere Details zur Virage und zur Handlung, finden sich auf der Karteikarte von Lamprechts Sammlung, die auch verzeichnet, daß die Kopierung für den deutschen Markt ursprünglich im Oktober 1923 in den Geyer-Werken in Berlin stattfand. Im Verlauf der Recherche zur Vorbereitung der Restaurierung stellte sich heraus, daß das Negativ des RFA später ins Staatliche Filmarchiv der DDR (SFA) gelangt war und somit nun im Besitz des Bundesarchiv-Filmarchivs ist. Die Belegkopie des RFA war dort ebenfalls zu finden, hatte jedoch – wie so viele Kopien des RFA – nach 1945 einen jahrzehntelangen Ausflug in das Archiv von Gosfilmofond in Moskau unternommen und kam erst 1975 nach Berlin zurück. Beide Materialien waren – aus den Wirren der Nachkriegszeit erklärlich – im Katalog einander nicht mehr zugeordnet, und auch die ursprüngliche Herkunft aus dem RFA war im Bundesarchiv unbekannt, konnte jedoch durch Perforationsaufschrift und Hinweise in den Allongen des Materials zweifelsfrei erwiesen werden.

Sowohl das SFA wie auch Gosfilmofond haben in den 1960er Jahren Kopien dieser Materialien mit anderen Archiven ausgetauscht. Auch Gerhard Lamprecht doubelte seine 16mm-Kopie für befreundete Archive – und so kommt es zu dem absurden Umstand, daß der Film zwar weit verbreitet scheint, aber tatsächlich alle Archive die gleiche Fassung – Lamprechts Kopie – des Films besitzen. Die Bildqualität ist drastisch schlechter als man wünschen würde – je nach Entfernung in der Kopiergeneration auf einer nach unten offenen Skala.

Schon das Negativ des Reichsfilmarchivs hatte zwar den Witz des Films bewahrt, aber auch alle Beschädigungen und Schrammen überliefert, die Lamprecht 1938 auf seiner Kopie vorfand und die bei der Umkopierung 1942 nach dem damaligen Stand der Technik nicht zu beseitigen waren. Als Eva Orbanz bei der Durchsicht der Nitrofilmbestände der SDK 1994 auf ein Fragment (zweieinhalb Rollen) einer zeitgenössischen Kopie von MAX UND DIE DREI MUSKETIERE stieß, war daher ihr Ehrgeiz geweckt, diesen Film, der einmal zu Lamprechts Sammlung gehört hatte, in möglichst besserer Qualität für die Sammlung der Deutschen Kinemathek zurückzugewinnen. Bald schon konnte der sehr unvollständige Fund durch weitere ergänzt werden: Helmut Regel übereignete ein ebenfalls nur fragmentarisches Material aus dem Koblenzer Bestand des Bundesarchivs, das dort – weil es sich um einen amerikanischen Film handelt – als Fremdkörper in der Sammlung galt. Beide Materialien ergänzten sich zwar, aber ca. ein Viertel des Films und das Ende fehlten weiterhin. Eine Rundfrage innerhalb der FIAF förderte schließlich eine fast vollständige Kopie im Nederlands Filmmuseum zutage. Alle drei Fundstücke waren im Herbst 1923 bei Geyer in Berlin kopiert worden, wie sich aus der Perforationsaufschrift ablesen lies, und entsprachen der Beschreibung auf Lamprechts Karteikarte: Bild einheitlich orange viragiert, Zwischentitel grün. Hier war also ein Ausgangsmaterial gegeben, das exakt dem entsprach, was Lamprecht zur Verfügung gehabt hatte – und damit die Chance, seine Arbeit mit heutigen Methoden und deutlich besserem Kopierergebnis nachzuvollziehen.

Ein Antrag beim Projecto Lumière sicherte die Finanzierung der Restaurierung, die sich aufgrund der starken Zerstörung des Materials bald als erheblich aufwendiger als geplant herausstellte. Alle Kopien waren stark verschmutzt und verschrammt, voller Klebestellen mit Bildverlusten, szenenweise war das Bild durch Aussilberungen fast verloren gegangen, die Perforation über weite Strecken zerfetzt oder ganz abgerissen. Meine Aufgabe wurde es über Wochen, aus diesen Ruinen die jeweils besten Versionen einer jeden Einstellung herauszusuchen und zu einer Kopie maximaler Vollständigkeit zu kompilieren. Der nächste Schritt war die fachgerechte Reparatur des stark beschädigten Materials – dieser Herausforderung stellte sich Inge Pommeranz mit Ausdauer und Geduld und schuf damit die Voraussetzung für die Kopierung. Schließlich wurden einige sehr stark zerstörte Zwischentitel vom Trickstudio Thomas Wilk anhand der erhaltenen Fragmente neu hergestellt. Vom bei der Internationalen Film Union in Remagen kopierten Schwarzweißnegativ zog das Kopierwerk des Studio Babelsberg sodann die neue Kopie, wobei es nach einigen Anläufen gelang, den Farbeindruck der Originale sehr schön und überzeugend nachzuempfinden.

Martin Koerber

 

Der Text erschien zuerst in: FilmGeschichte, Nr. 7/8, Juni 1996, S. 31-32.

 


THE THREE MUST-GET -THERES / MAX UND DIE DREI MUSKETIERE

USA 1922
Produktion: Max Linder Productions
Regie: Max Linder
Drehbuch: Alexandre Dums; Max Linder
Kamera: Max Dupont, Harry Vallejo
Darsteller: Max Linder (Knock-out D‘Artagnan/Dart-In-Again), Bull Montana (Herzog von Rich-Lou), Frank Cooke (König Ludwig XII), Carloline Rankin (Königin), Jobyna Ralston (Constance Bonne-aux-Fieux), Charles Mezetti (Octopus), Jack Richardson (Walrus), Clarence Wertz (Porpoise), Fred Cavens (Bernajoux), Harry Mann (Buckingham), Jean de Limour (Rochefort)

 

Verleih (35mm): Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

 

Nach oben