Filmrestaurierung: BRONENOSEC POTEMKIN / PANZERKREUZER POTEMKIN

Durch seine revolutionäre Montagetechnik im Agitationsfilm BRONENOSEC POTEMKIN/ PANZERKREUZER POTEMKIN erwarb der Regisseur Sergej Eisenstein Weltruhm. Doch wie war die ‚Originalversion‘ des Films – bei der Uraufführung im Bolschoitheater am 24. Dezember 1925 und beim Verleihstart in der Sowjetunion am 19. Januar 1926 – tatsächlich montiert? Die Geschichte des Films ist eine Geschichte der Verstümmelungen, der Film selbst einer der spektakulärsten Zensurfälle der 1920er Jahre. Als Ergebnis der spannungsreichen Überlieferungsgeschichte kursiert der Film BRONENOSEC POTEMKIN bis heute in zahlreichen unterschiedlichen Kopien und Schnittfassungen.

Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte und unter Gesamtleitung der Deutschen Kinemathek durchgeführte Projekt zielte auf die Rekonstruktion und filmische Sicherung der russischen Premierenfassung des Films BRONENOSEC POTEMKIN sowie auf die Rekonstruktion der ersten deutschen Verleihfassung von 1926. Die Rekonstruktion der russischen Premierenfassung von 2005 wurde als fotochemische Restaurierung im originalen Bildformat des Stummfilms durchgeführt mit dem Ziel, der russischen Verleihfassung von 1926 so nahe wie möglich zu kommen.

Der Welterfolg des 1925 gedrehten Films BRONENOSEC POTEMKIN begann mit der Premiere der von dem deutschen Regisseur Phil Jutzi bearbeiteten und von der deutschen Zensur geschnittenen Fassung in Berlin 1926. Ein wichtiger Anteil am Erfolg des Films wurde von den zeitgenössischen Rezensenten der Filmmusik Edmund Meisels zugeschrieben. Die erste deutsche Verleihfassung, die am 29. April 1926 im Apollo Theater in Berlin uraufgeführt wurde, ist für die Rezeptionsgeschichte von Bedeutung, da das Originalnegativ 1926 an die Produktionsfirma Prometheus Film GmbH, eine Verleih- und Vertriebsgesellschaft der politischen Linken, verkauft wurde. Alle Bearbeitungen und Zensurschnitte, denen der Film in Deutschland unterworfen war, wurden im Originalnegativ ausgeführt. Der Kopienexport – auch in die Sowjetunion – oblag zunächst der deutschen Verleihfirma, die bis 1931 bestand. Später – über das Datum sind bislang keine Dokumente publiziert – wurde das stark gekürzte und umgeschnittene Negativ in die Sowjetunion zurückgeführt; es wird heute vom staatlichen russischen Filmarchiv Gosfilmofond verwahrt.

Der Ausgangspunkt aller Fassungen liegt in dem Ursprungsland Sowjetunion. Die Produktion war ein Staatsauftrag. Der nach dem Tod Lenins innerhalb der politischen Führungsspitze entbrannte Machtkampf war in vollem Gange, als der Film BRONENOSEC POTEMKIN im Dezember 1925 im Moskauer Bolschoit-Teater im Rahmen des 14. Kongresses der Russischen Kommunistischen Partei der Bolschewiki vor der obersten Parteispitze des Landes uraufgeführt wurde. Eisenstein konzentrierte den Film auf eine einzelne Episode der historischen Ereignisse des Jahres 1905: den Aufstand der Matrosen des Panzerkreuzers „Fürst Potemkin von Taurien“ am 14. und 15. Juni (nach altem Kalender) des Jahres 1905.

 

Das Motto von Leo Trotzki

Dem Aufstand der Matrosen stellte Eisenstein ein – nicht namentlich gezeichnetes – Motto voran, das Leo Trotzkis Russland in der Revolution entnommen war: „Der Geist des Aufruhrs schwebte über dem russischen Lande. Irgend ein gewaltiger und geheimnisvoller Prozess vollzog sich in zahllosen Herzen; es lösten sich die Bande der Furcht, die Individualität, die eben erst sich selbst erkannt hatte, ging in der Masse und die Masse in dem großen Elan auf.“ (Erstpublikation in deutscher Sprache, Dresden 1909). Dieses Grundprinzip griff Eisenstein für seinen Film inhaltlich wie formal auf, indem er die Masse zur Heldin erhebt, sie zur Urheberin und treibenden Kraft der Geschichte stilisiert. Im Kontext der Worte Trotzkis werden die Filmbilder der an das Ufer von Odessa peitschenden Meereswellen zum Sinnbild für eine vorwärts stürmende Masse und eine Woge der Revolution, die wie eine Naturgewalt über das russische Land hereinbricht.

Schon 1925 wurde Trotzki auf Betreiben Stalins wichtiger Führungsposten enthoben. Im Februar 1929 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und im Jahr 1940 in Mexiko von einem Agenten Stalins ermordet. Schon Jahre vor der physischen Vernichtung betrieb Stalin die systematische Eliminierung und Retusche der Figur Trotzkis in Zeitzeugnissen, Historiographie und Kunst. Im Zeichen des stalinschen Personenkults lösten in den Historienfilmen der 1930er Jahre herausragende Führungspersönlichkeiten die Masse als Urheberin und treibender Kraft der Geschichte ab.

Ein etwa 1933 von dem Filmhistoriker Ippolit Sokolov angefertigtes Protokoll des Films, das als Typoskript im Russischen Archiv für Literatur und Kunst archiviert ist, dokumentiert noch das ursprüngliche Motto des Filmes, woraus vermutet werden kann, dass entsprechende Filmkopien noch zu Beginn der 1930er Jahre in der Sowjetunion im Umlauf waren. Die Quelle erlaubte uns, den russischen Text des Mottos zu rekonstruieren und die Position des Zwischentitels im Film zu bestimmen.

 

Varianten des Potemkin

Für die Publikation des Filmprotokolls im Jahr 1935 im Sammelband „Buch der Drehbücher“ wurde das Trotzki-Motto durch ein Lenin-Zitat ersetzt. Deshalb ist anzunehmen, dass die Kopien, die zum 10. Jubiläum des Films 1935 in den Verleih kamen, dieses Motto enthielten. In einer einzigen Kopie, die die London Film Society 1929 aus Moskau erhielt, hat sich das originale Motto des Films, in Ivor Montagus englischer Übersetzung, erhalten.

Für die – bereits nach dem Tod Eisensteins – 1949 vom Mosfilm Studio produzierte Tonfassung des Films – mit einer für den Film von Nikolaj Krjukov neu komponierten Musik –, wurden die originalen Zwischentitel durch neue, im Text vielfach veränderte ersetzt. Als Motto erschien wieder ein Lenin-Zitat, doch ein anderes als in den 1930er Jahren. Vor allem wies diese Fassung zahlreiche Abweichungen von der Originalfassung auf, ungefähr siebzig Einstellungen fehlten, die Einstellungsfolge war stark verändert. Alle Tonversionen, die in den 1950er Jahren in den Verleih gelangten, basieren auf dem Material dieser sowjetischen Version.

Die sowjetische Jubiläumsfassung von 1976 mit der Musik von Schostakowitsch machte zahlreiche Bearbeitungen der Tonfassung von 1950 wieder rückgängig (ohne jedoch die originale Grafik der Zwischentitel zu restituieren) und griff das Lenin-Zitat von 1935 wieder auf; Bildformat und -frequenz wurden Tonfilm-Erfordernissen und der für den Film arrangierten Musik angepasst.

 

Rekonstruktion von 2005

Die filmischen Materialquellen der Rekonstruktion von 2005 stellen ihrerseits ‚Versionen‘ des Potemkin dar. Da das im Archiv von Gosfilmofond Moskau verwahrte Negativ des Films aus konservatorischen Gründen nicht zur Verfügung stand, dienten drei im British Film Institute (BFI) archivierte Nitro-Positiv-Kopien als filmische Primärquellen für die Rekonstruktion:
1. eine Kopie mit originalen russischen Zwischentiteln (ohne jedes Motto), die Ende der 1930er Jahre aus Moskau in das Museum of Modern Art in New York gelangt war,
2. eine für den Verleih in England bestimmte Kopie, die die Film Booking Offices aus Berlin bekommen hatte,
3. die schon erwähnte Kopie der London Film Society.

Die Gosfilmofond-Überlieferung stand in Form einer in den 1960er Jahren gezogenen Kopie aus dem Bestand des Staatlichen Filmarchivs der DDR zur Verfügung.

Für die Einstellungen wurde vor allem die Kopie der Film Booking Offices verwendet, als die – vermutlich weil der Film in Großbritannien verboten war – in bester Qualität überlieferte. 133 der ursprünglich 146 Zwischentitel wurden in der originalen Graphik eingebracht, so, wie sie sich in der Kopie erhalten haben, die das Museum of Modern Art dem BFI überlassen hatte. Dreizehn darin fehlende Titel ließen sich unter Rückgriff auf die Sekundärquelle Sokolov textgetreu rekonstruieren, darunter das Trotzki-Motto sowie die fünf Akt-Titel. Die grafische Gestalt der Akttitel war unter anderem auch durch im Eisenstein-Nachlass erhaltene Einzelbilder von Titeln aus dem zweiten Akt überliefert.

In den Einstellungen im dritten, vierten und fünften Akt, in denen am Mast der Potemkin die Fahne der Revolution weht, wurde in der Verleihkopie der 2005 rekonstruierten Fassung die Fahne rot gefärbt. In der 1925 im Bolschoi-Theater gezeigten Kopie war sie nur im dritten Akt, beim Aufziehen, gefärbt (und bei den Wiederholungen weiß belassen) worden, in den sowjetischen Verleihkopien 1926 wohl auch bei der Wiederholung im vierten und fünften Akt koloriert. Die Quellenlage hierzu ist widersprüchlich.

Die neu rekonstruierte „Berliner Fassung“ ist der Versuch einer Annäherung an die ursprüngliche russische Fassung des Films. Der Schnitt orientiert sich an dem erwähnten Sokolov-Protokoll und der via New York nach London gelangten Kopie. Doch welches ist die „originale“ Fassung des Films? Eisenstein führte einer Zeitungsnotiz nach zu schließen auf Anweisung der Auftraggeber im Zeitraum nach der Uraufführung des Films bis zum bis zum sowjetischen Verleihstart am 19. Januar 1926 „eine Reihe kleiner Korrekturen“ durch. Die Forschung nach Quellen, die näheren Aufschluss geben könnten, geht weiter. Die Suche nach dem verlorenen Original ist prinzipiell unabschließbar.

Anna Bohn, Enno Patalas

Der Text erschien zuerst unter dem Titel „Sobre la restauración de ,El acorazado Potemkin'" (Zur Restaurierung von „Panzerkreuzer Potemkin") in: AGR. Coleccionistas de cine. Revista mensual editada por la Federación de Amigos del Cine. Jg. IX, Nr. 35, Herbst 2007, Madrid, S. 80-99.

 


 

BRONENOSEC POTEMKIN / PANZERKREUZER POTEMKIN

UdSSR 1925
Produktion: 1. Goskino-Fabrik
Regie: Sergej Eisenstein
Drehbuch: Nina Agadshanowa-Schutko
Kamera: Eduard Tissé
Darsteller: Alexander Antonow (Matrose Wakulintschuk), Nikolai E. Lewtschenko (Matjuschenko), Grigori Alexandrow (1. Offizier Giljarowski), Wladimir Barski (Kommandant Golikow), Sawitkow (Schiffsarzt Smirnow), Michail Gomorow (Matrose), Alexander Ljowschin (Schiffsoffizier), A. Fajt (Messeoffizier), Marusow (höherer Offizier), Konstantin feldman (Redner und Delegierter), A. Massena (alte Frau), Protopopow (alter Mann), Laskaja (Dame mit Lorgnette), Korobej (Krüppel), Aba Glaubermann (ermordeter Junge), Julija Eisenstein (Frau mit Gans), Beatrice Witoldi (Frau mit Kinderwagen) u.a.

 

Rekonstruktion 2005 unter Leitung von Enno Patalas in Zusammenarbeit mit Anna Bohn.

 

Ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes.

 

Unterstützt durch:
Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin
British Film Institute, London
Filmmuseum München
Gosfilmofond of Russia, Moskau.

Unter der Gesamtleitung der Deutsche Kinemathek – Filmmuseum Berlin.

 

Länge der rekonstruierten Fassung: 1.388 m (70 Minuten bei 18 b/s).

Musik (1926): Edmund Meisel (geschrieben für die deutsche Fassung)
Adaption und Instrumentierung der Musik (2005): Helmut Imig (Im Auftrag der Stiftung Deutsche Kinemathek – Filmmuseum Berlin).
Dramaturgische Beratung: Lothar Prox.
Einspielung: Deutsches Filmorchester Babelsberg.

 

Anläßlich der Premiere der rekonstruierten Fassung während der Berlinale 2005 erschien eine umfangreiche Broschüre, die zum Preis von 6 Euro in der Deutschen Kinemathek erhältlich ist.

 

Verleih (35mm): Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

 

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