Kolloquium 2004: Filmsynchronisation

18. bis 19. Juni 2004

CASABLANCA (USA 1942, Regie: Michael Curtiz)

Deutsche Fassung (Uraufführung 1952)

„In der Bundesrepublik unter Adenauer wurde CASABLANCA am 26. August 1952 zum ersten Mal in einer verstümmelten Synchronfassung herausgebracht, die den Film förmlich massakrierte. Ein Skandalon, das zwar gelegentlich beklagt, aber in seiner paradigmatischen Dimension nie mit der gebotenen Deutlichkeit thematisiert wurde. Angesichts von mehr als 20 fehlenden Filmminuten waren die damaligen Rezensenten sichtlich verwirrt. Von einem 'beklemmend edelmütig ausgetragenem Dreieckskonflikt' sprach Der Spiegel, 'nicht ohne Spannung so kunstreich kompliziert, dass alle drei am Leben bleiben', kurz gesagt: 'Bessere Hollywood-Konfektion.' (Der Spiegel, 24. September 1952). Und das Film-Echo, Fachorgan der Kinobesitzer, brachte den Plot kurios auf den Punkt: 'Ein geheimnisvoller Mordfall bildet den Kern der Handlung.' (Film-Echo, 30. August 1952).

Als sich ein Journalist erkundigte, was es mit möglichen Kürzungen auf sich habe, antwortete ihm die deutsche Filiale der Warner Bros., Inc., in aller Unschuld: 'Der Film wurde im Jahr 1942 gedreht, und da er in seiner Originalfassung nicht mehr zeitgemäß [!] und nicht zur Vorführung in Deutschland geeignet war, haben wir bei der Synchronisation des Filmes verschiedene Schnitte bzw. Änderungen vorgenommen, bevor der Film der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt wurde.' Da CASABLANCA einer der eindruckvollsten Bergman-Filme sei, habe man ihn dem deutschen Publikum nicht vorenthalten wollen und sich zu dieser 'deutschen Neufassung' entschlossen. (Kurt Joachim Fischer zitierte das Schreiben der Warner Bros, Continental Films, Inc., Frankfurt am Main, in einem Leserbrief. Neue Zeit, 24./25. Januar 1953).

CASABLANCA war nicht der einzige Film, der von den Deutschland-Filialen amerikanischer Verleiher in Anpassung an den mehrheitlich restaurativen Grundkonsens der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft 'bearbeitet' wurden. So gespenstisch es heute klingt: Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, oberste westdeutsche Zensurinstanz, war einverstanden damit, und manchmal verlangte sie sogar, die so genannten 'Hässlichen Deutschen' aus Hollywood-Filmen herauszuschneiden oder zu schönen. Nach der heimlichen Devise: Wir sind wieder wer – Kritik von den 'Siegern' verbitten wir uns ..."

Gero Gandert, Nachwort: „Casablanca auf Deutsch", in: Aljean Harmetz: Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen – Wie CASABLANCA gemacht wurde, Berlin Verlag, Berlin 2001

 

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