Filmrestaurierung: ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME (1929)

Robert Lands Film ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME erschien im Januar 1929 zum ersten Mal auf der Leinwand. Der Titel des Films spekuliert auf den Erfolg eines Chansons, das im Jahr zuvor in mehreren Aufnahmen mit Richard Tauber Furore gemacht hatte. Auch wenn zu dieser Zeit in Deutschland Spielfilme noch stumm gedreht und in den Kinos – je nach Ausstattung – von Orchestern, kleinen Salonensembles oder Pianisten begleitet wurden, stand ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME schon an der Schwelle zum Tonfilm: Kurz vor der Uraufführung meldete die Lichtbildbühne am 10. Januar 1929: „Vor einigen Tagen wurde Harry Liedtke von der Tobis (...) in Tempelhof tongefilmt. Er sang den Schlager ‚Ich küsse Ihre Hand, Madame‘ (...). Die Harry Liedtke Tonfilmeinlage wird von allen Theatern, die bereits die neue Einhheitsapparatur der Tobis aufgestellt haben, gezeigt werden."

Im Nachlass von Marlene Dietrich findet sich eine Fotografie von diesen Dreharbeiten. Die Dietrich wird flankiert von Harry Liedtke und Richard Tauber, die sich über ihren Kopf hinweg zulächeln. Dietrich und Liedtke sind geschminkt und kostümiert, Tauber in Alltagskleidung. Marlene Dietrich schaut uns direkt an – und küsst beiden Herren die Hände! Diskret, aber deutlich wird angedeutet, was in Tempelhof wirklich geschah: Während Liedtke „tongefilmt“ wurde, sang in Wirklichkeit Tauber in ein außerhalb des Kamerawinkels aufgestelltes Mikrofon.

Leider hat sich keine Kopie dieser Fassung mit „Tonfilmeinlage“ erhalten, und auch der Verbleib des Originalnegativs dieses Films ist unbekannt. Soweit ich herausfinden konnte, haben im Dänischen Filmmuseum in Kopenhagen eine Kopie der dänischen und in zwei amerikanischen Archiven in Washington und Rochester je eine Kopie einer später für den amerikanischen Markt gekürzten und mit einer neuen Musik versehenen Fassung überlebt. (Seltsamerweise enthält eine dieser beiden Kopien das komplette Bild, aber keinen Ton, die andere ein beschnittenes Bild und den Lichtton.)

Im Vergleich dieser Kopien miteinander und mit der glücklicherweise ebenfalls erhaltenen deutschen Zensurkarte von 1929, die die Texte der deutschen Zwischentitel enthielt, stellte sich die dänische Fassung als diejenige heraus, die der Originalfassung vermutlich am nächsten kommt. Leider war die dänische Nitrokopie zum Zeitpunkt der Umkopierung (1965) nicht mehr in gutem Zustand. Im Bild sind Unschärfen und Blitzer zu erkennen, die auf Verwölbungen und Zersetzungen des Originals hindeuten, die mit der damaligen Technik nicht korrigierbar waren. Da das beschädigte Original nach der Kopierung vernichtet wurde, können diese Fehler nicht mehr beseitigt werden.

Das Dänische Filmmuseum hat sein Negativ gelegentlich für Kopierungen zur Verfügung gestellt, so gelangten Kopien mit (unscharfen) dänischen Zwischentiteln ins Bundesarchiv, ins Staatliche Filmarchiv der DDR und ins Deutsche Institut für Filmkunde. Das Lavendelmaterial des Bundesarchivs erwies sich als die beste Vorlage für den Versuch, eine deutsche Fassung des Films wiederherzustellen.

Hierfür wurden die deutschen Zwischentitel nach der Zensurkarte neu hergestellt und anstatt der dänischen Titel eingesetzt. Im vierten und sechsten Akt wurden einige Sequenzen, die durch ein Versehen bei der Umkopierung vom Anfang der jeweiligen Rolle an deren Ende gerutscht waren, wieder an ihren richtigen Platz gestellt. Auch die ursprüngliche Akteinteilung des Films war bei der Umkopierung zerstört worden. Jetzt ist der Film wieder in 7 Akte gegliedert, die jeder eine in sich abgeschlossene Handlung innerhalb des großen Bogens der Filmerzählung enthalten. Die restaurierte Fassung mißt incl. eines zusätzlichen Vorspanns 1.893 m gegenüber 2.020 m der Fassung von 1929, scheint also immer noch etwas zu kurz. Allerdings sind diese Berechnungen bei Stummfilmen immer etwas vage, da man niemals Angaben über die Metrage getrennt nach Bild und Zwischentiteln zum Vergleich heranziehen kann. Es ist durchaus denkbar, daß die Zwischentitel, die 1995 auf „knappe Leselänge“ gedreht wurden, früher länger waren.

Die neue Fassung, die jetzt auch für den Verleih der Deutschen Kinemathek zur Verfügung steht, wurde erstmals 1995 am Eröffnungsabend der Ausstellung „Marlene Dietrich“ in der Bundeskunsthalle in Bonn aufgeführt. Begleitet wurde der Film vom Salonorchester Cölln unter der Leitung von Helmut Imig, der auch eine neue Musik-Kompilation im Stil der 1920er-Jahre zusammengestellt hatte. Mit Hilfe einer vom Sender Freies Berlin freundlich zur Verfügung gestellten Überspielung der Schallplatte Odeon 8351a konnte sogar Richard Tauber an passender Stelle seine Stimme wieder in den Mund von Harry Liedtke legen. Musik und Film wurden vom ZDF für Arte aufgezeichnet und wurden im Mai 1996 gesendet.

Martin Koerber

 

Der Text erschien ungekürzt zuerst in: FilmGeschichte, Nr. 7/8, Juni 1996, S. 29-30.

 


 

ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME

Deutschland 1929
Produktion: Super-Film GmbH, Berlin
Regie: Robert Land
Drehbuch: Robert Land
Kamera: Carl Drews, Gotthardt Wolf
Darsteller: Harry Liedtke (Jacques Kellner), Marlene Dietrich (Laurence Gérard), Pierre de Guignand (Adolphe Gérard), Karl Huszar-Puffy (Tallander), Hans Heinrich von Twardowski

 

Verleih (35mm): Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

 

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