Filmrestaurierung: ASPHALT (D 1929, Regie: Joe May) I.

Die Idee, eine neue Fassung von Joe Mays Klassiker ASPHALT herzustellen, entstand, als unser Kollege Werner Sudendorf Anfang 1993 zu Studien in Moskau war und sich bei Gosfilmofond eine Reihe deutscher Filme vorführen ließ, darunter auch ASPHALT. Was er dort zu sehen bekam, kam ihm sehr verschieden von der Fassung vor, die er aus den deutschen Archiven kannte. Zur weiteren Prüfung wurde ihm die Kopie freundlicherweise mit nach Berlin gegeben, wo ich sie mit der Fassung vergleichen konnte, die seit Jahrzehnten vom Deutschen Institut für Filmkunde verliehen wurde. Das Material des DIF war in den 1960er Jahren vom New Yorker Museum of Modern Art über die Brüsseler Cinémathèque Royale wieder nach Deutschland gelangt und galt bisher als die einzige erhaltene Version von ASPHALT.
Schon lange war es mir rätselhaft erschienen, warum die riesige Dekoration einer idealtypischen Großstadtstraße, die Erich Kettelhut für die Aufnahmen zu diesem Film in der großen Halle in Babelsberg errichtet hatte, im fertigen Film nur so kurz zu sehen gewesen war. Der Vergleich mit der Moskauer Kopie ergab, dass die Straße durchaus einmal eine größere Rolle gespielt hatte, als wir bis dahin wussten. Zusammen mit „sinfonisch“ montierten Außenaufnahmen von Berlin bilden die in dieser Dekoration gedrehten Szenen den atmosphärischen Hintergrund für die Geschichte des Polizisten Holk (Gustav Fröhlich), der sich in die Juwelendiebin Else (Betty Amann) verliebt und – wenn auch unter Gewissensqualen – aus seinem kleinbürgerlichen Elternhaus ins anrüchige Milieu dieser Asphaltpflanze wechselt.  Wie sich herausstellte, war die bisher bekannte amerikanische Fassung radikal gekürzt worden. Gegenüber der Moskauer Version ließ sich ein Verlust von ca. 240 Metern feststellen; fast der gesamte erste Akt des Films fehlte! Anstatt das Großstadtgetümmel ausführlich vorzustellen, dem die spießige Idylle der Polizistenwohnung gegenübersteht, springt die amerikanische Fassung direkt in die Handlung hinein und verfehlt dabei die Intention der Autoren des Films. Diese hatten in durchaus satirischer Absicht ihre Geschichte in die Spannung gestellt, die zwischen dem benzin- und parfümgeschwängerten Halbweltmilieu der Großstadt und der biederen, immer etwas nach Kohl riechenden Wohnküche entsteht, in der Mutter Holk für ihren Jungen das Abendessen warm hält.
In der Moskauer Fassung fand sich eine den Film eröffnende Berlin-Sequenz mit bislang unbekannten Außenaufnahmen. Erst anschließend wird der Zuschauer in die beschauliche Gemütlichkeit der Polizistenwohnung eingeführt, aus der Holk zu seinem Dienst in die Stadt aufbricht. So mit dem Helden des Films bekannt gemacht, trifft man mit ihm zusammen auf der Straßenkreuzung von Kettelhuts Atelierdekoration ein, wo die eigentliche Handlung beginnt. Diese viel sinnfälligere Einleitung des Films legte nahe, dass es sich hier um die Originalfassung handelt. Diese Annahme wurde durch weitere Indizien erhärtet: Im Material ließ sich eine durchlaufende Szenennummerierung erkennen (jeweils auf den Bildstrichen eingezeichnet), die den Eingangszustand der Montage bei Ankunft des zugrunde liegenden Nitromaterials im Archiv von Gosfilmofond als vollständig bestätigt; die Moskauer Kopie hatte deutsche Springtitel, während die bisher in einigen Kopien vorhandenen deutschen Zwischentitel stets Rückübersetzungen aus dem Amerikanischen waren; die Länge der Moskauer Kopie und die Koppelung auf acht Akte entsprach fast genau der Länge des Originalnegativs (2.360 m zu 2.416 m, gemessen ohne Titel). Der Verlust von 56 Metern lässt sich dadurch erklären, dass der Haupttitel mit einer Tricksequenz, in der die Buchstaben A S P H A L T von Arbeitern gleichsam aus dem Film herausgestampft werden, in der Moskauer Fassung fehlte, wahrscheinlich deshalb, weil dieser Trick sich, wie auch die Zwischentitel, auf einer separaten Rolle befunden hat, die nicht Teil des Bildnegativs war. Aus einer Aktennotiz Joe Mays an die Ufa-Direktion vom 6. März 1929, die sich in den erhaltenen Ufa-Akten noch finden ließ, ist zu erfahren, dass das Originalnegativ ohne Titel (das heißt mit Springtiteln als Markierung für die Kleberin) abgezogen und kopiert wurde. >> mehr

 

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